VI.4. "Überlebender Rest" - jüdische DPs
     in Deutschland und Österreich


Bei Kriegsende 1945 waren bis zu 9 Millionen Menschen heimatlos und entwurzelt. Sie wurden als „Displaced Persons“ (DPs) bezeichnet. Unter diesen befanden sich 200.000 Juden, Überlebende von Zwangsarbeit, Konzentrations-, Vernichtungslagern und Todesmärschen. Tausende starben noch nach der Befreiung. Andere ließen sich von den Alliierten „repatriieren“ oder schlugen sich sofort illegal nach Palästina durch.

Demonstration im DP-Lager Zeilsheim bei Frankfurt am Main mit der Forderung nach „sofortiger Befreiung aus den Lagern“. 
Fotograf E. Robinson,

Aus: Ein Leben aufs neu, hg. von J. Giere und R. Salamander, 
Wien 1995, S. 84.

 

Etwa 50.000 wollten nicht nach Ost-Europa zurück, ihre Familien waren dort ermordet worden und beunruhigende Meldungen von aktuellen antisemitischen Ausschreitungen trafen ein. In die Sowjetunion geflohene polnische Juden fürchteten nach ihrer Rückkehr um ihr Leben und wanderten weiter, vor allem nach Deutschland und Österreich in die britischen und US-amerikanischen Zonen. Zusammen mit den nach Kriegsende aus Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn und Rumänien geflüchteten Juden hielten sich Ende 1946 DPs in Lager auf in: Deutschland 185.000, in Österreich 45.000, in Italien 20.000.

Mit vielen Hochzeiten und Geburten versuchten die Überlebenden ein privates Glück aufzubauen und etwas über die schmerzlichen Verluste ihrer Familien hinwegzukommen.
Kindergeburtstag im DP-Lager Föhrenwald bei München. 
Fotograf E. Robinson,

Aus: Ein Leben aufs neu, S. 50.

Die DPs gründeten eine eigene ‚Regierung’ unter dem hebräischen Namen Sche’erit Hapletah – Überlebender Rest -, die bis Ende 1950 arbeitete. Das Ziel war die Organisation des Lebens in den DP-Lagern und der Auswanderung, vor allem nach Palästina und in die USA, ab 1948 in den gerade entstandenen jüdischen Staat Israel. Die britische Mandatsregierung in Palästina wurde wegen der Verhinderung einer jüdischen Masseneinwanderung heftig kritisiert. Ungeachtet des tristen Lageralltags – z.T. in den umfunktionierten ehemaligen Konzentrationslagern – entstand mit kultureller und religiöser Vielfalt noch einmal für wenige Jahre so etwas wie ein Schattenbild des untergegangenen jüdischen Lebens im osteuropäischen Stetl. Verkehrssprache in den Lagern war Jiddisch (Juden-Deutsch) - der mittelalterliche deutsche Dialekt, den die aschkenasischen, d.h. deutschen Juden in Osteuropa bis zu ihrer Ermordung sprachen.

Aus österreichischen DL-Lagern brachen Gruppen zur illegalen Überquerung der Alpen nach Italien auf, um von dort per Schiff nach Palästina zu gelangen. 

Aus: Flucht nach Eretz Israel, hg. v. T. Albrich,
Innsbruck u. Wien, 1998, Foto 30.

Die Nachbarschaft von deutscher Bevölkerung und jüdischen DPs war von Desinteresse und gegenseitigem Misstrauen gekennzeichnet. Weil DPs häufig auf dem Schwarzmarkt mit Waren handelten, die sie von internationalen Hilfsorganisationen erhalten hatten, stürmten mehrmals deutsche Polizeieinheiten DP-Lager. Diese Razzien riefen schreckliche Erinnerungen hervor an Getto-Räumungen und Massenerschießungen durch deutsche Polizeieinheiten nur wenige Jahre zuvor.

Am 25. November 1948 wurden die ersten 18 jüdischen DPs von Salzburg direkt nach Israel ausgeflogen. Mit der israelischen Staatsgründung entfielen die Einwanderungshindernisse.

Aus: Flucht nach Eretz Israel, Foto 41.

Die dennoch in Deutschland und Österreich bleibenden Juden bildeten dort den Keim eines allmählich wieder entstehenden jüdischen Gemeindelebens. Die Fragen, die sie und deren Kinder sich jeden Tag erneut stellten, sind bis heute nicht befriedigend beantwortet: Warum hat sich ein ganzes Volk zu Tätern, Mitläufern und gleichgültigen Zuschauern machen lassen? Warum gab es viel zu wenige mutige Helfer? Das Interesse in weiten Kreisen der heutigen Deutschen und Österreicher am Schicksal der Juden im Nationalsozialismus erwachte erst seit den 1980er Jahren.


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