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Dauerausstellung:
"Die
Wannsee-Konferenz und der Völkermord an den europäischen Juden"
Einführung in die
Ausstellung
Raum 2
Rassismus und
Judenfeindschaft
Raum 3
Integration und
Antisemitismus in der Weimarer Republik
Raum 4
Rassistische Politik und
Judenverfolgung in Deutschland 1933 – 1939
Raum 5
Völkermord in Ost- und
Südosteuropa
Raum 6
Handlungsspielräume unter
deutscher Besatzung
Raum 7
Der Weg zum Massenmord an
den
Juden Europas
Raum 8
An der Konferenz beteiligte
Behörden
Raum 9
Die Wannsee-Konferenz
Raum 10
Konferenz-Teilnehmer und Protokoll
nach 1945
Raum 11
Deportationen
Raum 12
Die Ghettos
Raum 13
Konzentrations- und
Todeslager
Raum 14
Zwangsarbeit und Tod im KZ
Raum 15
Die Gegenwart der
Vergangenheit
Villa und SD in Wannsee
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Raum 2 -
Rassismus und Judenfeindschaft
Seit dem 18. Jahrhundert setzte sich als Folge neuer
naturwissenschaftlicher Erkenntnisse ein modernes Weltbild durch. Es verdrängte
das Erklärungsmonopol der Religion. Rassismus und moderner Antisemitismus waren
negative Begleiterscheinungen dieser Entwicklung.
Rassentheorien erfuhren im 19. Jahrhundert weite
Verbreitung. Die behauptete Überlegenheit europäischer Rassen diente nach außen
zur Rechtfertigung des Kolonialismus. In der innenpolitischen Diskussion
lieferten Rassenideologen die Begründung für soziale Ungleichheit. Die
Forschungsergebnisse Darwins über „Zuchtwahl“ und das „Überleben der
Tüchtigsten“ übertrugen Sozialdarwinisten von der Pflanzen- und Tierwelt auf die
menschliche Gesellschaft. Die eugenische Forschung fragte nach den idealen
menschlichen Fortpflanzungsbedingungen. Sie richtete sich ebenso gegen „minderwertige
Rassen“ wie gegen Kranke und Schwache.
Der Antisemitismus am Ende des 19. Jahrhunderts
unterschied sich wesentlich von der jahrhundertealten christlichen
Judenfeindschaft. Deren religiöse, wirtschaftliche und politische Motive wurden
durch rassistische Begründungen ergänzt. Neben die alten, weiterhin virulenten
Vorurteile trat die Auffassung von der „Minderwertigkeit der jüdischen Rasse“.
Der neue Rassenantisemitismus schrieb den Juden unveränderliche körperliche und
charakterliche Eigenschaften zu und sprach ihnen deshalb die Möglichkeit zur
Integration in die „Volksgemeinschaft“ ab.
2.1.
Rassismus
Mitte des 19. Jahrhunderts entstand eine
Rassenlehre, die von der Existenz höherwertiger und minderwertiger Rassen
ausging. Auf der Suche nach dem Typ des idealen Menschen wurde auf den Vergleich
von Gesichts- und Schädelmaßen zurückgegriffen. Auf der Grundlage derartiger
anthropologischer Studien entwarfen Sozialdarwinisten eine hierarchische Ordnung
der menschlichen Gesellschaft. Rassenreinheit galt diesen Theoretikern als
Voraussetzung für die Überlegenheit und Herrschaft der „weißen Rasse“.
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Die Entwicklung von Schädel und
Gesichtsausdruck,
aus: Peter Camper, Dissertation sur les Variétés Naturelles, Paris, Den
Haag 1791 |
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Der Gesichtswinkel,
aus: Robert Knox, The Races of Men, London 1862 |
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Arthur Comte de Gobineau, Versuch über die Ungleichheit der
Menschenrassen,
Stuttgart 1898 (Französische Erstausgabe 1853-56) |
2.2.
Eugenik und "Rassenhygiene"
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlangte die Eugenik
wissenschaftliche Anerkennung. Sie beeinflusste nachhaltig die
Gesundheitspolitik, indem sie genetische Verbesserung durch Kontrolle der
Geburtenrate forderte. Die Fortpflanzung „Erbgesunder“ sollte gefördert,
die „Erbkranker“ durch Sterilisation vermieden werden. Rassenhygieniker
entwickelten ein breites Spektrum von Maßnahmen zur Reinhaltung der „nordischen
Rasse“.
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Propaganda-Schaubild aus der
Zeitschrift für Volksaufartung und Erbkunde, Band 1, 1926
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(146 KB) |
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Ottmar von Verschuer bei seinen Untersuchungen von Zwillingen am
Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin, 1928
Verschuer war einer der führenden Wissenschaftler
auf dem Gebiet der Vererbung von Krankheiten und Anomalien bei Zwillingen. Seit
1927 betrieb er seine Studien am Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie,
menschliche Erblehre und Eugenik in Berlin.
(MPG Archiv Berlin)
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Eugen Fischer bei seinen Studien zu seinem Buch über "Die
Rehoboter Bastards und das Bastardisierungsproblem beim Menschen" am
Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin, 1913
(MPG Archiv Berlin) |
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"Gesundheit ist Lebensglück"
Plakat zur Reichsgesundheitswoche, 1926
(USHMM Washington) |
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Erwin Baur, Eugen Fischer, Fritz Lenz:
Grundriß der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene,
München 1923 |

Karl Binding, Alfred Hoche:
Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens, Berlin 1920 |
2.3.
Christliche Judenfeindschaft
Der Vorwurf des „Gottesmordes“ stand im Zentrum der
religiös motivierten Judenfeindschaft. In der christlich geprägten Gesellschaft
des Mittelalters lebten die Juden als eine Minderheit gezwungenermaßen in
eigenen Wohnbezirken. Bestimmte Berufe waren ihnen verwehrt, Kleidervorschriften
und Judenrecht kennzeichneten sie als Außenstehende. Unter dem Vorwurf der
Brunnenvergiftung, des Ritualmords oder der Hostienschändung wurden immer wieder
Pogrome und Vertreibungen angestiftet.
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Angeblicher Ritualmord in Regensburg im Jahre 1476
Kupferstich Matthaeus Rader, 1624
Die in Europa seit dem 12. Jahrhundert verbreitete Ritualmordlegende, die gegen
Juden vorgebrachte, sie verwendeten das Blut christlicher Kinder zu rituellen
Zwecken, führte im Mittelalter zu Massenhinrichtungen und Pogromen.
Ritualmordvorwürfe wurden noch im 20. Jahrhundert erhoben. |
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Ahasverus, Zeichnung, Gustave Doré
Einer christlichen Legende zufolge soll ein Jude namens Ahasverus Jesus auf dem
Weg zur Kreuzigung beleidigt haben und zur Strafe ruhelos in der Welt
umherirren, ohne sterben zu können. In der judenfeindlichen Überlieferung wurde
Ahasverus zur Verkörperung des wandernden Juden.
(BPK Berlin) |
2.4.
Deutsch-Nationale Judenfeindschaft und jüdische Emanzipation
Teile der deutschen Nationalbewegung verbreiteten im
frühen 19. Jahrhundert einen verengten Volkstumsgedanken. In germanischer
Herkunft und im Christentum sah diese Bewegung die Ursprünge des deutschen
Nationalcharakters. Der Einheit von Volk und Staat wurden die Juden als
Fremdkörper gegenübergestellt. Dennoch führten Aufklärung und Emanzipation
schrittweise zur rechtlichen Gleichstellung der Juden. Das Edikt von 1812 machte
die Juden zu preußischen Staatsbürgern. Jedoch enthielt es einige
Ausnahmebestimmungen, die zum Beispiel den Zugang von Juden zu Staatsämtern
verboten. Erst die Verfassung von 1871 sollte den deutschen Juden die volle
bürgerliche Gleichberechtigung bringen.
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Urkunde über die Staatsbürgerschaft
Moses Isaacs nach dem Edikt
vom 11. März 1812,
Königsberg in der Neumark, 26. Januar 1813
(JM Berlin) |
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Friedrich Ludwig Jahn, Postkarte 1904
(GHWK Berlin)
"Haß alles Fremden ist des Deutschen
Pflicht".
Jahn (1778-1852) verlangte einen "heiligen
Kreuzzug" gegen "Franzosen, Junker, Pfaffen und Juden". Deutsche
Turnvereine, studentische Verbindungen und der Deutsche Burschentag von 1818
sprachen sich daraufhin gegen eine Aufnahme von Juden aus.
(GHWK Berlin) |
2.5.
Politischer Antisemitismus in Deutschland
Der politische Antisemitismus richtete sich gegen
das emanzipierte Judentum. Im Zuge des „Gründerkrachs“ von 1873 und der Krise
des politischen Liberalismus formierten sich Antisemiten zur politischen
Bewegung. Parteien und Persönlichkeiten des Öffentlichen Lebens machten den
Antisemitismus im Bürgertum gesellschaftsfähig. Sie forderten eine „Lösung
der Judenfrage“ als eine Rücknahme der Gleichstellung.
Der Historiker Heinrich von Treitschke löste 1879
mit seinem Aufsatz „Unsere Aussichten“ eine Kontroverse aus. Mit der Verknüpfung
von Nationalismus und Antisemitismus erreichte er vor allem Studenten und große
Teile des Bürgertums. Einige Professoren wie Theodor Mommsen traten den
antisemitischen Ausführungen Treitschkes öffentlich entgegen.
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Heinrich von Treitschke (1834-1896)
Unsere Aussichten (Auszüge)
Nein, der Instinkt der Massen hat
in der That eine schwere Gefahr, einen hochbedenklichen Schaden
des neuen deutschen Lebens richtig erkannt; es ist keine leere
Redensart, wenn man heute von einer deutschen Judenfrage
spricht.
(…)
Was wir von unseren israelitischen
Mitbürgern zu fordern haben, ist einfach: sie sollen Deutsche werden,
sich schlicht und recht als Deutsche fühlen – unbeschadet ihres Glaubens
und ihrer alten heiligen Erinnerungen, die uns Allen ehrwürdig sind;
denn wir wollen nicht, dass auf die Jahrtausende germanischer Gesittung
ein Zeitalter deutsch-jüdischer Mischcultur folge.
(…)
Es bleibt aber ebenso unleugbar, dass
zahlreiche und mächtige Kreise unseres Judenthums den guten Willen
schlichtweg Deutsche zu werden durchaus nicht hegen.
(…)
Überblickt man alle diese Verhältnisse (…)
so erscheint die laute Agitation des Augenblicks doch nur als eine
brutale und gehässige, aber natürliche Reaction des germanischen
Volksgefühls gegen ein fremdes Element, das in unserem Leben einen allzu
breiten Raum eingenommen hat. (…) Täuschen wir uns nicht: die Bewegung
ist sehr tief und stark;
(…) Bis in die Kreise der höchsten Bildung
hinauf, unter Männern, die jeden Gedanken kirchlicher Unduldsamkeit oder
nationalen Hochmuts mit Abscheu von sich weisen würden, ertönt es heute
wie aus einem Munde: die Juden sind unser Unglück!
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Theodor Mommsen (1817-1903)
Auch ein Wort über unser
Judenthum (Auszüge)
(...)
Ohne Zweifel sind die Juden, wie einst im
römischen Staat ein Element der nationalen Decomposition, so in
Deutschland ein Element der Decomposition der Stämme, und darauf beruht
es auch, dass in der deutschen Hauptstadt, wo diese Stämme factisch sich
stärker mischen als irgendwo sonst, die Juden eine Stellung einnehmen,
die man anderswo ihnen beneidet.
(…)
Aber wenn die Empfindung der
Verschiedenheit dieses Theils der deutschen Bürgerschaft von der großen
Majorität bis dahin niedergehalten worden war durch das starke
Pflichtgefühl des bessern Theils der Nation, (…), so sah sich diese
Empfindung nun durch Herrn v. Treitschke proclamiert als die „natürliche
Reaction des germanischen Volksgefühls gegen ein fremdes Element“, als
„der Ausbruch eines tiefen lang verhaltenen Zornes“. (…) Was er sagte,
war damit anständig gemacht.
(…)
Der Kappzaum der Scham war dieser „tiefen
und starken Bewegung“ abgenommen; und jetzt schlagen die Wogen und
spritzt der Schaum.
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2.6.
Gesellschaftlicher Antisemitismus
Antisemitismus war nicht allein an politische
Parteien gebunden. Nationalistische Wirtschafts- und Berufsverbände Übernahmen
den Antisemitismus in ihr Programm.
Höhere Positionen im Staatsdienst blieben Juden bis
1918 zumeist verschlossen. Die alltägliche Judenfeindschaft zeigte sich in
vielfältigen Formen sozialer Ausgrenzung.
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"Jüdischer
Besuch verbeten",
Postkarte des Bahnhofshotels Kölner Hof in Frankfurt
am Main, um 1900
(BPK Berlin) |
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"Juden in der Sommerfrische"
Politischer
Bilderbogen Nr. 18, 1895 (GHWK)
Mit dem beliebten
Medium des Bilderbogens wurde antisemitische Propaganda verbreitet.
Zwischen 1892 und 1901 entstanden 33 Nummern dieser judenfeindlichen
Bildserie.
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„In vollster Würdigung
der Tatsachen, daß zwischen Ariern und Juden ein tiefer moralischer und
psychischer Unterschied besteht, daß durch jüdisches Unwesen unsere
Eigenart schon so viel gelitten; in Anbetracht der vielen Beweise, die
auch der jüdische Student von seiner Ehrlosigkeit und Charakterlosigkeit
gegeben, und da er überhaupt der Ehre nach unseren deutschen Begriffen
völlig bar ist, faßt die heutige Versammlung deutscher wehrhafter
Studentenverbindungen den Beschluß: Dem Juden auf keine Waffe mehr
Genugtuung zu geben, da er deren unwürdig ist!“
Beschluss des „Waidhofner Verbandes der wehrhaften Vereine“ in
Österreich, 11. März 1896
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2.7.
Rassenantisemitismus
Rassentheorien und tradierte Judenfeindschaft
verschmolzen Ende des 19. Jahrhunderts zum Rassenantisemitismus. Dieser wandte
sich auch gegen Menschen, die sich selbst nicht als Juden verstanden. Verhalten
und Charakter der Juden wurden ihrer „Rasse“ zugeschrieben und scheinbar
wissenschaftlich untermauert. Antisemiten mahnten zur Reinhaltung der „arischen
Rasse“ und wiesen auf die Folgen von „Rassenschande“ hin.
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Antisemitisches Plakat zu den angeblichen Folgen
von "Rassenmischung",
um 1920
(GHWK Berlin) |
Text: Dr. Thomas
Rink |