Adolf Eichmann zur Wannsee-Konferenz

Auszüge aus den Tonbandaufzeichnungen der Verhöre Eichmanns durch den israelischen Polizei-Hauptmann Avner W. Less, Jerusalem, Juni 1960


 

 

Eichmann: (...)

Less: Sie entsinnen sich an die Wannsee-Konferenz? Mir fällt ein, daß Sie dabei anwesend waren.

Eichmann: Ich habe sogar die Einladungen an die Staatssekretäre selbst schreiben müssen, das heißt Heydrich hat mit kurz gesagt, wie er es haben will.

Less: Warum wurden Sie eingeladen, wo Sie doch eine solch untergeordnete Rolle spielten?

Eichmann: Herr Hauptmann, ich musste die Einladung schreiben, ich musste Heydrich die Angaben geben für seine Rede, sämtliche Auswanderungsziffern, ich war ja der Dezernent im Geheimen Staatspolizeiamt.

Less: Müller war auch anwesend?

Eichmann: Es war ja eine Konferenz auf – wie man damals zu sagen pflegte – „hoher Ebene". Also nur Staatssekretäre.

Less: Warum hat man den kleinen Eichmann rangeholt? Heydrich wollte Sie doch bestimmt nicht bei der Konferenz jedes Mal fragen, ob das, was er gesagt hat, richtig ist?

Eichmann: Nein, das hat er vorher verlangt, so die Auswanderungsangelegenheiten. Denn die Wannsee-Konferenz war ja erst der Beginn der eigentlichen Tötungsgeschichten.

Less: Ja, offiziell. Getötet wurde ja schon vorher. Sie behaupten, daß 1941 so ungefähr im November in Auschwitz, daß diese Vergasungsapparate schon gearbeitet hätten.

Eichmann: Jawohl, stimmt! Dies hier war eine Konferenz, wo Heydrich seine Ermächtigung bekannt gab. Ich überlege: Wenn schon getötet wurde – und es wurde getötet -, war es wahrscheinlich eine straffere Zusammenfassung von solchen Sachen. Er ist bestallt worden von Göring. Bis dahin waren eben die Schwierigkeiten zu groß gewesen. Zu viele Zentralinstanzen.

Less: Ich sehe in der Tatsache, daß man Sie zur Wannsee-Konferenz herangeholt hat, einen Hinweis darauf, daß Ihnen die Endlösung durch Vernichtung eine prominentere Rolle gab, als Sie zugeben.

Eichmann: Nein, nein, Herr Hauptmann. Ich würde es zugeben, würde es ohne weiteres zugeben, aber ich war immer Dezernent gewesen im Amt IV B 4, und ein Dezernent im Geheimen Staatspolizeiamt kann aus seinem Rahmen, in den ich eingespannt war, gar nicht ausbrechen. Wenn ich meinen Mund nur ein einziges Mal aufgemacht hätte, Herr Hauptmann, dann würde ich sagen: jawohl! Aber ich habe schweigen müssen. Man hat mich ja ... Ich weiß nicht, ob Sie es nachempfinden können, Herr Hauptmann – ich bin mit der Stenotypistin in einer Ecke gesessen und da hat sich niemand um uns gekümmert, niemand. Da waren wir viel zu klein. Man hat uns nicht beachtet, nicht einmal Heydrich.

Less: Auf mich macht das den Eindruck, als ob man Ihnen eine prominentere Rolle zugedacht hätte für die Zukunft.

Eichmann: Dann müsste ich mir diese Rolle selbst gegeben haben, weil ich mich ja selbst auf die Anwesenheitsliste gesetzt habe. No, no, das ist wirklich eine ... Ich würde den Mut haben, das ohne weiteres zu sagen, denn – was kann mir schon passieren?

Less: Ich zitiere aus Ihrem Protokoll über die Heydrich-Rede: „An Stelle der Auswanderung ist nunmehr als weitere Lösungsmöglichkeit nach entsprechender vorheriger Genehmigung durch den Führer die Evakuierung der Juden nach den Osten getreten. Diese Aktionen sind jedoch lediglich als Ausweichmöglichkeiten anzusprechen, doch werden hier bereits jene praktischen Erfahrungen gesammelt, die im Hinblick auf die kommende Endlösung von wichtiger Bedeutung sind." Was bedeutet das alles?

Eichmann: Weil die Auswanderung verboten war, wurden sie nach dem Osten abgeschoben. Diese Sache hier, das ist die neue – äh – Konzeption gewesen, derentwegen ja diese Staatssekretärsbesprechung anberaumt worden ist ... Die neue Konzeption, die Himmler mit Göring besprochen hat, sicherlich im Beisein Heydrichs.

Less: Was heißt hier praktische Erfahrungen?

Eichmann: Die Wannsee-Konferenz – wir haben sie Staatssekretärsbesprechung genannt – ist am 20.1.1942 gewesen. Ich wurde zwei Monate später nach Globocnik geschickt. Leicht möglich, daß die damals dort schon getötet haben.

Less: Ah, Sie meinen dann „praktische Erfahrungen" beziehen sich auf die schon vorgenommene Tötung von Juden? Es gab ja damals schon Einsatzgruppen.

Eichmann: Die gab es schon ab ... Natürlich ist getötet worden.

Less: Hier, auf Seite 7 in Ihrem Protokoll sagte Heydrich dann: „Unter entsprechender Leitung sollen nun im Zuge der Endlösung die Juden in geeigneter Weise im Osten zum Arbeitseinsatz kommen. In großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird."
Was ist unter „natürlicher Verminderung" zu verstehen?

Eichmann: Das ist ein völlig normales Sterben. Also ein Herzschlag oder eine Lungenentzündung. Wenn ich in diesem Moment sterben würde, so ist das eine natürliche Verminderung.

Less: Wenn ein Mensch schwere physische Arbeit leisten muss, nicht genug zu essen bekommt – er wird schwächer, er wird so schwach, daß er einen Herzschlag bekommt ...

Eichmann: Das würde sicherlich als natürliche Verminderung gemeldet worden sein.

Less: Heydrich fährt fort: „Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden müssen, da dieser, eine natürliche Auslese darstellend, bei Freilassung als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaues anzusprechen ist." Was bedeutet „entsprechend behandelt"?

Eichmann: Das ist ... das ist eine ... diese Sache stammt von Himmler. Natürliche Auslese – das ist ... das ist sein Steckenpferd.

Less: Ja, aber was bedeutet das hier?

Eichmann: Getötet, getötet! Sicherlich!

Less: Weiter heiß es im Protokoll: „Staatssekretär Dr. Bühler, Amt des Generalgouverneurs, stellte fest, daß, das Generalgouvernement es begrüßen würde, wenn mit der Endlösung im Generalgouvernement begonnen würde, weil hier das Transportproblem keine übergeordnete Rolle spielt und arbeitsmäßige Gründe den Lauf der Aktion nicht behindern würden. Juden müssten so schnell wie möglich aus dem Gebiet des Generalgouvernements entfernt werden, weil gerade hier der Jude als Seuchenträger eine eminente Gefahr bedeutet und er zum anderen durch fortgesetzten Schleichhandel die wirtschaftliche Struktur des Landes dauernd in Unordnung bringt. Von den in Frage kommenden zweieinhalb Millionen Juden sei überdies die Mehrzahl arbeitsunfähig." Was will man damit andeuten?

Eichmann: Da will er andeuten, daß die getötet werden sollen.

Less: Ich zeige Ihnen jetzt ein Dokument der Anklagebehörde im 9. Nürnberger Kriegsverbrecherprozess. Es ist ein Schnellbrief, datiert Berlin, den 21. September 1939, gezeichnet Heydrich und an die Chefs aller Einsatzgruppen gerichtet. Es betrifft die Judenfrage im eben eroberten Polen. Wollen Sie sich dazu äußern?

Eichmann: Jawohl. Ich hatte um jene Zeit ja dienstlich noch gar nichts mit diesen Sachen zu tun. Dieser Erlass, den ich nicht kannte oder zumindest nach so viel Jahren nicht mehr kenne, schließt bei mir heute eine Lücke in der Frage der Gettobildung. Dies ist der Grunderlass für die Gettoisierung im Generalgouvernement. Da heißt es gleich zu Eingang: „Es ist zu unterscheiden zwischen
1)   dem Endziel, welches längere Fristen beansprucht und
2)   den Abschnitten der Erfüllung dieses Endzieles, welche kurzfristig durchgeführt werden."
Und da sage ich mir heute, nachdem ich das jetzt lese: demnach ist also der Befehl über die physische Vernichtung des Judentums nicht, wie ich bisher der Meinung gewesen bin, so um die Zeit des Beginns des deutsch-russischen Krieges von Hitler erlassen worden oder ergangen, sondern dieser – diese, sagen wir mal, die grundsätzliche Konzeption hat bereits mit dem Datum der Abfassung dieses Erlasses in der hohen und höchsten Führung festen Fuß gefasst. Ich kann mir das nicht anders auslegen, den Punkt:
„...dem Endziel, welches längere Fristen beansprucht..."
Wie ich zur Gestapo kam, da war das schon alles ...im Gange. Mir ist noch in Erinnerung, daß Heydrich den Brigadeführer Globocnik, der in Lublin diese Tötungsanstalt hatte, sogar noch rückwirkend, nach der Wannsee-Konferenz, ermächtigte, Juden zu töten.

Less: Wer überbrachte Globocnik den nachträglichen Befehl?

Eichmann: Ich bekam von Heydrich damals den Befehl, für Globocnik folgenden Brief fertig zu machen: Ich ermächtige Sie, weitere 150 000 Juden der Endlösung zuzuführen. Diese Juden waren bereits tot. Ich glaube, es waren wohl 250 000. Er, Globocnik, ließ es sich auch noch ein zweites Mal ausstellen.

Less: Wo bewahrten Sie den Brief Himmlers an den Chef von Sicherheitspolizei und SD vom April 1940 auf, in dem Himmler über die Endlösung der Judenfrage Befehl erteilt?

Eichmann: Ein Befehl Himmlers an den Chef der Sicherheitspolizei? Und hier soll etwas dringestanden haben über die Tötung der Juden?

Less: Über die Endlösung der Judenfrage, daß der Führer befohlen hat ...

Eichmann: Herr Hauptmann, ich kann mir nicht denken, daß Himmler das schriftlich gegeben hat. Das kann ich mir nicht vorstellen.

Less: Wir wissen von der Wannsee-Konferenz, daß auch Heydrich das schriftlich gegeben hat, im Protokoll der Wannsee-Konferenz.

Eichmann: Herr Hauptmann, Heydrich hat nicht von der Tötung gesprochen auf der Wannsee-Konferenz, sondern hat vom Arbeitseinsatz im Osten gesprochen. So hat er das getarnt.

Less: Wenn Sie das Protokoll der Wannsee-Konferenz durchlesen, werden Sie gut verstehen, was er redet. Er drückt sich zwar sehr delikat aus ...

Eichmann: Ja bitte, wenn es so ein Schreiben ist, wo es also nicht die nackten, brutalen Worte sind, Herr Hauptmann, dann ist es schon möglich, aber ich kann mich dieses Himmler-Schreibens nicht entsinnen. Wenn es existent gewesen ist, dann ist es bestimmt bei uns in der Geheime-Reichssache-Ablage gewesen.

Less: Ich lese Ihnen jetzt Teile aus der Zeugenaussage vor, die Ihr zeitweiliger Untergebener, Dieter Wisliceny, am 3. Januar 1946 unter Eid bei dem Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgericht in Nürnberg machte. Gefragt, welches Ihre spezielle Aufgabe war, sagte Wisliceny: "Eichmann war verantwortlich für die sogenannte Lösung der Judenfrage in Deutschland und in allen von Deutschland besetzten Gebieten." Auf die Frage nach bestimmten Zeitabschnitten der Tätigkeit gegen die Juden antwortete Wisliceny: "Bis zum Jahr 1940 waren die allgemeinen Richtlinien des Referats, die Judenfrage durch eine planmäßige Auswanderung zu regeln. Als zweite Phase kam von diesem Zeitpunkt ab die Konzentrierung aller Juden in Polen und in den übrigen von Deutschland besetzten Gebieten - und zwar in der Form von Gettos. Diese Periode dauerte ungefähr bis zum Beginn des Jahres 1942. Als dritte Periode kam die sogenannte Endlösung, das heißt die planmäßige Ausrottung und Vernichtung des jüdischen Volkes. Diese Periode dauerte bis zum Oktober 1944, als Himmler befahl, die Vernichtung einzustellen."

Eichmann: Wisliceny sagt hier, daß das Dezernat für die Gettoisierung auch zuständig war. Das stimmt nicht. Er sagt, daß die Vernichtung in 1942 anfing - stimmt auch nicht. Bereits im Herbst 1941 muss das heißen.

Less: (...)



 

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