Dieter Pohl

 

 

Erst die Sowjetunion, dann ganz Europa: Die Ausdehnung des Völkermords an den Juden bis Anfang 1942

 

 

Vortrag zum Begleitprogramm der Ausstellung "Holocaust" in der Akademie der Künste,
Berlin 20. Januar 2002

 

- Teil 1 -


 

 

I.

 

An welchem Punkt war der Völkermord bereits angelangt, als die Partei- und Staatsfunktionäre am 20. Januar 1942 im Gästehaus der Sicherheitspolizei am Wannsee zusammentraten? Um das deutlich zu machen, gilt es, den Blick nicht nur auf die Entscheidungszentralen in Berlin, sondern auch auf die Tatorte und das ganze Umfeld zu richten. Am Anfang steht eine scheinbar simplen Frage: Wann eigentlich begann der Völkermord an den Juden? Das Einsetzen der Judenverfolgung im nationalsozialistischen Deutschland lässt sich relativ problemlos datieren, auf die Wochen unmittelbar nach der Machtergreifung Hitlers. Bereits in dieser Zeit zeigte sich das Doppelspiel aus bürokratischer Unterdrückung und entfesselter Gewalt. Bei progromartigen Ausschreitungen starben bereits 1933/34 einzelne Juden. Massenhafte Morde an Juden spielten sich dann hinter KZ-Mauern ab, vor allem nach den Verhaftungen Zehntausender im Rahmen der so genannten "Reichskristallnacht", bei der auch in den Städten des Reiches etwa 100 Menschen ihr Leben lassen mussten. Zwar wurden die meisten der inhaftierten Männer bald wieder entlassen, einige Hundert von ihnen hatten die Lagerfunktionäre aber zu Tode gequält. Dennoch lässt sich sowohl die konkrete Absicht des Regimes zum Völkermord als auch die ersten Ansätze zu ihrer Verwirklichung schwerlich auf die Zeit vor dem Krieg datieren.

Der September 1939 bildet jedoch zweifellos eine Zäsur. Die Massenerschießungen an Polen und polnischen Juden durch die Sicherheitspolizei, in geringerem Maße auch durch Wehrmachteinheiten, zeigten die neue Qualität der nationalsozialistischen Kriegführung. Das Ausmaß dieser Verbrechen verringerte sich zwar Anfang 1940, doch einige Tausend polnischer Juden hatten ihr Leben gelassen. Für die Zukunft folgenreicher waren freilich die gigantischen Bevölkerungsplanungen aus dieser Zeit. Die Juden aus dem annektierten Westpolen sollten gänzlich nach Osten abgeschoben werden, für sie und alle anderen Juden im deutschen Machtbereich war ein "Reservat" vorgesehen. In schlecht strukturierten Gebieten, ohne ausreichende Versorgung und zur Zwangsarbeit gezwungen, wären die Deportierten dem allmählichen Untergang preisgegeben. Damit hatte die NS-Führung einen entscheidenden gedanklichen Schritt getan: Nicht mehr die Emigration stand im Vordergrund, nein, die damals lebende Generation der Juden sollte die letzte für immer sein.

Sowohl das Reservat im Raum Lublin als auch der spätere Plan, die meisten europäischen Juden nach Madagaskar zu bringen, wurden nie realisiert. Doch war damit die Grundentscheidung getroffen, die angebliche "Judenfrage" unter eigener Regie zu "lösen", wie es schon damals hieß, wenn auch noch auf längere Sicht. Diese Absicht schwebte nicht nur der NS-Führung und den Zentralinstanzen vor, sondern auch den vielen Besatzungsfunktionären im expandierenden deutschen Machtbereich. Dabei darf man nicht unterschätzen, wie sich schon 1940 im besetzten Polen eine mörderische Mentalität ausbreitete. In der totalen Willkürherrschaft des Ostens unterlagen die Beamten keiner öffentlichen Kontrolle mehr. Wer aus der Bevölkerung als gefährlich oder als "unnütz" angesehen wurde, dessen Leben galt wenig. Die deutschen Verwalter in Polen plünderten die Juden bis an die Existenzgrenze aus, und da eine Abschiebung in weite Ferne gerückt war, pferchten sie sie statt dessen in die schlechtesten Viertel der Städte. Jedoch nur ein Teil der polnischen Juden musste schon vor dem Frühjahr 1941 hinter Ghettomauern, Lodz und Warschau sind hier eher die Ausnahme als die Regel. Dennoch hatten die Besatzungsfunktionäre schon im Winter 1940/41 Bedingungen geschaffen, denen die Schwächsten und Einsamsten unter den Verarmten nicht mehr gewachsen waren. Im Frühjahr 1941 starben im Warschauer Ghetto jeden Monat Tausende, weit mehr Opfer als in jedem Konzentrationslager des Reiches. Zu diesem Zeitpunkt waren die jüdischen Patienten in psychiatrischen Anstalten bereits fast durchweg ermordet worden, in Deutschland wie in Polen.

 

 

II.

 

Der schleichende Völkermord befand sich also schon auf dem Weg, als das Deutsche Reich im Juni 1941 die Sowjetunion angriff. Noch war aber das Schicksal der europäischen Juden nicht entschieden. Vielmehr schwirrte durch die deutschen Verwaltungen die Idee, alle Menschen jüdischer Herkunft nun in die unwirtlichsten Gegenden der neu eroberten Gebiete zu schicken, sei es in die weißrussischen Sümpfe, hinter den Ural oder gar in die Gulag-Lager am Eismeer.

Doch auch diese Vorstellungen blieben, wie schon die vorhergehenden "Gesamtplanungen", bis auf wenige Ausnahmen reine Theorie. Statt dessen konzentrierten sich die Zentralinstanzen ganz auf den Vernichtungskrieg innerhalb der Sowjetunion. Schon im Vorfeld waren zwei wichtige Entscheidungen gefallen: Alle Personen, die man als Stützen des Sowjetregimes oder als potentiell gefährlich ansah, sollten sofort ermordet werden, und: da der Krieg eine enorme Anstrengung vom Reich fordern würde, hatte sich die Wehrmacht durch eine totale Ausplünderungspolitik aus dem Lande selbst versorgen. So wurde offen einkalkuliert, dass "zig Millionen" deshalb verhungern würden. Damit zeichnete sich erstmals ein zentraler Plan zu direktem Völkermord ab, d. h. Massenerschießungen in größerem Ausmaß als in Polen und ein riesiges Hungersterben noch im Jahr 1941.

Wir wissen bis heute immer noch nicht genau, welche konkreten Mordanweisungen die SS- und Polizeiverbände für das "Unternehmen Barbarossa" erhielten. Doch gesichert scheint, dass sie die so genannte "jüdisch-bolschewistische Intelligenz" auszurotten hatten und Pogrome auslösen sollten, vermutlich galt ihr Tötungsauftrag den meisten jüdischen Männer im wehrfähigen Alter. Im Grunde hatten die SS-Offiziere alles zu tun, was sie für die "Sicherung des Hinterlandes" für nötig erachteten, und dies blieb im Einzelfall Auslegungssache. Die Radikalisierung war also von vorneherein angelegt und nicht erst auf die Entdeckung der NKWD-Massaker an Gefängnisinsassen in den ersten Kriegstagen zurückzuführen. Sicher haben diese Leichenfunde die Stimmung in Wehrmacht und Polizei aufgeheizt, und somit die Zahl der Opfer zeitweise in die Höhe getrieben.

Der systematische Völkermord an den Juden begann jedoch bereits vor der Entdeckung stalinistischer Verbrechen, am 23. Juni 1941, mit den Erschießungen jüdischer Männer im westlitauischen Grenzraum. Die meisten dieser frühen Massaker wurden als Repressalien legitimiert, wobei aber die Anlässe oft minimal, die Zahl der Opfer horrend und ihre Auswahl eindeutig rassistisch waren. dass es sich um einen strukturell angelegten Massenmord handelte, zeigt insbesondere der ab Juli 1941 einsetzende systematische Mord an allen gefangenen jüdischen Rotarmisten.

Nicht ganz geklärt sind freilich die Hintergründe des übergangs zum totalen Massenmord an jüdischen Frauen, Kindern und Alten, also von Menschen, die man schwerlich als Gefahr für die Sicherheit ansehen konnte. Schon im Juli 1941 löschte die Sicherheitspolizei die jüdische Gemeinde im lettischen Jelgava (Mitau) aus, in Zusammenarbeit und in diesem Fall wohl auch auf Initiative der lettischen Hilfspolizei. Ende desselben Monats, als der Russlandfeldzug schon allmählich ins Stocken geriet, drängten immer mehr Kräfte auf die Ausdehnung der Opfergruppen. SS-Chef Himmler verlangte höhere Exekutionszahlen, die örtliche Besatzungsverwaltung, ob Militär oder Zivil, wollte die zurückgelassenen Frauen und Kinder als angeblich "unnütze Esser" beseitigt wissen. Regional unterschiedlich gingen die Mordeinheiten, also Einsatzgruppen, Polizeibataillone und Waffen-SS-Brigaden, diesen Schritt weiter. In Litauen und im Süden Lettlands begann die totale Vernichtung der jüdischen Landgemeinden bereits Mitte August. In der Ukraine, wo die meisten sowjetischen Juden lebten, markiert das Massaker von Kamenez Podolsk Ende August den Wendepunkt mit einem in der Geschichte präzedenzlosen Verbrechen: 23.600 Menschen wurden dort Ende August 1941 hingeschlachtet, und das Wochen vor dem Massaker von Babij Jar. In Weißrussland wiederum, wie in den meisten Gebieten Ostpolens, beschleunigte sich der Massenmord erst Anfang Oktober.

Zu diesem Zeitpunkt wird die Bedeutung der Berliner Zentralen, die Verknüpfung der Vorgänge in den sowjetischen Gebieten mit dem Schicksal aller europäischen Juden, wieder deutlicher. Bis dahin hatten die Besatzungsverwaltungen in ganz Europa die Verfolgung der jüdischen Minderheiten weitgehend eigenständig übernommen. überall lässt sich der Prozess der Isolierung und Ausraubung beobachten; mit dem Ergebnis, dass man nicht nur eine aus nationalsozialistischer Sicht verhasste, sondern inzwischen auch weitgehend fürsorgeabhängige Bevölkerungsgruppe zu versorgen hatte. Die deutschen Verwalter versuchten, mit groß angelegten Zwangsarbeitsprojekten zu erreichen, dass sich die Ghettos quasi selbst finanzierten. Gerade in Polen, wo die Mehrzahl der Juden schon vor dem Krieg nicht begütert gewesen war, wurde diese Situation bald lebensgefährlich.

 

 

III.

 

Zwar hatte Hitler seinem Generalgouverneur Hans Frank schon im März 1941 versprochen, die Juden könnten bald in die neu zu erobernden Gebiete abgeschoben werden. Doch daraus wurde nichts. Weder verlief der Krieg im Osten nach deutschem Zeitplan, noch waren die neuen Herrscher im Westen der Sowjetunion bereit, zusätzlich Juden aufzunehmen. Im übrigen hatte aus Hitlers Sicht nicht die Deportation der Juden aus Polen, sondern aus dem Reich und dem Protektorat Vorrang. Hier drängten die Innenverwaltungen, doch möglichst bald aus ihrem Gebiet deportieren zu lassen. So entschied Hitler um den 17. September, Juden aus dem Reich in den Osten abzuschieben. Eigentlich sollten sie alle bis Jahresende in die sowjetischen Gebiete, tatsächlich gelangte nur ein Teil dorthin; und die ersten 20.000 Verschleppten kamen nach Lodz. Vermutlich liegt diese Deportationsentscheidung noch am übergang zwischen der mörderischen Reservatsplanung und den direkten Massentötungen. überall in Europa forderten die Besatzungsverwaltungen, dass gegen die Juden gehandelt werden müsse. Aus dem Warthegau kamen seit Juli 1941 Vorschläge, angeblich nicht arbeitsfähige Juden mit "irgendeinem schnell wirkenden Mittel" zu ermorden. Das Wort "Gas" kursierte schon zu dieser Zeit. Im Distrikt Lublin wollte man mit der Ansiedlung Deutscher beginnen. In Frankreich wiederum fürchtete die Besatzungsverwaltung Schwierigkeiten, wenn sie massive Repressalerschießungen für Anschläge auf Deutsche durchführte, weil dann schwere Unruhen unter den Franzosen drohten. Ersatzweise schlug man die Deportation der von allen Seiten wenig geliebten eingewanderten Juden vor.

Etwa Anfang Oktober wurde entschieden, nicht nur zu deportieren, sondern auch regionale Vernichtungszentren einzurichten. Als Vorbild diente der Mord an den Behinderten. Das Personal der "Euthanasie" war gerade frei geworden, weil diese Aktion zumindest offiziell eingestellt wurde. In Kulmhof im Warthegau traf eine Polizeieinheit ein, die 1940 Geisteskranke in Polen ermordet hatte, in Belzec, südlich von Lublin, Mitarbeiter der "Euthanasie" aus dem Reich. Weitere vage Planungen zu ähnlichen Einrichtungen in Riga und Mogilew kamen hingegen nicht zustande und verzögerten sich in Sobibor. Statt dessen wurden die Einsatzgruppen ab November 1941 dezentral mit so genannten Gaswagen versehen, d. h. umgebauten Möbelwagen, in deren Laderaum Auspuffgase geleitet werden konnten.

Zwar begannen die Morde in diesen neuen Lagern erst am 8. Dezember in Kulmhof, doch schon seit Anfang Oktober häuften sich die Massenverbrechen an Juden in Polen. In Ostgalizien, das schon von den Einsatzgruppen heimgesucht worden war, begannen am 6. Oktober große Massaker; im Warthegau hatte die erwähnte Polizeieinheit etwa zur selben Zeit eine Massenerschießung durchgeführt; und im Generalgouvernement galt seit November 1941 ein Schießbefehl auf alle Juden, die außerhalb der Städte angetroffen wurden. Der Militärbefehlshaber in Serbien imitierte seine Kollegen weiter östlich, indem er jüdische Männer massenhaft als Geiseln ermorden ließ. Juden aus dem Reich mussten erstmals am 25. November 1941 im Osten, nämlich im litauischen Kaunas, vor die Mordschützen treten, ähnlich wie sechs Tage später in Riga.

Die Konzentrationslager spielten 1941 noch kaum eine Rolle beim Mord an den Juden. Allerdings erging es allen Juden, die damals eingeliefert wurden, erheblich schlechter als den anderen Häftlingsgruppen. Von den im Laufe des Jahres nach Mauthausen gelangten 1.600 jüdischen Häftlingen war Ende 1941 keiner mehr am Leben. Insbesondere fielen jüdische Häftlinge einer neuen Mordaktion, genannt "14f13", zum Opfer, in der seit April so genannte invalide, aber auch aus Sicht der Lagerleitungen unerwünschte Insassen in den "Euthanasie"-Anstalten zu Tode kamen. Von da aus war der Weg nicht mehr weit zu Massentötungen innerhalb der Lager, wie sie insbesondere an sowjetischen Kriegsgefangenen praktiziert wurden. Die berüchtigten ersten Mordaktionen mit Zyklon B in Auschwitz im August/September 1941 dürften wohl in diesem Zusammenhang, also der allgemeinen Ermordung "unerwünschter" Häftlinge stehen.

Auf keinen Fall darf außer acht gelassen werden, dass die Juden beileibe nicht die einzige Bevölkerungsgruppe darstellten, die in der zweiten Jahreshälfte 1941 mit dem Tod von deutscher Hand bedroht war. Bis zum Jahresende hatten weit über eine Million sowjetischer Kriegsgefangener ihr Leben lassen müssen, weil ihnen Anfang Oktober die Rationen drastisch gekürzt worden waren, weil sie die Märsche nicht überlebten oder weil Zehntausende als vermeintlich gefährlich Eingestufte Massenerschießungen zum Opfer fielen. Genauso erging es echten oder angeblichen Kommunisten in den sowjetischen Städten, wo allmählich die Hungersterblichkeit Ausmaße wie im Warschauer Ghetto annahm, so etwa in Kiew oder Charkow. Leningrad wurde zwar nicht besetzt, aber seit Oktober systematisch ausgehungert. Die Bauern in den sowjetischen Gebieten mussten fürchten, als "Bandenverdächtige" oder als Geiseln niedergemacht zu werden, wenn sie zufällig in die Fänge des Anti-Partisanenkrieges gerieten. Nicht anders erging es den meisten Insassen der dortigen Heilanstalten oder den Roma, vor allem wenn sie keinen festen Wohnsitz nachweisen konnten. Roma aus dem österreichischen Burgenland wurden kurzerhand zusammen mit Juden ins Ghetto Lodz deportiert, wo die meisten von ihnen in einem abgezäunten Bereich elend zugrunde gingen. überall im besetzten Osten, sei es Sowjetunion, Polen, oder Serbien, dominierte ein Klima der rassistischen Gewalt, vorangetrieben von zahllosen Funktionären.




- Teil 2 -

 

 


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