Wechselseitige Führungen

Sekundarstufe II

Führungen schulischer Gruppen durch Ausstellungen tendieren oft dazu, Schülerinnen und Schüler in eine passiv-rezeptive Haltung zu drängen, deren Folge rasche Ermüdung und nachlassendes Interesse ist. Zwar können Schüler der Sekundarstufe II sich in der Regel länger konzentrieren als jüngere Schüler und durchaus von einer geschickt aufgebauten, fachlich kompetenten und anschaulichen Führung profitieren. Doch gilt auch für ältere Schüler, dass die Motivation, die Reflexionsbereitschaft und die emotionale Beteiligung in der Regel größer sind, wenn sie aktiv an der Auseinandersetzung mit der Ausstellung beteiligt sind. Darauf zielt das im Folgenden skizzierte Angebot.

Die Schülerinnen und Schüler erhalten zunächst eine Einführung zum historischen Ort. Ob die Mitarbeiterin oder der Mitarbeiter dabei bereits die Wannsee-Konferenz eingehend darstellt oder diese Ausführungen später in den Ausstellungsrundgang einbaut, hängt u. a. davon ab, ob der Raum zur Verfügung steht, in dem die Konferenz stattgefunden hat, oder ob er zeitweilig durch andere Besucher besetzt ist.

In jedem Fall stellt die Mitarbeiterin oder der Mitarbeiter den Lernenden den Grundriss der Ausstellung vor und schlägt ihnen eine Reihe von Themen vor. Die Schülerinnen und Schüler entscheiden sich jeweils für eines der Themen, das sie im Folgenden in einer Kleingruppe bearbeiten. Jede Kleingruppe soll zu ihrem Thema Exponate in zwei oder mehr Räumen der Ausstellung auswählen, an denen sich Aspekte der gewählten Thematik veranschaulichen lassen. Um den Lernenden die Arbeit in der ihnen ja unbekannten Ausstellung zu erleichtern, erhalten sie ein Blatt mit einem Grundriss der Ausstellung, in den eingezeichnet ist, wo in der Ausstellung einschlägige Exponate zu den jeweiligen Themen zu finden sind. Die Schülerinnen und Schülern sollen die von ihnen ausgewählten Fotos und Dokumente mit Hilfe der Informationen, welche die Ausstellung anbietet, möglichst genau erläutern. Darüber hinaus soll nach Möglichkeit ein "roter Faden" gefunden werden, an dem sich Zusammenhänge und Entwicklungen festmachen lassen.

Während die Lernenden ihr Thema erarbeiten, steht ihnen die Mitarbeiterin oder der Mitarbeiter beratend zur Seite. Wenn alle Kleingruppen ihre Teilführungen erarbeitet und geprobt haben, kann die Führung der Schüler durch die Schüler beginnen. Für ihr Gelingen ist entscheidend, dass die Schülerinnen und Schüler ihre Ausführungen zum gewählten Thema gezielt an gezeigten Exponaten festmachen und darauf vorbereitet sind, auf mögliche Nachfragen ihrer Mitschüler einzugehen. Soweit nötig werden sie bei ihrer Führung von der begleitenden Mitarbeiterin oder dem Mitarbeiter unterstützt, die aber - abgesehen von der Vorstellung der Wannsee-Konferenz - eher moderieren als referieren. Für diese Arbeitsform werden insgesamt drei Stunden benötigt.

Im Folgenden sind mögliche Themen und zu deren Bearbeitung geeignete Ausstellungsräume genannt. Es müssen nicht alle Themen gewählt werden. Die Liste der Themen kann sich an dem von Raul Hilberg entwickelten Konzept der fünf Stufen des Vernichtungsprozesses orientieren (Themenliste A), oder es können verschiedene Themen bearbeitet werden, die für den Gesamtprozess der Verfolgung und Ermordung der Juden relevant sind (Themenliste B).

Themenliste A:

Thema 1: Definition und Kennzeichnung (Raum 3, 4 und 5)
Thema 2: Entrechtung, Enteignung (Raum 4 und 11)
Thema 3: Konzentration, Ghettoisierung (Raum 11 und 12)
Thema 4: Deportation (Raum 7 und 11)
Thema 5: Mord (Raum 13 und 14)

Themenliste B:

Thema 1: Rassistische und antisemitische Propaganda (Raum 2 und 4)
Thema 2: Migration (Raum 3 und 4)
Thema 3: Verbrechen der Wehrmacht (Raum 5 und 6)
Thema 4: Die Organisation der Deportationen (Raum 7 und 11)
Thema 5: Die Rolle der Konzentrationslager bei der Verfolgung und Ermordung der Juden (Raum 13 und 14)
Thema 6: Unangepasstes Verhalten, Selbstbehauptung und Widerstand (Raum 11,12 und 14)
Thema 7: Aspekte des Umgangs mit der nationalsozialistischen Vergangenheit („Zeitfenster“ in Raum 5, 11, 12, 13 sowie Raum 15).