Tagung
     Pädagogik in Gedenkstätten
     12.-15.10.2000, Berlin

Haus der Wannsee-Konferenz
Gedenk- und Bildungsstätte


Prof. Hanns-Fred Rathenow  
Marco Parizek

 

 

 

Pädagogik in Gedenkstätten der Bundesrepublik Deutschland – Erfahrungen

 

 

Anstelle eines Überblicks über die pädagogische Arbeit in deutschen Gedenkstätten möchten wir Ihnen Ergebnisse einer Erhebung vortragen, die wir ohne den Anspruch auf Repräsentativität oder gar Vollständigkeit durchgeführt haben. Es ging dabei um die Erwartungen, die an Gedenkstätten gerichtet werden, und die Erfahrungen, die diese mit ihren Adressaten machen, aber auch um Aspekte der aktuellen Praxis in der Beziehung zwischen den Gedenkstätten und ihren Besuchern. Davon ausgehend möchten wir einige Überlegungen und Anregungen zur Diskussion stellen.

Wir konzentrieren uns dabei auf Gedenkstättenbesuche von Schulklassen. Unsere Ausführungen sind also zwischen der Pädagogik in Gedenkstätten und der Pädagogik der Schule angesiedelt. Wir haben versucht, eine Reihe von Fragen zu entwickeln, die wir mit Ihnen diskutieren möchten, statt Antworten und Statements vorzutragen.

Die Ergebnisse unserer Erhebung könnten auch als Ansatz zur Entwicklung einer Pilotstudie betrachtet werden. Deren praktische Bedeutung könnte darin liegen, für Überlegungen zur Behebung der vorhandenen Defizite in der Zusammenarbeit zwischen Schulen und Gedenkstätten (1) eine Grundlage zu schaffen. Auf dieser Grundlage konnten Aus-, Fort- und Weiterbildungsprogramme vor allem für Lehrkräfte entwickelt werden, an denen sich aber auch Gedenkstättenpädagogen beteiligen müssten. Es geht also um einen Dialog, nicht darum, Defizite auf der einen oder der anderen Seite zu beanstanden und eine Lehrer- oder Gedenkstättenschelte zu betreiben oder gar einzelne anzuprangern. Daher wahren wir die Anonymität und nennen Namen nur, wo es unproblematisch erscheint.

 

 

Der erste Teil der Untersuchung: Praxistest

 

Wir haben beide Seiten befragt: Lehrer und pädagogische Mitarbeiter von Gedenkstätten. Um das Bild abzurunden, hätten wir auch Schüler/innen befragen müssen, haben aber wegen des Umfangs, den die Vorbereitung dann angenommen hätte, darauf verzichtet. (2)

Wir haben einen Praxistext durchgeführt und sind in die Rolle eines Lehrers geschlüpft, der mit seiner Klasse eine Gedenkstätte besuchen will. Neun Lehrer und sechs pädagogische Mitarbeiter haben wir interviewt und zehn Gedenkstätten in der Bundesrepublik angeschrieben: Bergen-Belsen, Buchenwald, Breitenau, Dachau, Emslandlager/Papenburg, Haus der Wannsee-Konferenz, Mittelbau-Dora, Neuengamme, Ravensbrück, Sachsenhausen.

Wir bitten um Nachsicht, dass Marco Parizek möglicherweise bei Ihnen den Eindruck hinterließ, als wolle er in den nächsten Tagen bei Ihnen mit seiner 9. Klasse auftreten.

Die Erfahrungen, die wir hierbei mit dem Service der Gedenkstätten machten, waren sehr breit gestreut. Während die meisten Gedenkstätte innerhalb von drei Tagen per Brief oder Email antworteten, brauchten zwei Gedenkstätten drei Wochen, eine wegen Personalmangels sogar vier Wochen, schickte dann aber ein persönliches, sehr sympathisches Antwortschreiben. Zwei Gedenkstätten versuchten mehrmals, telefonisch Kontakt aufzunehmen. Fast alle Gedenkstätten übersandten neben Informationsbroschüren auch ihre Internetadresse, über die man weitere Informationen abrufen konnte. (Wir haben die Materialien der Gedenkstätten nicht ausgewertet.) Von zehn Gedenkstätten boten fünf konkrete Anregungen zur Vorbereitung der Besuchergruppe an.

Im Vordergrund der Vorschläge zur Durchführung des Besuchs standen Führungen, sowohl allgemeiner als auch spezifischer Thematik. Sechs Gedenkstätten schlugen vor, im Anschluss an die Führung in Gruppen weiter zu arbeiten, eine Gedenkstätte bot an, ein Zeitzeugengespräch zu vermitteln (konkret: den Besuch eines Überlebenden der Emslandlager in einer Berliner Schule).

Die Möglichkeit, Ergebnisse vor Ort für andere Schulklassen präsentieren zu können, boten fünf Gedenkstätten an. Bei den anderen, die auf die Frage nach einer solchen Möglichkeit nicht positiv antworteten, spielte sicherlich nicht zuletzt der Platzmangel eine Rolle.

 

 

Der zweite Teil der Untersuchung: Lehrerinterviews

 

Auswahl und Fragestellung

Wir haben neun Lehrerinnen und Lehrer befragt. Die Auswahl war nicht repräsentativ, berücksichtigte aber unterschiedliche Arbeitsfelder und Erfahrungsbereiche: Drei der Befragten unterrichten in Brandenburg, vier im Westteil Berlins, einer im Ostteil und eine Kollegin kommt aus dem Ostteil und arbeitet im Westteil Berlins. Wir haben ihnen Fragen gestellt, die sich in

 

 

 

Vorbereitung

Durchführung 

Nachbereitung

 

 

von Gedenkstättenbesuchen gliedern lassen. Die Antworten haben wir nach dieser Gliederung strukturiert.

 

 

Fragen zur Vorbereitung

 

Wir fragten u.a.

· nach dem Anlass für den Besuch der Gedenkstätte,

· wie die Schülerinnen und Schüler konkret darauf vorbereitet wurden,

· wie sich die Lehrerin/der Lehrer selbst vorbereiteten,

· was vom pädagogischen Dienst der Gedenkstätte erwartet wurde.

 

Fragen zur Durchführung

 

beschränkten sich darauf, wie der Besuch beurteilt wurde, was positiv, was negativ erschien.

 

 

Fragen zur Auswertung/Nachbereitung

 

des Gedenkstättenbesuchs bezogen sich

· auf wünschenswerte Hilfe in der Nachbereitung durch die Gedenkstätte, ggf. in welcher Form,

· auf Vorschläge und Anregungen für die pädagogischen Mitarbeiter/innen der Gedenkstätten, die zu einer Verbesserung der Ergebnisse hätten beitragen können.

Darstellung der Ergebnisse

Wir fassten die Ergebnisse unter den o.g. drei Gesichtspunkten zusammen und stellen ihnen nun uns prägnant erscheinende Aussagen vor.

 

 

 

Vorbereitung

 

Wir trafen einerseits auf Lehrer, die mit Schülern ausschließlich auf freiwilliger Basis eine Gedenkstätte besuchen, und auf der anderen Seite auf Lehrer, die grundsätzlich mit der gesamten Klasse die Gedenkstätte besuchen.

Freiwilligkeit wurde ausschließlich von Lehrern im Westteil Berlins betont. „Für einige Schüler ist ein Besuch eine zu große Belastung. Die Verweigerung musste ich erst akzeptieren lernen", so einer der Befragten.

Im Gegensatz dazu gingen Brandenburger Lehrerinnen und Lehrer ganz selbstverständlich davon aus, dass Gedenkstättenbesuche mit der gesamten Klasse zu absolvieren seien, zumal, da - wie zwei der Brandenburger Lehrerinnen betonten - ihrer Meinung nach bei den eher rechtsorientierten Schülern der Klasse „etwas bewirkt" werde, wenn die Erfahrungen des Gedenkstättenbesuches „im Kollektiv" gemacht würden.

Bis auf zwei Ausnahmen hat keine/r der befragten Lehrer/innen davon gesprochen, dass Schüler/innen in der Phase der Vorbereitung Fragen, die sie in der Gedenkstätte hätten stellen können, selbst erarbeitet hätten. Das fügt sich in das Bild, dass die Kompetenz der befragten Lehrerinnen und Lehrer (und womöglich nicht nur der befragten) zur Durchführung von Gedenkstättenbesuchen durchaus erweiterungsbedürftig ist. Natürlich kann an dieser Stelle nicht nachgeholt und aufgebessert werden, was an anderer Stelle im Rahmen der Lehrerausbildung (in der ersten und zweiten Phase) hinsichtlich der Vermittlung handlungsorientierter Methoden versäumt worden ist.

Hier kann allerdings nicht deutlich genug gefordert werden, dass Lehrer/innen von Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen (Methodentraining) Gebrauch machen sollten - sofern sie denn angeboten werden.

 

 

Weiterführende Frage (die zum Fragenkatalog für eine evtl. Pilotstudie gehören könnte):

· Sollten alle Schüler einer Klasse teilnehmen oder sollte die Freiwilligkeit
  betont werden?

Vier Lehrer äußerten sich auch zur Problematik „rechtsorientierter" Jugendlicher in der Klasse bezogen auf einen Gedenkstättenbesuch. Sie hatten dazu sehr unterschiedliche Ansichten. Während ein Lehrer aus dem Westteil Berlins solche Schüler überhaupt nicht mitnehmen würde, hofften Lehrer aus Brandenburg, durch den Gedenkstättenbesuch bei den rechten Schülern „etwas bewirken" zu können und so der eigenen „Hilflosigkeit" zu begegnen. „Wenn man beispielsweise seinen Nachbarn sieht, der mit den Tränen kämpft und manchen Sachen fassungslos gegenübersteht, ist das eine wichtige Erfahrung. Dass soll man ruhig im Kollektiv erleben. Notfalls kann man sie (die rechten Jugendlichen) auch noch des Geländes verweisen."

 

 

Weiterführende Fragen:

· Wie sinnvoll ist ein Besuch mit dezidiert „rechts" auftretenden Schülern? Können „rechte" Jugendliche durch Gedenkstättenbesuche geläutert / aufgerüttelt werden bzw. dient, wie es ein pädagogischer Mitarbeiter aus Buchenwald ausdrückte, die Gedenkstätte als „antifaschistische Waschmaschine"?

 

 

Durchführung

 

 

Wir sind auf Lehrer gestoßen, die sehr positive Erfahrungen mit Führungen gemacht haben (z. B. hatten Führer einen „guten Umgang mit Schülern", sprachen „mundgerecht", „machten Pausen" zum Nachdenken, boten eine „Auswahl" an Themen). Es gab jedoch auch negative Erfahrungen wie z.B. „einstündige Vorträge am Lagermodell", Führungen, die „das Rauchen erlaubten" („Wir achten immer darauf, dass die Schüler sich ordentlich benehmen. Sie haben nicht zu rauchen, nicht Kaugummi zu kauen usw. Dann führte uns da ein junger Mann, und die Schüler fragten, ob sie rauchen dürften. ‚Ja’, meinte er, und da waren wir entsetzt."), Führungen, in denen die Führer „nicht merkten, dass die Konzentration nachließ" oder sich „Langeweile ausbreitete", Führer, die „ohne sich zu verabschieden verschwanden" oder ein Führer, der mit seinen Ausführungen dazu beitrug, dass die Schüler inhaltlich „alles durcheinander" brachten, nämlich die Nutzung des Geländes vor und nach 1945, schließlich Lehrer, die sagten: „Ich führe die Schüler selbst durch die Gedenkstätte; ich weiß, was gut ist". Die überwiegende Tendenz war hingegen die, dass Führungen von den befragten Lehrern als positiv eingeschätzt wurden.

Im Fall einer nicht so glücklichen und für die (Haupt-)Schüler sehr langweiligen Führung nahm das Unternehmen allerdings dann noch eine gute Wendung: „Wir trafen auf jemanden, der wirklich im KZ war - das war dann auch das, was die Schüler in den Aufsätzen (sic!) beschrieben haben. Da waren unsere Schüler aufmerksam, haben tolle Fragen gestellt - ich hab die gar nicht wiedererkannt - und waren schwer beeindruckt. Der Führer hat sich dann zurückgehalten."

Die befragte Lehrerin ist Deutsch- und nicht Geschichtslehrerin; sie wollte die Schüler „einfach ihre Eindrücke niederschreiben" lassen.

Eigentlich könnte man sich nun befriedigt zurücklehnen und es dabei bewenden lassen. Dennoch ergeben sich eine weiterführende Frage und eine Hypothese:

· Warum trifft eine so hierarchisch organisierte Arbeitsform, die verglichen werden kann mit dem Lehrervortrag im Klassenzimmer, auf eine so breite Zustimmung, da es doch andererseits auch Lehrer gibt, die darauf schwören, dass die von Schülern (die wir hier nicht befragten) selbst gestalteten Aktivitäten zu hoher innerer Befriedigung bei allen Beteiligten führten.

· Hypothese: Es sind wahrscheinlich bei den betroffenen Kolleginnen und Kollegen keine Erfahrungen vorhanden, Gedenkstättenbesuche in partizipatorische Lernprozesse einzubetten, oder es wird oft fälschlicherweise von Projekten gesprochen, die gar keine sind (z.B. wird ein Ausflug mit Führung bei „Cargo-Lifter" als „Projekttag ‚Luft’" bezeichnet oder man nennt es eine Projektwoche, wenn jeder Schüler sich ein Unterrichtsfach sucht und dort eine vorgegebene Aufgabe wählt, die Woche lang zu bearbeiten ist).

Einige Lehrer erwähnten, sie erachteten es für sinnvoll, dass ihre Schüler denselben Weg zur Gedenkstätte zurücklegen wie die Deportierten (z.B. Buchenwald, Sachsenhausen –„der Blutweg"-, Majdanek).

 

 

Weiterführende Fragen:

· Inwieweit ist das also eine weitere Möglichkeit, sich einer Gedenkstätte zu nähern? Besteht evtl. die Möglichkeit, in Gedenkstätten andere Perspektiven zu übernehmen, mindestens aber wahrzunehmen (z.B. mit Hilfe des Szenischen Lernens)?

Eine Kollegin bemängelte das „Durchziehen" der Schüler in der Gedenkstätte. Besser sei es, den Schülern nur ausgewählte Bereiche zu zeigen und Zeit/Muße zu lassen, um die Inhalte zu erfahren.

 

 

Weiterführende Frage:

· Sollte es vor Ort nicht Raum und Zeit zum Innehalten geben, in dem Sinne wie Dietfrid Krause-Vilmar von der Gedenkstätte als einem Ort für Gespräche, als „Ort der Meditation", des Nachsinnens spricht?

 

 

Nachbereitung

 

Kein befragter Lehrer nahm sich die Zeit, vor Ort zu verweilen. Es bestand keine Möglichkeit, Erfahrungen sich setzen zu lassen und einen ersten Gedankenaustausch vorzunehmen. Es fehlten Sitzmöbel und ggf. „Räume" und Plätze zum Sich-Besinnen.

 

 

Weiterführende Frage:

· Warum keine Weiterarbeit/Nachbereitung vor Ort, sondern erst im Unterricht? Ist es Lehrern nicht wichtig, Eindrücke vor Ort auszutauschen?

 

Der dritte Teil der Untersuchung: Interviews mit pädagogischen Mitarbeitern von Gedenkstätten

 

In dem dritten Komplex unserer kleinen Exploration haben wir Mitarbeiter des Besucherdienstes bzw. der pädagogischen Abteilung von Gedenkstätten telefonisch befragt und fünf Interviews geführt (Dachau, Buchenwald, Ravensbrück, Mittelbau Dora, Bergen-Belsen). Jetzt haben wir es mit einem Perspektivwechsel zu tun. Haben wir eben noch die Lehrer selbst über ihre Vorgehensweise befragt, so steht jetzt die Perspektive der pädagogischen Mitarbeiter/innen auf das Herangehen der Lehrer im Mittelpunkt unserer Betrachtung.

Wir gliedern die Ergebnisse dieses Teils der Befragung nach folgenden Gesichtspunkten:

- wie sich Lehrer und Klassen auf den Besuch vorbereiten,

- wie Besuche durchgeführt werden,

- wie die Klassen und die Gedenkstätten die Besuche auswerten.

Wir fragten, bezogen auf die Vorbereitung unter anderem danach,

 

-  welche Bedingungen an Schulklassen und ihre Lehrer gestellt würden, die die  jeweilige Gedenkstätte besuchen,

-  wie der Besuch im Unterricht vorbereitet sein sollte und

-  ob die Gedenkstätte Informationsveranstaltungen zur Vorbereitung von Lehrern  durchführt.

 

Die Fragen zur Durchführung bezogen sich auf die Gestaltungsmöglichkeiten des Gedenkstättenbesuches (z.B. Führung, Arbeit im Archiv, Räume, Arbeitsplätze, Seminare etc.) und danach welche Form am häufigsten gewählt wurde.

Zum Abschluss fragten wir, ob es Rückmeldungen nach dem Gedenkstättenbesuch und nach der Auswertung seitens der Lehrer mit ihren Klassen gab und ob es spezielle Feedback-Bögen gebe.

 

 

Vorbereitung der Lehrer/Klassen

 

Buchenwald hat einen Fragebogen zur Selbstbefragung von Lehrern und Schülern entwickelt. Eine der Motivationen, einen Fragebogen für Lehrer zu entwickeln, lag sicherlich darin, dass viele Lehrer anlässlich der eigenen Jugendweihe erstmals an diesem Ort waren, nun aber unter anderen Umständen wieder - diesmal mit Jugendlichen unter ganz anderen Vorzeichen - diesen Ort betreten.

Der Fragebogen will unter anderem klären, warum die Gedenkstätte besucht werden soll, welches die eigenen Erinnerungen an die Gedenkstätte sind und ob Schülerinnen und Schüler gleiche oder ähnliche Eindrücke haben sollen.

Bezogen auf die Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler wünschen sich die Gedenkstättenmitarbeiter von den Lehrern,

· dass Schüler mit vorbereiteten Fragen kämen,

· dass sie eine Vorstellung davon haben, was für ein Ort eine Gedenkstätte ist, dass sie nämlich „Friedhof und Lernort in einem ist und auch noch zahlreiche andere Funktionen hat" (Robert Sigel),

· dass der Besuch nicht aus der Not heraus (z.B. als Pflichtveranstaltung am Wandertag) erfolgen sollte,

· dass die Lehrer in der Vorbereitung den Schülern verdeutlichen sollten, der Gedenkstättenbesuch könne nicht zur Illustrierung von Vorstellungen dienen, die z.B. durch Filme wie: „Schindlers Liste" oder „Nackt unter Wölfen" hervorgerufen werden. Äußerungen wie z.B.: „Schade, man sieht ja jetzt nichts mehr" oder: „Ich kann mir das gar nicht richtig vorstellen wie im Film, was hier passiert ist", könnten sonst die Folge sein. „Am problematischsten wird es, wenn der Gedenkstättenbesuch zum Besuch in den abgerissenen Kulissen des Filmes wird, bis dahin, dass ein Lehrer am Telefon gefragt hat, ob man denn das KZ live zeigen könne. Die korrekte Antwort ist: ‚Sie kommen zu spät.’" (Daniel Gaede). Schindlers Liste mache es schwierig, „den Ort als eigenständig und nicht als Illustration für den Film wahrzunehmen". Ähnlich sei es mit „Nackt unter Wölfen". Der Roman werde nicht als Roman gelesen, der Film nicht als Spielfilm angesehen, sondern beide würden als Dokument wahrgenommen. „Und wehe denn, wenn wir erzählen, dass das aber nicht so war." „Problematisch wird es, wenn den Schülern klar wird: Man ist nicht mehr im Film, sondern auf dem Gelände." Das sei dann aber auch ein Ansatzpunkt zur Diskussion, bei der es um bestehende Bilder und Mythen, um die Wahrnehmungsmuster in unseren Köpfen gehe.

Dennoch stellte ein langjähriger Mitarbeiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen fest, dass nach seinen Erfahrungen die Schulklassen zu 80 bis 90 %, vor allem sachlich-inhaltlich, gut vorbereitet und dann auch interessiert seien. Diese Tendenz wird auch von Mitarbeitern anderer Gedenkstätten bestätigt.

Gedenkstätten selbst bieten meist keine Seminare zur Vorbereitung von Lehrerinnen und Lehrern auf Gedenkstättenbesuche an. Es gibt Seminarangebote sowohl der Landeszentralen für politische Bildung als auch im Rahmen der Lehrerfortbildung, aber sie haben oft nur inhaltliche, d.h. historische Themen zum Gegenstand, keine Methodik. Es ist jedoch beabsichtigt, so zumindest in Buchenwald und Ravensbrück, eigene Seminare anzubieten.

Auch in Dachau geschieht dies. Über die Homepage von Dachau und mailing lists soll dann der Kontakt zu den Lehrern, die an den Fortbildungsveranstaltungen teilgenommen haben, aufrecht erhalten werden, damit sie eine Multiplikator-Funktion wahrnehmen können.

 

 

Durchführung des Gedenkstättenbesuchs

 

Durchgängig betonten die Gedenkstätten, dass Besuche von Schulklassen erst ab der 9. Jahrgangsstufe erwünscht seien. Aus Mittelbau-Dora hörten wir, dass „alle Lehrer, die mit jüngeren Schülern kommen wollen (und nicht davon abzubringen sind), [..] ihre Schulklassen selbst führen und selbst entscheiden [müssen], welche Teile des Geländes oder der Ausstellung sie ansehen" wollen.

Bezogen auf die Durchführung des Gedenkstättenbesuches wird erwartet, "dass die Klasse in ihrem Verhalten nicht völlig unsicher ist und sich angemessen verhält, ... dass an manchen Orten in der Gedenkstätte, etwa beim Krematorium, sie sich in etwa so verhält wie auf einem Friedhof, dass man nicht sehr laut ist, vielleicht nicht gerade Witze erzählt, die andere zum Lachen bringen ..., dass man berücksichtigt, dass man hier möglicherweise Menschen trifft, die der Angehörigen gedenken". Aber es wurde auch betont, dass es nicht das eine richtige Verhalten gebe, vor allem dass der Lehrer von seinen Schülern „nicht irgendwie emotionale Betroffenheit einfordern" solle.

Kritisch wurde angemerkt, es gebe immer noch "Kollegen, die mit ihrer Klasse kommen, bei denen man das Gefühl hat, die geben ihre Klasse jetzt hier ab und hoffen, dass sie jemanden gefunden haben, der kompetent ist; sie hören sich das mal selber an, nehmen aber eigentlich wie ein Schüler teil, oder sogar noch weniger". Auf die Nachfrage, ob das oft vorkomme, antwortete der Mitarbeiter: "Das ist sicher nicht die Mehrheit, aber das ist auch nicht eine singuläre Ausnahme." Auch aus Ravensbrück hörten wir: "Einige Lehrer überlassen die Klasse während der Führung völlig dem Führer und sagen sich: ‚Die machen das schon. Ich bin schon immer in der Klasse präsent.’"

Weiterhin wurde kritisiert, dass sich einige Lehrer auch nicht vorab über die Gedenkstätte informierten. Daraus ergibt sich die Frage, inwieweit es mit zu den Aufgaben des pädagogischen Dienstes gehört, darauf hinzuweisen, dass die Lehrer sich vorab kundig machen, den Guides bei der Auswahl der Schwerpunkte helfen und aktiv an der Führung teilnehmen sollten, da sie die Klasse und die Vorraussetzungen besser kennen als der Führer. Es sei außerdem es wichtig, bestimmte Stationen des Gangs durch die Gedenkstätte zu kennen, um die Schüler vorbereiten zu können.

In allen Befragungen der pädagogischen Mitarbeiter wird betont, dass die Führung die am häufigsten gewählte Form der Begegnung mit der Gedenkstätte sei. Dennoch: "Wir arbeiten nicht an Tonbandführungen, der menschliche Bezug zu den Besuchern ist wichtiger. "

Ihnen ist besser als mir bekannt, dass es natürlich darüber hinaus je nach Gedenkstätte auch andere Arbeitsmöglichkeiten gibt:

 

 

Tagesprojekte

drei- bis viertägige Projekte (die in Buchenwald in der Jugendbegegnungsstätte möglich sind und von vielen Klassen gewählt werden)

die Teilnahme an einem Workcamp über 14 Tage oder

ein Praktikum von einem halben Jahr sowie schließlich

die Arbeit als Zivildienstleistender über zwölf Monate [wir haben nicht davon gehört, dass die Gedenkstätten Einsätze im Rahmen des Freiwilligen Sozialen Jahres (für Frauen) ermöglichen].

 

 

Archivarbeit

 

In den meisten Gedenkstätten besteht auch die Möglichkeit zur Arbeit im Archiv, wenngleich darauf oft nicht besonders aufmerksam gemacht wird. Diese Form der Begegnung mit der Geschichte, die von den befragten Lehrern als besonders prägend bezeichnet wurde, wird besonders in Dachau (Facharbeit) und in Buchenwald (Seminar Archivarbeit) praktiziert. Allerdings ist Archivarbeit nur begrenzt möglich, da, wie in Buchenwald, oft nur eine Mitarbeiterin zur Verfügung steht und das Originalmaterial der Schonung bedarf. „Frau S. ist sehr offen, reißt sich beide Beine aus."

Aus Dachau hörten wir, dass im Zuge der Neukonzeption geplant sei, individuelle Studienmöglichkeiten bzw. Arbeitsplätze einzurichten, an denen Schüler/innen über den Zugriff auf Datenbanken Informationen zu Referaten etc. abrufen können; zumindest zur Zeit besteht aber noch die Möglichkeit, in den Fällen, in denen eine Facharbeit geschrieben wird, die Originale zur Hand zu nehmen.

· Weiterführende These: Noch immer dominiert die Führung das Geschehen für Schulklassen in Gedenkstätten. Die Führung ist die Fortsetzung des Frontalunterrichts mit anderen Mitteln. Wenn einer der befragten Lehrer aus Brandenburg auf die Frage, wie er seine Schüler vorbereitet, sagt: "Sie werden mit Arbeitsaufträgen dorthin geschickt " und: "Es geht um Eindrücke, die sie zu formulieren haben", dann spricht allein die Sprache für sich. Auf die Nachfrage, wer denn die Arbeitsaufträge formuliere, antwortet er offen und ehrlich: "Das mache ich selber".

 

Auswertung/Nachbereitung des Gedenkstättenbesuchs

 

Bezogen auf die Rückmeldungen von Lehrern, die mit ihrer Klasse in der Gedenkstätte waren, antworteten die Mitarbeiter, dass sie oft Einladungen zu Präsentationen der Ergebnisse in der Schule erhielten, ein Besuch jedoch nur selten möglich sei. Häufig werden Ergebnishefte oder Fotos zugeschickt (z.B. ein Heft von der Waldorfschule Innsbruck; Interviews mit den Mitarbeitern zu der Frage, wie man denn an so einem Ort eigentlich arbeiten könne). Einige Gedenkstätten präsentieren kleine Ausstellungen von Schülergruppen im Seminarraum der Gedenkstätte.

 

Schulklassenbesuche werden nur selten mit Hilfe von Feedback-Bögen ausgewertet. Es gibt keine Standards, und oft verhindert Geldmangel solche Evaluationen.

Wenn es solche Feedback-Bögen gibt, so enthalten diese „Möglichkeiten zur Äußerung über die Führung, die Art, ihre Länge, die Dauer etc., die wir dann ohne die Kommentare der Lehrer erhalten." In Neuengamme gibt es eine „Meinungswand", an die Besucher Kommentare schreiben können.

 

 

Vorsichtiges Resümee

 

Es kristallisierten sich während unserer Untersuchung zwei Punkte immer deutlicher heraus, die es wert sind, hier am Schluss noch einmal genauer betrachtet zu werden, nämlich der Einsatz von Führungen durch die Gedenkstätten und das Problem der Zeit und Ruhe - des Innehaltens vor Ort.

 

 

Führung

 

Noch immer ist die Führung mit ihrem oft gelenkten, auswertenden Gespräch im Zusammenhang mit Gedenkstättenbesuchen die am häufigsten anzutreffende methodische Vermittlungsform. Es wird doziert, es geht um intensive Wissensvermittlung. Dabei wird der emotionalen Bewältigung der Eindrücke, die die Schüler anlässlich des Besuchs zu verarbeiten haben, oft wenig - wir würden sagen - zu wenig Raum gewährt.

Wir vermuten, dass sich insbesondere bei Brandenburger Lehrerinnen und Lehrern Verunsicherung zeigt, wenn die Klasse in Gruppen aufgelöst arbeiten und Eigeninitiative Platz greifen soll. Es ist aus einem Geschichtsunterricht berichtet worden, in dem der Geschichtslehrer aus dem Buch vorlas. Die didaktische Nähe einer solchen „Vorlesung" zur Führung ist evident. Die „Ablösung der Belehrung durch Beteiligung" die Hartmut von Hentig fordert (3), ist hier nicht ansatzweise zu finden. An anderer Stelle spricht er von der neuen Schule, in der versucht wird, „soviel Belehrung wie möglich durch Erfahrung zu ersetzen oder doch durch Erfahrung zu ergänzen." (4)

Führung hat sich in den Köpfen der Lehrer so eingeprägt, dass an andere Arbeitsformen oft gar nicht gedacht wird. Wenn ein Besuch von Lehrerinnen und Lehrern insgesamt eher negativ bewertet wurde, lag das natürlich „an der Führung". Es ergeht also eine Schuldzuweisung an die Gedenkstätte. In der beruflichen Sozialisation vieler Lehrer hat sich diese Form in der eigenen Biografie regelrecht „eingenistet", so dass andere Überlegungen marginalisiert werden.

Krause-Vilmar betont an anderer Stelle die Fragwürdigkeit eines konservativen Lernbegriffs, der in Begriffen wie ‚lernzielorientiertes Programm’ oder Lernzielorientierung daherkomme und der in einer Gedenkstätte nichts zu suchen habe, weil er sich an „schulischen oder anders fest strukturierten oder institutionell organisierten Formen orientiert" (5).

Unsere Anregung kann nur sein, Führerinnen und Führer zu Moderatoren, zu "facilitators" werden zu lassen. Die Gedenkstätte selbst muss zum „Lehrer" werden. Die faciltators stellen Materialien, Akten, Originale etc. etc. zur Verfügung, und die Führer werden zu Organisatoren von Lernprozessen. Sie müssen, soziologisch gesprochen, etwas von ihrer Macht abgeben.

Die begleitenden Lehrer müssen sich zurückhalten, das heißt aber nicht, dass sie in dieser Zeit Kaffee trinken gehen. Sie würden in einem solchen Lernprozess zu einem Glied innerhalb des Lernprozesses ihrer Schüler.

 

 

Ruhe und Zeit und Innehalten

 

Gedenkstätten sollten Leerräume haben, damit Besucher Platz zum Nachdenken haben. Gedenkstätten sollten die Möglichkeit des Gesprächs, des Dialogs über Geschichte bieten. Es muss die Möglichkeit geben, dass sich Gedanken und Gefühle, dass sich Eindrücke setzen können. Dazu sollten sich Besucher/innen schlicht hinsetzen können.

Der Begriff Schule kommt von dem griechischen Wort "schole" = "Muße". Dazu noch einmal Hartmut von Hentig, der Nestor der deutschen Erziehungswissenschaft: „Es geht um die unbarmherzige Nutzung jeder Minute [...]. Es fehlen Großmut, Spielraum, der Abstand zum Nachdenken, die Bereitschaft für den Sonderfall. An diesem Mangel stirbt die Idee der civitas. Umgekehrt zeugt es von civilitas, wenn wir uns dies gestatteten - menschliche Maße, Kleinheit, Verlangsamung, Unmittelbarkeit, Individualisierung." (6)

Wo immer verantwortbar, sollte Jugendlichen ermöglicht werden, Originale auch in die Hand nehmen zu dürfen. Das intellektuelle Begreifen folgt unmittelbar dem physischen Begreifen. Sowohl in den Bekundungen der befragten pädagogischen Mitarbeiter/innen als auch in denen der Lehrer/innen ergeben sich Hinweise darauf, dass diese Form der Aneignung geschichtlicher Erkenntnis nicht gering geschätzt werden darf.

Dietfrid Krause-Villmar hat betont, dass Gedenkstätten Stätten des GEDENKENS sind und erst in zweiter Linie LERNORTE. Bei unseren Fragen an Lehrer und pädagogische Mitarbeiter klammerten wir die Frage nach dem Gedenken vor Ort bewusst aus, um zu erfahren, ob das Gedenken wie selbstverständlich in den Lernort Gedenkstätte integriert ist. Beide Seiten sagten dazu nichts! Wir haben das nicht gefragt, eher stand das Lernen und die Vermittlung von korrekten Wertvorstellungen im Vordergrund. Es ist aber als Problem festzuhalten: Viele Jugendliche haben es nicht gelernt zu gedenken, vielleicht auch, weil noch keine nahen Angehörigen gestorben sind (in Mitteleuropa leben die meisten Menschen länger als noch vor wenigen Jahrzehnten), und sie haben dann Probleme damit.

 

____________________

 

 

Fußnoten:

(1)

Sigrid Müller: Besucher/innerforschung in Gedenkstätten- Ein Pilotprojekt in der Gedenkstätte Sachsenhausen. In Gedenkstätten-Rundbrief (1996) S. 74

(2)

vgl. dazu die "Psydata-Studie": Cornelia Fischer [u.a.]: Auswirkungen der Besuche von Gedenkstätten auf Schülerinnen und Schüler. Wiesbaden: Landeszentralen für politische Bildung Hessen und Thüringen. Wiesbaden 1992

(3)

Hartmut v. Hentig 1997, S. 109

(4)

ders.: Die Schule neu denken. München 1993, S. 226

(5)

Dietfrid Krause-Vilmar: Thesen zum Lernen in Gedenkstätten. In: Gedenkstättenarbeit mit Jugendlichen - eine Herausforderung für die politische Bildung. Wiesbaden 1992, S. 31-38

(6)

v. Hentig, S. 270

 


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