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Tagung Pädagogik in Gedenkstätten 12.-15.10.2000, Berlin |
Haus
der Wannsee-Konferenz Gedenk- und Bildungsstätte |

Prof. Dr. Birgit Dorner
Katholische Stiftungsfachhochschule, München
BILDENDE KUNST IN DER GEDENKSTÄTTENARBEIT
Nun, sie erwarten jetzt, einen Text mit dem Titel "Bildende Kunst in der Gedenkstättenarbeit" zu lesen - so war auch mein Vortrag bei der Fachtagung "Pädagogische Arbeit in Gedenkstätten" ausgeschrieben - da aber weder sehr viele bildende KünstlerInnen in die Gedenkstättenarbeit involviert sind, noch bildende Kunst im engeren Sinn mir als eine realistische Methode für die Gedenkstättenarbeit erscheint, soll es nun vielmehr um den Einsatz von kunstpädagogischen Methoden und Arbeitsweisen in der Gedenkstättenpädagogik gehen. Ein weites Themenfeld.
Kunstpädagogik beschäftigt sich mit Bildern, sie arbeitet mit Bildern, sie analysiert Bilder und sie produziert Bilder. Dabei gehören nicht nur äußere, mit den Augen wahrnehmbare Bilder in ihr Arbeitsfeld, sondern auch innere Bilder wie Phantasien und Vorstellungen. Es gibt also vielfältige Anknüpfungspunkte für die Kunstpädagogik im Bereich der einzelnen Gedenkstätten.
Zum einen wäre da der Bereich der Ausstellungen selbst. Ausstellungen bestehen zu einem unterschiedlich großen Prozentsatz aus Bildern und sie produzieren Bilder. Bei jedem Ausstellungsbesuch, egal mit welchem thematischen Schwerpunkt, findet ein Diskurs in Bildern statt. Und mit diesen Bildern sind hier wiederum nicht nur die äußeren wahrnehmbaren Bilder, also z. B. Fotografien gemeint, sondern auch die inneren Bilder, die Erinnerungen, die Vorstellungen, die wir in uns beim Betrachten von Bildern und beim Lesen von Texten erzeugen. Denn unser Denken ist, auch wenn wir das oft im Meer der gedruckten Buchstaben übersehen, zu einem beachtlichen Teil ein Denken in Bildern. Es handelt sich dabei um eine Wechselwirkung von Rezeption, Reflexion, Produktion.
Unablässig sind damit wir beschäftigt, Bilder von uns selbst, von anderen, von der Welt, in der wir leben, zu entwerfen, frühere Bilder zu verwerfen und neue zu erfinden, wie Theodor Schulze treffen schreibt (1). Ein Diskurs in Bildern, ein Denken in Bildern beschäftigt sich mit den Fragen, die aus einem Bild hervortreten und mit den Antworten, die in ein anderes Bild zurückkehren, indem sie die Gestalt des Bildes abwandeln, ergänzen oder widerlegen. Das ist ein Prozess, der im normalen Leben ständig abläuft, in Ausstellungen vielleicht intensiviert wird, in historischen Ausstellungen aber wünschenswerterweise fokussiert auf einen Themenkomplex abläuft. An einer solchen Fokussierung könnte man vielleicht auch die Qualität einer Ausstellung festmachen.
Was erzählen nun die Bilder in den Ausstellungen unserer Gedenkstätten, erzählen sie wirklich die Geschichte(n), die wir wollen? Das wäre eine kunstpädagogische Fragestellung.

Ein Beispiel: Erzählen die von der SS aufgenommenen Dokumentarfotos, die in riesigen Formaten in der bisherigen Ausstellung der KZ-Gedenkstätte Dachau den Alltag im KZ-Dachau illustrieren sollten, wirklich die Geschichte der Häftlinge im KZ oder besser: Welche Geschichte der Häftlinge haben sie jahrzehntelang erzählt?
Natürlich weisen die ehrenamtlichen MitarbeiterInnen, wenn sie durch die Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Dachau führen, daraufhin, mit welchen fotografischen Tricks Mitarbeiter der SS Häftlinge auf Bildern zu Propagandazwecken so festgehalten haben, dass diese allesamt wie düstere, wenig vertrauenswürdige Gestalten aussehen, denen man lieber nicht begegnen möchte und die Umerziehung scheinbar dringend nötig haben. Aber bleibt die Wirkung, die Geschichte, die die Bilder erzählen, nicht dennoch prägnanter als die der Worte?
Eine andere Frage wäre: Welche Bilder zeigen unsere Ausstellungen von den TäterInnen?
Bildende Kunst findet man in den Ausstellungen verschiedener Gedenkstätten auch in Form von Bildwerken, die von Häftlingen während ihrer Haftzeit erstellt wurden. Konzepte für den Umgang mit diesen Bildern zu entwickeln, ist natürlich auch eine kunstpädagogische Aufgabe. Sie sei hier nur angerissen. Welche Qualitäten der Vermittlung, welchen Wert schreiben wir diesen Bildwerken zu?
Außer den bildnerischen Zeugnissen von Inhaftierten finden sich in den Gedenkstätten auch Bilder von Überlebenden, nach dem Ende ihrer Haft gemalt, geformt - aus dem Verlangen, die eigenen Erinnerungen auszudrücken und weiterzugeben. Häufig wird solchen alternativen Ausstellungsstücken, wie Kunstwerken, als Ergänzung der dokumentarischen Ausstellung mehr oder weniger große Skepsis, gerade von Seiten der HistorikerInnen, entgegengebracht. Dabei ist ein Ausgangspunkt der Kritik die Einstellung, dass die Verbrechen des Nationalsozialismus derartig unbegreiflich, so unfassbar seien, dass man sie eigentlich nicht in (nachträglich produzierte) Bilder fassen kann. Mit diesem Dilemma kämpfen aber Sprache und Dokumentation genauso.
Des weiteren wird kritisch angeführt, dass nur ein Teil der BetrachterInnen auf Kunstwerke sensibel reagiert, wie Renata Barlog-Scholz (2) das – Irena Szymanska referierend - darstellt:
"Es werde für manche Betrachter zutreffen, dass durch die Aktivierung der ‚emotionalen Erlebnisse’ durch Kunst ‚die Erkenntnisprozesse und die Sensibilität’ des Betrachters vertieft werden könne, und ‚die Reflexion’ hervorrufe. Sie werde manche Besucher direkter ansprechen als ‚Theoretisches Wissen’ und sei deshalb als ‚Ergänzung, Vertiefung und Illustrierung von Werten’ gut geeignet."
Meiner Ansicht nach, zeigt sich hier ein grundsätzliches Misstrauensverhältnis Vieler, nicht nur von HistorikerInnen, gegenüber der Sprache der Bilder, in der man sich nicht zu Hause, nicht firm fühlt. Und - Bilder sind in unserer Kultur offensichtlicher vieldeutig als Sprache. Doch auch ihr wird Objektivität "nur" zugeschrieben, sie hat sie nicht automatisch inne. Aber nach wie vor funktionieren Wissenschaft und Bildung und mit ihnen Geschichte durch und über Sprache. Ob Sprache diesen Status in der zunehmend visueller angelegten Kultur unserer Zeit halten kann, ist für mich fragwürdig. Nach-fragwürdig ist auch, ob nicht gerade Jugendliche, mit ihrer ganz anderen ästhetischen Sozialisation - sie bewegen sich ja viel natürlicher in den visuellen Welten - nicht auch andere Zugänge zur Geschichte, zur Erinnerung bräuchten.
Zurück zum Ort Gedenkstätte:
Eine weitere Umgebung, die für uns visuell wahrnehmbar ist und zur fortlaufenden Bildproduktion einlädt, ist natürlich das jeweilige Gelände der Gedenkstätte selbst. Lassen sie mich wieder zum Beispiel Dachau gehen - ich kenne dort das Gelände einfach am besten.
Harold Marcuse hat die Situation in Dachau wunderbar beschrieben:
"Die Besucher und Besucherinnen der heutigen Gedenkstätte in Dachau betreten das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers durch einen 1965 geschaffenen Mauerdurchbruch. Ihr Weg führt über die vergrabenen Fundamente eines Gefängnisses für straffällige SS. Der Blick fällt dann auf zwei langgestreckte Baracken, keine Originale, sondern Nachbauten aus dem Jahr 1964. Die meisten Besucher gehen dann in das Museum, das ursprünglich Häftlingsbad und -küche beherbergte, nach der Befreiung verschiedene Gerichtshöfe, später eine Lederfabrik und eine Färberei. Am Ausgang des Museums steht das Internationale Mahnmal von 1968 vor dem Appellplatz. Früher standen hier Barackenbauten aus den letzten Kriegsjahren, eine von internierten SS-Männern 1945 erbaute Kirche …" (3)
Das Außengelände der KZ-Gedenkstätte in Dachau bietet nicht viel Authentisches aus der Zeit von 1933-45 und stellt damit keineswegs eine Ausnahme unter den Gedenkstätten für NS-Opfer dar, sondern vielmehr die Regel. Also kaum mehr etwas zu sehen, könnte man sagen, doch - jede/r, der/die eine Führung durch das Außengelände mitmacht oder sie gestaltet, sieht mehr als das, was real vorhanden ist. Durch Worte stellen sich "Bilder der Erinnerung" ein - nicht Bilder einer echten, persönlichen Erinnerung, sondern einer konstruierten Erinnerung. In der Regel hat kein/e TeilnehmerIn der Führung die Zeit des Nationalsozialismus, des Konzentrationslagers miterlebt. So wird Erinnerung während der Führung in Erinnerungs-Bildern konstruiert.
Ich behaupte: Alle, die im Gedenkstättenbereich arbeiten, die Führungen machen, haben aus den Erzählungen von Zeitzeugen, aus der gelesenen Literatur, aufgrund der authentischen Fotografien und des Filmmaterials für sich Erinnerungs-Bilder konstruiert, die sich bei bestimmten Schlüsselzeichen, an spezifischen Orten, in bestimmten Zusammenhängen im Inneren einstellen und von Empfindungen begleitet werden. Diese Bilder werden immer wieder neu und anders konstruiert, entsprechend neuer Erzählungen, Fakten, Quellen oder im Zuge der persönlichen Entwicklung, ausgehend allerdings von einer eher stabilen Grundvorlage. Das passiert meist in einem vorbewussten Prozess, wir sehen die Bilder nicht wirklich vor uns und doch möchten wir genau diese Bilder weitervermitteln, sie sollen sich auch in der Vorstellung der Zuhörenden einstellen. Das aber kann nur in Ansätzen funktionieren. Denn andere Menschen haben andere Grundvorlagen und durch gleiche Worte oder Orte werden bei ihnen ganz andere Bilder wachgerufen.
Was schließlich unsere Erinnerungs-Bilder mit den authentischen, mit denen, die die Häftlinge damals vor Augen hatten, gemeinsam haben, ist schwer zu sagen.
An dieser Stelle fordere ich aus kunstpädagogischer Sicht eine regelmäßige Fortbildung für MitarbeiterInnen, die Führungen in den Gedenkstätten anbieten. In Workshops sollte dort versucht werden, mit den persönlichen Bildern der Erinnerung zu arbeiten, sie herzuholen und zu reflektieren. Sie sollten Anregung sein, sich immer mal wieder Zeit für die eigenen Erinnerungs-Bilder zu nehmen und für die in ihnen enthaltenen pädagogischen Zielsetzungen.
Auf dem Gelände vieler Gedenkstätten findet aber nicht nur die Produktion von Bildern mittels Ausstellung, authentischer Gebäude etc. und durch Führungen statt, sondern sehr häufig stehen dort auch Werke der Bildenden Kunst, wie das Mahnmal mit der Skulptur von Nandor Glid in Dachau.

Bildwerke wie dieses stellen einen Versuch der Erinnerung aus einer ganz bestimmten Perspektive dar, ein Statement mit einer pädagogischen und/oder politischen Intention.
Wenn in Schriften zur Gedenkstättenpädagogik von Kunst, bildender Kunst etc. die Rede ist, sind entweder die Bilder von Häftlingen oder die Bildwerke gemeint, vorwiegend Skulpturen, die ausgehend von der Nachkriegszeit bis heute entstanden sind. Hildegard Vieregg spricht von einer Mahn-Mal-Kunst (4), die sich in unterschiedlichen Formen manifestiert: als plastisches Einzelobjekt, Environment und Rauminszenierung, Verbindung von Architektur und Gelände, Räume der Stille etc.
Gerade an den Mahn-Mal-Plastiken und -Skulpturen wird deutlich, dass alle Mahn-Mal-Kunst, wie Kunst und andere Zeugnisse des Denken überhaupt, ein Produkt ihrer Zeit ist - und dass sie auch immer den Umgang mit der NS-Vergangenheit in einer bestimmten Zeit, in dem jeweiligen Land widerspiegelt. Vergegenwärtigen Sie sich die überlebensgroßen Skulpturen, angelehnt an die Kunst der Stalin-Zeit, die man vielfach auf dem Gelände von Gedenkstätten finden kann. Der Aspekt des Eingebundenseins von Erinnerung in den jeweiligen zeitgeschichtlichen Kontext, wird bei historischen Dokumentationen häufig bewusst zum Verschwinden gebracht, die Ausstellungen stellen ihre dort entwickelte Geschichte als die Geschichte dar. So macht die Auseinandersetzung mit den Bildwerken der Mahnmals-Kunst in der pädagogischen Arbeit in Gedenkstätten durchaus einen weiterreichenden Sinn, denn wie Vieregg schreibt:
"Nur selten wird die in Mahn-Malen und an Gedenk-Stätten ‚verewigte’ Erinnerung als Aufruf zum Dialog verstanden, die Vergangenheit nicht nur ‚fest-stellt’ , sondern einen Prozess des Nach- und Weiter-Denkens anregt. … Nicht nur das Mahn-Mal, das Denk-Mal und die Gedenk-Stätte oder Denkstätte unterliegen also dem zeitgeschichtlichen Prozess, sondern der Prozess der Erinnerung selbst und auch die Geschichte der Erinnerung. … Historisches Verständnis für Mahn-Male und Gedenk-Stätten kann nur auf dem Wege der jeweils eigenständigen Deutung aus der Gegenwart heraus erreicht werden; nur so kann Vergangenheit eine ‚Präsenz in der Gegenwart’ und Zukunft gesichert werden." (5)
Bilder sind also Grundlagen für Reflexionsprozesse, für Assoziationen, auch für ästhetische Assoziationen. Bilder sind Grundlagen für weitere Bilder, für bildliche Assoziationsketten.
Und hier setzt nun ein weiterer Aspekt kunstpädagogischer Arbeit in Gedenkstätten an. Bisher versuchte ich in meinem Vortrag die unterschiedlichen Bildwelten, die GedenkstättenbesucherInnen erwarten, zu beschreiben. Jetzt möchte ich Möglichkeiten gestalterischer, bildnerischer Reaktionen auf diese Bilder aufzeigen. Welche Ansätze werden praktiziert? Ich werde einige Ausschnitte meiner bisherigen Arbeit in Dachau vorstellen und lade die LeserInnen ein, das Bild zu vervollständigen. Eine umfassende Darstellung kunstpädagogischen Arbeitens in Gedenkstätten des NS fehlt bisher.
Beispiel: Internationales Jugendbegegnungszeltlager bzw. Internationale Jugendbegegnung in Dachau.
Der erste kunstpädagogische Ansatz, der schon 1985 auf dem Internationalen Jugendbegegnungszeltlager verwirklicht wurde, war eigentlich ganz auf kunsttherapeutischen Prinzipien aufgebaut. Das wusste von uns damals niemand. Beim Gestalten, bei ästhetischen Prozessen, die bei der gestalterischen Tätigkeit ablaufen, erfährt die gestaltende Person Entlastung, sie kann Spannungen abbauen. Die Kunsttherapie spricht hier vom "kathartischen Moment" der gestalterischen Arbeit, betrachtet diese als ein pädagogisch-therapeutisches Mittel der "Selbst-Heilung" und setzt sie dementsprechend bei den verschiedensten psychischen Belastungszuständen ein.
Der Besuch einer KZ-Gedenkstätte, aber auch einer "Täter-Gedenkstätte" ist in der Regel ein psychischer Belastungszustand. Deshalb kann es für die Verarbeitung der gewonnenen Eindrücke, der entstandenen Emotionen hilfreich sein, direkt im Anschluss an den Besuch - oder aber auch mit einer gewissen zeitlichen Versetzung - einfache, ergebnisoffene Gestaltungsangebote zu machen. Diese haben dann eher meditativen Charakter. Um die kathartische Wirkung des Gestaltens zu verdeutlichen, zitiere ich ein Stück aus einer Hausarbeit einer Studentin, die mit einer meiner Seminargruppen die Gedenkstätte Dachau besucht hat. Die Teilnehmerin des Seminars kam aus Ostdeutschland und hatte schon im Alter von etwa acht Jahren einen Besuch in der KZ-Gedenkstätte in Buchenwald, im Rahmen eines Sommerzeltlagers, mitmachen müssen. Sie war von diesem Besuch tief erschüttert, man könnte fast sagen, traumatisiert. Sie äußert in ihrer schriftlichen Reflexion über das Seminar folgendes:
"Wir gingen zu dem Bereich, welcher mich am meisten erschütterte. Wir sahen die Verbrennungsöfen und die Kammern, in denen die Menschen vergast werden sollten. Der Blick auf die Verbrennungsöfen weckte alte Erinnerungen in mir und zwar die Erinnerungen an meinen ersten KZ-Besuch in Buchenwald. Damals war ich ungefähr acht Jahre und konnte vieles nicht begreifen, was in den KZs vorging. Doch der Besuch in Dachau ließ mich spüren, dass ich diese KZ- Erinnerungen nie ganz verarbeitet hatte. Wahrscheinlich, weil früher niemand da war, der mit mir über meine Gefühle nach dem KZ-Besuch sprach. …
Noch einige Tage nach dem Seminar dachte ich an die Grausamkeiten des Nationalsozialismus, (dachte) über meinen KZ- Besuch in Buchenwald und Dachau nach, befasste mich nochmals mit unserer Geschichte, sah mir den Film ‚Schindlers Liste’ an und sprach mit meinen Eltern über meine Gefühle.
Ich fragte mich immer wieder, wie man anderen Menschen ein so grausames Leid antun konnte; es ist für mich unbegreiflich. Ist denn ein Menschenleben nichts wert, wenn jemand anders denkt, fühlt oder einen anderen Glauben hat? … Ich war sehr betroffen und es hat mich noch einige Zeit beschäftigt. Allerdings war ich doch sehr verwundert darüber, wie sehr die Kunst mir die Möglichkeit gab, Gefühle und Eindrücke zu verarbeiten. Hierzu ein kurzes Zitat aus dem Buch ‚Ich besiege alle Drachen!’: ‚Kunst heilt die Wunden, die der Verstand schlug.’ (Novalis)
Die Beschäftigung nach dem Seminar mit diesem grausamen Teil unserer Geschichte half mir, meine Erinnerungen an meinen ersten KZ-Besuch zu verarbeiten.
Dann ließ ich das Thema erst einmal auf sich beruhen. Bis vor einiger Zeit, als ich anfing, mich mit der Ausarbeitung der Hausarbeit zu befassen. Ich bemerkte, dass ich die Ausarbeitung anfangs immer weiter hinausschob, um mich nicht noch einmal mit dem Thema zu beschäftigen. Doch nach einer gewissen Zeit merkte ich, dass es mir wesentlich leichter fiel, das Thema zu bearbeiten, als ich dachte. Zu diesem Zeitpunkt wurde mir klar, dass ich endgültig meine Eindrücke und Gedanken dazu verarbeitet hatte und dass die Kunst einen wesentlichen Anteil dazu beitrug. Und somit fiel bzw. fällt es mir jetzt nicht mehr so schwer, mich damit auseinander zu setzen."
In einem "kathartischen Prozess" entstandene Werke können auch einladen zu einem Gespräch, zu einem Austausch über das Gestaltete, über Assoziationen dazu. Denn Bilder sind, wie schon gesagt, immer mehrdeutig, sie selbst rufen wieder Assoziationen in Form von Bildern hervor. Die Öffnung für die Wahrnehmung der anderen ermöglicht neue Selbsterfahrungen. Trotz der Bedeutung eines Gesprächs sollte die Eigenständigkeit des bildnerischen Prozesses aber nicht in den Hintergrund geraten:
"Die Funktionen des produktiven Prozesses werden oft unterschätzt und die Ergebnisse nur als Vehikel für den verbalen Diskurs benutzt … Dabei ist die ästhetische Produktion eine eigenständige Äußerungsform jedes Teilnehmers, die geeignet ist, auch emotionale Zwischentöne, Unterbewusstes mitzuteilen und zwar oft stärker als das reflektierende Wort." (6)
In den Jahren von 1988-98 entwickelten wir neue Konzepte für kunstpädagogische und andere Projekte. So habe ich in diesen Jahren mit Gruppen Jugendlicher und junger Erwachsener, die nach Dachau zum internationalen Jugendbegegnungszeltlager bzw. dann schon zur Internationalen Jugendbegegnung gekommen sind, Workshops mit kreativen Methoden, also mit kunstpädagogischen Ansätzen wie Malen, Bauen von Plastiken, szenischem Spiel usw. durchgeführt.
Meist hatten diese Workshoptage eher allgemeine Themen wie Macht, Gewalt, Anders Sein - Themen, die aber untrennbar mit dem Thema Nationalsozialismus verknüpft sind. Es war mir bei den Workshops immer ein Anliegen, die Reflexion über die Geschichte des Nationalsozialismus zu erweitern, vielleicht könnte man sagen, eine sinnlichere Art der Reflexion mit einzubeziehen - alle Sinne, nicht zuletzt den gesamten eigenen Körper.
Doch nicht nur Reflexion über Vergangenes sollte pädagogisches Anliegen von Gedenkstättenarbeit sein, sondern auch der (vielleicht veränderte) Blick in die zu gestaltende Zukunft.
"Die Arbeit des Gestaltens ... bietet die Möglichkeit einen bleibenden Ausdruck für das zu finden, was man erfahren hat und weiß. Gestalten heißt zunächst Dingfestmachen von Erfahrung; es eröffnet eine zweite Verarbeitungsgeschichte über der unsichtbaren psychischen und intellektuellen Geschichte erster Verarbeitung. ... man kann Erfahrungen mitteilen und ähnlich wie im produktiven Denken auch entwerfen, weil das Gestaltete zu weiteren Bewegungen des Empfindens, Wahrnehmens und Reflektierens reizt. Der Zugang zur Welt der Emotionen und Phantasien bleibt offen.
… In den Bewegungen des Gestaltens werden Erfahrungen gesichert und gleichzeitig neue entworfen. Der Gestaltende überrascht sich, während das Geformte unter der Hand entsteht, keineswegs nur durch ‚Wiedergaben’, sondern auch durch Vorgriffe auf Neues, noch nicht Bearbeitetes. Die Arbeit des Gestaltens führt nicht bloß in ein Erinnern und Sichern, sondern auch in ein Vorstellen und Wünschen." (7)
Und damit formuliert ein moderner Klassiker der Kunstpädagogik, Gert Selle, auch ein Ziel der Gedenkstättenpädagogik, nämlich aus dem, was man erfahren hat bei einem Gedenkstättenbesuch, beim reflektierenden Arbeiten an diesen Eindrücken, Neues, Utopien zu entwerfen, und sie dann vielleicht teilweise, schrittweise umzusetzen. Ästhetisches Handeln ist immer Möglichkeitsdenken, Probehandeln. Mit Hilfe der Einbildungskraft, der Phantasie können wir uns Realität anders vorstellen, anders konstruieren, als wir sie erleben. Es gibt nichts, was nicht erlaubt wäre. Ohne jegliche Gefahr, die vorgestellte Wirklichkeit bis in die letzte Konsequenz so durchleben zu müssen. Wir können die verschiedensten Möglichkeit einer Wirklichkeitsveränderung erst einmal ausprobieren. Vielleicht wird dann das eine oder andere Mal dann daraus Realität, veränderte Realität. Durch die Einladung vor einiger Zeit zu einer Tagung zu pädagogischen Konzepten in der Arbeit mit dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände wurde mir ein bis dahin von mir völlig ausgeblendeter Aspekt der Bilder-Arbeit bewusst, der Aspekt der Dekonstruktion der Bilder der Vergangenheit.
Täter-Gedenkstätten fordern meines Erachtens zum Teil andere kunstpädagogische Methoden als Opfer-Gedenkstätten. Der Umgang mit den Bildern dieser Orte muss ein anderer sein. Beim Betrachten der historischen Bilder vom Reichsparteitagsgelände hatte ich ständig das Schlagwort "Dekonstruktion" im Kopf. Das historische Bildmaterial von Nürnberg besteht zu einem großen Teil aus gelungen inszenierten Eindrücken, die vielfach auch heute ihre Wirkung nicht eingebüßt haben, denken Sie nur an Leni Riefenstahls Filme und Fotos und ihre Rezeption in den letzten Jahren. Diese Inszenierungen haben ein bildnerisches Programm, eine Ordnung - und diese gilt es zu erkennen und auseinander zu nehmen, aufzulösen. Es muss eine Auseinandersetzung mit und eine Sensibilisierung für die verwendeten gestalterischen Prinzipien stattfinden. Ihre Anwendung war und ist Ausdruck von Ordnung, Macht, Disziplin.
Will man im Rahmen einer kunstpädagogischen Begleitung bei einem Besuch der Ausstellung dieser Bilder eine gestalterische Auseinandersetzung mit solchen "gewaltigen" Eindrücken, müssen sie dekonstruiert, auseinandergenommen, neu zusammengesetzt werden. Das kann mit vielfältigen Formen der Bildveränderung erreicht werden, sei es über Zeichenprogramme am Computer, Neugestaltung von Videosequenzen, Collage, Montage oder einfach durch Überzeichnen.
Mit Studierenden der Sozialen Arbeit habe ich letztes Jahr eine weitere für mich neue Methode ausgetestet: Spurensuche, Spurensicherung und damit den Aspekt des tatsächlichen Begreifens von Geschichte. Spurensuche ist eine zentrale Methode der Gedenkstättenpädagogik und der zeitgenössischen bildenden Kunst. Anfassen von Geschichte ist weder immer legal, noch problemlos zu organisieren, "Finger weg", steht, aus der Sicht der Museen notwendigerweise, an fast allen Ausstellungsgegenständen. Welche Stücke, Spuren kann ich aus einer KZ-Gedenkstätte mitnehmen, um sie dann in einem ästhetischen Prozess tatkräftig zu bearbeiten?
Nun, völlig problemlos, fotografische Eindrücke. Also waren alle SeminarteilnehmerInnen aufgerufen, einen Fotoapparat mitzubringen. Die Bilder ließen wir dann von einem Stundenservice entwickeln, sie standen also nach einer kurzen Pause sofort zur Verfügung. Mit digitalen Bildtechniken verkürzt sich nun die Zeit bis zur Verfügbarkeit noch einmal. Aber ich wollte nicht nur Fotomaterial. Minispuren, Rost, Staub, Erde etc. wurden in kleine Gläschen und auf Klebestreifen gesammelt. Wir gingen aber noch weiter. Es gibt einen Teilbereich des Geländes des ehemaligen Konzentrationslagers, der völlig verwahrlost abseits vom Besucherstrom verrottet. Das Gelände der Gärtnerei der ehemaligen Versuchsanstalt für Ernährung und Forschung, heute in der Hand der Stadtgärtnerei Dachau, aber größtenteils ungenutzt. Dort sammelten wir wildwachsende Kräuter, verrottete Holzteilchen der Gewächshausfenster, Glasscherben, Bruchstücke von Blumentöpfen. Sicher zum geringsten Teil wirklich authentische Stücke, aber trotzdem stellvertretend "echte" Sinneseindrücke, anfassbar. Mit diesen Stücken entstanden dann an der Hochschule eindrucksvolle Erinnerungscollagen. Die Reflexion über die Arbeit im Seminar zeigte, dass durch das tatkräftige Anpacken von Geschichte, nach anfänglicher Scheu, Berührungsängste mit der NS-Geschichte auch im übertragenen Sinn abgebaut werden konnten. Viele TeilnehmerInnen hatten vor dem Seminar Angst, einer erschütternden Führung auf dem Gelände ausgeliefert zu werden, ohne zu wissen, wie sie mit ihren Emotionen umgehen sollten und hatten dann über die gestalterische Auseinandersetzung diese Ängste abbauen bzw. in Schach halten können.

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Fußnoten:
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(1) |
Theodor Schulze: Ästhetische Erziehung in der Schule. In: Adelheid Staudte (Hrsg.): Ästhetisches Lernen auf neuen Wegen. Weinheim u. Basel 1993, S. 44-51 |
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(2) |
Renata Barlog-Scholz: Historisches Wissen über die nationalsozialistischen Konentrationslager bei deutschen Jugendlichen. Frankfurt/M. 1994, S. 107 |
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(3) |
Harold Marcuse: Das ehemalige KZ Dachau. In: Dachauer Hefte, Nr. 6, 1990, S. 182 |
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(4) |
In: Gedenkstättenpädagogik. München 1997, S. 13 |
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(5) |
ebenda, S. 20 |
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(6) |
Christine Mann [u.a.]: Selbsterfahrung als Kunst. Weinheim und Basel 1995, S. 27 |
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(7) |
Gert Selle: Gebrauch der Sinne. Reinbek 1988, S. 31-33 |

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