Haus der Wannsee-Konferenz


 

  
III. Gewalt, Demütigung und Zwangsauswanderung

 III.1. Beginn der Verfolgung auch in Österreich


 

Im März 1938 besetzte die deutsche Armee Österreich. Nach dem so genannten „Anschluss“ wurde das Land als „Ostmark“ ein Teil des Deutschen Reiches. In Österreich lebten zu diesem Zeitpunkt etwa 185.000 Juden, davon allein 170.000 in Wien. Die zahlreichen Schikanen, Gesetze und Verordnungen gegen Juden, die es in Deutschland schon seit 1933 gab, wurden praktisch von einem Tag auf den anderen, sehr schnell und brutal eingeführt. Der „Anschluss“ und der Antisemitismus stieß bei einem nicht kleinen Teil der Österreicher auf lebhafte Zustimmung. In der ersten Nacht nach dem „Anschluss“ – am 13./14. März 1938 – wurden in Wien Geschäfte und Wohnungen von Juden durch die Gestapo, aber auch durch private Täter ausgeplündert. Aus Deutschland wurden deshalb Kontrolleure geschickt, welche die ‚ordentliche’ Beraubung zugunsten des Staates überwachen sollten. Im ganzen Land wurden Juden verhaftet, misshandelt und einige davon sogar getötet.

Das hier gezeigte Foto wurde unmittelbar nach dem „Anschluss“ in einer Strasse in Wien aufgenommen. Es handelt sich um eine der vielen, durch Augenzeugenberichte überlieferten „Reibeaktionen“. Es ist nicht bekannt, wer der Fotograf war. Auf dem Foto sind Menschen zu sehen, die auf der Straße knien. Sie werden gezwungen die Straße zu säubern. Sie knien in Reihen und haben Wassereimer vor sich stehen. Deutlich ist zu erkennen, dass die Menschen mit lächerlich kleinen Bürsten arbeiten müssen. Daran wird deutlich, dass diese Menschen erniedrigt werden sollen. Es handelte sich wahrscheinlich um Juden.

 

Die Juden werden von einem Kreis von Zuschauern oder Bewachern umgeben. In der vordersten Reihe halten sich diese an den Händen. Damit verhindern sie offenbar, dass die Zuschauer zu sehr nachdrängen. Leider kann man deren Gesichter nicht sehen. Da einige kurze Hosen tragen, werden sie recht jung sein.
In der rechten Bildmitte steht ein junger Mann mit Ledermantel und Handschuhen, der möglicherweise die Aktion leitet.

 

Er hat offenbar noch keine Uniform – die NSDAP, deren Symbole und Gliederungen waren in Österreich verboten. Dabei wird der junge Mann von uniformierten Jugendlichen unterstützt. Deren Uniform lässt darauf schließen, dass sie der Hitlerjugend angehören und demnach nicht älter als 18 Jahre sind. Der Junge, der (links hinten) mit dem Rücken zur Kamera steht, gehört vermutlich den „Pimpfen“ an und ist also nicht älter als 14 Jahre. Da die Angehörigen der Jugendorganisationen der Nazis im Kreis stehen, ist anzunehmen, dass sie hier eine Aufgabe haben und also aktiv an der Demütigung ihrer jüdischen Nachbarn beteiligt sind. Die Jungen sehen sehr entschlossen und konzentriert aus.

 


Der Wiener Korrespondent der "New York Times“ und der London „Times“ beschrieb die „Märzaktionen“ 1938:


„Frauen, deren Männer eine Woche vorher verhaftet worden waren und gegen die man niemals eine Anklage erhoben hatte, erhielten plötzlich vom Briefträger ein kleines Paket mit der knappen Bemerkung '150 Mark zu bezahlen für die Einäscherung Ihres Mannes. Das Paket enthält die Asche aus Dachau’. Die übliche Mitteilung bestand in einem vorgedruckten Zettel. [...]
Von meinem Büro am Petersplatz konnte ich auch Wochen hindurch den Lieblingssport des Nazimobs beobachten: Jüdische Männer und Frauen wurden gezwungen, auf
allen vieren


kriechend, den Gehsteig mit einer scharfen Lauge zu reiben, die ihnen die Haut verbrannte [...] inmitten einer sich drängelnden, stichelnden und lachenden Menge von‚ goldenen Wiener Herzen’. [...] Von Zeit zu Zeit johlte die Menge vor Vergnügen auf. Dies bedeutete dann, daß einer der SA Männer höhnisch gesagt hatte ‚Sie brauchen frisches Wasser’ und dabei einen Kübel voller Schmutzwasser über sein Opfer gegossen hatte.“

Quelle: George R. Gedye, Die Bastionen fielen. Wien 1939, S. 293-295.

 

 

  
 III.2. Die "Zentralstelle für jüdische Auswanderung" in Wien

 



Das oberste Ziel der NS Judenpolitik war zunächst die Vertreibung der Juden aus Deutschland. Den Antisemiten erschien das Tempo der Auswanderung der Juden allerdings als zu langsam. Um die Vertreibung der 185.000 österreichischen Juden besonders effektiv durchführen zu können, richtete der SD, der Geheimdienst der SS, im August 1938 in Wien die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ unter der Leitung von Adolf Eichmann ein. Diese war so ‚erfolgreich’, dass sie nach dem Wiener Muster später nicht nur im Deutschen Reich, sondern auch in anderen besetzten Ländern aufgebaut wurde. Adolf Eichmann machte daraufhin Karriere im SD. Als im September 1939 der gesamte Verfolgungsapparat unter Leitung von Reinhard Heydrich als „Reichssicherheitshauptamt“ (RSHA) in Berlin zusammengefasst wurde, wurden auch Eichmann und sein Team übernommen. Ab 1941 organisierten sie im Amt „Judenangelegenheiten, Räumungsangelegenheiten“ (IV B 4) die Deportation (Verschleppung) der Juden.


Foto mit Eichmann
Adolf Eichmann (3. von rechts) im Hof des Wiener Innenministeriums während einer Einsatzbesprechung am 18. März 1938, vor einer Hausdurchsuchung in der jüdischen Gemeinde. Der junge Mann mit Ledermantel in der Bildmitte hat Ähnlichkeit mit dem ‚Aufseher’ im Foto oben. 
Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, SS-Fotograf Friedrich Franz Bauer.

 

 


Der von Eichmann Anfang 1939 nach Wien befohlene Dr. Franz Mayer, Leiter der jüdischen Auswanderung nach Palästina in Berlin, beschrieb nach dem Krieg Eichmanns „Zentralstelle“ in Wien:

 

„[...] wir gingen sofort ins Baron Rothschild-Palais. [...] dort saß Eichmann. [...] Früher war er so ein kleiner Beamter gewesen, ein guter Bürokrat, der seinen Pflichten nachkommt und Berichte schreibt. Hier saß aber plötzlich ein Mann, der sich unverschämt wie ein Herr über Leben und Tod gab, grob; er raunzte uns an, wir durften uns seinem Tisch nicht nähern, wir mussten die ganze Zeit über stehen. [...] Er sagte, wir sollten uns das ganze Gebäude ansehen, das er eingerichtet habe. Am Nachmittag müssten wir zu ihm zurückkommen und ihm sagen, was wir von der ganzen Angelegenheit hielten. [... das sah] nach einer automatisierten Fabrik aus, das war wie ein Fließband: auf der einen Seite kommt der Jude herein, der noch etwas besitzt, einen Laden hat oder ein Bankkonto. Er geht durch das ganze Gebäude hindurch, von Schalter zu Schalter, von Büro zu Büro, dann kommt er auf der anderen Seite heraus, ist aller seiner Rechte, seines Geldes und seines Kapitals beraubt. Nur einen Paß hat er, auf dem steht: ‚Sie haben innerhalb von 14 Tagen das Land zu verlassen, sonst kommen Sie ins Konzentrationslager’.“

 

Quelle: Bernd Nellessen, Der Prozess von Jerusalem. Ein Dokument, Wien 1964, S. 75f.



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