Haus der Wannsee-Konferenz


 

  
III.6. Untersuchung des Fotos aus Baden-Baden

 

Wir sehen einen Zug von Männern, der – von Passanten beobachtet – durch eine Straße geht. Die Gruppe zivil gekleideter Männer in der Mitte des Zuges wird von uniformierten Personen begleitet. Es ist anzunehmen, dass diese Männer abgeführt werden.

Betrachten wir zunächst die Männer in der Mitte des Zuges. Es fällt auf, dass diese eigentlich alle etwas älter sind. Sie tragen Anzüge und Krawatten. Das war zu dieser Zeit unter den Angehörigen bürgerlicher Berufe normal. Also keine ungewöhnliche Situation? 

 

 

Ungewöhnlich ist, was ihnen fehlt: Sie haben weder Gepäck noch – und dies ist viel wichtiger – Hüte. Das Fehlen von Hüten zeigt, dass sie gedemütigt werden. Bestimmt war keiner der Männer jemals zuvor (außer als kleiner Junge oder Teenager) ohne Hut auf der Straße unterwegs. Die übrigen männlichen Passanten tragen fast alle eine Kopfbedeckung. An dem Tatbestand, dass die Abgeführten gedemütigt werden, können wir festmachen, dass es sich hier um die verhafteten Juden handelt. (Erst drei Jahre später wurden Juden mit dem gelben Stern auch äußerlich erkennbar gemacht.)

Die Männer, die sie begleiten, sind uniformiert. Die Mehrzahl trägt die Uniform der SS, der politischen Parteiarmee der Nazis. 

 




Die SS-Männer tragen neben den schwarzen Uniformen eine Armbinde mit dem Hakenkreuz am linken Arm. 
Die SS-Führung hat auch ein eigenes Auto mitgebracht, was an dem Nummernschild deutlich erkennbar ist.
Neben den SS Männern, sind aber auch einige Männer mit ungewöhnlichen Helmen. Diese Helme, Tschakos genannt, trug die normale Polizei. 

In der hinteren Reihe laufen mit Polizei und SS auch einige zivil gekleidete Männer. Diese könnten wahrscheinlich Beamte der Gestapo sein.

 

Die Passanten auf beiden Seiten der Straße schauen dem Geschehen zu. Einige tragen Berufskleidung. Auch ein Postbote ist zu sehen. 

 

Man kann vermuten, dass die Passanten einen Teil der abgeführten Juden (vielleicht ihren Hausarzt oder ihren Schuhhändler) erkennen. Während sich die erwachsenen Zuschauer vorsichtig beobachtend verhalten, zeigt das aufgeregte Mitlaufen eines Jungen, dass es sich hier um einen spektakulären Vorgang handelte.

 

Im Bild rechts, oberhalb der Mauer, erkennt man drei Personen, welche die Szene betrachten. Ein Mann macht gerade ein Foto, wobei er sehr engagiert in die Hocke geht, um sein Motiv auszuwählen. 

 

Eine Frau steht neben ihm. Vor den Büschen steht ein SS-Mann, der nichts dagegen hat, dass fotografiert wird. Das bedeutet, dass die Demütigung der Juden öffentlich war und auch sein sollte. So konnte auch der Unbekannte, durch dessen Kamera wir auf diese Szene schauen, ungestört fotografieren. An diesem Tag wurden zum ersten Mal Juden öffentlich verhaftet und abgeführt. Der einzige Grund für ihre Verhaftung war, dass sie Juden waren. Man machte sie pauschal für die Verzweiflungstat eines jüdischen Jugendlichen in Wien verantwortlich – oder behauptete das als Vorwand für Pogrom und Verhaftung. Die jüdischen Männer wurden von SS, normaler Polizei und Gestapo abgeführt und ihre Nachbarn schauten dem zu.

 


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