Haus der Wannsee-Konferenz

Villengarten Marlier - Haus der Wannsee-Konferenz
Die Villa Marlier ist der Ort der Wannsee-Konferenz von 1942, wo im Kreise von 15 ranghohen Vertretern der Ministerien, der Partei und des SD die beabsichtigte Deportation und Ermordung der europäischen Juden besprochen wurde. Zur Konferenz hatte der Chef des SD, Reinhard Heydrich, geladen. Protokollant war Adolf Eichmann, Deportationsexperte des SD.
Das Protokoll der Konferenz vom 20. Januar 1942 im Gästehaus der SS, Am Großen Wannsee 56-58, über organisatorische Fragen der "Endlösung" an 11 Millionen europäischer Juden gilt seit seiner Entdeckung als Schlüsseldokument. Zwar berichten eine Fülle von Dokumenten über die Details des Völkermords, doch ein weiterer derartiger Beleg für einen großen Gesamtplan (oder zumindest für eine Absichtserklärung) zur Begehung eines ungeheuren Staatsverbrechens als Ergebnis einer Dienstbesprechung von Staatssekretären und SS-Führem ist bisher nicht aufgefunden worden. Es ist aber nicht nur der überlieferte Text mit seiner bürokratischen und dennoch offen zynischen Sprache, an dem beim Stichwort "Wannsee-Konferenz" gedacht wird. Die Atmosphäre der Besprechung wird immer mitgedacht:
Im großbürgerlichen Ambiente des Speisezimmers einer ehemaligen Industriellen-Villa mit idyllischer Uferlage, im exklusivsten Berliner Vorort Wannsee gelegen, lassen sich hochrangige Ministerialbeamte von Mordpraktikern berichten, was in den besetzten Teilen der Sowjetunion mit den Juden bereits geschieht. Bei anregenden Getränken und einem anschließenden Frühstück erfahren sie, dass nun systematisch alle deutschen und schließlich alle europäischen Juden im deutschen Einflussbereich nach Polen deportiert und dort teils im Ghetto, im Internierungs- oder im Arbeitseinsatz sterben oder ermordet werden. In der Diskussion geben die Staatssekretäre Anregungen und vertreten die spezifischen Interessen ihrer jeweiligen Behörden. Grundsätzliche Einwände gegen das monströse wie gigantische Mordvorhaben erheben sie nicht.
Der Garten der Villa Marlier ist auf Grund seiner geschichtlichen, künstlerischen und städtebaulichen Bedeutung als Denkmal geschützt. Es handelt sich um einen der wenigen erhaltenen Gärten der früheren Colonie Alsen, der weitgehend seine originale Struktur bewahrte. Die Colonie Alsen galt als eine der schönsten und städtebaulich bedeutendsten Siedlungsgebiete aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Berliner Umland.
Die Gründung der Colonie Alsen im Jahre 1869 geht auf Wilhelm Conrad zurück, einen bekannten Berliner Bankier. Gustav Meyer, Gartenbaudirektor der Stadt Berlin, entwarf einen Bebauungs- und Straßenplan für das Gelände an den Ostufern des Großen und Kleinen Wannsee. Beide Gewässer waren zu dieser Zeit noch zwei stille von Kiefernheide umgebene Seen auf dem Wege von Potsdam nach Berlin.
Im Kaiserreich setzte eine rege Bautätigkeit ein. Bauherren waren vor allem Mitglieder des Berliner Großbürgertums, aber auch einige namhafte Künstler siedelten sich in Wannsee an. Die Landgesellschaft Wannsee erschloss nach der Jahrhundertwende den gesamten Uferstreifen einschließlich des Fenns hinter dem heutigen Krankenhaus Heckeshorn. Das anschließende Ufer bis zur Pfaueninsel wurde als Dauerwaldgebiet festgeschrieben. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges veränderte die Kolonie ihren Charakter. Aus den früheren Sommerbewohnern wurden Dauernutzer, die Inflation führte zu einer sozialen Umschichtung.
Die 1914/15 errichtete Villa Marlier grenzte unmittelbar an den nördlichen Rand der alten Colonie Alsen. Der Architekt war Paul A. Baumgarten, der sich in der Villenkolonie bereits mit dem Bau der Villa von Max Liebermann (1909) einen Namen gemacht hatte. Das Ehepaar Marlier verkaufte das Grundstück bereits 1921 an den Kohlengroßhändler Friedrich Minoux, der als einer der reichsten Männer Deutschlands galt und politisch zur konservativen Opposition gegen die Weimarer Republik gehörte. 1941 erwarb die SS-Stiftung Nordhav das Anwesen für den Preis von 1,95 Millionen Reichsmark und nutzte es bis 1945 als Erholungs-, Tagungs- und Kameradschaftsheim.
Die Villa wurde 1947-1952 von der August-Bebel-Stiftung als Schulungsheim für die SPD genutzt. Von 1952-1988 beherbergte sie das Schullandheim des Berliner Bezirks Neukölln. 1969 wurde eine Teilfläche mitsamt Bootshaus vom Land Berlin an den Zeuthener Seglerverein verpachtet. 1987 wurde das gesamte Grundstück einschließlich Segelclubgelände als Denkmal eingetragen. In diesem Jahr entstand auch der Plan des Berliner Senats, das Haus in eine Gedenkstätte umzuwandeln. Damit wurde teilweise an die Idee einer Bürgerinitiative um den Historiker Joseph Wulf aus den 60er Jahren angeknüpft, die damals keine Chance auf politische Realisierung hatte. 1988 begann der Umbau der Villa. 1992, zum 50. Jahrestag der Wannsee-Konferenz, eröffnete die Gedenk- und Bildungsstätte die Dauerausstellung und begann mit ihrer pädagogischen Arbeit.
Zur Gartengestaltung
Die Anlage des Gartens (ca. 29.750 qm) erfolgte in einer Zeit des Übergangs vom vorherrschend landschaftlichen zum architektonisch angelegten Garten. Etwa um 1910 hatten sich reformorientierte Gartenkünstler gegen die traditionelle Von-Lenne-/Meyer'sche Schule durchgesetzt. Der neue Gartenstil sollte an alte künstlerische Traditionen anknüpfen, etwa an die Gestaltungsprinzipien der Renaissancegärten, der Gärten des Barock und des Rokoko. Im Spannungsverhältnis hierzu stand die Rückbesinnung auf Nutzgartenformen nach dem Vorbild der alten Bauern-, Biedermeier- und Klostergärten. Der Garten Marlier ist ein wichtiges Beispiel für den reformorientierten architektonischen Gartenstil, eingebettet in einen Landschaftsgarten.

Villa Marlier, Seeseite, 1916
Es ist nicht überliefert, welcher
Gartenarchitekt von Baumgarten zu Rate gezogen worden ist. Die Einbindung
der architektonischen Gartenteile, der Villa und der Nebengebäude in eine
übergeordnete landschaftliche Gestaltung, die Einbeziehung des vorhandenen
Baumbestands, die zahlreichen botanischen Besonderheiten und eine reiche
Ausstattung mit Stauden und Blumen lassen auf die Mitwirkung eines
Gartenarchitekten schließen.
Zeitgenossen verwiesen auf das Geschick
Baumgartens, seinen Bauten "der charakteristischen Stimmung einer Landschaft
einzufügen". Die Villa Marlier platzierte Baumgarten in die Mitte des
Grundstücks und betonte zugleich dessen Tiefe durch eine axial auf das Haus
gerichtete Zufahrt. Diese wiederum mündet in einen rechteckigen, die Breite
des Gebäudes widerspiegelnden Vorplatz. Axialität und Symmetrie setzen sich
auf der Garten- und Wasserseite des Gebäudes in den drei vorgelagerten,
abgestuften Terrassen fort.
Das Gebäude ist an die äußerste Hangkante geschoben, so dass die aufgeschütteten Terrassen und das Rasenparterre den Ausblick auf den Wannsee wie von einer Bastion aus präsentieren.
Eine Querachse vor dem Gebäude verbindet das südliche, abgesenkte Blumenparterre und den nördlichen geometrischen Waldgarten mit dem Haus zu einer dreiflügligen Anlage, die den repräsentativen Schlosscharakter verstärkt. Über das Gelände verstreut befinden sich verschiedene Gartenarchitekturen: die "Neugierde" an der äußersten östlichen Ecke des Grundstückes, der Pavillon nordöstlich des Hauses in der Nähe des Steingartens, die Bastion unmittelbar östlich vor dem Haus sowie Gartenhäuschen, Treppen, Mauern, Ufermauern und Skulpturenschmuck (davon besonders bemerkenswert ist die Hermesstatue am Schnittpunkt der Querachse mit der Birken-/Rhododendron-Allee.
Im Bereich dieses nördlich des Hauses gelegenen trapezförmigen Waldgartens findet sich als eine weitere Besonderheit für die Entstehungszeit eine Brunnenanlage mitsamt der gegenüberliegenden steinernen Rundbank. Kennzeichnend für diesen Bereich des Waldgartens ist auch die schräg zur Querachse verlaufende Kastanienallee, die dicht an der Hangkante der Uferlinie vom Osten zum Nordosten folgt. Die Birken-/Rhododendron-Allee verläuft parallel zur Hauptachse und teilt damit den Waldbereich. Ein breiter Rasenweg mit Bank, Nischen und Skulpturen gibt der Allee den Charakter einer Lichtung und macht sie so zum Aufenthaltsbereich.
Die Flora des waldartigen Plateaus wird durch Kiefern und Birken bestimmt. Historische Fotoaufnahmen bestätigen, dass damit ein Großteil des vorhandenen Baumbestands bei der Anlage des Gartens mit einbezogen wurde.
Auf dem Gelände befanden sich diverse Nebengebäude, so das Pförtnerhaus am Haupteingang, das Gärtnerhaus mit Gewächs- und Geflügelhaus am Nebeneingang und auch ein am Wasser gelegenes Bootshaus an der südöstlichen Grundstücksgrenze. Südlich des Hauses existierte ein großer Blumengarten. Wie sich aus der Befragung von Zeitzeugen erschließen lässt, verfügte der Gärtner zur Zeit Minoux' über einen recht großen Etat für Pflanzen und Stauden, die per Schiff aus Potsdam angeliefert wurden. Mehr nützlichen Charakter hatte der Obst- und Gemüsegarten westlich des Gewächshauses. Dabei wurde der Gemüsegarten von je einer Reihe Spalierbäumen mit Äpfeln und Birnen auf der Nord- und Ostseite und drei Reihen Pfirsichbäumen auf der Südseite gerahmt. Drei Rosenbogen überspannten den Weg zwischen Obstquartier und Frühbeetkästen.

Ernst Marlier im Garten, 1916
Im Laufe der Jahre kam es im Gartenbereich zu
einigen Veränderungen. In den 30er Jahren wurde das Geflügelhaus zur Garage
umgebaut, die Gartenwege asphaltiert und mit Kies abgedeckt. Das Wegesystem
war sehr vielfältig. Neben den bereits genannten Verbindungen existierte
ursprünglich ein großer Rundweg der am Haupttor beginnend zunächst in
west-östlicher Richtung den Waldgarten durchquerte, um dann am Ufer entlang
zum Bootshaus zu führen. Hinzu kamen ein kleiner Rundweg östlich des
Hauptgebäudes sowie etliche Nebenwege, welche die Hauptachsen miteinander
verbanden.
Nach dem Kauf des Hauses durch die SS wurde eine 24 x 10 m große Baracke im nördlichen Teil des Uferstreifens errichtet. Wahrscheinlich stammt auch aus dieser Zeit die Veränderung des großen Ovalbeetes auf dem Vorplatz. Man verkleinerte dieses, um Parkmöglichkeiten für Kraftfahrzeuge zu schaffen. In der Nachkriegszeit wurden im Zuge von Instandsetzungsmaßnahmen zahlreiche Veränderungen vorgenommen. In den 50er Jahren wurde die SS-Baracke abgerissen und die Ufermauern ausgebessert. Mitte der 70er Jahre wurden die Terrassen instand gesetzt und mit zwei kleinen Treppen ergänzt. In den 80er Jahren wurden die Zaunfelder an der Straße und die untere Terrasse renoviert. Auf der seit 1969 vermieteten Teilfläche mit dem Bootshaus wurden zwischenzeitlich starke Veränderungen vorgenommen.
Durch die Einrichtung der Gedenkstätte und die damit verbundene Erstellung eines gartendenkmalpflegerischen Gutachtens ist es seit 1988 zu umfangreichen historischen Rekonstruktionsarbeiten gekommen. Zu nennen wäre die Wiederherstellung des Blumengartens und die Aufstellung des dortigen Brunnens. Auch der Obstgarten wurde ansatzweise wieder belebt. Der Asphaltbelag auf den Wegen wurde weitgehend entfernt und durch eine wassergebundene Wegedecke ersetzt.

Putten auf dem Dach (Seeseite), 2002
Im ehemaligen Gewächshaus wurde eine Cafeteria eingerichtet. Die Putten auf dem Dach der Villa wurden erneuert und teilweise auch im Garten wieder aufgestellt. Das Wegesystem wurde im Bereich des Bootshauses verändert, was auf eine Abschaffung des früheren großen Rundwegs hinauslief. Der Vegetationsbestand wurde stark ausgelichtet und durch Neuanpflanzungen ergänzt (besonders Efeupflanzen und Sträucher). An der Stelle des ehemaligen Pavillons wurde eine Aussichtsplattform mit Blick auf den See errichtet.
Die ansatzweise gelungene Rekonstruktion gärtnerischer Idylle steht in einem starken Gegensatz zur historischen Bedeutung des Ortes zu Beginn des Völkermords an den europäischen Juden. Der Gegensatz von Idylle und Horror wird von den Besuchern stark empfunden und oft angesprochen.
► Der Garten und die Villa Marlier im Laufe der Jahrzehnte I
► Der Garten und die Villa Marlier im Laufe der Jahrzehnte II
► Objekte und Figuren im Garten und Wintergarten

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© Haus der Wannsee-Konferenz, Berlin |