Haus der Wannsee-Konferenz
Hausgeschichte der Villa Marlier (1914 bis heute)
Die Villa Marlier
Villa und Garten wurden 1914/15 nach Plänen
des Architekten Paul O. A. Baumgarten für den Unternehmer Ernst Marlier
gestaltet. 1921 verkaufte Marlier das Anwesen an Friedrich Minoux, der als
Generaldirektor im Hugo-Stinnes-Konzern wohlhabend geworden war. Während des
Krisenjahrs 1923 bot sich Minoux der Militärführung als Fachminister für ein
diktatorisch regierendes "Direktorium" an. Konspirative Treffen mit
Gesinnungsgenossen fanden auch hier in seiner Villa statt. Diese politischen
Ambitionen scheiterten, weil die Heeresleitung ihre Putschpläne gegen die
Weimarer Republik im November 1923 aufgab. Minoux führte auch Gespräche mit
Freikorps- und Naziführern, die aber ohne Ergebnis blieben.
Ankauf für den Sicherheitsdienst (SD), 1940
Nachdem sich Minoux vom Stinnes-Konzern getrennt hatte, eröffnete er eine Kohlengrosshandlung in Berlin. Als Aufsichtsratmitglied der Berliner Gaswerke unterschlug er mit zwei Komplizen zwischen 1924 und 1938 mindestens 12 Millionen Reichsmark. Im Mai 1940 wurde er deshalb verhaftet. Aus der Haft heraus verkaufte er Villa und Grundstück zum marktüblichen Preis von 1,95 Millionen Reichsmark an eine "Stiftung Nordhav", die für den SS-Sicherheitsdienst (SD) Grundstücksgeschäfte abwickelte. Seit September 1939 war der SD mit der Sicherheitspolizei (Kriminalpolizei und Geheime Staatspolizei) im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) zusammengeschlossen. SD- und Polizeiführer waren nun die neuen Herren in der Villa.
SD-Standort Berlin-Wannsee, 1937-1945
1937 richtete der SD am Grossen Wannsee ein geheimes
Ostforschungsinstitut ein. Dieses "Wannsee-Institut" erstellte
nachrichtendienstliche Berichte über die Sowjetunion und osteuropäische Staaten.
Gleichzeitig mit der Umgestaltung der Villa Minoux zum SS-Gäste-, Kasino- und
Konferenzhaus baute das RSHA Berlin-Wannsee zu einem seiner bedeutendsten
Standorte in Berlin aus. 1941 bezog die von Heydrich geleitete Internationale
Kriminalpolizeiliche Kommission eine Villa am Kleinen Wannsee. 1942 errichtete
der SD am Grossen Wannsee eine Funkzentrale ("Havel-Institut"), von der aus
Spionage- und Sabotageaktionen gegen die Sowjetunion gelenkt wurden
("Unternehmen Zeppelin"). Wegen der alliierten Luftangriffe auf die Berliner
Innenstadt verlagerte das RSHA Personal und Büros nach Wannsee. Hier trat auch
Walter Schellenberg, Amtschef des Auslands-SD, 1944 seinen Dienst an.
Der Villenvorort Wannsee war als Dienstsitz und Wohnort auch bei anderen
NS-Dienststellen und hochrangigen Funktionären beliebt.
Jüdische Zwangsarbeiter und die "Gartenbauschule Wannsee", 1940-1943
Ab 1940 ließ die SS die Gärten durch Zwangsarbeiter im "geschlossenen jüdischen Arbeitseinsatz" pflegen. In der "Gartenbauschule Wannsee" wurden von deren Leiter Georg Alexander mit Hilfe des Lehrers Jizchak Schwersenz jüdische Jugendliche betreut. Schwersenz ging mit Freunden und Schülern ab 1942 in die Illegalität und überlebte. Andere Gartenbauschüler wurden bei der "Fabrikaktion" am 27. Februar 1943, der Deportation der als Zwangsarbeiter noch in Berlin lebenden Juden, von der Gestapo an ihrem Arbeitsplatz aufgegriffen. Sie wurden nach Auschwitz deportiert und zumeist ermordet. Zur Pflege der Gärten in Wannsee setzte die SS anschließend osteuropäische Zwangsarbeiter ein.
Gästehaus der Sicherheitspolizei und des SD, 1941-1945
Das Gästehaus der Sicherheitspolizei und des SD in
der früheren Villa Minoux wurde im Oktober 1941 eröffnet. Hier übernachteten
hohe SS-Offiziere, Führer von Einsatzkommandos oder befreundete ausländische
Geheimdienstchefs.
Der Amtsleiter des Inlands-SD, SS-Gruppenführer Otto Ohlendorf, verlegte im
Oktober 1944 sein Hauptquartier in die Villa. Seine Mitarbeiter besprachen hier
mit Vertretern anderer Dienststellen Fragen der Volkstumspolitik oder befassten
sich mit Plänen des deutschen Widerstands zur Verwaltungsreform.
Ohlendorf leitete im Dezember 1944 eine Besprechung
über "Soziologische Fragen und Antworten", an der Professoren und Mitarbeiter
verschiedener Ministerien und NS-Behörden teilnahmen. Diese Experten
diskutierten wissenschaftlich-politische Kontroversen und berieten Pläne für die
Nachkriegszeit.
Gegen Kriegsende residierte zeitweilig Gestapo-Chef Heinrich Mueller im
Gästehaus und verhandelte dort z. B. mit dem Vertreter der Genfer Zentrale des
Roten Kreuzes über die Übergabe der Lager Ravensbrück und Sachsenhausen.
August-Bebel-Institut der SPD, 1947-1952,
und Schullandheim, 1952-1988
Nach Kriegsende nutzte die Rote Armee das Gebäude,
später die US Armee. Zeitweilig stand es leer. Nahezu die gesamte Einrichtung
wurde geplündert.
1947 zog das August-Bebel-Institut der Berliner SPD ein.
Seit 1952 diente es als Schullandheim des Bezirks Berlin-Neukölln. Ab 1988
erfolgten der Umbau und die historische Rekonstruktion von Villa und Garten für
die Errichtung einer Gedenkstätte.
Joseph Wulfs Initiative und die Eröffnung der Gedenkstätte, 1965-1992
Der Historiker Joseph Wulf (1912-1974), jüdischer Widerstandskämpfer und Überlebender von Auschwitz, veröffentlichte in Deutschland die ersten umfangreichen Dokumentationen zur NS-Herrschaft. 1965 forderte er ein Dokumentationszentrum in der Villa einzurichten. Wulf fand weltweit prominente Unterstützer. Der Berliner Senat war jedoch nicht bereit, das Gebäude freizugeben. 1974 nahm sich Wulf das Leben. In den 1980er Jahren wurden seine Pläne erneut aufgegriffen. 1988 wurde Gerhard Schoenberner, ein Pionier der Aufklärung über die NS-Verbrechen, mit der Errichtung der Gedenkstätte und Konzeption der Dauerausstellung beauftragt.
Zum 50. Jahrestag der Besprechung zur "Endlösung der Judenfrage" wurde die
"Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz" 1992 eröffnet.
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