Haus der Wannsee-Konferenz


 

  
VI. Raub, Zwangsarbeit und Vernichtungslager

 

     VI.1. Die 'ordentliche' Beraubung der Deportierten:

     -   Beispiel Else Ury, Autorin

 

Als erfolgreiche Kinderbuch-Autorin war Else Ury zu einigem Vermögen gekommen. Als „jüdisches Vermögen“ waren Konten und Wertpapiere schon seit Jahren gesperrt. Nur ein kleiner Betrag zum notwendigen Unterhalt durfte monatlich abgehoben werden. Die Banken führten die Werte nach der Deportation an die zuständigen Finanzämter ab. 

 

Drei Monate nach Else Urys ‚Flucht’ ins „Ausland (Osten)“ verhängte das Finanzamt Hansa in Berlin-Tiergarten die „Reichsfluchtsteuer“. Diese Summe und die Vermögenssteuer konnten beim Finanzamt verbleiben, während der verbliebene Rest an den Oberfinanzpräsidenten überwiesen werden musste. Bis Ende 1944 waren viele Bank- und Finanzbeamte mit der Verwertung von Frau Urys Besitz beschäftigt. Allein ihre noch vorhandene Akte hat mehr als 50 Seiten, mehr als 100.000 derartiger Akten wurden im Deutschen Reich ‚ordentlich’ und ‚völlig korrekt’ geführt.


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Vermögenserklärung:

Erste Seite von 15 Seiten „Vermögenserklärung“. Sobald dieses Formular ausgefüllt werden musste, stand die Deportation unmittelbar bevor. 

Handschrift Else Ury, unterzeichnet mit 5. Januar 1943.

 

nventar und Bewertung:

Am 8. März 1943 schätzte ein Gerichtsvollzieher den Wert des zurückgebliebenen Inventars, hier die erste von sechs Seiten. In diesem Falle kam er nur noch auf insgesamt 538 Reichsmark, denn die frühere, gut bürgerliche Wohnung der Familie Ury war bereits 1939 beschlagnahmt worden. Derartige gute Wohnungen und deren Inventar plünderten zuerst die leitenden Beamten der Finanzdirektionen, danach wurde der Rest öffentlich versteigert.

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Verfügung und Zustellungsurkunde:

Weil in Deutschland alles seine bürokratische Ordnung haben muss – selbst die Beraubung und Ermordung der Bürger – stellte ein Gerichtsvollzieher am 11. Januar 1943 eine Urkunde der Gestapo zu, in der die Rechtsgrundlage zur „Einziehung von Vermögen“ erläutert wird. Frau Ury befand sich bereits im Sammellager, denn die gebührenpflichtige Zustellung erfolgte in die Große Hamburger Str. 26, dem umfunktionierten ehemaligen jüdischen Altersheim. Am folgenden Tag wurde Else Ury nach Auschwitz deportiert, am 13. Januar 1943 dort ermordet.

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Brief:

Doch selbst für diese ärmliche Wohnung gab es einen Interessenten, den ausgebombten Oberzollinspektor Oskar Heinrich. Mit Datum 15. März 1943 stellte ihm seine Dienststelle dieses Empfehlungsschreiben an die zuständige „Abteilung Gebrauchtmöbel“ der Stadtverwaltung Berlins aus. Die Verwaltung räumte 20% Preisnachlass auf die Schätzsumme ein.

 


    
Else Ury

1877 - 1943

1. November 1877

Geboren als drittes Kind einer in Berlin ansässigen jüdischen Kaufmannsfamilie
ab 1900 Veröffentlichung von Reiseberichten und Märchen in der Vossischen Zeitung
1906 Erster literarischer Erfolg mit der Erzählung "Studierte Mädel"
1918-1925 Erscheinen der "Nesthäkchen"-Serie. Die Serie hat den Lebensweg der Arzttochter Annemarie Braun vom kleinen umhegten, liebenswert aufmüpfigen "Nesthäkchen" zur jungen Frau, Medizinstudentin, Arztgattin, Mutter und Großmutter zum Inhalt.
Die einzelnen Bücher erschienen in einer Auflage von 200.000 bis 300.000 Exemplaren
1935 Ausschluss als Jüdin aus der "Reichsschrifttumskammer"
ab 1936 Else Ury erlebt durch Emigration von Familienmitgliedern und den Selbstmord ihres Bruders Hans den Zerfall ihrer Familie. Sie selbst schloss eine Auswanderung für sich aus, weil die 90jährige Mutter gepflegt werden musste
1939 Angeordnete Umsiedlung aus ihrer Wohnung Kaiserdamm 24 in ein "Judenhaus" in die Solinger Strasse 10
6. Januar 1943 Erzwungene Abgabe einer "Vermögenserklärung" über ihren gesamten Besitz
11. Januar 1943 Unterzeichnung der Zustellungsurkunde für eine "Verfügung", in der ihr mitgeteilt wurde, dass ihr "volks- und staatsfeindliches Vermögen" "zugunsten des deutschen Reiches" eingezogen werde
12. Januar 1943 Deportation zusammen mit 1.190 Berliner Juden vom Bahnhof Berlin-Grunewald nach Auschwitz-Birkenau und dort am
13. Januar 1943 als "arbeitsunfähig" ermordet.

 

Dokumente: Landesarchiv Berlin, Oberfinanzdirektion Berlin, Else Ury, Aktenzeichen 40/23072.



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