Haus der Wannsee-Konferenz


 

 


Dauerausstellung:

 

"Die Wannsee-Konferenz und der Völkermord an den europäischen Juden"


 

 

 

 

Einführung in die Ausstellung

 

Raum 2

Rassismus und
Judenfeindschaft

 

Raum 3

Integration und Antisemitismus in der Weimarer Republik

 

Raum 4

Rassistische Politik und Judenverfolgung in Deutschland 1933 – 1939
 

Raum 5

Völkermord in Ost- und Südosteuropa

 

Raum 6

Handlungsspielräume unter deutscher Besatzung

 

Raum 7

Der Weg zum Massenmord an den
Juden Europas

 

Raum 8

An der Konferenz beteiligte Behörden

 

Raum 9

Die Wannsee-Konferenz

 

Raum 10

Konferenz-Teilnehmer und Protokoll
nach 1945

 

Raum 11

Deportationen

 

Raum 12

Die Ghettos

 

Raum 13

Konzentrations- und Todeslager

 

Raum 14

Zwangsarbeit und Tod im KZ

 

Raum 15

Die Gegenwart der Vergangenheit

 

Villa und SD in Wannsee

 

 

 

 

Raum 4  -  Rassistische Politik und Judenverfolgung in
                   Deutschland 1933-1939

 

 

 

Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler. Die nationalsozialistische Politik richtete sich von Anfang an gegen alle Bevölkerungsgruppen, die nicht den Normen der „Volksgemeinschaft“ entsprachen. Neben der Ausschaltung politischer Gegner konzentrierte sich das NS-Regime auf die Ausgrenzung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Auf Terror und Boykott folgten Rechts- und Verwaltungsvorschriften. „Arierparagraphen“ drängten Juden aus Berufen im öffentlichen Dienst. Die Nürnberger Gesetze von 1935 verboten Eheschließungen zwischen Juden und „Deutschblütigen“. Auf ihrer Grundlage wurde definiert, welche Personen als Juden galten. Nach dem Novemberpogrom von 1938 wurde die Ausschaltung der Juden aus dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben systematisch beschleunigt. Auf diese Weise sollten sie zur Auswanderung gezwungen werden.

Im September 1933 wurde mit der Reichsvertretung der deutschen Juden erstmals eine gemeinsame Organisation gegründet. Diese sah ihre Aufgabe vor allem in der Selbsthilfe. Sie richtete Schulen und Ausbildungsstätten ein, erweiterte das Wohlfahrtswesen und förderte die Auswanderung.

Nur wenige Staaten waren zur Aufnahme mittelloser Flüchtlinge bereit. Auf Initiative von US-Präsident Roosevelt fand im Juli 1938 im französischen Evian eine internationale Flüchtlingskonferenz statt. Dort zeigten die möglichen Aufnahmeländer keine Bereitschaft, ihre Einwanderungsquoten zu erhöhen.

Seit Kriegsbeginn gaben die nationalsozialistischen Machthaber die Hemmungen auf, ihre rassistischen Vorstellungen auf äußerst radikale Weise umzusetzen. Behinderte und Kranke wurden durch Giftgas in „Euthanasie“-Anstalten ermordet.

 

 

 

4.1.

„Volksgemeinschaft“ durch Ausgrenzung

 

Die nationalsozialistische „Volksgemeinschaft“ versprach gleichermaßen materiellen Wohlstand und soziale Sicherheit. Mit Gründungen von Wohlfahrtsorganisationen sollten sozialpolitische Versprechen eingelöst werden. Politische Gegner wurden aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und verfolgt. Die Propagierung der „Volksgemeinschaft“ als „Rassegemeinschaft“ richtete sich vor allem gegen Juden. Zahlreiche Verordnungen verboten ihnen den Besuch von öffentlichen Einrichtungen. Kinderbücher, Zeitungen und Spielfilme transportierten antisemitische Vorurteile und schürten Rassenhass.

 

Jungmädel werben für den Eintritt in die Hitlerjugend

Jungmädel werben für den Eintritt in die Hitlerjugend,
undatiert

(BA Koblenz)

 

Illustrierter Beobachter
Illustrierter Beobachter,
3. Dezember 1936
(GHWK Berlin)

Kennzeichen Häftlingsgruppen

Kennzeichen der unterschiedlichen Häftlingsgruppen,
Stand 1940/41
(ITS Bad Arolsen)

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(Abb. Katalog
Seite 42)
 

Begeisterte Zuschauer vor der Nürnberger Frauenkirche anlässlich einer Parade der SA und der SS während des Reichsparteitags, 1934
(SV Bilderdienst München)

 

 

Kommandant Eicke, KZ Dachau, 1933

Lagerkommandant Theodor Eicke spricht vor Häftlingen im Konzentrationslager Dachau, 1933
(BA Koblenz)

 

 

Am 22. März 1933 richtete die SS nordwestlich von München das Konzentrationslager Dachau ein. Lagerkommandant Theodor Eicke entwickelte ein Organisationskonzept, das als Vorbild für das nationalsozialistische Lagersystem im Reich diente. Als Inspekteur der Konzentrationslager ließ Eicke bis 1939 fünf große Lager errichten: Sachsenhausen, Buchenwald, Flossenbürg, Mauthausen und das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück.

 

 

"Der Stürmer" - Ritualmord

Der Stürmer, Sondernummer Ritualmord, Mai 1939

 

 

 

Die Wochenzeitung "Der Stürmer" wurde 1923 von Julius Streicher gegründet. Bis 1944 erreichte die Zeitung eine Auflage von 400.000 Exemplaren. Öffentliche Schaukästen an belebten Plätzen steigerten zusätzlich die Verbreitung. Im Mai 1939 wiederholte "Der Stürmer" eine Ritualmordbeschuldigung aus dem 15. Jahrhundert. Juden hätten in Regensburg christliche Kinder umgebracht. Deren Blut hätten sie für ihre religiösen Riten verwendet.
(GHWK Berlin)

 

 

 "Trau keinem Fuchs auf grüner Heid' und keinem Jud' bei seinem Eid"     
Seite aus dem Kinderbuch

"Trau keinem Fuchs auf grüner Heid' und keinem Jud' bei seinem Eid",
Nürnberg 1936
(GHWK Berlin)

 

 

"Volksgesundheit"

Werbeplakat der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, undatiert
(DHM Berlin)

 

Stürmerschaukasten, 1933

Stürmerschaukasten,1933
"Mit dem Stürmer gegen Juda"
(StA Worms)

 


(Abb. Katalog
Seite 43)
 

Das Terrassenschwimmbad in Berlin-Wannsee bei Eröffnung der Badesaison, 15. Mai 1938
(Schild über dem Eingang: "
Juden ist der Zutritt untersagt")
(SV Bilderdienst München)

 

 

 

4.2.

Verdrängung aus dem öffentlichen Leben

 

Der Boykott vom 1. April 1933 war die erste staatlich gelenkte Maßnahme gegen die jüdische Bevölkerung. Uniformierte SA-Männer postierten sich vor jüdischen Geschäften, Arztpraxen und Anwaltskanzleien und hinderten die Kunden am Betreten.

Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 verband als erstes Gesetz politische mit rassenpolitischer Ausgrenzung. Oppositionelle Beamte wurden entlassen, Beamte „nicht arischer“ Abstammung in den Ruhestand versetzt. Die Bestimmungen des Gesetzes wurden bald auch auf weitere Berufsgruppen übertragen.

 


(Abb. Katalog
Seite 44)
 

Litfasssäule mit dem Aufruf zum Boykott jüdischer Geschäfte, Berlin, 1. April 1933
(BPK Berlin)

 

 

Richard Stern, Flugblatt gegen den Boykott, 1. April 1933

Von Richard Stern verfasstes Flugblatt gegen den Boykott, 1. April 1933
(Privatbesitz)

 

Der ehemalige Frontkämpfer Richard Stern stellte sich am Tag des Boykotts demonstrativ mit seinen Auszeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg vor sein Bettwaren-Geschäft in Köln. Unter der Überschrift “An alle Frontkameraden und Deutsche!” hatte Stern das selbstverfasste Flugblatt drucken und verteilen lassen. Stern wurde am Nachmittag verhaftet, aber noch am selben Abend wieder entlassen.

 

Flugblatt als pdf-Datei (414 KB)

 

 

 

4.3.

Die Nürnberger Gesetze

 

Die Nürnberger Gesetze vom 15. September 1935 verboten Eheschließungen zwischen Juden und „Deutschblütigen“. Außereheliche Geschlechtsbeziehungen zwischen ihnen wurden als „Rassenschande“ kriminalisiert. Diese Bestimmungen wurden auch auf die als Zigeuner verfolgten Sinti und Roma angewendet. Die Gesetze bildeten die Grundlage für unzählige Anordnungen und Maßnahmen, die den Juden alle Rechte nahmen und ihnen die Existenzgrundlage entzogen.
(GHWK Berlin)

 

 

Übersichtstafel zur Erläuterung der am 15. September 1935 verabschiedeten Nürnberger Gesetze

Übersichtstafel zur Erläuterung der am 15. September 1935 verabschiedeten Nürnberger Gesetze
(DHM Berlin)

 

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"Rasseschänder"
 

Anprangerung von "Rasseschändern", Norden Juli 1935
(StA Aurich)
 

Demuetigung einer "Rasseschaenderin"

Demütigung einer "Rasseschänderin", Norden, Juli 1935
(StA Aurich)

 

In Ausführungsbestimmungen wurde zwischen so genannten Volljuden, Geltungsjuden sowie Mischlingen ersten und zweiten Grades unterschieden.

 

Eichler, Max: Du bist sofort im Bilde - Lebendig-anschauliches Reichsbürger-Handbuch     Eichler, Max: Du bist sofort im Bilde - Lebendig-anschauliches Reichsbürger-Handbuch     Eichler, Max: Du bist sofort im Bilde - Lebendig-anschauliches Reichsbürger-Handbuch


Aus:  Eichler, Max: Du bist sofort im Bilde - Lebendig-anschauliches Reichsbürger-Handbuch.
        Erfurt: Cramer's Verlag.
           (GHWK Berlin)


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4.4.

Jüdische Selbstbehauptung

 

Auf Ausgrenzung und Verfolgung reagierten jüdische Organisationen mit vielfältiger Selbsthilfe. Die Reichsvertretung der deutschen Juden versuchte, die Interessen der jüdischen Bevölkerung gegenüber den neuen Machthabern zu vertreten. Die Jüdische Winterhilfe versorgte Bedürftige mit Kleidern, Lebensmitteln und Heizmaterial. Zionistische Organisationen erlebten einen enormen Mitgliederzuwachs. Sie veranstalteten Ausbildungskurse zur Vorbereitung auf die Emigration. Den Unterricht für Kinder und Jugendliche sicherten jüdische Schulen. Jüdische Sportvereine bauten einen eigenen Sportbetrieb auf. Der Jüdische Kulturbund bot entlassenen Künstlerinnen und Künstlern eine neue Beschäftigung.

 

Schüler und Schülerinnen der Joseph Lehmann Schule, Berlin 1936i

Schüler und Schülerinnen der Joseph Lehmann Schule auf einem
Schulsportfest in Berlin, 1936
(Bildarchiv Pisarek, Berlin)


 

Leo Baeck

Der Vorsitzende Leo Baeck (stehend) bei einer Sitzung des Präsidialausschusses
der Reichsvertretung der deutschen Juden, 1933/34
(Bildarchiv Pisarek, Berlin)


 

Rabbinerin Regina Jonas, 1935

Regina Jonas kurz nach ihrer Ordination im Dezember 1935

 

 

Regina Jonas war die erste ordinierte Rabbinerin weltweit. Sie unterrichtete Religionslehre an Schulen der jüdischen Gemeinde in Berlin, übernahm die seelsorgerische Betreuung in sozialen Einrichtungen und hielt Vorträge zu verschiedenen theologischen Themen. Im November 1942 wurde Regina Jonas in das Ghetto Theresienstadt, im Dezember 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
(Centrum Judaicum Berlin)

 

 


(Abb. Katalog
Seite 47)
 

Landwirtschaftliche Schulung für jüdische Auswanderer in
Caputh bei Potsdam, 1936
(BPK Berlin)

 

Zionistische Organisationen bereiteten auf die Ausreise nach Palästina vor. In Hachschara (Ertüchtigungs)-Lagern erhielten junge Juden eine landwirtschaftliche, handwerkliche oder hauswirtschaftliche Ausbildung. Im Rahmen der Jugend-Alijah wurden bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges über 3.400 Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren nach Palästina gebracht.

 

 


Fortsetzung Raum 4 Teil 2
 

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