Haus der Wannsee-Konferenz
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Dauerausstellung:
"Die Wannsee-Konferenz und der Völkermord an den europäischen Juden"
Raum 2
Rassismus und
Raum 3 Integration und Antisemitismus in der Weimarer Republik
Raum 4
Rassistische Politik und
Judenverfolgung in Deutschland 1933 – 1939 Raum 5 Völkermord in Ost- und Südosteuropa
Raum 6 Handlungsspielräume unter deutscher Besatzung
Raum 7
Der Weg zum Massenmord an
den
Raum 8 An der Konferenz beteiligte Behörden
Raum 9
Raum 10
Konferenz-Teilnehmer und Protokoll
Raum 11
Raum 12
Raum 13 Konzentrations- und Todeslager
Raum 14
Raum 15 Die Gegenwart der Vergangenheit
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Raum 3, Teil 2
3.4. Krise der Republik
Die NSDAP stieg in der Krise der parlamentarischen Republik zu einer Massenbewegung auf. Die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise brachten der Partei 1930 einen starken Wählerzulauf. Der Antisemitismus diente als Bindeglied für die heterogene Mitgliedschaft der Partei. In der Wahlpropaganda standen indes der Kampf gegen den Versailler Vertrag und den Bolschewismus im Vordergrund. Zugleich versprach die NSDAP die Überwindung der inneren Zerrissenheit und die Herstellung der „Volksgemeinschaft“.
Integration
In der Weimarer Republik lebten etwa 450.000 Deutsche jüdischer Religion. Sie waren rechtlich gleichgestellt und in vielen gesellschaftlichen Bereichen integriert. Die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung gehörte mittel- und kleinbürgerlichen Schichten an und bevorzugte eine selbständige Existenz. Etwa zwei Drittel der erwerbstätigen Juden waren Besitzer kleiner und mittlerer Geschäfte. Da in der jüdischen kulturellen Tradition Bildung einen hohen Stellenwert hat, nutzten viele deutsche Juden die ihnen seit dem späten 19. Jahrhundert eröffnete Möglichkeit zum Studium. Als Akademiker zogen sie „freie Berufe“ wie Rechtsanwalt oder Arzt vor, zumal ihnen durch informelle Barrieren der Staatsdienst weitgehend verschlossen war. Jüdische Künstler, Schriftsteller und Wissenschaftler leisteten einen wesentlichen Beitrag zum kulturellen Leben. Angehörige der kleinen, sehr wohlhabenden jüdischen Oberschicht betätigten sich als Mäzene in Kultur, Wissenschaft und sozialen Einrichtungen. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wanderten vermehrt osteuropäische Juden nach Deutschland ein. Sie gehörten überwiegend unteren sozialen Schichten an. Viele von ihnen lebten in traditioneller Frömmigkeit und kleideten sich noch wie im Stetl. So wurde eine mit der Emanzipation in Deutschland bereits vergangene jüdische Lebensform wieder sichtbar. Die akkulturierten deutschen Juden empfanden diese etwa 100.000 Zuwanderer zumeist als Fremde.
3.5. Berufs- und Sozialstruktur
Juden waren in Wirtschaftszweigen wie Handel, Verkehr, Industrie und Handwerk überdurchschnittlich vertreten. Sie waren zumeist mittelständische Betriebsinhaber oder selbständige Handwerker. Nach der akademischen Ausbildung machten sie sich häufig als Arzt oder Rechtsanwalt selbständig. Entgegen antisemitischen Vorurteilen war nur eine Minderheit der jüdischen Bevölkerung als Großbankiers, Verleger oder Großindustrielle tätig.
3.6. Jüdisches Leben in der Stadt und auf dem Land
In der Weimarer Republik lebten zwei Drittel der deutschen Juden in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern. Diesem städtischen Judentum mit eigenen sozialen Institutionen stand eine kleine Zahl Landjuden gegenüber. Die Landgemeinden waren vor allem in Hessen, Bayern, Baden und Württemberg konzentriert. Landjuden handelten mit Vieh und Agrarprodukten, mit Eisenwaren, waren Metzger oder Bäcker, manche auch Bauern.
3.7. Politisch-weltanschauliche Orientierungen
Die Mehrzahl der deutschen Juden unterstützte die bürgerlichen Parteien der Republik. Innerhalb der jüdischen Gemeinden existierten zahlreiche Organisationen und Vereine. Die Mehrheit war religiös liberal. Nur eine Minderheit folgte den überlieferten religiösen Vorschriften. Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (C. V.) vertrat als größte Organisation das liberale Bürgertum.
Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten trat
Vorwürfen entgegen, die deutschen Juden seien im Ersten Weltkrieg ihrer
Wehrpflicht nicht nachgekommen. Die Zionistische Vereinigung betrachtete
die Juden als eigenständige Nation. Sie forderte eine „jüdische
Heimstätte“ in Palästina. Ungeachtet aller Differenzen stellten sich die
Organisationen gemeinsam gegen antisemitische Hetze und betrieben
Aufklärungsarbeit.
3.8. Jüdische Einwanderer aus Osteuropa
Bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts lebten osteuropäische Juden im Deutschen Reich. Sie waren nach Pogromen ins Reich geflohen oder während des Ersten Weltkrieges als Arbeiter für die Kriegswirtschaft angeworben worden. Bis Anfang der zwanziger Jahre war ihre Zahl auf etwa 100.000 gestiegen. Die Zuwanderer wurden diskriminierend als „Ostjuden“ bezeichnet. Sie unterschieden sich in Sitte, Kleidung und Sprache von den akkulturierten deutschen Juden. „Ostjuden“ waren in den Anfangsjahren der Weimarer Republik das bevorzugte Angriffsziel antisemitischer Propaganda. Sie waren ständig von Ausweisungen und Polizeirazzien bedroht. Häufig kam es zu gewalttätigen Übergriffen wie 1923 im Berliner „Scheunenviertel“.
Text: Dr. Thomas Rink |
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