Haus der Wannsee-Konferenz
| III.3. Pogrom 9./10. November 1938 |
Nach dem Beginn der Zwangsauswanderung in Österreich sollten ähnliche Methoden im gesamten Deutschen Reich angewendet werden. Ungeachtet der Verfolgung seit 1933 waren im Jahr 1938 noch etwa 2/3 der deutschen Juden nicht ausgewandert, entweder weil sie zu alt für die Auswanderung waren, oder noch kein Land gefunden hatten, welches sie aufnehmen wollte. Diese Juden lebten teilweise von jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen. Es existierte aber auch noch eine beachtliche Anzahl kleiner jüdischer Firmen und Geschäfte, denen ungeachtet allen Drucks die Kunden treu geblieben waren. Bereits Anfang des Jahres wurde von der Führung von Nazipartei und Staat beschlossen, die Juden nun vollständig aus dem deutschen Wirtschaftsleben zu verdrängen. Daraufhin wurden die jüdischen Geschäftsinhaber immer mehr unter Druck gesetzt, die Geschäfte zu schließen oder weit unter Wert an Nicht–Juden zu verkaufen. Diese Enteignung nannte man „Arisierung“.
Im
Oktober 1938 schob das Deutsche Reich 17.000 Juden mit polnischen Pässen,
die teilweise schon seit Jahrzehnten legal in Deutschland lebten, über
die Grenze nach Polen ab. Diese Menschen mussten unter fürchterlichen
Bedingungen in einem Ort an der Grenze bleiben. Hershel Grynszpan, 17
Jahre alt, der aus Deutschland zu seinem Onkel nach Paris gezogen war und
dessen Familie sich unter den abgeschobenen Juden befand, versuchte einen
ihm bekannten Angehörigen der deutschen Botschaft in Paris, Herrn Ernst
vom Rath, zu zwingen, seine Familie zu retten. Im Streit erschoss Hershel
diesen Mann.
Diese
Verzweiflungstat benutzten SA und SS auf Anregung des Propagandaministers
Goebbels und nach Genehmigung Hitlers als Anlass, um in der Nacht vom 9.
zum 10. November 1938 eine Massenausschreitung, ein „Pogrom“, gegen
die Juden im Deutschen Reich zu inszenieren, welches wegen der vielen
zerschlagenen Fensterscheiben bald im Volksmund „Reichskristallnacht“
genannt wurde. Polizei und Feuerwehr wurden angewiesen, nichts zu tun, während
SA, SS und Mitläufer jüdische Geschäfte, Wohnungen und
Synagogen plünderten, Juden demütigten und sogar ermordeten. Die
Anwendung brutaler Gewalt markierte nicht nur den Anfang der völligen
Verdrängung der Juden aus der Wirtschaft, sondern auch den Beginn eines
Zustands der vollständigen Entrechtung und Schutzlosigkeit.
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| III.4. Der Blick einer Verfolgten: Charlotte Salomon |
Charlotte Salomon wurde 1917 als Tochter eines angesehenen Arztes in Berlin geboren. Obgleich sowohl der Vater, als auch die Stiefmutter – eine bekannte Opernsängerin – als Juden nach der Machtübernahme immer mehr Schwierigkeiten bekommen hatten, ihren Beruf auszuüben, ermöglichten sie Charlotte ein Studium an der Hochschule der Künste. Dieses Studium brach sie allerdings 1937 ab, weil der Antisemitismus auch in der Kunsthochschule immer stärker wurde und ihr ein Preis für eine Arbeit aberkannt worden war, nachdem die Preisrichter feststellten, dass sie jüdisch ist.
Nach
der Pogromnacht floh Charlotte Salomon nach Süd-Frankreich, wo sie in den
nächsten Jahren insgesamt 1.325 Bilder malte, in denen sie versuchte, ihr
Leben zu beschreiben und die schrecklichen Ereignisse zu verarbeiten.
Nachdem die deutsche Armee auch Süd-Frankreich besetzt hatte, wurde
Charlotte Salomon nach Auschwitz deportiert und – weil sie schwanger war
– dort am 10. Oktober 1943 nach der Ankunft sogleich ermordet. Ihre
Bilder wurden durch einen glücklichen Zufall gerettet und befinden sich
heute im Jüdischen Historischen Museum in Amsterdam.
![]() Die Malerin Charlotte Salomon stellte in diesem Bild die Plünderungen der Wohnungen jüdischer Familien in Berlin dar. Archiv: Joods Historisch Museum, Amsterdam. |
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