Haus der Wannsee-Konferenz


 

  
I. Rassistischer Antisemitismus seit dem 19. Jahrhundert

I.1. Vorbemerkung: Verfolgung und „Judenemanzipation“


Mit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem im Jahre 70 n. Chr. durch die römische Besatzung begann die Auswanderung der Juden aus Palästina in den gesamten Mittelmeerraum. Mit den römischen Soldaten gelangten jüdische Familien auch an Rhein und Donau. Das römische Imperium war ein Vielvölkerreich, es herrschte religiöse Freiheit bei der Verehrung vieler Gottheiten. Als Soldaten, Händler, Ärzte oder Gelehrte waren Juden geachtete und gleichberechtigte Bürger in den römischen Stadtgründungen. Mit dem Zerfall des römischen Reiches wurden im darauf folgenden christlichen Mittelalter Juden unterdrückt und verfolgt. Die kirchlichen und weltlichen Führer des ursprünglich aus einer kleinen jüdischen Sekte hervorgegangenen und zur Staatsreligion gewordenen Christentums empörten sich darüber, dass die „verstockten Juden“ sich weigerten, Jesus als den Messias anzuerkennen. Juden starben lieber als Märtyrer ihres Glaubens, wenn sie zur Taufe gezwungen werden sollten.

Besonders in der Zeit der „Kreuzzüge“ zu Befreiung des „heiligen Landes“ von den „Ungläubigen“ (1096-1215) fanden grausame Judenmorde in Deutschland statt. Spätmittelalterliche Vertreibungen der Juden führten zur Wanderung nach Ost-Europa. Dort entstanden die großen jüdischen Gemeinden als kulturelle wie religiöse Zentren eines eher traditionell geprägten jüdischen Lebens, während die mittel- und westeuropäischen Juden weitgehend in die jeweiligen Kulturen hineinwuchsen und Religion zur Privatsache wurde.

 




Weil die mittelalterliche christliche Gesellschaft die jüdische Minderheit aus den tradi­tionellen  Berufen verdrängte, blieben nur wenige Tätigkeiten z.B. als Trödler, Hausierer, Viehhändler oder Geldverleiher. Erst mit der allmählichen Entstehung der modernen Staaten und der bürgerlichen Gesellschaft in Mitteleuropa seit dem späten 18. Jahrhundert wurde der bedrückte rechtliche und soziale Zustand der Juden als Problem empfunden. Unter dem Vorzeichen der eher kirchenkritischen Philosophie der Aufklärung und der politischen Strömung des Liberalismus stellte sich nun die Frage der „Judenemanzipation“. Aus einer kleinen, durch wirtschaftliche Tüchtigkeit aufgestiegenen und weltlich gebildeten gesellschaftlichen Oberschicht innerhalb der jüdischen Gemeinden kamen nun auch von jüdischer Seite die Vorkämpfer der Gleichberechtigung.

Am Beginn der rund einhundert Jahre andauernden Emanzipationsdebatte stand der Philosoph Moses Mendelssohn (1729-1786), der mit bedeutenden Dichtern und Gelehrten seiner Zeit diskutierte. Im frühen 19. Jahrhundert trafen sich christliche wie jüdische Intellektuelle und Künstler in den berühmten Salons der Ehefrauen von zu Wohlstand und Ansehen gelangten jüdischen Bürgern. Hier wurde bereits eine Gleichberechtigung gelebt, die erst ab 1867 in Österreich und im Deutschen Reich dauerhaft gesetzlich verankert wird.

 

  
  I.2. Modernisierung der Judenfeindschaft:
Rassismus und rassistischer Antisemitismus



Gegen erhebliche Widerstände in Bevölkerung und Kirche wurden Juden in Deutschland und Österreich durch fortschrittliche Politiker und Beamte rechtlich gleichgestellt. Alte Vorwürfe galten als überholt (z.B. Gottesmord, Hostienschändung, Brunnenvergiftung, Ritualmord), obschon immer noch Vorstellungen etwa vom geld­gierigen „Wucher-Juden“ verbreitet waren, der jetzt im Kapitalismus – in Banken, Börse oder Warenhäusern – eine beherrschende Stellung eingenommen habe. Beim Übergang zu modernen Wirtschaftsformen nutzten Juden den Erfahrungsvorsprung, den sie durch früher aufgezwungene Berufe besaßen. Sobald etwas Geld erworben war, studierten die Söhne. Tatsächlich erfolgte im Verlaufe des 19. Jahrhunderts ein erstaunlicher sozialer Aufstieg der jüdischen Minderheit, die nur 1% der preussisch-deutschen Gesellschaft ausmachte.

 

Antijuedische Postkarte, 1909

Antijüdische Postkarte um 1909: Die alte Sozialfigur des jüdischen Trödlers ist hier mit extrem hässlichen körperlichen Attributen ausgestattet worden.

 

Nach einer überhitzten Konjunktur kam es 1873 in Wien und Berlin zu einem großen Börsenkrach, zu Konkursen und finanziellen Verlusten bei den Geldanlegern, zur so genannten „Gründerkrise“. Der depressive Wirtschaftsverlauf dauerte dann gut zehn Jahre an. Judenfeindliche Journalisten und Demagogen nutzten die depressive Stimmung und den Erklärungshunger der Bevölkerung und behaupteten, nun werde die Quittung für die leichtfertig gewährte „Judenemanzipation“ präsentiert. Jetzt würden Juden durch ihr Geld herrschen und das christliche Volk ausplündern. Die Gleichberechtigung müsse rückgängig gemacht werden.

 


Die alten christlich-antijüdischen Vorurteile wurden nun mit Versatzstücken aus neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen ‚modernisiert’: In der vergleichenden Sprachwissenschaft war die Existenz von Sprachfamilien entdeckt worden, z.B. die Ähnlichkeiten von Griechisch, Latein, Gotisch und Keltisch mit dem indischen Sanskrit („Indogermanisch“, „arisch“) oder der orientalischen Sprachen untereinander („semitische Sprachfamilie“).
In der politischen Nutzanwendung wurden diese sprachwissenschaftliche Erkenntnisse mit Wertungen emotional aufgeladen und mit Thesen von Charles Darwin gemischt. Darwin hatte festgestellt, das die Entwicklung der Arten von den Prinzipien Variation, Vererbung und Überproduktion an Nachkommen abhänge, dass der „Kampf ums Dasein“ zur Auslese (Selektion) führe, wodurch das „Überleben der Tüchtigsten“ begünstigt werde. In unzulässiger Übertra­gung auf die Geschichte der Völker wurde diese als Ergebnis eines ewigen Kampfes von höher- und minderwertiger Rassen interpretiert. Aus den „Semiten“ wurden die „minderwertigen Juden“, aus den „Ariern“ die „schöpferischen Germanen“.

 

antijuedische Karikatur Bankhaus Rothschild, 1898

 

Mit der propagandistischen Behauptung von unveränderlichen Rasseneigenschaften wurde die Judenfeindschaft zum Rassen-Antisemitismus und war damit bereits potentiell mörderisch. Gegen die ‚gefährlichen Rasseneigenschaften’ half natürlich keine Taufe mehr. Bis in gebildete Kreise hinein fasste der Rassismus Fuß, konnte man damit doch auch die um 1900 stattfindende Kolonialisierung und Beherrschung der ganzen Welt durch die „weiße Rasse“, rechtfertigen. Schon vor der Jahrhundertwende konnte man bei Antisemiten lesen, dass Juden wie Schädlinge vernichtet werden müssten.


Foto (rechts oben): Rothschild, französische Karikatur von C. Léandre, 1898. Das jüdische Bankhaus Rothschild mit Filialen in mehreren Ländern galt Antisemiten als Inbegriff einer angeb­lich angestrebten „jüdischen Weltherrschaft“ durch den Kapitalismus. Der jüdische Bankier hält die Weltkugel in seinen Klauen, seine Krone ist geschmückt vom „goldenen Kalb“ – dem Götzenbild des Geldes.


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