Haus der Wannsee-Konferenz
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Dauerausstellung:
"Die Wannsee-Konferenz und der Völkermord an den europäischen Juden"
Raum 2
Rassismus und
Raum 3 Integration und Antisemitismus in der Weimarer Republik
Raum 4
Rassistische Politik und
Judenverfolgung in Deutschland 1933 – 1939 Raum 5 Völkermord in Ost- und Südosteuropa
Raum 6 Handlungsspielräume unter deutscher Besatzung
Raum 7
Der Weg zum Massenmord an
den
Raum 8 An der Konferenz beteiligte Behörden
Raum 9
Raum 10
Konferenz-Teilnehmer und Protokoll
Raum 11
Raum 12
Raum 13 Konzentrations- und Todeslager
Raum 14
Raum 15 Die Gegenwart der Vergangenheit
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Raum 12 - Die Ghettos
Während des Zweiten Weltkrieges richteten die deutschen Besatzungsbehörden in Osteuropa Wohnbezirke ausschließlich für Juden ein, die sie "Ghettos" nannten. Vorher hatte es dort keine Ghettos gegeben. Die osteuropäischen Juden nannten die Lebenswelt ihrer Gemeinden "Schtetl". In den größeren Städten hatten sie inmitten der Wohngegenden ihrer nichtjüdischen Landsleute gelebt.
Die seit 1939 eingerichteten Ghettos ermöglichten den Zugriff von SS und Polizei auf hunderttausende von Menschen. Zunächst beutete man die Juden als Zwangsarbeitskräfte aus. Fotos von zusammengepferchten, verarmten und verhungerten Juden in solchen Ghettos wurden für antisemitische Propaganda missbraucht. Bei den späteren, oft äußerst grausamen Ghettoliquidierungen deportierte man ihre Bewohner in die Vernichtungslager. Unter ihnen befanden sich tausende aus dem Westen verschleppte Juden sowie Sinti und Roma (Zigeuner).
12.1. Ghettogründungen
Die ersten Ghettos wurden im besetzten Polen noch 1939, die letzten in Ungarn im Sommer 1944 errichtet. Es wurden die schlechtesten Stadtviertel ausgewählt - oftmals ohne Kanalisation und Elektrizität. Ghettogründungen fußten teils auf zentralen Entscheidungen, teils auf lokalen Initiativen der deutschen Besatzungsorgane. Heydrich verfügte für das annektierte Westpolen, dass Ghettos zur späteren Deportation von Juden nach Osten dienen sollten. Später bestimmte er Theresienstadt als zentrales Ghetto und Abschiebelager für tschechische Juden. Bald darauf wurde der böhmische Ort zum Ziel für Transporte von Juden aus Westeuropa, dem Deutschen Reich und Ungarn. Im Generalgouvernement wurden Ghettos zu verschiedenen Zeitpunkten gegründet. Wiederholt argumentierten deutsche Besatzungsbehörden mit der Abwehr von Seuchengefahr, dem Unterbinden von Schwarzhandel oder mit der Notwendigkeit jüdischer Arbeitsleistung. In der besetzten Sowjetunion wurden Ghettos unter dem Vorwand der militärischen Sicherung gegen Partisanengruppen eingerichtet. Manche dieser Ghettos existierten nur kurze Zeit, weil schon 1941 mit großen Erschießungsaktionen begonnen wurde.
Kurz nach dem Angriff auf die Sowjetunion hatten deutsche Truppen nach ihrem Einmarsch in vielen Grenzorten Leichen von ermordeten Gefangenen des sowjetischen Geheimdienstes aufgefunden. In der deutschen Propaganda wurden die Getöteten zu Opfern des "jüdisch-bolschewistischen Untermenschentums". Auf diese Propagandaberichte bezieht sich der Untertitel der antisemitischen Bildreportage.
12.2. Zwangsarbeit unter deutscher Kommunalverwaltung
In allen Ghettos Osteuropas herrschte Zwangsarbeitspflicht. Kriegswichtige Produktionskapazitäten konnten vor Ort kostengünstig ausgebeutet werden. Als Gegenleistung wurden die Ghettobewohner mit minimalsten Lebensmittelrationen versorgt. Die Zwangsarbeit wurde von deutschen zivilen Ghettoverwaltungen unterschiedlich organisiert. So überwachte in Litzmannstadt eine städtische Behörde die Ausführung von Aufträgen in Fabriken innerhalb des Ghettos. In Warschau siedelten sich Firmenfilialen direkt im Ghetto an und lenkten selbst die Auftragserfüllung. In Riga vermittelte eine Außenstelle des deutschen Arbeitsamts jüdische Zwangsarbeiter zum Einsatz außerhalb des Ghettogrenzen.
Seit Frühjahr 1942 wurden im Ghetto Stroh-Postenschuhe für die deutschen Truppen im Osten angefertigt. Die Kriegsaufträge der Wehrmacht beliefen sich auf mindestens 1,6 Millionen Paar Schuhe.
12.3. Alltag im Ghetto
Die Lebensbedingungen in den Ghettos wurden durch deutsche Ghettoverwaltungen von außen bestimmt. Die Juden erhielten trotz permanenter Ausbeutung ihrer Arbeitskraft viel zu wenig Lebensmittel. Die medizinische Versorgung war minimal. Notwendige hygienische Maßnahmen für eine auf engstem Raum zusammengedrängte Zwangsgemeinschaft wurden verweigert. Hunger und Krankheiten verursachten ein von deutscher Seite zugelassenes Massensterben. Damit von diesen Realitäten nichts an die Außenwelt drang, war es nur aus wenigen Ghettos erlaubt, vorgedruckte Postkarten abzusenden. Die Eingeschlossenen mussten um ihr Überleben kämpfen. Sie weigerten sich, soziale Normen und Werte der menschlichen Gemeinschaft aufzugeben. Mit Schmuggel und Tauschhandel bekämpfte man die Mangelernährung. Krankenstationen, öffentliche Bäder und Müllabfuhren wurden eingerichtet. Der andauernden Erniedrigung zu Arbeitssklaven setzte man ein eigenständiges Kulturleben entgegen.
Die Unterkünfte im Ghetto Theresienstadt waren so überfüllt, dass man nur mit Hilfe solcher Stockbettkonstruktionen für sich und die eigenen Habseligkeiten ein Stück Privatheit schaffen konnte.
12.4. Arbeiten oder kämpfen? Die "Judenräte" und der Widerstand
Die deutschen Ghettoverwaltungen bestimmten innerhalb der Ghettos so genannte Judenräte. Die Mitglieder hafteten mit ihrem Leben für die Umsetzung deutscher Anweisungen. Wichtigstes Organ dieser Räte wurde die jüdische Ghettopolizei. Die ersten Selektionen der Arbeitsunfähigen mussten auf deutsche Anweisung hin von ihr durchgeführt werden. Die Judenräte lehnten Vorbereitungen zur Massenflucht oder Aufstandspläne ab, weil dies alle Ghettobewohner gefährdete. Sie hofften, diese durch unentbehrliche Arbeitsleistungen retten zu können. Angehörige von Widerstandsgruppen hingegen argumentierten, Willfährigkeit den Deutschen gegenüber nehme den Ghettobewohnern die Würde, ohne ihr Überleben zu sichern. Beide Strategien konnten die angeordnete Vernichtung nicht verhindern.
Im Zuge der Vernichtung des Ghettos in Bialystok Anfang Februar 1943 wurden über 10.000 Juden nach Treblinka deportiert. Einigen Personen gelang in dieser Zeit die Flucht aus dem Ghetto. Sie schlossen sich zu Partisanengruppen zusammen oder suchten Kontakt zu größeren Verbänden.
Deckblatt eines bebilderten Rechenschaftsberichts des SS-Brigadeführers Jürgen
Stroop ("Stroop-Bericht") an Heinrich Himmler über die Niederschlagung des
Warschauer Ghettoaufstandes im April 1943
12.5. Die Vernichtung der Ghettos
Mit der Entscheidung, sämtliche Juden im deutschen Machtbereich zu töten, war auch das Schicksal der noch in den Ghettos lebenden Menschen besiegelt. Allerdings beeinflusste die Arbeitsleistung jedes Einzelnen den Zeitpunkt seiner Ermordung. Arbeitsausweise, Berufsausbildung und körperliche Verfassung wurden angesichts der Selektionen überlebenswichtig. Manche Ghettos wurden für die Kriegswirtschaft so wichtig, dass die Absicht, sie aufzulösen, nicht unwidersprochen blieb. Diese Ghettos wurden 1943 durch Befehle Himmlers in Konzentrationslager umgewandelt. Damit sicherten sich SS und Polizei die zentrale Kontrolle über diejenigen Juden, die wegen ihrer Arbeitsleistung noch am Leben waren. Andere Ghettos wurden hingegen umstellt und die Bewohner ermordet.
Von den im Laufe des Herbstes 1941 nach Litzmannstadt deportierten 20.000 Juden und 5.000 Sinti und Roma waren die letzteren bereits Anfang Januar 1942 im Vernichtungslager Kulmhof ermordet worden. Zwischen Januar und April 1942 wurden dann etwa 44.000 polnische Juden in das Vernichtungslager verschleppt, bevor zwischen dem 4. und dem 15. Mai 1942 noch einmal etwa 11.000 nichtpolnische Juden dorthin deportiert und ermordet wurden.
Text: Peter Klein |
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