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Tagung Pädagogik in Gedenkstätten 12.-15.10.2000, Berlin |
Haus
der Wannsee-Konferenz |

Prof. Dr. Dietfrid Krause-Vilmar
Universität GH Kassel,
Leiter Gedenkstätte Breitenau
Überlegungen für das historisch-politische Lernen
zum Thema
Nationalsozialismus in Gedenkstätten
1.
Der Nationalsozialismus und
seine Verbrechen sind nicht bis zum letzten begreifbar und aufklärbar;
deshalb ist hier eine besondere Lernhaltung gefragt.
Es war ein Irrtum anzunehmen, man könne die Antwort auf die Frage nach dem Wesen des Nationalsozialismus und damit nach den Bedingungen des Holocaust begrifflich fassen, wie dies viele in Hochschulen und Schulen in den 70er Jahren getan haben. Die seit dem Ende des Nationalsozialismus immer wieder aufflammenden Diskussionen (z.B. zuletzt der sogenannte Historikerstreit, die Thesen von Daniel Goldhagen, die Wehrmachtausstellung) verdeutlichen, wie schwer dieses historische Geschehen zu fassen ist. Elias Canetti hat schon früh auf die Schwierigkeiten des Begreifens dieses Geschehens hingewiesen: "Zu einer wirklichen Erfassung dieses Phänomens [gemeint ist: der Nationalsozialismus; d. Vf.] sind neue Mittel unerlässlich. Man muss sie gewahren, heranholen und verwenden, wo immer sie sich bieten. Die Methode zu einer solchen Untersuchung kann noch nicht bestehen. Die Strenge der Fachdisziplinen erweist sich hier als Aberglaube. Was ihnen entschlüpft, ist eben das, worauf es ankommt. [...] Jede Arroganz des Begriffs, wo immer sonst er sich bewährt haben mag, ist hier schädlich." (1). Da dies meines Erachtens noch heute gilt, sind für das Lernen Dimensionen des gemeinsamen Gesprächs, des fachübergreifenden Suchens nach Wahrheit und Wirklichkeit, des Anerkennens von Ambivalenzen und der Infragestellung viel wichtiger als der Horizont gelernten und einsetzbaren Sachwissens (der für die Behandlung des historischen Nationalsozialismus, zum Beispiel im Geschichtsunterricht, notwendig bleibt!).
2.
Infragestellung und Meditation
An die Stelle eines klar
strukturierte Lernvorgangs treten Kategorien wie Subjektivität und Nähe
auf der einen, Autonomie und Infragestellung auf der anderen Seite.
Subjektivität gilt in zwei Richtungen: Zum einen handelt die Geschichte
von einzelnen Menschen, die als Einzelne zu ihrem Recht kommen sollen. Zum
anderen wird die Geschichte von Menschen geschrieben, die Ausstellung von
Menschen gezeigt, die ihre je eigene zeit- und personenbedingte Sicht
haben. Beides gilt es in aller Radikalität sich bewusst zu machen und
andern gegenüber deutlich hervorzuheben. Nähe meint, die Geschichte des
Nationalsozialismus "vor Ort", in der Nachbarschaft, in der
überschaubaren "Nähe" zu thematisieren. Hier haben Projekte
der Spurensuche und andere werkstatt-ähnliche Annäherungen an Geschichte
ihren Ort. Autonomie meint hier, der selbständigen Urteilsbildung der
Jugendlichen Raum zu geben, sie zu fördern. Und Infragestellung meint in
diesem Zusammenhang folgendes: Die nationalsozialistische Zeit hat in
besonders extremer Weise Gefährdungen menschlicher Haltung sichtbar
gemacht; es gilt, solche bei einem Besuch der Gedenkstätte aufzugreifen
und darüber zu sprechen. Der "Geist der Enge und Gewalt, der
Überheblichkeit, der Intoleranz und des Absoluten, erbarmungslos
Konsequenten" habe in dem nationalsozialistischen Staat seinen
Ausdruck gefunden, schrieb H. J. Graf v. Moltke in seinem Abschiedsbrief
an seine Söhne am 11. Oktober 1944. "Der Nationalsozialismus war in
gewissem Sinne eine Offenbarung; er zeigte, was an den einzelnen Menschen
im Grunde genommen dran war - er offenbarte die Substanz der
Menschen", sagte Gerhard Leibholz in einem Gespräch im Jahre 1982.
Solche Sätze können dazu führen, die eigene Haltung durch die
Vergegenwärtigung des historischen Phänomens
"Nationalsozialismus" heute zu hinterfragen, sie und sich
infrage zu stellen. Die Zeit des Nationalsozialismus wird nicht als ein
von der Gegenwart (und damit von der jeweiligen Lebenswelt des Besuchers)
abgeschlossener historischer Zeitraum aufgefasst; sie ragt vielmehr in
unsere Zeit hinein, und zwar in zweifacher Weise: als Vergegenwärtigung
und als Tradition. Dieser Horizont entzieht sich allerdings einem eng
umgrenzten Verständnis von Lehre und Lernen. Die Zurückweisung eines
problematischen, weil zu engen Lehr- und Lernverständnisses ist
vielleicht eine notwendige Voraussetzung dafür, dass Bildung im
anspruchsvollen Sinne sich ereignen kann. Fundamental ist für diesen
Horizont die Einsicht, dass sich ein solches Bildungsgeschehen der
Planbarkeit und Verfügbarkeit der Lehrer oder der pädagogischen
Mitarbeiter der Gedenkstätte entzieht. Deren Aufgabe besteht vielmehr
darin, die Voraussetzungen hierfür mitzugestalten, d.h. der Reflexion,
Meditation und dem Gespräch, dem Studium und der Diskussion Raum zu
geben.
3.
Die Unabhängigkeit und
Selbständigkeit der Urteilsbildung
ist bei dieser Thematik in besonderer Weise gefordert.
Für die meisten Lehrer und
Lehrerinnen, die in den 70er und 80er Jahren studiert haben, von denen
viele im oder unmittelbar nach dem Krieg geboren sind, bedeutete die
nationalsozialistische Zeit ein belastendes Erbe, eine Hypothek, an der es
sich "abzuarbeiten" galt. Für diese Lehrergeneration war und
ist es existentiell wichtig, mit einem offensichtlich nicht endenden und
immer wieder erneut in die Gegenwart hineinragenden "Faschismus"
bzw. Nationalsozialismus im Sinne einer Klärung fertig zu werden; sie
wollte das "Allgemeine" dieser Problematik an die jüngeren
Generationen weitergeben. Es stellte sich jedoch heraus, dass es so
einfach nicht weiterzugeben war. Nicht um eine "gelernte"
Übernahme der unter ganz anderen Umständen entstandenen Sichtweise
Älterer durch jüngere Menschen geht es, sondern um die selbsttätige und
eigene Aneignung als erste Voraussetzung tragfähigen Lernens. Dabei ist
zu respektieren, dass jüngere Menschen ganz andere Wege gehen. Vor allem
sind beim Thema Nationalsozialismus die Schwierigkeiten der Bearbeitung
für die Jüngeren nicht zu verstellen. Das Problem z.B., das Geschehen in
der Nazizeit erst einmal in seiner ganzen Bedeutung zu begreifen, sollte
eher verdeutlicht werden. Jede Vereinfachung - und sei sie mit den besten
pädagogischen Absichten verbunden - wäre hier fehl am Platze. Eine
andere Schwierigkeit sehen wir für junge Menschen darin, die Tatsache
anzunehmen, dass aus ihren Familien, ihrer Herkunft, aus ihrem Land -
alles in der Regel positiv bestimmte "Bezugsfelder" - solch
unsägliche Verbrechen geschehen oder geduldet, befürwortet oder
zugelassen worden sind. Wer gehört denn von den Jugendlichen heute gerne
in eine Gesellschaft oder in ein Volk, wo so etwas möglich war? Wenn sich
junge Menschen gegen diese Tatsachen sträuben und wehren, kann sich darin
auch der Versuch ausdrücken, es selbst anders zu machen oder anders
machen zu wollen als die Väter und Großväter. Betont man stark die
Lernvorgänge, läuft man Gefahr, methodisch oder didaktisch über diese
aus unserer Sicht auch produktiven "Widerstände"
hinwegzuspringen oder sie "durch Kunstgriffe" auszuhebeln. Es
gilt in aller Deutlichkeit der Tatsache Rechnung zu tragen, dass die Rede
der älteren Generation der Lehrer und Eltern - die notwendig bleibt,
allein schon der Auseinandersetzung wegen - zuallererst ihre je eigene
Sichtweise und das Ergebnis ihrer je eigenen Bemühungen um Klärung der
Vergangenheit repräsentiert. James E. Young hat überzeugend gerade
diesen subjektiven Anteil an der Deutung des Holocaust durch die
"älteren" Generationen freigelegt. Die Jugendlichen heute, die
in ganz anderen gesellschaftlichen und kulturellen, vor allem jedoch in
anderen politischen Bezügen groß geworden sind, sollen die Chance
erhalten, selbständig ihren Weg zur Beurteilung des Nationalsozialismus
gehen zu können, der für sie a priori ein anderes Bezugsfeld und
wahrscheinlich auch einen anderen Stellenwert als für die ältere
Generation hat. Für die heutigen Jugendlichen sind die Begriffe
Verfolgung, Terror und Diktatur zum Beispiel aus ihrer eigenen
Lebensgeschichte, wenn auch nur sekundär (zumeist aus Zeitungen und
Fernsehen), bekannt: Diese Begriffe haben für sie eher eine Wirklichkeit
im Krieg in Tschetschenien, in der Geschichte der DDR, bei Milosevic oder
in Diktaturen Lateinamerikas - ohne diese Vorgänge gleichzusetzen.
Demgegenüber erscheint ihnen die Verfolgung von Menschen in der
nationalsozialistischen Zeit "historisch", während die Älteren
aus ihrer Lebensgeschichte einen unmittelbaren Zugang zum
nationalsozialistischen Terror haben.
4.
Emotionen zulassen, nicht jedoch emotionalisieren
Diese These erscheint
überraschend oder befremdend. Sollte es nicht das Ziel jedes engagierten
Lehrers, jeder Pädagogin sein, nachgerade "Gefühle
anzusprechen", das "Kognitive", weil abstrakt oder
distanziert, im Sinne einer viel genannten "Betroffenheit" zu
überwinden? Aber wie kann man dann der Gefahr entgehen, dass die eigene
persönliche und fachliche Ausstrahlung oder Autorität zum heimlichen
Ratgeber oder Steuermann der Empfindungswelt der jungen Menschen wird?
Offenbar wandert man hier auf schmalem Grat, und leicht stürzt man mit
der ganzen Seilschaft ab.
Ich will zunächst einige Beobachtungen schildern, um mich so näher an den Kern des Problems heranzutasten:
Es erscheint mir zum Beispiel bei einem Besuch einer Gedenkstätte problematisch,
- wenn Besucher dabei zu einer Identifizierung mit einer verfolgten oder ermordeten Person aufgefordert werden bzw. wenn ihnen dies nahegelegt wird ;
- wenn sie durch Inszenierungen überwältigt und dabei Gefühle in eine ganz bestimmte Richtung gelenkt bzw. wachgerufen werden sollen;
- wenn Schüler sich nach einem Gedenkstättenbesuch nicht gut fühlen, weil sie nicht "ergriffen" waren.
Es geht um die Gestaltungsfreiheit der eigenen Empfindungen, die ihre innere Glaubwürdigkeit verlieren, sobald sie von anderer Seite gewünscht werden. Empfindungen sind etwas Höchstpersönliches und Unverfügbares. Sie teilen sich mit oder nicht. Diese Tabuschranke der Subjektivität des Empfindens sollte nicht durchbrochen werden. Wir sollten daher eher distanziert und sachlich über Auschwitz informieren und sprechen.
Es gibt noch einen weiteren
Aspekt. Es lässt sich häufig beobachten, dass Schüler an Orten
ehemaliger Konzentrationslager zielgerichtet auf die besonders grausamen
Vorgänge der Vernichtung von Menschen (z.B. die Gaskammern) zugehen bzw.
danach fragen. Und hier benötigen wir dringend unseren Verstand, um nicht
falschen Sensationen und Phantasien zu folgen. Der Schauder angesichts des
Schreckens allein ist noch keine Form der Bearbeitung. Wenn er nachgerade
gesucht wird, erscheint er noch fragwürdiger.
5.
Der Projektcharakter des Lernens ist zu ermöglichen und zu erhalten
Viele Projekte verstanden
sich als Geschichtswerkstätten, die sich der lokalen oder regionalen
Verdrängung der nationalsozialistischen Zeit annahmen und, als Stachel im
Körper der Gemeinde, gegen Widerspruch und Widerstände, Leugnung und
Verharmlosung einen für "erledigt" gehaltenen historischen
Tatbestand neu "freilegten". Unsere Auffassung ist, dass etwas
von diesem Projektcharakter erhalten und weitergegeben werden sollte. Von
Interesse ist dabei die Methode, die prozessual angelegt ist. Sie bestand,
wenn man dies knapp resümieren darf, im Entfalten biographischer
Dimensionen, die aus Fragmenten und Andeutungen in den Akten erarbeitet
wurden. Menschen wurden erkennbar und traten in Erscheinung; aus der
Aktensprache wurden Lebensschicksale sichtbar. Beziehungen zu den Orten,
aus denen die Gefangenen kamen, zu anderen Menschen und Gruppen wurden
entdeckt und - last but not least - neue Quellen wurden erschlossen. Dabei
war immer dieser Prozess des Erschließens und Entdeckens das Besondere
und die Hauptsache, ob er nun zu einem sichtbaren Ergebnis - auch in Form
einer Veröffentlichung - führte oder nicht. Man hatte über eine
bestimmte Person oder über eine Gruppe von Menschen etwas in Erfahrung
gebracht und diese neuen Erkenntnisse z.B. in einer kleinen Dokumentation,
in einer Ton-Dia-Reihe oder auch auf einer Gedenktafel niedergelegt.
Gerade solche Prozesse, wobei man in die "Werkstatt" Einblick
nehmen kann, sind von Bedeutung, weil sie methodisch übertragbar sind.
Zum andern ist es ein Kennzeichen des Projektes, einen kommunikativen
öffentlichen Gesprächszusammenhang zu begründen, in dem die
Arbeitsergebnisse erörtert, verworfen oder angenommen werden können.
Etwas überhöht könnte man formulieren: Wissenschaft wird zum sozialen
Prozess, indem ihre öffentlich gemachten Ergebnisse Folgen zeitigen
können. Bei der Thematisierung der nationalsozialistischen Zeit ist
Kontroversität immer gegeben gewesen; um so notwendiger erscheint das
öffentlich zu führende Gespräch.
Gleichwohl gilt: Etwas von
diesem Prozess der öffentlichen Diskussion - und vielleicht auch Wirkung
- des Projektes Umgang mit dem Nationalsozialismus kann und soll weiter
aufscheinen und vielleicht zur Nachahmung anregen. Die Chance liegt
vielleicht darin, dass sich nicht zuletzt Möglichkeiten eröffnen
können, an anderen Orten Ähnliches zu initiieren.
6.
Die besonderen Aufgaben der Gedenkstätten werden bleiben
Nun die Frage: Muss man
sich nicht der Gegenwart mit ihren drängenden Problemen - gerade im
Bereich des Neonazismus und Rechtsextremismus - zuwenden?
Vor fünf Jahren nannten wir unsere kleine Festschrift „Schützt Erinnerung denn vor gar nichts mehr?". Es war die Zeit der massiven Körperverletzungen, Tötungen und Morde an Nichtdeutschen, der Brandstiftungen türkischer Wohnungen und Häuser; Hoyerswerda und Mölln, Solingen und Rostock waren die Orte, in denen Rechtsextremisten Pogrome, Brandstiftungen und Morde begingen. Bezüge zum historischen Nationalsozialismus waren unübersehbar. Wir mussten also, gemeinsam mit anderen Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen, schmerzlich zur Kenntnis nehmen, dass wir aus der Arbeit einer oder mehrerer Gedenkstätten solche Untaten nicht hatten verhindern konnten. Aber überforderten wir uns nicht zugleich mit dieser Erwartung? Überschätzten wir nicht unsere Möglichkeiten? Diese Überschätzung unserer Möglichkeiten ist uns zwar gelegentlich indirekt - von Seiten einiger Politiker z.B. - zugemutet worden; sie ist jedoch haltlos. Ebenso haltlos sind Behauptungen heute, die Gedenkstätten hätten nicht genug „geleistet", um den Rechtsextremismus zu bekämpfen.
Abenteuerliches Beispiel
für diese Vorstellung liefert in unseren Tagen der Magistrat der Stadt
Halle - und zwar in der Begründung für die vorgesehene Verleihung des
Preises „Das unerschrockene Wort" an Martin Walser. Die
Oberbürgermeisterin, Frau Ingrid Häußler, erklärte: „Gerade wir
in der DDR haben die bittere Erfahrung machen müssen, dass es nichts
nützt, auf die Gesellschaft mit Ritualen und Symbolen einzuwirken ...
Denn obwohl Buchenwald und Auschwitz permanent thematisiert wurden, haben
wir heute mit Rechtsradikalismus zu kämpfen." (Süddeutsche
Zeitung Nr. 230 v. 6.10.2000).
Hier sind zumindest drei Sachverhalte missverstanden worden:
1. Buchenwald und Auschwitz sind nicht nur ‚Symbole’, an denen ‚Rituale’ stattfinden; vielmehr wird dort seit Jahrzehnten kontinuierlich Bildungsarbeit geleistet.
2. Die Tatsache, dass dies permanent thematisiert wurde, kann - neben der Art und Weise der früheren Thematisierung - vielleicht auch ein Grund für die behauptete geringe Wirkung gewesen sein.
3. Gedenkstättenarbeit ist immer nur ein Teil eines größeren komplexen Zusammenhangs in der Auseinandersetzung mit dem Rechtsradikalismus - ein notwendiger, aber kein hinreichender Teil! Manche Politiker scheinen zu erwarten, dass die Gedenkstätten für sie und die Gesellschaft im ganzen das Problem lösen.
Die Gedenkstätten können die Welt nicht aus den Angeln heben. Es wirken viele verschiedene Bedingungen bei der Entstehung von Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit zusammen, die Familie, die Schule, Medien, Betriebe und nicht zuletzt die Politik selbst. Das ist keine Entschuldigung, Rechtfertigung oder Ablenkung. Wir empfanden Lübeck, Magdeburg, Hünxe und andere Untaten als bittere Rückschläge auch für uns.
Die Gedenkstätten haben jedoch meines Erachtens im Ensemble des Bemühens um demokratische Kultur und Politik besondere Aufgaben, die weiter wichtig bleiben. So wie Schulen, Familien, Universitäten, Parlamente, Zeitungen, Medien, Justiz und Polizei auch ihre besonderen Aufgaben beim Thema Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus haben.
In erster Linie leisten die Gedenkstätten ihren Dienst für das historisch-politische Bewusstsein an besonders schwierigen Stellen (nicht an den glorreichen Tagen!); wir arbeiten an der Hypothek der Vergangenheit - täglich. Wir bemühen uns darum, mit den hypothekarischen Belastungen der Vergangenheit klar zu kommen, sie, um im Bilde zu bleiben, ‚abzutragen’. Dies gilt in Deutschland bestimmt für den Nationalsozialismus und für den Staatssozialismus der DDR. Insofern ist jede Initiative im kleinsten Ort, die sich dieser Thematik annimmt, nicht umsonst gestartet. Und gerade im Ort, ‚vor Ort’ ist dies allein zu bewältigen.
Kein Geringerer als der bis Juni vergangenen Jahres amtierende Bundespräsident Roman Herzog hat dies unmissverständlich ausgesprochen (in der Neujahrsausgabe der BILD-Zeitung und in seiner Rede zum 27. Januar 1999).
In der BILD-Zeitung sagte er, dass ‚viele kleine Gedenkstätten’ ihm wichtiger wären als die Errichtung eines zentralen Mahnmals (gegen das er sich nicht aussprach). Und in seiner Rede im Deutschen Bundestag am 27. Januar 1999 verdeutlichte er, dass er dabei nicht an die ‚großen’, sondern tatsächlich an die ‚kleinen’ Gedenkstätten denkt. Er führte folgendes aus:
„Wir sollten - über das ganze Land verstreut - noch mehr Orte der konkreten, historischen Erinnerung haben. Der Nationalsozialismus hat nicht nur in Berlin stattgefunden oder in Nürnberg oder in München. Überall hat es Szenen des Schreckens gegeben. Überall gab es Schulen, aus denen die jüdischen Kinder entfernt wurden. Überall gab es Geschäfte, die den Besitzern weggenommen wurden. Überall hatte die SA ihre Verhörkeller. Überall gab es Sammelstellen für die Transporte. Wer sich nur ein wenig damit beschäftigt, der kann herausfinden, wie sich das Verbrechen ganz in seiner nächsten Umgebung abgespielt hat. [...] Die Topographie des Terrors lässt sich im alltäglichen Leben unserer Welt finden."
Und noch einen aus meiner Sicht wichtigen Satz hat Roman Herzog in dieser Rede ausgesprochen:
„Wer sich dieser Geschichte stellt, der wird als moralisches Subjekt selbst in Frage gestellt".
Wer sich lokal oder regional auf einen Mikrokosmos im Nationalsozialismus einlässt, sieht vieles mit neuen Augen und ist dabei immer zugleich bei übergreifenden Zusammenhängen, beim ‚ganzen’ Phänomen, bei der ‚Vergegenwärtigung’ vergangenen Geschehens.
Drei Beispiele deute ich an, wie solche historischen Erfahrungen für Gegenwart und Zukunft Bedeutung erlangen können:
Widerstanden haben
einzelne Menschen, keine anscheinend noch so gefestigten Institutionen und
Organisationen (Katharina Staritz, Hans Schimmelpfeng, Hans Zimmermann,
Ernst Schädlich). Falls dies auf gegenwärtige und künftige Situationen
übertragbar ist, dann hat dies Bedeutung für die Erziehung in Familie
und Schule, in Vereinen und Betrieben: Individualität wird wichtiger als
Organisation, Organisiertheit oder gar kollektives Handeln.
Die Beteiligungen an den
Untaten des NS-Regimes erstreckten sich viel weiter als wir dachten. Wir
ermittelten z.B., dass mindestens 31 Personen in den Ämtern und
Schreibstuben von der Deportation eines Schutzhaftgefangenen in ein
Konzentrationslager erfahren haben mussten, entweder weil sie damit ‚befasst’
waren oder weil sie den ‚Vorgang’ zur ‚Kenntnis’ genommen hatten.
Hier entsteht doch die Frage, ob unter bestimmten Umständen - wenn z.B.
Menschenrechte beeinträchtigt werden - ziviler Ungehorsam höher zu
achten sei als ausführender Gehorsam.
Und eine dritte Erfahrung: Die Welt unterschied sich damals nicht nur in KZ und Nicht-KZ; vielmehr bestanden abgestufte Hierarchien von Systemen und Subsystemen des Terrors, die wirksam waren und einen viel größeren Kreis betrafen als allgemein angenommen (Beispiel: allein die Drohung mit der Einlieferung in ein KZ stärkte den Nationalsozialismus in Behörden, Schulen und Betrieben).
Gedenkstätten bleiben immer auch Orte des Einspruchs.
Was könnte von den Tausenden Akten, Dokumenten, Papieren, Interpretationen, Bildern und anderen Zeugnissen, die durch unsere Hände gegangen sind, ‚bleiben’?
Beim ‚bleiben’ denke ich nicht an die Inventarisierung unserer Veröffentlichungen in Bibliotheken. Nein, ich frage: Was bewährt sich, bewahrheitet sich immer von neuem, wird nicht alt und gleitet nicht ab ins Belanglose? Bei der Antwort bin ich mir ziemlich sicher:
Bleiben werden die Worte der Gefangenen - als Einspruch gegen ihre rechtswidrige Inhaftierung und Verfolgung.
Es sind Zeugnisse unendlichen Leids und beachtenswerter Größe - und deshalb wirken sie über den Tag hinaus.
Die Briefe sind oft Zeugnisse, die in ihrem Schmerz und in ihrer Sehnsucht lebendig bleiben, nicht vergehen. Es werden auch die Gedichte bleiben, das Kirchenlied des Bettenhäuser Pfarrers Hans Zimmermann im Evangelischen Gesangbuch der Evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck „Die Nacht ist vorgerücket" (auch wenn es die zuständige Kommission aus für mich nicht nachvollziehbaren Gründen bei der Reform des Gesangbuchs vor einigen Jahren herausgenommen hat).
Nicht die Monumente, sondern die Worte der Gefangenen werden, so denke ich, als Zeugnisse des Einspruchs, Widerspruchs, des Aufschreis, der Verzweiflung, der Trauer, der Aufmunterung, des Glaubens an die Menschheit und der Hoffnung auf eine bessere Welt bleiben.
Sie zu bewahren, mitzuteilen, miteinander darüber zu sprechen und sie in unsere Sprache zu übertragen - dies wird eine wichtige Aufgabe der Gedenkstätten bleiben.
