DER SPIEGEL 7/2002 - 09. Februar 2002
URL: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,182575,00.html

Zeitgeschichte
 
Das Dokument des Terrors

Auf der Wannseekonferenz 1942 sprachen die Organisatoren des Holocaust ihre Mordpläne ab. Wie das Protokoll überliefert wurde, klärt nun eine Zeitzeugin auf.

Die berüchtigtste Konferenz der Weltgeschichte begann um 12 Uhr mittags. Langsam rollten dunkle Limousinen die Uferstraße am Wannsee hinunter auf das Gelände der SS-Villa. Der Schnee knirschte unter den Reifen. Der 20. Januar 1942 war ein herrlicher Wintertag.

Reinhard Heydrich, der große, blonde Chef von Hitlers Sicherheitspolizei, führte seine Gäste in den Konferenzsaal, durch dessen Fenster der Blick auf das Seeufer fiel.

Die 15 Männer, Staatssekretäre, Spitzen der NS-Verwaltung im besetzten Osteuropa und hochrangige SS-Führer, waren ungewöhnlich jung - die Hälfte unter 40 Jahre alt -, ungewöhnlich gebildet - jeder zweite ein Doktor - und ungewöhnlich ehrgeizig. Das Thema ihres Treffens: der Holocaust.

Anderthalb Stunden dauerte die streng geheime Zusammenkunft. Es gab Schnittchen und französischen Cognac, anschließend schrieb Heydrichs "Judenreferent" Adolf Eichmann ein Protokoll. Fünf Jahre später fanden amerikanische Ermittler die 16. Ausfertigung des Papiers. Die Wannseekonferenz wurde schlagartig weltberühmt - als Symbol für den staatlich verordneten Massenmord an den Juden. Inzwischen strömen jedes Jahr Zehntausende in die Villa im Südwesten Berlins, seit 1992 Sitz einer Gedenkstätte.

Dabei sind sich Experten längst einig, dass die Teilnehmer der Wannseekonferenz entgegen landläufiger Meinung nicht den Holocaust beschlossen. Zwar waren Staatssekretäre in Hitlers Reich besonders mächtig, doch eine solche Entscheidung überstieg die Befugnis der Versammelten.

Aber warum hat Heydrich dann die anderen 14 Männer zu sich gebeten oder befohlen? Und woher stammt die einzig erhaltene 16. Ausfertigung des Protokolls?

Die Geschichte des grausigen Jahrhundertdokuments scheint sich jetzt endgültig zu klären. Die Britin Betty Nute, 85, arbeitete nach dem Krieg für das amerikanische Anklägerteam von Nürnberg. Sie berichtet nun erstmals, wie das Protokoll im Frühjahr 1947 in den Akten des Auswärtigen Amtes entdeckt wurde.

Zweifel an der Echtheit des Dokuments waren entstanden, als Robert Kempner, einer der Nürnberger US-Ankläger, in den sechziger Jahren eine Version als Faksimile veröffentlichte, die sich leicht von jener unterschied, welche die Amerikaner in Nürnberg 1947 vorgelegt hatten. Nute bestätigt nun, dass das Dokument von 1947 echt ist: "Ich war ja dabei, als es gefunden wurde." Den genauen Zweck der Konferenz kennt freilich auch die Zeitzeugin nicht.

Im Zentrum des Rätsels steht der damals 37-jährige Heydrich. Der kühle Musikersohn hatte sich im Sommer 1941 ausdrücklich von Hitlers damaligem Kronprinz Hermann Göring beauftragen lassen, alle "Vorbereitungen ... für eine Gesamtlösung der Judenfrage" zu treffen. Von seinen Mitarbeitern ließ er sich gern als "Judenkommissar von Europa" titulieren. Noch wollten Hitler und seine Helfer die Juden aus ihrem Reich entfernen und sie in einem fernen Territorium, die Rede war von Sibirien, zugrunde gehen lassen.

Als Heydrich am 29. November 1941 zur Konferenz lud, hatte der Völkermord allerdings bereits begonnen. Einsatzgruppen der SS, unterstützt von der Wehrmacht, erschossen bis zum Jahresende einen Großteil der Juden im Baltikum, in Weißrussland und der Ukraine, in Serbien ermordeten sie fast alle jüdischen Männer.

Aus der offenkundigen Rivalität zwischen SS-Chef Heinrich Himmler und seinem einstigen Zögling Heydrich zogen Historiker den Schluss, der ehrgeizige SS-Karrierist habe sich mit der "Endlösung" beim "Führer" profilieren wollen. Und da Hitler über den Holocaust nichts Schriftliches aus der Hand geben wollte, sei der wahre Zweck der Konferenz gewesen, den zuständigen Beamten Heydrichs Bestallung zum Chef der "Endlösung" bekannt zu geben. Dagegen spricht jedoch: Der Organisator hatte bereits in den Einladungsschreiben den Auftrag Görings an ihn mitgeteilt; eine Konferenz war dafür nicht nötig.

Heydrich war ein skrupelloser Techniker der Macht, überzeugt von der "totalen Ohnmacht des Moralischen", wie Hitler-Biograf Joachim C. Fest analysierte. Wollte der SS-Mann die deutschen Spitzenbeamten zu Komplizen machen, ihnen gar "eine Falle" stellen? Das behauptet der britische Historiker Mark Roseman in einer neuen Studie, und dafür scheint zu sprechen: Heydrichs Adlatus Eichmann erklärte während seines Prozesses in Jerusalem, sein Chef habe damals "die Staatssekretäre annageln" wollen.

Für die Deportation der Juden aus Vasallenstaaten des Dritten Reiches wie Vichy-Frankreich benötigte Heydrich die Kooperation des Auswärtigen Amtes. Aber ausgerechnet dessen wichtigsten Staatssekretär, den immer zögerlichen Ernst von Weizsäcker, hatte er nicht geladen, sondern Unterstaatssekretär Martin Luther. Das passt nicht zu Rosemans Deutung.

Ohnehin waren die wichtigeren Teilnehmer der Wannseekonferenz bereits Mitwisser. Luther wusste von der Erschießung der serbischen Juden. Wilhelm Stuckart, Staatssekretär des Innenministeriums, erhielt die Berichte der Einsatzgruppen über deren Morde. Gauleiter und Staatssekretär Alfred Meyer vom Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete verwaltete ein Gebiet, in dem zur Zeit der Wannseekonferenz die meisten Juden bereits ermordet waren.

Historiker der Wannsee-Gedenkstätte glauben, die Konferenz sollte primär die "Kooperation aller Ministerien unter Federführung Heydrichs sicherstellen". SS und Zivilinstanzen befehdeten einander heftig: Wann sollten welche Juden deportiert werden, wer musste wen aufnehmen?

Doch die Zuständigkeiten wollte Himmler selbst klären. In den Wochen vor dem Treffen sprach er persönlich mit Ministern oder Staatssekretären jener Ressorts, die zur Konferenz geladen waren. In seinem Dienstkalender notierte Himmler nach einem Treffen mit Stuckart vom Innenministerium: "Judenfrage gehören (sic) zu mir."

Am wahrscheinlichsten ist, dass Heydrichs Einlassung, die er in die Einladungen schreiben ließ, der Wahrheit entsprach: Er wolle Göring als Ergebnis der Konferenz einen "Gesamtentwurf" für eine "Endlösung" vorlegen. Noch schien der Sieg nahe, und einen umfassenden Plan über das Schicksal der Opfer gab es nicht.

Zu dieser Lesart passt, dass Heydrich auf der Konferenz erst einmal die anderen Ministerien über seine Vision informierte: Die "kommende Endlösung" sollte mindestens elf Millionen jüdische Europäer betreffen, auch aus neutralen Ländern wie der Schweiz oder Schweden sowie dem dann besiegten Großbritannien. Das den Opfern zugedachte Schicksal war grauenvoll: Straßenbau im Osten, "wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird". Der "verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden".

Die Nazis benutzten zumeist Tarnsprache, wenn sie sich über die Vergasung ihrer Opfer verständigten. Hinter dem im Konferenzprotokoll beschriebenen "Straßenbau im Osten" vermuteten deshalb viele Zeitgeschichtler einen verschlüsselten Hinweis auf Auschwitz oder Treblinka. Doch nun hat der Historiker Jan Erik Schulte festgestellt, dass die SS tatsächlich jüdische Zwangsarbeiter in großem und mörderischem Stil einsetzen wollte.* Himmler plante, Europas Osten mit gigantischen Wehrsiedlungen zu überziehen, verbunden durch riesige Autobahnen. Als Erste sollten die Juden aus Deutschland dafür schuften.

Wie in einem ganz normalen bürokratischen Verfahren wollte Heydrich offenbar auf der Wannseekonferenz die zuständigen Stellen informieren. Weitere Mitarbeiterbesprechungen zu Detailfragen folgten, ein anschließendes Treffen der Staatssekretäre war geplant. Die zweite Wannseekonferenz kam nicht zu Stande, weil tschechische Widerstandskämpfer Heydrich am 27. Mai 1942 eine Bombe in die offene Limousine warfen; wenige Tage später starb er an den Verletzungen.

Das Protokoll der Wannseekonferenz enthüllt insofern einen gigantischen Mordplan, der so weder im Detail ausgearbeitet noch umgesetzt wurde. Wenige Monate nach der Konferenz begann die Ermordung europäischer Juden in Auschwitz und anderen Vernichtungslagern.

Von den 15 Teilnehmern des Geheimtreffens waren nach Kriegsende noch 9 am Leben. Wegen der Mitwirkung in der mörderischen Runde wurde mit Ausnahme Eichmanns nach 1945 niemand verurteilt.

Zur Klärung des Rätsels Wannseekonferenz hat keiner der überlebenden Funktionäre beigetragen. Und wäre Unterstaatssekretär Luther nicht so ein Intrigant gewesen, würde heute wohl nicht einmal das Protokoll der Sitzung vorliegen.

Eichmann hatte 30 Exemplare tippen lassen; Luther bekam die 16. Ausfertigung und heftete sie ab. Später versuchte der Unterstaatssekretär, seinen Minister Joachim von Ribbentrop zu stürzen und endete im KZ Sachsenhausen. Luthers Protokoll-Ausfertigung überdauerte deshalb als einzige das Kriegsende unversehrt. Alle anderen Konferenzteilnehmer hatten Zeit und Gelegenheit, ihre Unterlagen rechtzeitig zu vernichten.

Der letzte, der noch zur Aufklärung hätte beitragen können, starb 1987: SS-Gruppenführer Gerhard Klopfer aus der Parteikanzlei der NSDAP, nach dem Krieg erfolgreicher Anwalt in Ulm. In der Traueranzeige schrieb die Familie, Klopfer habe ein erfülltes Leben geführt, "zum Wohle aller, die in seinem Einflussbereich waren".

AXEL FROHN, KLAUS WIEGREFE

 

© DER SPIEGEL 7/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet AG



zurück


Startseite


Homepage