Haus der Wannsee-Konferenz
Hausgeschichte
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Die Villa Marlier
Paragraph 5 des Kaufvertrages vom 30. April 1914 legte fest: "Auf dem Grundstücke dürfen Irrenanstalten sowie gewerbliche Anlagen, welche dem § 16 der Gewerbeordnung unterliegen, oder sonstige Anlagen, welche Geräusch, Rauch oder Geruch verbreiten, überhaupt nicht, andere gewerbliche Anstalten, Heil- und Erholungsanstalten, Gast- und Schankwirtschaften nur mit Genehmigung des Forstfiskus eingerichtet und betrieben werden..."
Villa und Garten wurden 1914/15 nach Plänen des Architekten Paul O. A. Baumgarten gestaltet, der auch bereits die Villa des Malers Max Liebermann in der Colomierstraße und das nebenan liegende Sommerhaus des AEG-Direktors und Reichstagsabgeordneten Johann Hamspohn entwarf.
1921 verkaufte Ernst Marlier das Anwesen an die Norddeutsche Grundstücks-Aktiengesellschaft in Berlin zum Preis von 2,3 Millionen Mark. Am 30. November 1937 geht das Vermögen der Aktiengesellschaft im Wege der Gesamtrechtsnachfolge auf die Proba Metallgesellschaft m.b.H. in Berlin über.
Kaufvertrag zwischen der
Norddeutschen Grundstücks-Aktiengesellschaft und "Herrn Geh.
Kommerzienrat" Ernst Marlier vom 10. September 1921 für das Grundstück
zum Preis von 2,3 Millionen Mark
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"Das Haus Minoux" -
Bereits am 21. Dezember 1937 ging das Vermögen nun auch wieder im Wege der Gesamtrechtsnachfolge auf den Kaufmann Friedrich Minoux (1877-1945) über. Minoux, Generaldirektor im Konzern des Industriellen Hugo Stinnes war durch Spekulationsgeschäfte während der Inflationszeit zu Reichtum gekommen. Minoux, der sich auch politisch betätigte, gehörte in den Krisenjahren nach der Gründung der Weimarer Republik zu jenen antirepublikanischen Kreisen der extremen Rechten, die eine Abschaffung der Demokratie forderten. In seiner Villa am Wannsee vermittelte Minoux am 21. Februar 1923 eine Aussprache zwischen dem früheren Generalquartiermeister Erich Ludendorff, einem der prominentesten Führer der extremen Rechten, und dem Chef der Obersten Heeresleitung, Generalmajor Hans von Seeckt. An dem Treffen nahm möglicherweise auch Reichskanzler Wilhelm Cuno teil. Militärs der Reichswehrspitze, Industrielle, Großbankiers und hochrangige Ministerialbeamte beabsichtigten 1923 zeitweilig, die parlamentarische Regierungsform durch ein „Direktorium“ mit diktatorischen Vollmachten unter Führung von Seeckts zu ersetzen, in dem der Finanzexperte Friedrich Minoux das Wirtschaftsressort leiten sollte. Minoux wurde auch als möglicher Reichskanzlerkandidat genannt
Am 25. Oktober 1923 sprach Minoux in München mit Ludendorff und Hitler. Doch es kam zu keiner Einigung mit diesen radikalen Antisemiten. Minoux wollte bei der wirtschaftlichen Stabilisierung Deutschlands durch ein autoritäres Regime nicht auf die Mitwirkung einzelner jüdischer Bankiers verzichten und lehnte einen Putschversuch, wie ihn Hitler und Ludendorff kurz darauf in München unternahmen, aus taktischen Gründen ab. Im Oktober 1923 trennte sich Stinnes von Minoux im Verlauf der erfolglosen Bemühungen der Reichsregierung, die Reichsmark gegenüber dem Dollars zu stabilisieren. Im April 1923 kauften die Stinnes-Firmen große Mengen Devisen an der Börse, was zu einer sturzartigen Abwertung der Mark führte. Stinnes war gegen jede Stabilisierung der Währung von der Geldseite her. Minoux jedoch forderte die Wiedereinführung der Goldmark und die Erhebung einer Sondersteuer in Höhe von fünf Prozent auf alle Landwirtschafts-, Industrie- und Privatvermögen. Diese Sondersteuer, Minoux nannte sie "Erfassung der Sachwerte", sollte dem Staat 200 Milliarden Mark zur Stabilisierung bringen. Nach dem Weggang von Stinnes gründete Minoux die "Friedrich Minoux AG für Handel und Industrie" sowie weitere Firmen, die im Kohlengroßhandel tätig waren. 1938 war er an der „Arisierung“ der "Cellulosefabrik Phil. Offenheimer Okriftel" beteiligt. Als Aufsichtsratsmitglied der Berliner Gaswerke AG (GASAG) veruntreute er zwischen 1927 und 1938 mit anderen Geschäftsfreunden die Vermögen der Berliner Gaswerke, der Stadtwerke Potsdam und der Gasbetriebsgesellschaft AG Berlin um mehrere Millionen Reichsmark. 1940 verhaftet, wurde Minoux im August 1941 wurde zu fünf Jahren Gefängnis und 600.000 RM Geldstrafe verurteilt, zwei weitere Angeklagte erhielten ebenfalls hohe Gefängnisstrafen. Minoux wurde erst im April 1945 aus dem Gefängnis Brandenburg-Görden entlassen. Er starb am 16. Oktober 1945 in Berlin-Lichterfelde und wurde auf dem Neuen Friedhof in Berlin-Wannsee beerdigt.
Ankauf für den Sicherheitsdienst (SD), 1940
Aus der Haft heraus verkaufte Minoux Villa und Grundstück zum Preis von 1,95 Millionen Reichsmark an die "Stiftung Nordhav", die 1939 vom Chef der Sicherheitspolizei Reinhard Heydrich errichtet worden war und deren Zweck die Schaffung und Erhaltung von Erholungsheimen für die Angehörigen des Sicherheitsdienstes der SS und deren Angehörige war (s. Satzung der Stiftung 'Nordhav' weiter unten auf dieser Seite). Der Kaufpreis wurde nicht an Minoux ausbezahlt, sondern zur Tilgung von Regressforderungen von Banken und der Reichshauptstadt Berlin einbehalten.
Am 15. November 1940 schreibt Heydrich an Albert Speer, den Generalbauinspekteur für die Reichshauptstadt, dass der Kauf des Grundstücks Am Großen Wannsee 56/58 dränge, da auch der Propagandaminister Goebbels Interesse an dem Grundstück zeige. In dem Schreiben Heydrichs heißt es u. a.: "Zukünftig soll das Grundstück, unter vorübergehender Benutzung der oberen Räume (ohne bauliche Veränderungen) während des Krieges wegen der guten Empfangsverhältnisse zum passiven Funkbeobachtungsdienst, als Gästehaus (ohne Erholungsheim oder Hotelbetrieb) des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD dienen, wobei es gleichzeitig günstige Vorbedingungen für Bade- und Bootssport zeigt. Insbesondere soll das Grundstück auch für die Arbeit der IKPK (Internationale Kriminalpolizeiliche Kommission) ... zur Verfügung stehen."
Dokumente zur Stiftung Nordhav:
Gästehaus der Sicherheitspolizei und des SD, 1941-1945
Das Gästehaus der Sicherheitspolizei und des SD in der früheren Villa Minoux wurde im Oktober 1941 eröffnet. Hier übernachteten hohe SS-Offiziere, Führer von Einsatzkommandos oder befreundete ausländische Geheimdienstchefs. Anfang Februar 1943 verkauft die Stiftung 'Nordhav' das Grundstück zum 1,95 Millionen Reichsmark an das Deutsche Reich (Polizeiverwaltung) zur "Weiterführung als Kameradschafts- und Führerheim der Sicherheitspolizei" (§ 4 des Vertrages). Der Amtsleiter des Inlands-SD, SS-Gruppenführer Otto Ohlendorf, verlegte im
Oktober 1944 sein Hauptquartier in die Villa. Seine Mitarbeiter besprachen hier
mit Vertretern anderer Dienststellen Fragen der Volkstumspolitik oder befassten
sich mit Plänen des deutschen Widerstands zur Verwaltungsreform. Ohlendorf leitete im Dezember 1944
eine Besprechung über "Soziologische Fragen und Antworten", an der Professoren
und Mitarbeiter verschiedener Ministerien und NS-Behörden teilnahmen. Diese
Experten diskutierten wissenschaftlich-politische Kontroversen und berieten
Pläne für die Nachkriegszeit.
August-Bebel-Institut der SPD
(1947-1952)
Nach Kriegsende nutzte vermutlich die Rote Armee das Gebäude (Angabe allerdings nicht gesichert), später die US Armee. Zeitweilig stand es leer. Nahezu die gesamte Einrichtung wurde geplündert. 1947 zog das August-Bebel-Institut der Berliner SPD ein und unterhielt durch ein Schulungszentrum.
Joseph Wulfs Initiative zur
Errichtung eines Dokumentationszentrums
in der Villa (1965-1974)
Der Historiker Joseph Wulf (1912-1974), jüdischer
Widerstandskämpfer und Überlebender von Auschwitz, veröffentlichte in
Deutschland die ersten umfangreichen Dokumentationen zur
NS-Herrschaft. 1965
forderte er ein "Internationales Dokumentationszentrum zur Erforschung des
Nationalsozialismus und seiner Folgeerscheinungen" in der Villa einzurichten. Wulf fand
weltweit prominente Unterstützer. Der Berliner Senat war jedoch nicht bereit,
das Gebäude freizugeben. Presseartikel zum Plan der Errichtung eines Dokumentationszentrums:
Dokumente zum Dokumentationszentrum:
Presseartikel zur geplanten Errichtung der Gedenkstätte:
Die Eröffnung der Gedenkstätte
1988 wurde Gerhard Schoenberner, ein Pionier der Aufklärung über die NS-Verbrechen, mit der Errichtung der Gedenkstätte und Konzeption der Dauerausstellung beauftragt.
Im Januar 2006 erfolgte die Eröffnung der neuen Dauerausstellung "Die Wannsee-Konferenz und der Völkermord an den europäischen Juden".
Literatur: Michael Haupt: Das Haus der Wannsee-Konferenz. Von der Industriellenvilla zur Gedenkstätte.
Berlin: Haus der Wannsee-Konferenz 2009, 200
S. mit 130 Fotos und Dokumenten.
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Ernst Marlier, 1916 im Wintergarten der Wannseevilla
Das Speisezimmer 1922, der spätere
Gedenktafel am Haus und an der
Grundstücksmauer
Seiten 1 - 4 von 10 Seiten des Kaufvertrages zwischen der
Stiftung 'Nordhav' und Friedrich Minoux vom 31.10.1940
August-Bebel-Institut, um 1949
Joseph Wulf im Garten der Villa, 1967
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Update 06.06.2011 | Startseite | homepage |