Haus der Wannsee-Konferenz


 

 


Dauerausstellung:

 

"Die Wannsee-Konferenz und der Völkermord an den europäischen Juden"


 

 

 

 

Einführung in die Ausstellung

 

Raum 2

Rassismus und
Judenfeindschaft

 

Raum 3

Integration und Antisemitismus in der Weimarer Republik

 

Raum 4

Rassistische Politik und Judenverfolgung in Deutschland 1933 – 1939
 

Raum 5

Völkermord in Ost- und Südosteuropa

 

Raum 6

Handlungsspielräume unter deutscher Besatzung

 

Raum 7

Der Weg zum Massenmord an den
Juden Europas

 

Raum 8

An der Konferenz beteiligte Behörden

 

Raum 9

Die Wannsee-Konferenz

 

Raum 10

Konferenz-Teilnehmer und Protokoll
nach 1945

 

Raum 11

Deportationen

 

Raum 12

Die Ghettos

 

Raum 13

Konzentrations- und Todeslager

 

Raum 14

Zwangsarbeit und Tod im KZ

 

Raum 15

Die Gegenwart der Vergangenheit

 

Villa und SD in Wannsee

 

 

 

 

Raum 3, Teil 2

 

 

 

3.4.

Krise der Republik

 

Die NSDAP stieg in der Krise der parlamentarischen Republik zu einer Massenbewegung auf. Die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise brachten der Partei 1930 einen starken Wählerzulauf. Der Antisemitismus diente als Bindeglied für die heterogene Mitgliedschaft der Partei. In der Wahlpropaganda standen indes der Kampf gegen den Versailler Vertrag und den Bolschewismus im Vordergrund. Zugleich versprach die NSDAP die Überwindung der inneren Zerrissenheit und die Herstellung der „Volksgemeinschaft“.

 

"Wir wählen Hitler", Wahlplakat der NSDAP zur Reichspräsidentenwahl, 1932     Wahlplakat der NSDAP zur Reichspräsidentenwahl, 1932 (DHM Berlin)

 

Arbeitslosenschlange, Hannover 1932

Arbeitslosenschlange vor dem Arbeitsamt Hannover, 1932
(DHM Berlin)

 


(Abb. Katalog
Seite 28)
 

Gregor Strasser und Joseph Goebbels während des SA-Vorbeimarsches an Adolf Hitler in Braunschweig, 18. Oktober 1933.
(BSB München)

 

 

Gregor Strasser war der Kopf des sozialrevolutionären Flügels der NSDAP. Nach der Neugründung der Partei im Februar 1925 organisierte er gemeinsam mit seinem Bruder Otto den Aufbau der Partei in Nord- und Westdeutschland. Strasser geriet zunehmend in Opposition zum politischen Kurs Hitlers. Im Dezember 1932 trat er von allen Ämtern zurück. Gregor Strasser wurde im Zuge des "Röhm-Putsches" am 30. Juni 1934 in Berlin ermordet.

 

 

Hitler vor dem Düsseldorfer Industrie-Club, 26.01.1932

Adolf Hitler bei seiner Rede vor dem Düsseldorfer Industrie-Club, 26. Januar 1932
(NA Washington)

 

Die Wahlerfolge machten die NSDAP für industrielle Kreise zu einer politischen Alternative. Am 26. Januar 1932 arrangierte der Großindustrielle Fritz Thyssen einen Vortrag Adolf Hitlers vor 650 Mitgliedern des Düsseldorfer Industrie-Clubs.

Dort warb Hitler um politische und finanzielle Unterstützung für die NSDAP.

 

 


(Abb. Katalog
Seite 28)
 

Eingeschlagene Schaufensterscheiben des Berliner Kaufhauses Wertheim.
(Ullstein Bilderdienst Berlin)
 

Die Parteibasis der NSDAP organisierte seit Ende der 20er Jahre verstärkt antijüdische übergriffe und Boykottaktionen. Diese fanden außerhalb der nationalsozialistischen Bewegung nur wenig Resonanz.

 

 

Grafik Ergebnisse der Reichstagswahlen 1928-1932

Ergebnisse der Reichstagswahlen in der Weimarer Republik 1928 bis 1932 (nach Eberhard Kolb, Die Weimarer Republik, München 1993

 

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Integration

 

In der Weimarer Republik lebten etwa 450.000 Deutsche jüdischer Religion. Sie waren rechtlich gleichgestellt und in vielen gesellschaftlichen Bereichen integriert. Die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung gehörte mittel- und kleinbürgerlichen Schichten an und bevorzugte eine selbständige Existenz. Etwa zwei Drittel der erwerbstätigen Juden waren Besitzer kleiner und mittlerer Geschäfte. Da in der jüdischen kulturellen Tradition Bildung einen hohen Stellenwert hat, nutzten viele deutsche Juden die ihnen seit dem späten 19. Jahrhundert eröffnete Möglichkeit zum Studium. Als Akademiker zogen sie „freie Berufe“ wie Rechtsanwalt oder Arzt vor, zumal ihnen durch informelle Barrieren der Staatsdienst weitgehend verschlossen war. Jüdische Künstler, Schriftsteller und Wissenschaftler leisteten einen wesentlichen Beitrag zum kulturellen Leben. Angehörige der kleinen, sehr wohlhabenden jüdischen Oberschicht betätigten sich als Mäzene in Kultur, Wissenschaft und sozialen Einrichtungen.

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wanderten vermehrt osteuropäische Juden nach Deutschland ein. Sie gehörten überwiegend unteren sozialen Schichten an. Viele von ihnen lebten in traditioneller Frömmigkeit und kleideten sich noch wie im Stetl. So wurde eine mit der Emanzipation in Deutschland bereits vergangene jüdische Lebensform wieder sichtbar. Die akkulturierten deutschen Juden empfanden diese etwa 100.000 Zuwanderer zumeist als Fremde.

 

 

3.5.

Berufs- und Sozialstruktur

 

Juden waren in Wirtschaftszweigen wie Handel, Verkehr, Industrie und Handwerk überdurchschnittlich vertreten. Sie waren zumeist mittelständische Betriebsinhaber oder selbständige Handwerker. Nach der akademischen Ausbildung machten sie sich häufig als Arzt oder Rechtsanwalt selbständig. Entgegen antisemitischen Vorurteilen war nur eine Minderheit der jüdischen Bevölkerung als Großbankiers, Verleger oder Großindustrielle tätig.

 

Wäschegeschäft Chotzen

Wäschegeschäft der Familie Chotzen in Berlin-Wilmersdorf,
um 1920
(Privatbesitz)

 

 

Der Kaufmann Josef Chotzen besaß mit seiner Frau Elsa in Berlin-Wilmersdorf ein kleines Wäschegeschäft. Elsa entstammte einer protestantischen Familie und trat 1914 zum jüdischen Glauben über. Die großen Feste beider Religionen wurden zu Hause gefeiert.

 

 

 

 

3.6.

Jüdisches Leben in der Stadt und auf dem Land

 

In der Weimarer Republik lebten zwei Drittel der deutschen Juden in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern. Diesem städtischen Judentum mit eigenen sozialen Institutionen stand eine kleine Zahl Landjuden gegenüber. Die Landgemeinden waren vor allem in Hessen, Bayern, Baden und Württemberg konzentriert. Landjuden handelten mit Vieh und Agrarprodukten, mit Eisenwaren, waren Metzger oder Bäcker, manche auch Bauern.

 

Landessynagoge, Breslau, Foto undatiert

 

Neue Synagoge in Breslau, um 1875

Breslau

 

Die schlesische Stadt Breslau, heute das polnische Wroclaw, bildete 1925 die drittgrößte jüdische Gemeinde in der Weimarer Republik. Von 573.660 Einwohnern waren 23.200 Jüdinnen und Juden. Zahlreiche religiöse, soziale und kulturelle Einrichtungen prägten das Gemeindeleben. Juden engagierten sich wirtschaftlich überwiegend im Textil- und Getreidehandel. Andere waren Privatbankiers, Juristen oder Mediziner.

 

Foto links oben: Die Landessynagoge zwischen der Antonienstraße und der Wallstraße, undatiert. Seit 1744 erfüllte die Landesynagoge die Funktion des Haupttempels der Breslauer Gemeinde.

 

Foto links unten: Die Neue Synagoge (um 1875) wurde am 29. September 1872 eröffnet und war neben der Berliner Neuen Synagoge die größte in Deutschland.

 

 

Stempel der jüdischen Gemeinde Windecken

Windecken

 

Im Jahr 1925 lebten in der hessischen Kleinstadt Windecken 1.800 Einwohner, davon waren 47 Juden. Als Stadtverordnete, Mitglieder im Sportverein, im Vaterländischen Frauenverein, im Gesangsverein und bei der Feuerwehr waren sie Teil des sozialen Lebens der Stadt. Die Windecker Juden führten überwiegend Geschäfte und nahmen eine bedeutende Stellung im wirtschaftlichen Leben der Stadt ein. Über Geschäftsbeziehungen hinaus existierten private Freundschaften zwischen jüdischen und christlichen Familien.

 

 

3.7.

Politisch-weltanschauliche Orientierungen

 

"An alle Juden in Deutschland", Flugblatt 1920

 "An alle Juden in Deutschland",
Flugblatt des Palästina-Amtes in Berlin, 1920
(CZA Jerusalem)

 

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Die Mehrzahl der deutschen Juden unterstützte die bürgerlichen Parteien der Republik. Innerhalb der jüdischen Gemeinden existierten zahlreiche Organisationen und Vereine. Die Mehrheit war religiös liberal. Nur eine Minderheit folgte den überlieferten religiösen Vorschriften. Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (C. V.) vertrat als größte Organisation das liberale Bürgertum.

Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten trat Vorwürfen entgegen, die deutschen Juden seien im Ersten Weltkrieg ihrer Wehrpflicht nicht nachgekommen. Die Zionistische Vereinigung betrachtete die Juden als eigenständige Nation. Sie forderte eine „jüdische Heimstätte“ in Palästina. Ungeachtet aller Differenzen stellten sich die Organisationen gemeinsam gegen antisemitische Hetze und betrieben Aufklärungsarbeit.
 

"An die deutschen Mütter", Flugblatt des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, 1920

"An die deutschen Mütter",

Flugblatt des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, 1920
(DHM Berlin)

► 
Text des Dokuments (nach WAI)

 

 

Titelblatt der CV-Zeitung mit dem Bild Moses Mendelssohns, August 1929

C.V.-Zeitung, 30. August 1929

Titelblatt Sonderausgabe: "Moses Mendelssohn - Dem ersten deutschen Juden, dem geistigen Vater unserer Gleichberechtigung, dem gewaltigen Förderer deutschen Geisteslebens zum 200. Geburtstag"

 

 

 

3.8.

Jüdische Einwanderer aus Osteuropa

 

Bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts lebten osteuropäische Juden im Deutschen Reich. Sie waren nach Pogromen ins Reich geflohen oder während des Ersten Weltkrieges als Arbeiter für die Kriegswirtschaft angeworben worden. Bis Anfang der zwanziger Jahre war ihre Zahl auf etwa 100.000 gestiegen. Die Zuwanderer wurden diskriminierend als „Ostjuden“ bezeichnet. Sie unterschieden sich in Sitte, Kleidung und Sprache von den akkulturierten deutschen Juden. „Ostjuden“ waren in den Anfangsjahren der Weimarer Republik das bevorzugte Angriffsziel antisemitischer Propaganda. Sie waren ständig von Ausweisungen und Polizeirazzien bedroht. Häufig kam es zu gewalttätigen Übergriffen wie 1923 im Berliner „Scheunenviertel“. 

 

Jüdische Leihbibliothek, Berlin 1928     Vor einer jüdischen Leihbibliothek in Berlin, 1928
                                        (DHM)

 


Razzia im Berliner Scheuenenviertel, 1920
 

Razzia im Berliner "Scheunenviertel"
(BA Koblenz)

 

Anfang 1920 verhafteten Reichswehrsoldaten jüdische Frauen bei einer Razzia in der Berliner Schendelgasse. Angeblich besaßen sie keine Aufenthaltsgenehmigung. Seit März 1920 wurden "Ostjuden" als "Schieber", "Bolschewisten" oder einfach als "lästige Ausländer" in Internierungslager untergebracht.

 

Jüdische Kleinkunstbühne "Kaftan", Berlin

Die Kleinkunstbühne „Kaftan“, 1930/33
(Bildarchiv Abraham Pisarek Berlin)

 

Die Schauspielerin Ruth Klinger gründete gemeinsam mit ihrem Lebenspartner Maxim Sakaschansky 1930 in Berlin das jüdische Kabarett „Kaftan“. Es war das einzige jiddische Kabarett in Deutschland. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde es geschlossen. Das Publikum bildeten vor allem Zionisten und jüdische Einwanderer aus Osteuropa. Im April 1933 emigrierten Klinger und Sakaschansky nach Palästina. Dort versuchten sie vergeblich, das Kabarett fortzuführen.

 

 

Text: Dr. Thomas Rink

 

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