Tagung
     Pädagogik in Gedenkstätten
     12.-15.10.2000, Berlin

Haus der Wannsee-Konferenz
Gedenk- und Bildungsstätte


Elke Gryglewski
Haus der Wannsee-Konferenz, Berlin

 

Kleingruppenarbeit in Gedenkstätten

 

 

Ich werde meinen Vortrag über Kleingruppenarbeit in Gedenkstätten in drei Teile gliedern:

Aufzählung

Grundsätzliche Überlegungen, die für Kleingruppenarbeit in Gedenkstätten sprechen,

Aufzählung

Wechselseitige Führungen,

Aufzählung

Auffälligkeiten und Probleme.

 

Grundsätzliche Überlegungen, die für Kleingruppenarbeit sprechen

 

In Gedenkstätten ist es üblich, Führungen anzubieten, da es an diesen Orten für Besucher schwer ist, sich die Geschichte des historischen Ortes, die Ereignisse, die dort stattgefunden haben, und darüber hinaus die Funktion des Ortes im Rahmen des nationalsozialistischen Systems in der für Gedenkstättenbesuche üblichen kurzen Zeit selbst zu erschließen.

Es ist bei Gedenkstättenmitarbeitern schon lange unstrittig, dass es bei Führungen in Gedenkstätten anders als bei den gängigen Stadtführungen oder Führungen in Museen gilt, im ständigen Dialog mit den Gruppenteilnehmern zu stehen, die Teilnehmer mit den Ausführungen nicht zu überfordern und auf ihre Fragen und Interessen einzugehen.

Dennoch müssen wir zunehmend feststellen, dass auch auf Gespräche angelegte Führungen offensichtlich nicht alle Besuchergruppen erreichen. Dabei beziehe ich mich v.a. auf Schülergruppen. Wir machen oft die Erfahrung, dass die Teilnehmer einer Gruppe sich auf der Grundlage einer Führung nicht auf eine Auseinandersetzung mit dem Thema Nationalsozialismus einlassen.

In zahlreichen Gedenkstätten hat die Erkenntnis, nicht mehr alle Jugendlichen mit einer Führung in der üblichen Form ansprechen zu können, zu unterschiedlichen Angeboten von Kleingruppenarbeiten geführt hat. Dabei geht es z.B. hier im Haus um Kleingruppenarbeiten mit ausgearbeiteten Fragebögen zu spezifischen Themen in der Ausstellung. In der Gedenkstätte Buchenwald erhalten die Schüler sogenannte Arbeitsblätter zu einzelnen Themenbereichen wie z.B. „Die Schutzstaffel", „Kinder und Jugendliche" oder „Selbstbehauptung und Widerstand", anhand derer sie sich in der Ausstellung und auf dem Gelände der Gedenkstätte zu dem spezifischen Thema orientieren und informieren können.

Die wichtigste pädagogische Überlegung, die für diese Arbeitsform spricht, ist die folgende:

Während einer Führung wird versucht, den historischen Ort und die dort geschehenen Ereignisse in den Gesamtkontext des Nationalsozialismus zu setzen, was zwangsläufig zur Folge hat, dass viele Aspekte beschrieben und erklärt werden müssen. Diese Informationsflut scheint die Schüler zu überfordern, was häufig ein geistiges ‚Abschalten’ zur Folge hat. Hier im Haus kann das bedeuten, dass viele Schüler sich bereits im dritten Raum der ständigen Ausstellung nicht mehr an das erinnern, was im ersten Raum gesagt wurde. Auch die Aussage der Tochter einer Bekannten aus Frankfurt nach einem Besuch in der Gedenkstätte Dachau, sie sei mit ihrer Klasse „in so einem Kfz-Lager in der Nähe von München" gewesen, spricht nicht für einen starken Eindruck, den der Besuch bei ihr hinterlassen hat.

Bei einer Kleingruppenarbeit hingegen erhalten die Teilnehmenden die Möglichkeit, sich intensiv mit einem Themen- oder Zeitabschnitt der Geschichte des Nationalsozialismus zu beschäftigen. Im Rahmen der Auswertung der Kleingruppenarbeit, der Präsentation der eigenen Arbeitsergebnisse und der Diskussion mit den anderen Teilnehmern können sie anschließend Einblicke in die gesamte Thematik gewinnen.

 

 

Wechselseitige Führungen

 

Es gibt jedoch Gruppen, die, sofern sie Fragen als Hilfestellung für ihre Arbeit in Kleingruppen erhalten, sehr schnell in einen Arbeitsautomatismus verfallen, den sie offensichtlich von der Schule her gewöhnt sind. Sie schreiben Texte, die sie auf Ausstellungsexponaten finden, mechanisch ab, ohne wirklich Zusammenhänge zu begreifen oder weiter zu denken. In diesen Fällen werden die Arbeitsergebnisse ohne eine innere Beteiligung vorgetragen und sind für die anderen Gruppenteilnehmer entsprechend langweilig.

Dass diese Jugendlichen weder über eine Führung noch über eine Kleingruppenarbeit erreicht werden können, liegt m.E. weniger an uns oder an unserem Führungsstil, sondern vielmehr an den Voraussetzungen, die die Jugendlichen in die Gedenkstätten mitbringen. Um nur einige zu nennen:
 

 

Ich spreche von 16jährigen Jugendlichen, Schülern der 10. Klasse. Dabei beziehe ich mich allerdings nicht nur auf Hauptschulschüler, sondern auf Schüler aller Schultypen.

Als wichtigster Grundsatz für Schüler dieses Alters gilt, „cool" zu sein, keine Emotionen und nicht zuviel Engagement zu zeigen. Die Körperhaltung zeigt es, der versteckte Discman-Kopfhörer unterstreicht es, und die Abrundung erfolgt durch coole Sprüche.

Das Thema Nationalsozialismus ist „out" – die Schüler bestärken sich gegenseitig in der Haltung, man habe „das" ja schon tausendmal gehört und kenne sich eigentlich aus.

Sofern man nicht über Musik, Klamotten, Liebschaften im Klassenverbund, oder ätzende Lehrer spricht, gibt es wenige Themen, die „in" sind. Der Versuch, aktuelle politische Ereignisse als Bezugspunkt in die Diskussion einzubringen, gelingt selten.

Wir als Erwachsene, und darüber hinaus auch noch Erwachsene, die allein schon durch ihre Arbeit demonstrieren, ein Interesse am Thema Nationalsozialismus zu haben, sind zutiefst suspekt.

 

Exkurs:

Bei dieser Aufzählung geht es mir keineswegs darum, die „schlechte Jugend von heute" zu kritisieren. Ich beziehe mich allerdings bewusst auf die vermeintlich problematischsten Besucher von Gedenkstätten, um später besser verdeutlichen zu können, dass das o.g. Auftreten häufig eine Fassade ist, die Gedenkstättenmitarbeiter durchaus zu durchbrechen in der Lage sein können, um dann sehr interessierte und lernwillige Jugendliche vor sich zu haben.

Für diese „schwierige" Klientel wurde hier im Haus das Konzept einer wechselseitigen Führung entwickelt. In der Gedenkstätte Karlshorst und in der Gedenkstätte Buchenwald gibt es ebenfalls das Angebot, dass Schüler sich nach einer Vorbereitungszeit gegenseitig führen.

Damit deutlich wird, was unter einer wechselseitigen Führung zu verstehen ist, will ich das hier im Haus gebräuchliche Verfahren kurz vorstellen:

 

Die Schüler erhalten nach ihrer Ankunft eine kurze Einführung zur ständigen Ausstellung. Dann gehen sie durch die Ausstellung, um sich für den Raum zu entscheiden, den sie bearbeiten wollen. Als Hilfestellung zur Bearbeitung ihres Raumes erhalten sie vereinfachte Raumbeschreibungen, d.h. kurze Texte zum Sachverhalt ihres Raumes. Darüber hinaus erhalten sie einen Zeitzeugenbericht aus der Perspektive eines Opfers, der in Zusammenhang mit dem Raum steht. Schüler, die dies wünschen, können sich in der Bibliothek zusätzliches Material zu dem von ihnen vorgestellten Raum besorgen.

Die Schüler haben dann anderthalb bis zwei Stunden Zeit, eine etwa sieben Minuten dauernde Führung in ihrem Raum vorzubereiten.

 

 

Das Besondere an der Führung, die die Schüler vorbereiten sollen, ist, dass sie ihren Mitschülern nach einer kurzen Einführung zum Thema ihres Raumes zwei oder drei Ausstellungstafeln vorstellen sollen, die ihnen besonders wichtig sind.

In der Gedenkstätte Buchenwald können die Schüler die bereits oben beschriebenen Arbeitsblätter als Grundlage zur Vorbereitung einer eigenen Führung nutzen.

Die Methodik einer wechselseitigen Führung hat gerade für diese vermeintlich schwierigen Schüler zahlreiche pädagogische Vorteile:

Die Vorbereitung einer eigenen Führung wirkt als Anreiz, sich tatsächlich auf die Ausstellung einer Gedenkstätte oder auf den historischen Ort z.B. einer KZ Gedenkstätte einzulassen. Wenn die Schüler ihren Mitschülern „ihren" Raum oder „ihr" Thema vorstellen wollen, müssen sie zunächst den Gegenstand durchdenken und begreifen. Die intensive Bearbeitung eines begrenzten Themas zeigt den Schülern auch, dass sie nicht „schon alles wissen", dass es vielmehr um äußerst komplexe Vorgänge geht (wie z.B. hier die systematische Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung in Europa), die sich nicht mit einer einfachen Erklärung erläutern lassen.

Durch die intensive Auseinandersetzung mit einem Teilaspekt und den damit verbundenen Erkenntnisgewinn können die Schüler Selbstbewusstsein hinsichtlich der Thematik entwickeln. Sie erleben das Thema Nationalsozialismus dann nicht mehr als Gegenstand, der ernsthaft nur von Spezialisten bearbeitet werden kann. Außerdem können sie sich durch ihre Arbeit auch eine kritische Haltung zu einzelnen Exponaten erarbeiten und das von vielen Besuchern unterstellte Tabu, das Kritik an Gedenkstätten oder ihren Ausstellungen zu verbieten scheint, konstruktiv durchbrechen.

Bei der Überlegung, welche Fotos oder andere Exponate den Mitschülern präsentiert werden sollen, lernen die Schüler, mit diesem historischen Material als Quelle umzugehen und z.B. Fotos kritisch zu betrachten. Sie merken dabei gleichzeitig, dass sie selbst die Geschichtsdarstellung gestalten können. Sie sind es, die mit ihrer Auswahl einzelner Ausstellungstafeln oder Exponate eine Gewichtung historischer Gegebenheiten vornehmen.

Ein weiterer Vorteil dieser Arbeitsform ist die Tatsache, dass die Schüler bei ihrer Führung eine Sprache gebrauchen, die den anderen verständlich ist. Wir können uns nie sicher sein, ob die Schüler wirklich alles verstehen, was wir sagen. Unsere Ausführungen würden sehr unnatürlich wirken, wenn wir das uns sonst fremde Vokabular der Schüler übernähmen. Natürlich gibt es Sachverhalte und Zusammenhänge, die von Gedenkstättenmitarbeitern klarer und präziser formuliert werden können. Doch konzentrieren sich Schüler bei ihren Erläuterungen erfahrungsgemäß auf diejenigen Zusammenhänge, die sie selbst nachvollzogen haben und demnach darstellen können.

Die von Schülern am häufigsten geäußerte positive Kritik lautet, sie hätten sich jetzt wenigstens einen Bereich merken können. Sie finden es positiv, dass sie selbst Schwerpunkte festlegen durften. Nicht der Lehrer oder eine andere Betreuungsperson entscheidet, was wichtig und was unwichtig ist – „da hört man sowieso immer das gleiche".

 

Für uns als Gedenkstättenmitarbeiter ist dieses Model auch deswegen interessant, weil wir selber immer wieder neue Anregungen für unseren Umgang mit Jugendlichen bei der Bearbeitung des Themas erhalten können.

 

 

Erfahrungen und Probleme bzw. Herausforderungen

 

Zahlreiche Erfahrungen, die im Zusammenhang mit der wechselseitigen Führung gemacht werden, lassen, denke ich, grundsätzliche Erkenntnisse über das Verhalten von Jugendlichen in Gedenkstätten zu. Ich werde mich an dieser Stelle kurz fassen, denke aber, dass wir einzelne Punkte in der Diskussion vertiefen sollten.

Wenn man von Erfahrungen spricht, stellt man indirekt auch die Frage nach einer Bewertung. Bei diesem pädagogischen Ansatz ist es m.E. wichtig, vor einer Bewertung Erwartungen und Prämissen zu klären.
Die drei wichtigsten sind:

 

Die Schüler werden sich mit einem Teilaspekt des Themas Nationalsozialismus beschäftigen. Es gibt Lehrer, die Schülern im Rahmen eines Gedenkstättenbesuches einen historischen Überblick über die Zeit von 1933 bis 1945 vermitteln wollen. Einerseits ist prinzipiell festzuhalten, dass der adäquate Ort für einen historischen Überblick die Schule ist. Zweitens würde die von mir genannte Klientel im Rahmen einer Rundführung ganz sicher keinen historischen Überblick gewinnen. Also bedeutet hier Bearbeitung eines Teilaspekts nicht "weniger", sondern "mehr" an Intensität und Information verglichen mit den Ergebnissen der traditionellen Führung.

Die wechselseitige Führung soll prinzipiell das Interesse an dem Thema und eine Neugier wecken.

Die Schüler sollen den Tag in der Gedenkstätte positiv in Erinnerung behalten.

 

 

Ich beginne mit dem letzten Punkt, weil er mir am einfachsten erscheint.

Alle Schüler beurteilen positiv, dass sie sowohl die Inhalte frei wählen als auch sich ihre Zeit frei einteilen können. Und so banal gerade die Tatsache der freien Zeiteinteilung scheinen mag, so sehr unterscheidet sich diese Arbeitsweise doch vom schulischen Alltag. Die Wahrnehmung der Themen Nationalsozialismus oder Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden unter Bedingungen, die sich von den schulischen unterscheiden, scheint sich sehr positiv auf die Motivation der Schüler auszuwirken.

 

Interesse und Neugier wecken:

Bei der Überlegung, welche Erfahrungen wir im Zusammenhang mit Schülern bei der wechselseitigen Führung gemacht haben, bin ich auf Definitionen von Interesse und Neugier gestoßen.

Interesse: besondere Aufmerksamkeit, die man jemandem/einer Sache schenkt: etwas mit Interesse verfolgen; für/an etwas großes, geringes Interesse haben.

Neugier: Verlangen, etwas [Neues] zu erfahren, zu wissen (bes. aus dem Privatleben anderer): seine Neugier befriedigen.

Schüler einer Hauptschulklasse aus dem Brandenburgischen Beelitz, die unmotiviert ihren Besuch im Haus der Wannsee-Konferenz antreten, stellen etwa zwei Stunden später ihren Mitschülern eine Tafel im Ausstellungsraum zum Thema Befreiung vor. Sie haben die auf dem Foto abgebildete Gruppe Häftlinge ausgewählt, weil „sie so hoffnungsvolle Augen haben und das, obwohl bei einigen die Füße erfroren sind".

Zwei türkische Schülerinnen aus einer Moabiter Schulklasse weisen auf ein Foto im ersten Ausstellungsraum hin, auf dem ein Frau lächelnd am Eingang eines Schwimmbades abgebildet ist, neben ihr die Hinweise „Hunde sind nicht zugelassen" und „Für Juden keinen Zutritt", um ihren Mitschülern zu erklären, dass man an diesem Foto sehen könne, wie die Bevölkerung die Politik der Nationalsozialisten unterstützt habe.

Und als letztes Beispiel: Ein palästinensischer Schüler aus einer Weddinger Hauptschule fordert seine Mitschüler mit moralisch erhobenem Zeigefinger auf, sich die Gesichter einer alten Frau und eines alten Mannes auf Fotos im Ausstellungsraum zum Konzentrationslager Auschwitz anzusehen. „Seht euch diese Gesichter an. Könnt ihr euch vorstellen, was die Menschen gefühlt haben müssen?"

Ich denke, dass diese wenigen Beispiele sehr deutlich machen, wie intensiv die Schüler sich mit den Fotos in der Ausstellung beschäftigt haben. Sie haben etwas aufmerksam betrachtet. Diese aufmerksame Betrachtung führt meistens dazu, dass die Schüler gewillt sind, sich auch mit den Texten auseinander zu setzen, die in der Ausstellung zu finden sind. Das Interesse wird geweckt.

So erfuhren Schülerinnen im Ausstellungsraum zum Thema Befreiung, die auf ein Foto aufmerksam geworden waren, auf dem weibliche Häftlinge abgebildet waren, die unter sehr primitiven Bedingungen etwas kochten, wie die weiblichen Häftlinge direkt nach der Befreiung versuchten, sich schön zu machen. Bei ihren Erläuterungen gegenüber den Mitschülern konzentrierten sie sich dann fast ausschließlich auf den Text der Ausstellung und nicht mehr auf das Foto, das sie ursprünglich ausgesucht hatten.

Obwohl dieses pädagogische Konzept für diese Klientel richtig und gut ist, müssen wir weiterdenken, und damit komme ich zu den Herausforderungen. Ich bin gezwungen, mich bei der Problembenennung auf die Erfahrungen zu stützen, die wir hier im Haus gemacht haben. Gerade im Hinblick auf die Probleme würden mich die Erfahrungen, die in anderen Gedenkstätten gemacht wurden, sehr interessieren.

Sprache:

Viele gerade dieser Schüler haben eine verarmte Sprache. Diese Feststellung soll sie nicht als Personen abwerten, sondern auf ein Problem hinweisen. Das Vokabular der Schüler bei ihren Führungen zu hören kann die Schmerzgrenze der Betreuungsperson überschreiten, wenn sie die Äußerungen nicht versteht, wie sie gemeint sind. Die Betreuungsperson muss z.B. lernen, dass die Schüler, wenn sie „echt krass" sagen, eine Form von Betroffenheit ausdrücken und oft auch Empathie mit den Opfern zeigen.

Auch das häufig benutzte Wort „halt" (dann hat man die Menschen „halt" erschossen) bedeutet nicht zwangsläufig Gleichgültigkeit.

Dennoch wird man nicht von angemessenen Formulierungen sprechen können. Wie können wir ein größeres Bewusstsein im Hinblick auf den Umgang mit Sprache erreichen – oder ist das ein zu vernachlässigendes Problem?

 

„Voyeurismus"

Es gibt Schüler eines bestimmten Typs, ob aus Hamburg-Bramfeld, Cottbus, Magdeburg, Berlin-Wedding oder aus dem Hessischen Schwalbach kommend, die bestimmte Räume der Ausstellung auswählen. In der Regel sind das die Räume zu den Themen „Massenerschießungen", „Auschwitz" und „Leben im KZ" (hier liegt der Schwerpunkt auf den medizinischen Experimenten). In diesen Räumen wählen diese Schüler die gleichen Ausstellungsexponate, und die Erläuterungen für die Mitschüler, bei der wechselseitigen Führung, sind auch austauschbar.

Die genannten Ausstellungsräume sind vermeintlich die interessanteren, weil hier „grausamere Fotos" zu finden sind. In manchen Fällen kommt es vor, dass die Schüler im Zuge ihrer Beschäftigung von selbst Abstand von ihrem anfänglichem Voyeurismus nehmen, bis dahin, dass sie kritisieren, dass hier so „brutale Bilder", wie sie es nennen, ausgestellt sind.

Sollen wir dem in der Gesellschaft allgemein stark verbreiteten Voyeurismus und der Sensationslust nachkommen? Wie können wir mit dieser Altersgruppe (im Rahmen dieses Konzeptes) das Problem ansprechen, ohne die Schüler zu demotivieren?

 

„Überfütterung" (?)

Natürlich gibt es auch Gruppen, bei denen das Konzept einer wechselseitigen Führung nicht gern gesehen ist. Erstaunlicherweise sind das diejenigen Gruppen, die – auf Initiative ihrer Lehrer hin - bereits mehrere andere NS-Gedenkstätten und Ausstellungen zum Thema der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden gesehen haben. Man könnte annehmen, dass diese Schüler dann eine Führung vorbereiten, die inhaltlich ein höheres Niveau zeigt. Das trifft aber nicht zu. Die Schüler nehmen die Ausstellung mit ihren Exponaten als bereits bekannt hin, brauchen weniger Zeit für die Vorbereitung und führen sich gegenseitig ohne innere Beteiligung, inhaltlich richtig, aber auf einem durchschnittlichen Niveau durch die Räume. In der Auswertung wird in der Regel beklagt, man habe nichts Neues gesehen oder gefunden.

Heißt das, dass eine wechselseitige Führung nur als erste Begegnung mit dem Thema angezeigt ist?

 

... und schließlich das Problem der Projektion:

Erinnern wir uns an zwei der von mir genannten Beispiele für deutliches Interesse von Schülern. Das Foto mit der Gruppe von Häftlingen nach der Befreiung und das Foto des Schwimmbads mit der lächelnden Frau.

Nachdem ich Kollegen von den Aussagen der Schüler erzählt habe, bin ich zu Recht darauf hingewiesen worden, dass die Männer doch eigentlich gar nicht hoffnungsvoll blicken. Und wer sagt uns, dass die Frau vor dem Schwimmbad nicht einen völlig anderen Grund zu lächeln hatte als die beiden neben ihr hängenden Tafeln?

Dies sind meines Erachtens eher harmlose Beispiele für eine mögliche Projektion eigener Fantasien der Schüler. Doch wie gehen wir prinzipiell und v.a. mit gravierenderen Situationen um, in denen Schüler Dinge, Ereignisse und auch ganze Geschichten in Fotos oder andere Ausstellungsexponate hinein projizieren?

 


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