Oberstufenzentren und berufsbildende Schulen

Zum Adressatenkreis der pädagogischen Arbeit im Haus der Wannsee-Konferenz gehören in besonderer Weise die Schüler der Oberstufenzentren und berufsbildenden Schulen. Ihre Alltagserfahrung unterscheidet sich von der anderer Schüler, und bei einem Besuch im Haus der Wannsee-Konferenz beschäftigen sie sich häufig zum letzten Mal während ihrer Schullaufbahn mit dem Nationalsozialismus.

Auch für diese Gruppen ist - im Vergleich zu einer Beschränkung auf eine Führung durch die Ausstellung - ein Studientag (Themenliste der Studientage) erfahrungsgemäß das bessere Modell, da er mehr Möglichkeiten und Zeit zur Klärung der eigenen Einstellungen und für Diskussionen bietet. Die Studientage werden auch hier jeweils auf das Profil der Gruppe zugeschnitten: auf ihre Zusammensetzung, ihre Vorkenntnisse und die von den Schülern artikulierten Interessen.

Als inhaltliche Schwerpunkte für einen Studientag mit Berufs- bzw. Berufsfachschülern bieten sich Themen an, die das eigene Berufsfeld zur Zeit des Nationalsozialismus ins Zentrum rücken und die Beeinflussbarkeit der Beschäftigten, aber auch Verantwortlichkeiten und Handlungsspielräume verdeutlichen. Ausgrenzungsmechanismen, die auch am Arbeitsplatz und im jeweiligen beruflichen Milieu wirkten, wie auch Versuche, durch Gratifikationen und Karriereangebote eine Integration in die „Volksgemeinschaft“ zu erreichen, werden zum Gegenstand gemacht. Hierzu gehören Gesetze und Verbote, die für den Ausbildungsbereich neu formuliert wurden, die Politik berufsständischer Verbände und Organisationen, die sich um Nähe zum nationalsozialistischen Regime bemühten, die Lohn- und Sozialpolitik sowie Steuerungsmechanismen und Eingriffe im Freizeitbereich.

Da Vorgänge des Alltagslebens als Ausgangspunkt gewählt werden, können sich die Schüler das Geschehen aufgrund eigener Erfahrungen vorstellen und zugleich Wesensmerkmale des  nationalsozialistischen Regimes erkennen. Dessen Angebote für die „deutschen Volksgenossen“ werden ebenso verdeutlicht wie die Unterdrückung der als „gemeinschaftsfremd“, „rassisch minderwertig“ und “fremdrassig“ Ausgegrenzten und damit der letztlich auf Vernichtung zielende Rassismus, der der nationalsozialistischen Politik zugrunde lag. Dieses Vorgehen ermöglicht es, die Alltagsgeschichte des Nationalsozialismus mit dem zentralen Thema des Hauses der Wannsee-Konferenz, der Verfolgung und Ermordung der Juden, zu verbinden.

Im Verlauf des Studientages werden nach einer Phase der Vermittlung von  Basisinformationen speziell zusammengestellte anschauliche Materialien aus Dokumenten, Biographien, Fotos, Berufsfachzeitschriften, Werbung etc. an Arbeitsgruppen ausgegeben. Die Arbeitsmaterialien werden so ausgewählt, dass sie ermöglichen, die Opfer- und die Täterperspektive kontrastierend gegeneinander zu stellen. Die Arbeitsgruppen werten das authentische Material innerhalb einer verabredeten Zeit von ein bis zwei Stunden selbständig aus und interpretieren es. Zur Unterstützung stehen ein vorbereiteter Bücherwagen mit Lexika und anderen Nachschlagewerken und die Bibliothek insgesamt zur Verfügung. In einem abschließenden Plenum werden die Arbeitsergebnisse den Mitschülern vorgestellt und Erkenntnisse aus den verschiedenen Arbeitsgruppen miteinander verknüpft. Dabei wird dem Gespräch über den eigenen Beruf Raum gelassen, und es ergeben sich vielfach Fragen zur aktuellen Bedeutung der historischen Vorgänge.

Studientage mit berufsspezifischem Ansatz sind zu etlichen Themen entwickelt und erprobt worden, zum Beispiel zu „Ernährung und Politik im Nationalsozialismus“ für Auszubildende aus dem Bereich ‚Gastronomie/Koch’, zu „Körperkult und ästhetischer Normierung im Nationalsozialismus“ für Friseurlehrlinge, für Erzieherfachschüler das Thema „Konformität und nicht angepasste Jugendliche im Nationalsozialismus“ sowie „Eugenik und ‚Euthanasie’“ für Krankenschwestern und Pfleger. Es hat sich gezeigt, dass solche Themen häufig auch mit Auszubildenden aus verwandten Bereichen erfolgreich bearbeitet werden können.

Die Erfahrungen mit dieser Arbeitsform sind sehr positiv. Sie erleichtert es den Berufsschülern, sich für das komplexe Thema „Nationalsozialismus“ zu öffnen, und ermöglicht sehr lebhafte Debatten über das Ausmaß der Unterdrückung in der Diktatur. Die beschriebene Annäherung weckt auch bei solchen Schülern Wissbegier, die meinen, bereits alles Wissenswerte über das „Dritte Reich“ erfahren zu haben und einer erneuten Auseinandersetzung mit der Geschichte der nationalsozialistischen Verbrechen zunächst reserviert bis ablehnend gegenüberstehen.
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update: 18.03.2013