Haus der Wannsee-Konferenz


 

 


Dauerausstellung:

 

"Die Wannsee-Konferenz und der Völkermord an den europäischen Juden"


 

 

 

 

Einführung in die Ausstellung

 

Raum 2

Rassismus und
Judenfeindschaft

 

Raum 3

Integration und Antisemitismus in der Weimarer Republik

 

Raum 4

Rassistische Politik und Judenverfolgung in Deutschland 1933 – 1939
 

Raum 5

Völkermord in Ost- und Südosteuropa

 

Raum 6

Handlungsspielräume unter deutscher Besatzung

 

Raum 7

Der Weg zum Massenmord an den
Juden Europas

 

Raum 8

An der Konferenz beteiligte Behörden

 

Raum 9

Die Wannsee-Konferenz

 

Raum 10

Konferenz-Teilnehmer und Protokoll
nach 1945

 

Raum 11

Deportationen

 

Raum 12

Die Ghettos

 

Raum 13

Konzentrations- und Todeslager

 

Raum 14

Zwangsarbeit und Tod im KZ

 

Raum 15

Die Gegenwart der Vergangenheit

 

Villa und SD in Wannsee

 

 

 

 

Raum 16  -  Villa und SD in Wannsee

 

 

 

 

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Region am Großen und Kleinen Wannsee zu einem großbürgerlichen Vorort der Reichshauptstadt Berlin. Bekannte Architekten, Künstler und Landschaftsarchitekten gestalteten die Landhäuser und Parkanlagen der neuen Villenkolonie, die seit 1870 durch den Bankier Wilhelm Conrad erschlossen wurde.

 

Der Fabrikant Ernst Marlier ließ sich 1914/15 an der Großen Seestraße (später: Am Großen Wannsee) 56/58 auf einem etwa 30.000 m2 großen Grundstück ein private Wohnhaus mit einer Nutzfläche von über 1.500 m2 errichten. Als Architekten gewann er Paul O. A. Baumgarten, der bereits zuvor Gebäude und Gärten in der Villenkolonie entworfen hatte, darunter die Villa des impressionistischen Malers Max Liebermann, Am Großen Wannsee 42.

Ernst Marlier vor dem Wintergarten, um 1915
Ernst Marlier, vor dem Wintergarten, um 1915

 

 

 

Friedrich Minoux und die Krise der Republik

 

Im Jahr 1921 verkaufte Marlier seine Villa. Gebäude, Park und wertvolle Einrichtungsgegenstände übernahm der Unternehmer Friedrich Minoux. Dieser Mitarbeiter des rheinisch-westfälischen Schwerindustriellen Hugo Stinnes jr. war durch Spekulationsgeschäfte während der Inflationszeit zu Reichtum gekommen. Minoux betätigte sich auch politisch: er gehörte in den Krisenjahren nach der Gründung der Weimarer Republik zu jenen anti-republikanischen Kreisen der extremen Rechten, die eine Abschaffung der Demokratie forderten. In seiner Villa am Wannsee vermittelte Minoux am 21. Februar 1923 eine Aussprache zwischen dem früheren Generalquartiermeister Erich Ludendorff, einem der prominentesten Führer der extremen Rechten, und dem Chef der Obersten Heeresleitung, Generalmajor Hans von Seeckt. An dem Treffen nahm möglicherweise auch Reichskanzler Wilhelm Cuno teil. Militärs der Reichswehrspitze, Industrielle, Großbankiers und hochrangige Ministerialbeamte beabsichtigten 1923 zeitweilig, die parlamentarische Regierungsform durch ein „Direktorium“ mit diktatorischen Vollmachten unter Führung von Seeckts zu ersetzen, in dem der Finanzexperte Friedrich Minoux das Wirtschaftsressort leiten sollte.

 

Friedrich Minoux, ca. 1937/38

Friedrich Minoux (1. v. r.) mit seinem Assistenten Hans-Helmut Kuhnke (2. v. r.), Geschäftspartner und Mitarbeitern im Hotel Eden, Berlin, ca. 1937/38,
(Archiv: GHWK)

 

Am 25. Oktober 1923 sprach Minoux in München mit Ludendorff und Hitler. Doch es kam zu keiner Einigung mit diesen radikalen Antisemiten: Minoux wollte bei der wirtschaftlichen Stabilisierung Deutschlands durch ein autoritäres Regime nicht auf die Mitwirkung einzelner jüdischer Bankiers verzichten und lehnte einen Putschversuch, wie ihn Hitler und Ludendorff kurz darauf in München unternahmen, aus taktischen Gründen ab. Mit der relativen Stabilisierung der Republik nach 1923 verlor das politische Engagement von Friedrich Minoux an Bedeutung. Zugleich trennte er sich von Stinnes und baute eigene Unternehmen auf. 1938 war er an der „Arisierung“ eines Betriebes beteiligt. Diese Form der Ausplünderung jüdischer Eigentümer wurde im Nationalsozialismus legalisiert; andere wirtschaftliche Transaktionen von Minoux blieben dagegen auch nach 1933 strafbare Handlungen. Als Aufsichtsratsmitglied der Berliner Gaswerke AG (Gasag) unterschlug er zwischen 1927 und 1938 mehrere Millionen Reichsmark. 1940 wurde Minoux deswegen in Untersuchungshaft genommen. Aus der Haft heraus gelang es ihm, seine Villa am Wannsee zum marktüblichen Preis von 1,95 Millionen Reichsmark zu verkaufen. Als Käuferin des Gebäudes trat die „Stiftung Nordhav“ auf, eine Tarnorganisation, hinter der Reinhard Heydrich und das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) standen. Die Villa Marlier und der Villengarten wurden nun als „Gästehaus des Chefs der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes“ Bestandteil des RSHA-Standortes Wannsee.

 

Villa Marlier, Luftaufnahme undatiert 
Nordwestufer des Wannsees mit der Villa Marlier, Fliegeraufnahme, Postkarte undatiert 

 

 

 

Der RSHA-Standort Wannsee

 

Der Charakter des großbürgerlichen Villenvororts hatte sich nach 1933 gewandelt. In viele Landhäuser zogen Einrichtungen der NSDAP, ihrer Gliederungen und angeschlossenen Verbände ein. Eigentümer, die als Juden oder jüdische Mischlinge galten, wurden enteignet und vertrieben. So musste beispielsweise Martha Liebermann, die Witwe des 1935 verstorbenen Malers Max Liebermann, ihre Villa, in die ein Erholungsheim der Reichspost einzog, weit unter Wert verkaufen. Der Erlös wurde auf ein Sperrkonto gezahlt, auf das Frau Liebermann keinen Zugriff hatte. Ihre geplante Auswanderung scheiterte. Im März 1943 nahm sie sich angesichts der bevorstehenden Deportation nach Theresienstadt das Leben.

 

Der Sicherheitsdienst des Reichsführers SS (SD) brachte zunächst wissenschaftliche Institute am Wannsee unter. Das von der Gestapo beschlagnahmte Landhaus Oppenheim, Am Großen Wannsee 43/45, diente seit Januar 1937 unter dem Tarnnamen „Wannsee-Institut“ als geheimes Ostforschungs-Institut. Es erstellte Gutachten über Wirtschaft, Politik und Gesellschaft Osteuropas und war an den Vorbereitungen der Überfälle auf Polen und auf die Sowjetunion, an den Aktionen der Einsatzgruppen und an Geheimdienstoperationen beteiligt. Ebenfalls 1937 zog das Institut für Staatforschung, das seit Kriegsbeginn dem Reichsführer SS unterstellt war, in die Königstraße 71. Institutsleiter Prof. Dr. Reinhard Höhn war einer der radikalsten nationalsozialistischen Rechtswissenschaftler und als Mitarbeiter von Reinhard Heydrich am Aufbau des Inlandsgeheimdienstes im SD beteiligt. Das Institut für Staatsforschung erhielt wissenschaftliche Forschungsaufträge von verschiedenen Behörden und Dienststellen des Staates, der NSDAP und der Wehrmacht und erarbeitete Gutachten und Gesetzesentwürfe für die Verwaltungspraxis in den vom Deutschen Reich besetzten Gebieten. Von 1941 bis 1943 war es Redaktionsadresse des Periodikums „Reich – Volksordnung – Lebensraum. Zeitschrift für völkische Verfassung und Verwaltung“. Die Herausgeber waren neben Reinhard Höhn als Schriftleiter, der Polizei- und Besatzungsexperte Werner Best, der Ministerialdirektor beim Oberkommando der Wehrmacht Rudolf Lehmann sowie die Staatssekretäre Wilhelm Stuckart vom Reichsministerium des Innern und Gerhard Klopfer von der Partei-Kanzlei, zwei Teilnehmer der Wannsee-Konferenz.

 

Von 1940 an baute das Reichssicherheitshauptamt seinen Standort Am Großen Wannsee gezielt aus. Die Vorortlage bot bessere Möglichkeiten zur Tarnung geheimdienstlicher Aktivitäten und zum Schutz vor Luftangriffen. Die S-Bahnlinien in die Innenstadt, die Autobahn AVUS und eine große Ausfallstraße in Richtung Potsdam garantierten die Anbindung an die RSHA-Zentrale am Anhalter Bahnhof und an die wichtigsten Dienststellen in der Reichshauptstadt und im Umland. Gegebenenfalls konnte auf die Havel als Wasserstraße ausgewichen werden. Repräsentative Villen und Parkanlagen kamen dem Geschmack des SS-Führerkorps entgegen. Die Hanglagen oberhalb der Havelseen waren zudem besonders geeignet für Funk- und Abhörstationen. Gezielt erwarb daher das RSHA nach und nach Villen und Grundstücke im nördlichen Abschnitt der Straße Am Großen Wannsee. Um 1942/43 wurden weite Teile der zum Wasser hin gelegenen Straßenseite und mehrere Flächen auf der gegenüberliegenden Seite von der SS genutzt. Am Standort waren überwiegend Dienststellen des Auslands-SD untergebracht, die hier militärische Operationen, Sabotage, Spionage und Propaganda vorbereiteten. Nach der 1943 erfolgten Verlagerung des Wannsee-Instituts in ein Schloss bei Graz (Österreich) richtete der SD auf dem Oppenheim-Grundstück eine Funkzentrale ein, die der Steuerung von Agenteneinsätze diente und den Tarnnamen „Havel-Institut“ erhielt. Die Bedeutung dieser Funkanlage erkannten auch die Verschwörer aus dem Kreis des militärischen Widerstands bei den Attentatsvorbereitungen des Jahres 1944 („Operation Walküre“). Eine Liste der „vorrangig zu besetzenden Dienststellen von Partei und SS“, die nach dem gescheiterten Umsturzversuch von der polizeilichen „Sonderkommission 20. Juli 1944“ aufgefunden wurde, nennt die „SS-Funkzentrale Am Großen Wannsee 43“ an siebenter Stelle.

 
 

Ausbeutung jüdischen Vermögens und jüdischer Arbeitskraft

 

Für den Auf- und Ausbau und die Pflege des Standorts beutete das RSHA jüdisches Vermögen und jüdische Arbeitskraft aus. Einige Liegenschaften wurden aus jüdischem Besitz beschlagnahmt oder „arisiert“, z.T. mit Geldern, die zuvor deutschen, österreichischen und tschechischen Juden geraubt worden waren. Bis heute ist nicht geklärt, ob die Kaufsumme für das Gästehaus Am Großen Wannsee 56/58 ebenfalls aus solchen Quellen stammte. Jüdische Arbeitskräfte wurden zur Pflege der Gärten und Anlagen verpflichtet. Auf dem Grundstück Oppenheim bereitete ein „Tagesumschulungslager“ der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland Jugendliche auf eine Auswanderung nach Palästina vor. Die SS profitierte von diesen billigen Arbeitskräften und behielt die erwirtschafteten Produkte aus Gartenbau und Kleintierzucht ein. Geleitet wurde die Einrichtung von Georg Alexander, Vorarbeiter war Georg Koplowitz. Der Lehrer und zionistische Jugendgruppenleiter Jizchak Schwersenz erteilte heimlich Unterricht. Gemeinsam mit Schülern und Freunden tauchte Schwersenz 1942 unter und entging so der Deportation. Noch nach der Schließung des „Tagesumschulungslagers“ kam der jüdische Jugendliche Alfred Silberstein ins „SS-Lager Wannsee“. Im Winter 1942/43 arbeitete er in der Küche im Keller des Gästehauses. Ende Februar 1943 wurden alle noch verbliebenen jüdischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter am Wannsee während der so genannten „Fabrikaktion“ ins Sammellager in der Großen Hamburger Straße verschleppt und von dort nach Auschwitz deportiert. Silberstein und Koplowitz überlebten Lager, Zwangsarbeit und Todesmärsche.

 

 

Gästehaus des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD

 

"Hotelzimmer in Berlin
Die Hotels in Berlin sind meist überfüllt und außerdem teuer. Um die auswärtigen Dienststellenleiter und andere SS-Führer der Sich.Pol. des SD bei ihrem dienstlichen Aufenthalt in Berlin der schwierigen Hotelsuche zu entheben, ..., wurde das Gästehaus am Großen Wannsee eingerichtet.
Was bietet das Gästehaus?
Vollkommen neu hergerichtete Besucherzimmer, Geselligkeitsräume, wie Musikzimmer, Spielzimmer (Billard), große Halle und Wintergarten, Terrasse zum Wannsee, Zentralheizung, fl. Wasser und allen Komfort...
Der Übernachtungspreis beträgt einschl. Bedienung und Frühstück 5,-- RM. Es wird gebeten, von der Einrichtung des Gästehauses möglichst weitgehend Gebrauch zu machen, damit das Haus zum Mittelpunkt des kameradschaftlichen Verkehrs der auswärtigen SS-Führer von Sicherheitspolizei und SD in Berlin wird."

Befehlsblatt des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD, 15. November 1941

 

 

Im Mittelpunkt des RSHA-Standortes Im Mittelpunkt des RSHA-Standortes befand sich seit Herbst 1941 das repräsentative Gästehaus. Es diente als kostengünstige Unterkunft für auswärtige SS- und Polizeiführer und sollte die „Kameradschaft“ im Führerkorps von Sicherheitspolizei und SD stärken. Die erste bekannte Nutzung des Gebäudes ist die Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942. Später lassen sich verschiedene weitere Tagungen und Besprechungen, aber auch „kameradschaftliche“ Feiern und Empfänge im Gästehaus nachweisen. Als beispielsweise der Auslands-SD im September 1943 eine Gruppe von Agenten aus dem arabischen Raum ins Britische Mandatsgebiet Palästina sandte, fand hier ein Abschiedsempfang statt, an dem auch Haj Amin al’Husseini, Großmufti von Jerusalem und ein prominenter Führer der palästinensischen Nationalbewegung, teilnahm. Im Dezember 1944 nutzte der Amtschef des Inlands-SD, Otto Ohlendorf, das Gebäude für eine Besprechung mit Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlern, zu der er in seiner Funktion als Unterstaatssekretär im Reichswirtschaftsministerium einlud. Während des Jahres 1944 wurden in der Villa Personen interniert, die im Zusammenhang mit dem Attentat auf Hitler verhört werden sollten, darunter die Wehrmachtsgeneräle Paul von Hase und Friedrich Fromm. 1945 verlegte Ohlendorf sein Hauptquartier an den Wannsee, später auch der Gestapo-Chef Heinrich Müller, der 1942 an der Wannsee-Konferenz teilgenommen hatte. Vergeblich versuchte hier kurz vor Kriegsende ein Vertreter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz den Gestapo-Chef dazu zu bringen, die Häftlinge des KZ Sachsenhausen freizugeben.

 

In die Villa Am Kleinen Wannsee 16, abseits des geschlossenen RSHA-Standortes, zog 1941 die Internationale Kriminalpolizeiliche Kommission (IKPK), Vorläuferin von Interpol, die unter Leitung Reinhard Heydrichs von Wien nach Berlin verlegt worden war. Als Heydrich Ende November 1941 seinen Judenreferenten Adolf Eichmann anwies, die Einladungen zu einer Besprechung über die „Endlösung der Judenfrage“ zu entwerfen, verwechselte dieser das Gästehaus mit dem Sitz der IKPK. Telefonisch wurde die Adresse später korrigiert.

 

 

Nachkriegszeit

 

Bei Kriegsende war die Gegend um den Großen und Kleinen Wannsee Schauplatz sinnloser Abwehrkämpfe. Das Gebäude Am Großen Wannsee 56/58 wurde von Unbekannten geplündert. Danach nutzte es zunächst die Rote Armee, dann die U. S. Armee. In der Nähe des Großen Wannsees, im Ortsteil Schlachtensee, richtete die UN-Flüchtlingsorganisation United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) das größte Berliner Wohnlager für jüdische Überlebende des Holocaust ein. Diese so genannten Displaced Persons (DPs) wurden während der Berlin-Blockade im Sommer 1948 durch die amerikanische Besatzungsverwaltung aus Berlin-West ausgeflogen. Zuvor wurde die Villa Am Großen Wannsee 56/58 zeitweilig genutzt, um erkrankte jüdische Kinder aus dem DP-Lager Schlachtensee gemeinsam mit elternlosen nicht-jüdischen deutschen Kindern gesund zu pflegen.

 

1947 wurde das Haus dem Magistrat von Berlin übergeben, der es an die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) vermietete. Diese richtete hier eine Parteischule ein. Zu den Referenten der „August-Bebel-Institut“ genannten Bildungsstätte gehörten Otto Suhr, Ernst Reuter und Carlo Schmid. Aus finanziellen Gründen musste die SPD das Gebäude 1952 aufgeben. In den folgenden Jahrzehnten war es das Landschulheim von Neukölln, dem bevölkerungs- und kinderreichsten Bezirk West-Berlins.

 

Mitte der 1960er Jahre machte der Historiker Joseph Wulf auf die zeitgeschichtliche Bedeutung des Gebäudes aufmerksam. Der jüdische Widerstandskämpfer und Auschwitz-Überlebende Wulf hatte seit Jahren in Studien und Dokumentenbänden auf die Verbrechen des Nationalsozialismus hingewiesen, Täter benannt und damit öffentliche Skandale ausgelöst. In der deutschen Zeitgeschichtsforschung blieb er umstritten und weithin isoliert. Auf Wulfs Initiative hin gründete sich am 29. August 1966 der Verein „Internationales Dokumentationszentrum zur Erforschung des Nationalsozialismus und seiner Folgeerscheinungen e. V.“ (IDZ). Prominente Persönlichkeiten aus beiden Teilen Deutschlands, aus Ost- und Westeuropa, Israel und Amerika traten dem Verein bei. Im Tagungsort der Wannsee-Konferenz sahen Wulf und seine Mitstreiter ein geeignetes Gebäude für die Einrichtung einer internationalen Forschungs- und Dokumentationsstelle. Das Projekt fand die Zustimmung des Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt. Seine Nachfolger aber zeigten sich gegenüber der Einrichtung reservierter. Inzwischen hatten sich das Bezirksamt und der SPD-Kreisverband Neukölln für den Erhalt des Schullandheimes ausgesprochen, und der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz wurde in einer Berliner Tageszeitung mit der Aussage zitiert, er wolle „keine makabere Kultstätte“. Nahum Goldman, der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, kündigte finanzielle Unterstützung an, um für das Landschulheim ein Ersatzgebäude auf dem Grundstück zu errichten. Senat und Bezirksamt Neukölln verhinderten dennoch die Einrichtung des IDZ. Der Verein löste sich 1972 auf. Im selben Jahr wurde an dem Haus der Wannsee-Konferenz eine Gedenktafel angebracht. Joseph Wulf nahm sich nach dem Tod seiner Frau Jenta, zwei Jahre später, das Leben.

 

In den 1980er Jahren wurden Wulfs Pläne erneut aufgegriffen. Der Senat von Berlin beauftragte Gerhard Schoenberner, einen Pionier der Aufklärung über die NS-Verbrechen, mit der Errichtung der Gedenkstätte. 1988 zog das Schullandheim Neukölln in ein Gebäude auf der Insel Schwanenwerder um. Die Villa Marlier wurde nach denkmalpflegerischen Gesichtspunkten restauriert. Zum 50. Jahrestag der Wannsee-Konferenz, im Januar 1992, nahm die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz ihre Tätigkeit auf. Die Mediothek trägt den Namen Joseph Wulfs.

 

 

 

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