Haus der Wannsee-Konferenz


 

Peter Klein, Berlin

 

 

Die Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942

 

1. Der Ort

2. Die Situation im Winter 1941/42
3. Die Konferenz
4. Die Teilnehmer
5. Das Dokument
6. Die Kenntnis über die Wannsee-Konferenz seit 1945
7. Die Wannsee-Konferenz in der "revisionistischen" Publizistik

 

 

 

Am 20. Januar 1942 fand auf Einladung und unter Vorsitz von Reinhard Heydrich, dem Chef der SIPO (Sicherheitspolizei) und des SD, im Gästehaus der SS, Am Großen Wannsee 56-58 in Berlin, eine Sitzung hoher Funktionäre des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) mit Vertretern der Reichsbehörden statt, die unter dem Namen Wannsee-Konferenz bekannt geworden ist. In der Geschichte der Verfolgung und Ermordung der Juden Europas während des Zweiten Weltkrieges stellt dieses Datum eine wichtige Zäsur dar. In der zeitgenössischen Literatur wird die Konferenz häufig erwähnt, bis heute ist sie jedoch nur einmal Gegenstand einerwissenschaftlichen Untersuchung geworden. Vielleicht ist das der Grund, warum immer wieder die gleichen Irrtümer verbreitet und Spekulationen angestellt werden. Weit verbreitet ist die irrige Ansicht, in Wannsee sei die „Endlösung" beschlossen worden. Die revisionistische und neonazistische Publizistik ihrerseits bemüht sich seit einiger Zeit mit pseudowissenschaftlichen Gutachten vergeblich um einen Beweis, dass das erhaltene Konferenz-Protokoll eine nach dem Krieg von amerikanischer Seite hergestellte Fälschung sei.

Es ist daher an der Zeit, Vorgeschichte und Hintergründe, Verlauf und Folgen, Bedeutung und Rezeption der Konferenz für den zeitgeschichtlich interessierten Leser einmal im Zusammenhang darzustellen und ihn mit den in diesem Kontext relevanten Dokumenten im Wortlaut bekannt zu machen.

 

 

1. Der Ort

 

Als der Geheime Kommerzienrat und Fabrikant Ernst Marlier im Frühjahr 1914 von der preußischen Regierung das fast 27.000 Quadratmeter große Grundstück in der damaligen Großen Seestraße kaufte, erwarb er damit zugleich einen Baugrund in einem der repräsentativsten Wohngebiete Berlins. Die Colonie Alsen, verkehrsgünstig zwischen Potsdam und der Berliner City gelegen, war bereits von etlichen Industriellen, Bankiers und Künstlern entdeckt worden. Der spätere Präsident der Preußischen Akademie der Künste, Max Liebermann, ließ sich hier nach seinen Plänen durch den Architekten Paul O. A. Baumgarten eine Sommervilla erbauen. Auch Ernst Marlier beauftragte diesen renommierten Architekten mit dem Bau seiner Villa und zog 1915 mit seiner Gattin ein. Noch heute erschließt sich dem Besucher die Monumentalität des Gebäudes nicht von der Straßenseite, sondern von dem tiefer liegenden Ufergelände des Grundstücks. Schon damals war das Haus an der Frontseite zwischen hohen Bäumen gleichsam versteckt gelegen. Es scheint, als ob die Familie Marlier nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wie so viele in den Strudel der Inflation gerissen wurde, jedenfalls verkaufte sie ihr repräsentatives Wohngebäude im Spätsommer des Jahres 1921 an die von Friedrich Minoux gegründete Norddeutsche Grundstücks-Aktiengesellschaft. Der neue Eigentümer, Friedrich Minoux, Einzelprokurist der Berliner Niederlassung des Stinnes-Konzerns, sollte das Haus als Zentrum seines gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Lebens nutzen.

 

Friedrich Minoux war in der Wirtschaftspolitik der Weimarer Republik kein Unbekannter. Mit erstaunlichem Geschick vertrat er sowohl die ökonomischen Interessen seines Konzerns, wusste sich aber auch als Finanzsachverständiger bei der Regierung Stresemann zu profilieren. Der Bestand der Weimarer Demokratie war für den Manager Minoux jedoch nur insofern wichtig, als sie geeignete Voraussetzungen kapitalistischen Wirtschaftens zu schaffen hatte. Folgerichtig orientierte er sich in den krisengeschüttelten frühen Zwanziger Jahren auch an der politischen Rechten bis hin zu den rechtsextremen Wehrverbänden. Seine Kontakte zu den bayerischen Separatisten um von Kahr und von Lossow sind ebenso dokumentarisch belegt wie seine Sondierungsgespräche mit dem Chef der Heeresleitung Hans von Seeckt über die Möglichkeiten der Gesundung der deutschen Wirtschaft unter einem diktatorisch geführten „Direktorium". Dennoch kam es zu keiner finanziellen und offen politischen Unterstützung der deutschvölkischen Kreise um Ludendorff und Hitler. Während die finanz- und wirtschaftspolitischen Vorstellungen des Industriellen von den putschbereiten Kreisen nicht geteilt wurden, so hatte Minoux seinerseits offensichtlich grundsätzliche Zweifel an deren ökonomischer Kompetenz.

Für die Geschichte des Hauses ist relevant, dass er seit 1919 Vorstandsmitglied der Vereinigten Berliner Kohlenhändler und Aufsichtsratsmitglied bei den 1924 gegründeten Berliner Versorgungsbetrieben Gasag und BEWAG war. Durch Scheingeschäfte und weitere Betrugsmanöver zwischen 1927 und 1938 gelang es Minoux und anderen Beteiligten, die beiden Unternehmen in diesem Zeitraum um zwölf Millionen Reichsmark zu betrügen. Ein eingeleitetes Strafverfahren in den Jahren 1938 bis 1940 führte zu Minoux's Verhaftung am 4. Mai 1940 und seinem Entschluss, die Villa mit ihren 1.500 qm Wohnfläche und das Gartengelände zu verkaufen. Da dieses Geschäft vom 20. November 1940, das das Gebäude letztlich in den Besitz von SS und Polizei brachte, vom Eigentümer Minoux in Untersuchungshaft getätigt wurde, entstand nach dem Zweiten Weltkrieg die irrige Auffassung, es habe sich bei ihm um einen Juden gehandelt, der durch die Haft zum Verkauf unter Wert gezwungen werden sollte. Tatsächlich erzielte erden damals marktüblichen Preis von 1.95 Millionen Reichsmark.

 

Die Villa Am Großen Wannsee - die Straße war mittlerweile umbenannt worden - wurde von der Stiftung Nordhav aufgekauft, deren Zweck die Schaffung und Unterhaltung von Erholungsheimen für die Angehörigen des Sicherheitsdienstes, der SS und der Polizei war. Ein Hinweis, dass die Villa jedoch nicht als Erholungsheim genutzt worden sein dürfte, ergibt sich aus einer Bemerkung im wöchentlich erscheinenden Befehlsblatt des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD vom 15. November 1941, dass das Gästehaus die Hotelsuche bei dienstlichen Aufenthalten in Berlin überflüssig machen solle. In der Ausgabe vom 4. April 1942 wird das Anwesen als Gästehaus für auswärtige Dienststellenleiter und SS-Führer der Gestapo, Kripo und des Sicherheitsdienstes genannt.

Dass Heydrich als Chef der Sicherheitspolizei und des SD die Konferenzteilnehmer am Dienstag, den 20. Januar 1942 ausgerechnet in dieses Gästehaus einlud, obwohl im Reichssicherheitshauptamt geeignete Sitzungsräume zur Verfügung standen, mag wohl dem Besprechungsthema geschuldet gewesen sein: In ruhiger und entspannter Atmosphäre und in einem repräsentativen Ambiente wollte der Leiter des Reichssicherheitshauptamtes die Vertreter der zentralen Reichs- und Parteibehörden in die langfristig angelegten Pläne einweihen, die die „Endlösung der Judenfrage" herbeiführen sollten.

 

 

2. Die Situation im Winter 1941/42

 

Es gehört zu den fast nicht mehr revidierbaren Irrtümern der Geschichtsschreibung und der Publizistik, dass auf der „Wannsee-Konferenz" der endgültige Beschluss zum Mord an den europäischen Juden gefasst worden sei. Diese Behauptung kommt dem verbrei­teten Bedürfnis entgegen, außergewöhnliche geschichtliche Ereignisse mit konkreten Entscheidungssituationen zu belegen. Ein Blick auf die Entstehungsgeschichte der „Endlösung", so umstritten die Bedeutung einzelner Planungsphasen auch sein mag, zeigt jedoch, dass diese Einschätzung der Sitzung schlicht falsch ist. Zweimal befand sich Hitler vor Kriegsentscheidungen, die er selbst als wichtige Zäsuren seines politischen Wirkens betrachtete, und beide Male verband er den Schritt zum Krieg mit grundsätzlichen Anweisungen zum Massenmord:

Im Oktober 1939 unterzeichnete er einen auf den 1. September rückdatierten Erlass, der es ermöglichte, die so genannte Euthanasie an den Insassen von Heil- und Pflegeanstalten durchzuführen; im Sommer 1941 erfolgte eine grundsätzliche Weisung, der zufolge die Juden auf dem besetzten sowjetischen Territorium unterschiedslos ermordet werden sollten.

 

Der Befehl zum Mord an den Juden in der Sowjetunion, der im Laufe des August 1941 alle Einsatzgruppen und Einsatzkommandos erreicht hatte, führte in den folgenden Wochen zu umfassenden Erschießungsaktionen, über die in regelmäßigen schriftlichen Zusammenfassungen an das Reichssicherheitshauptamt berichtet wurde. Im RSHA wurden diese Einzelberichte dann zu den bekannten „Ereignismeldungen" kompiliert und einem größeren Verteilerkreis zugänglich gemacht. So gibt der Einzelbericht des Einsatzkommandoführers 3 der Einsatzgruppe A, des SS- Standartenführers Jäger, einen Einblick in die mörderische Tätigkeit eines ca. 200 Personen umfassenden Ein­satzkommandos. Die Gesamtzahl der Ermordeten im Zeitraum vom 4. Juli 1941 bis zum 1. Februar 1942 ist einer handschriftlichen Zusammenstellung Jägers zu entnehmen. Da alle vier im Rücken der deutschen Wehrmacht operierenden Einsatzgruppen in Zusammenarbeit mit dafür abgestellten Verbänden der Ordnungspolizei laufend derartige Erschießungsaktionen durchführten, hatte zum Zeitpunkt der Konferenz die Zahl der Ermordeten bereits mehr als eine halbe Million erreicht. Flankiert wurden diese Massenmorde durch weitere zentrale Entscheidungen im Laufe des August und September 1941, die zu einer Ausweitung des zu tötenden Opferkreises führen sollten.

 

Am 18. September 1941 informierte Himmler den Gauleiter und Reichsstatthalter Arthur Greiser von der Anweisung Hitlers zur Deportation von zunächst 60.000 Juden aus dem „Altreich", Österreich und dem „Protektorat Böhmen und Mähren" noch im Laufe dieses Jahres und bat, diese Menschen in das Ghetto in Lodz einzu­weisen. Die Deportationen sollten vom RSHA organisiert werden. Im Oktober 1941 begann der Aufbau des Vernichtungslagers in Belzec, einem kleinen Ort im damaligen „Generalgouvernement". Ebenfalls im Oktober 1941 begann die Errichtung eines Lagers in Chelmno, bei dem es sich faktisch um eine Gaswagenstation handelte. Ab Anfang Dezember wurden hier bereits die Juden aus den umliegenden Ortschaften und später vor allem aus dem Ghetto in Lodz mit Dieselabgasen getötet. Die Ortschaft Chelmno - damals Kulmhof - lag im damaligen „Reichsgau Wartheland" .

 

Diese drei entscheidenden Komponenten des sich entwickelnden Massenmordes an den europäischen Juden - die Erschießungsaktionen in der Sowjetunion, die Deportationen deutscher, österreichischer, tschechischer und luxemburger Juden sowie der Aufbau und die Inbetriebnahme der ersten Vernichtungslager für polnische Juden - zeigen deutlich, dass im Januar 1942 kein Entscheidungsbedarf mehr bestand. Betrachtet man die Geschichte des Massenmordes an den europäischen Juden und seine schreckliche Effizienz aus der historischen Rückschau, so erscheinen die nötigen Verwaltungsmaßnahmen, die Kooperation der Behörden und die Tötungen selbst als strategisch angelegt und quasi reibungslos funktionierend. Diese Sicht hat angesichts der immensen Opferzahlen zwar ihre Berechtigung, sie verstellt jedoch den Blick auf die konkreten Hintergründe der Wannsee-Konferenz. Ein Grund für Heydrichs Einladung waren nämlich die während der vergangenen vier Monate aufgetretenen Pro­bleme bei der Durchführung der Deportationen und Massenerschießungen.

 

- Aus den Kreisen der Einsatzgruppenführer kam die Einschätzung, dass ein Massenmord dieses Ausmaßes durch Erschießungsaktionen nicht bewerkstelligt werden könne. Bei zahlreichen kurzen Reisen zu den Höheren SS- und Polizeiführern in den besetzten Teilen der Sowjetunion hatte sich Himmler persönlich darüber informieren können, dass das angewandte Verfahren technisch unzureichend war, eine zu große psychische Belastung für die Exekutionskommandos darstellte und sich vor der einheimischen Bevölkerung nicht geheim halten ließ. Außerdem schwelte ein Streit zwischen der Zivilverwaltung in den besetzten Ostgebieten und den Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD über das Eigentum der ermordeten Juden. Im Reichskommissariat Ostland und seinen nach geordneten Zivilbehörden herrschte Unklarheit darüber, ob sämtliche Juden getötet oder die Arbeitsfähigen ausgenommen werden sollten.

Der Regierungspräsident des Regierungsbezirks Litzmannstadt (Lodz) verweigerte unter Einschaltung der Wehrmacht hartnäckig die Aufnahme der 60.000 Juden. Auch eine Verringerung der Deportierten auf 20.000 Menschen vermochte den Kommunalpolitiker zunächst nicht umzustimmen. Zwar waren alle Verweigerun­gen der Zivilverwaltung erfolglos, aber sowohl Himmler als auch Heydrich standen vor dem Problem, für die nächsten Deportationen geeignete Zielorte finden zu müssen.

 

Die späteren Deportationen vom November und Dezember 1941 nach Minsk, Kowno und Riga brachten für die Planer ebenfalls unvorhersehbare Schwierigkeiten.

 

- Der Generalkommissar für Weißruthenien, der ehemalige Gauleiter Wilhelm Kube, beschwerte sich nach einem Inspektionsbesuch im Minsker Ghetto, dass sich unter den Mitte November aus Berlin, Bremen, Brünn (Brno), Düsseldorf, Frankfurt und Hamburg verschleppten Juden auch Personen befanden, die im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft hatten oder deren Verwandte augenblicklich bei der Wehrmacht waren. Hier waren bei der Organisierung der Transporte durch die örtlichen Gestapo(leit)stellen fälschlicherweise Personen deportiert worden, die nach den Richtlinien des RSHA zunächst davon verschont werden sollten.

Doch nicht nur an den Zielorten erhoben sich solche Proteste, auch in den Heimat­städten der Verschleppten versuchten die Arbeitsämter, Rüstungsinspektionen und nicht zuletzt die Betriebe, die von der Zwangsbeschäftigung von Juden in der kriegswichtigen Fertigung profitierten, ihre „Arbeitsjuden" von den Deportationslisten der Gestapo streichen zu lassen

 

- Die folgenden Deportationen Ende November nach Kowno waren das Resultat hl einer Improvisation, da der eigentliche Zielort Riga noch keinen Platz für ankom­mende Transporte aufweisen konnte. Die knapp 5.000 Zwangsverschleppten aus Berlin, Breslau, Frankfurt/Main, München und Wien wurden am 25. und am 29. November 1941 von dem Einsatzkommando 3 in den Festungsgräben des Forts IX in Kowno erschossen.

In der Stadt Riga schließlich befand sich bereits ein Ghetto mit ca. 30.000 lettischen Juden, die am 30. November und am 8. Dezember nur deshalb in den Wäldern um Riga erschossen wurden, um für die ankommenden Transporte Platz zu machen. Ein Transport von etwa 1.000 Juden aus Berlin, der am 27. November 1941 die Reichshauptstadt verlassen hatte, erreichte verhängnisvollerweise gerade zum Zeitpunkt des Beginns der Erschießungen den Bahnhof Skirotawa in Riga. Diese Menschen wurden unmittelbar nach ihrer Ankunft zusammen mit den lettischen Juden des Ghettos ermordet. Auch hier muss man davon ausgehen, dass die Erschießung der Berliner nicht zentral geplant gewesen war. Eine Telefonnotiz Himmlers vom selben Tag lautet: „Berliner Juden nicht liquidieren".

 

Fasst man diese Schwierigkeiten der Massenmörder zusammen, so lässt sich zweifellos der Schluss ziehen, dass zwischen den Planungen Berlins und den Realitäten vor Ort große Diskrepanzen bestanden.

Die geplante Ausweitung der Mordaktionen auf alle im deutschen Machtbereich lebenden Juden Europas musste diese Schwierigkeiten in Rechnung stellen und zu beheben suchen. Hier findet sich ein entscheidender Grund für die Einladung Heydrichs in das Gästehaus am Wannsee.

 

 

3. Die Konferenz

 

Als Eichmann am 29. November 1941 die Einladung Heydrichs an die dreizehn Teilnehmer absandte, hatte er bereits die Vorarbeiten für das Konferenzthema abgeschlossen. Anfang des Monats hatte er die statistische Abteilung der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland angewiesen, eine aktuelle und nach den Veränderungen seit 1933 gegliederte Aufstellung über die Zahl der Juden in Deutschland anzufertigen. Diese Zahlen wurden dann durch eine Aufstellung der antijüdischen Gesetze und Verordnungen seit der nationalsozialistischen Machtübernahme ergänzt und dienten Heydrich als Rohmaterial für seine geplanten Ausführungen. Diese ersten Einladungsschreiben beinhalteten bereits die Bevollmächtigung Heydrichs, über ein Konzept „zur Gesamtlösung der Judenfrage in Europa" zu referieren. Das Konferenzziel, nämlich die „Erreichung einer gleichen Auffassung bei den in Betracht kommenden Zentralinstanzen", war ebenso ausgesprochen wie der konkrete Sitzungsanlass, „zumal seit dem 15.10.1941 bereits in laufenden Transporten Juden aus dem Reichsgebiet einschließlich Protektorat Böhmen und Mähren nach dem Osten evakuiert werden".

Der eingeladene Personenkreis war zwar nicht völlig identisch mit dem, der sich dann am 20. Januar 1942 treffen sollte, doch dies hatte vorwiegend protokollarische Gründe. Es fällt weiterhin auf, dass bei der geplanten Sitzung noch kein Vertreter der Sicherheits­polizei aus dem besetzten Baltikum eingeladen wurde. Dies könnte damit zusammenhängen, dass erst am Tage nach der Einladung mit den Massenerschießungsaktionen in Riga begonnen wurde, die großes Aufsehen erregten. Denkbar ist auch, dass Riga als Deportationsziel nach dem 29.11. wieder verstärkt in den Blickpunkt geriet, so dass der SS-Sturmbannführer Lange als leitender Beamter der Sicherheitspolizei in Riga erst nachträglich geladen wurde.

 

Die Besprechung sollte am 9. Dezember um 12 Uhr stattfinden, Tagungsort die Dienststelle der Internationalen Kriminalpolizeilichen Kommission am Kleinen Wannsee Nr. 16 sein. Seit dem Jahre 1940 war Heydrich der gewählte Leiter dieser Vorläuferorganisation der heutigen Interpol.

Der genannte Tagungsort dürfte wohl bereits in diesen Einladungsschreiben versehentlich aufgeführt worden sein, da sich die Absage des ersten Termins auf den 8. Dezember festlegen lässt, aber die erste Korrektur des Ortes als Randnotiz auf der Einladung an Hofmann nachzulesen ist: „Lt. tel. Rücksprache mit Stubaf. Günther am 4.12. Straße geändert". Es folgt eine handschriftliche Korrektur auf der Adresse im Einladungsschreiben. Dennoch findet sich in der Literatur noch öfters die Angabe, die „Wannsee-Konferenz" habe im Hause der Interpol getagt.

Am 8. Dezember wurde die Sitzung ohne Angaben von Gründen verschoben, ein neuer Termin nicht genannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist darüber viel gerätselt worden. Die Vermutung liegt nahe, dass die bevorstehende Kriegserklärung Hitlers an die Vereinigten Staaten am 11. Dezember viele Teilnehmer schon im Vorfeld hinderte, diesen Termin wahrzunehmen.

 

Erst am 8. Januar 1942 erfolgten von Prag aus die neuen Einladungen Heydrichs, mit der die Konferenz auf den 20. Januar 1942 in der Villa am Großen Wannsee festgelegt wurde. Die großzügige Verschiebung der Tagung um mehrere Wochen resultiert wahrscheinlich daraus, dass in diesen Tagen die Deportationen nach Riga ihrem Ende zugingen und im dafür zuständigen Referat IV B 4 des Reichssicherheitshauptamtes neue Statistiken über die noch verbliebene Anzahl der Juden benötigt wurden. Somit war Heydrich in der Lage, nicht nur über die deutsche Judenpolitik der letzten Jahre zu referieren, sondern auch über den Abschluss der ersten Etappe einer Deportations- und Massenmordwelle, die in den folgenden Monaten auf alle besetzten Gebiete Europas ausgeweitet werden sollte. Ziel der strategisch angelegten Gesamtkonzeption war es, Europa judenfrei" zu machen.

Folgt man dem Sitzungsprotokoll, das in der Art einer zusammenfassenden Niederschrift verfasst wurde, so muss Heydrich einen lang dauernden Teil der Tagung alleine gesprochen haben. Glaubt man Eichmanns späteren Aussagen, so hat das Treffen nur eine Zeit von ungefähr 90 Minuten gedauert, wobei die Gesprächsatmosphäre sehr entspannt gewesen sein soll. Im Gegensatz zum Eindruck, den die Niederschrift vermittelt, sei hier ganz unverblümt von Massenmord gesprochen worden. Niemand habe grundsätzliche Bedenken oder Einwände geltend gemacht. Heydrich leitete die Sitzung mit dem ausdrücklichen Hinweis auf seine Autorisierung durch den Reichsmarschall Hermann Göring ein. Er hatte dem Chef der Sicherheitspolizei und des SD unter dem Datum 31. Juli 1941 eine von diesem vorgelegte schriftliche Bestellung zum „Beauftragten für die Vorbereitung der Endlösung der europäischen Judenfrage" unterzeichnet, die Heydrich bereits den ersten Einladungsschreiben als Anlage beigefügt hatte. Hier war ihm die Aufgabe zugewiesen worden, „einen Entwurf über die organisatorischen, sachlichen und materiellen Belange" der Endlösung zu erarbeiten. Zeigt diese Formulierung Heydrichs Bestreben, gleich zu Beginn der Sitzung seine Rolle als alleiniger Planer der kommenden Maßnahmen herauszustreichen und abzusichern, so folgt unmittelbar darauf eine Einschränkung, die die realen Verhältnisse bei der Organisation von Deportation und Massenmord im europäischen Rahmen wiedergibt. Laut Niederschrift vermerkte er:

 

 

Die Federführung bei der Bearbeitung der Endlösung der Judenfrage liege ohne Rücksicht auf geographische Grenzen zentral beim Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei (Chef der Sicherheitspolizei und des SD)."

 

 

Die Tatsache, dass es sich bei Heydrich um einen zweifellos ehrgeizigen Untergebenen Himmlers handelte, ist nach dem Zweiten Weltkrieg von einigen Publizisten zum Anlass genommen worden, ihn in die Rolle des quasi omnipotenten „bösen jungen Todesgottes" zu erheben. Als Chef eines von zuletzt zwölf Hauptämtern der SS hatte er jedoch nur die Möglichkeit, die Deportationstransporte durch Eichmanns Referat zu organisieren und die Einsatzgruppen zentral von Berlin aus zu steuern. Das Reichssicherheitshauptamt war durch die Verschmelzung von traditioneller polizeilicher Exekutive mit präventiver Erforschung des „weltanschaulichen und politischen Gegners" zweifellos die wichtigste Organisation unter den Hauptämtern, dennoch lagen die eigentlichen Tötungsaktionen außerhalb von Heydrichs Kompetenz. Die Errichtung der Vernichtungslager in Belzec und Chelmno unterlag nicht einer unmittelbaren Federführung durch das Reichssicherheitshauptamt. Auch die Massenmordaktionen in der Sowjetunion seit dem späten Herbst 1941, die von deutschen Ordnungspolizeibataillonen und SS- Brigaden begangen wurden, fußten auf Befehlen, die Himmler direkt über seine Höheren SS- und Polizeiführer oder über den Kommandostab Reichsführer-SS weitergeben ließ.

Heydrich lenkte seinen Vortrag nach einem Abriss der vielfältigen Diskriminierungs- und Entrechtungsmaßnahmen auf das Thema der erzwungenen Auswanderung vor dem Herbst 1941. Einige Formulierungen im Protokoll sollten wohl suggerieren, dass die Zwangsemigration von Juden von Anbeginn nur als eine vorläufige Maßnahme gedacht gewesen sei:

Der Chef der Sicherheitspolizei und des SD gab sodann einen kurzen Rückblick über den bisher geführten Kampf gegen diesen Gegner." Im Vollzug dieser Bestrebungen wurde als einzige vorläufige Lösungsmöglichkeit die Beschleunigung der Auswanderung der Juden aus dem Reichsgebiet verstärkt und planmäßig in Angriff genommen."

Über die Nachteile, die eine solche Auswanderungsforcierung mit sich brachte, waren sich alle Stellen im klaren. Sie mussten jedoch angesichts des Fehlens anderer Lösungsmöglichkeiten vorerst in Kauf genommen werden".

 

Nach diesen Ausführungen beschrieb Heydrich die augenblickliche Situation und ging auf die Proteste aus Litzmannstadt, Minsk und Riga ein. In der Niederschrift spiegelt sich dies in den folgenden Worten:

Anstelle der Auswanderung ist nunmehr als weitere Lösungsmöglichkeit nach entsprechender vorheriger Genehmigung durch den Führer die Evakuierung der Juden nach dem Osten getreten. Diese Aktionen sind jedoch lediglich als Ausweichmöglichkeiten anzusprechen, doch werden hier bereits jene praktischen Erfahrungen gesammelt, die im Hinblick auf die kommende Endlösung der Judenfrage von wichtiger Bedeutung sind."

Die hier angesprochenen„ praktischen Erfahrungen" bezogen sich auf die 6.000 Ermordeten aus Berlin, Breslau, Frankfurt am Main, München und Wien und auf die Tatsache, dass seit wenigen Tagen jene Juden, die nicht im Zwangsarbeitssystem des Lodzer Ghettos eingegliedert waren, nach Chelmno transportiert wurden.

 

Anschließend enthüllte Heydrich die europäische Dimension der beabsichtigten Deportationen. Rund elf Millionen Menschen gedachte der Chef des Reichssicherheitshauptamtes in langfristig angelegten Aktionen deportieren zu lassen, wobei die beigefügte Statistik verdeutlicht, dass kein Staat der „Auskämmaktion" entgehen sollte. Eine Vielzahl von Ländern wird in dieser Zusammenstellung genannt, die im Januar 1942 weder zum Einflussgebiet des Deutschen Reiches gehörten noch deutsch besetzt waren. Die englischen, finnischen, irischen, portugiesischen und schwedischen Juden sollten in das Deportationsprogramm ebenso einbezogen werden wie die Schweizer, die spanischen und die türkischen Juden. Die in dieser Liste dokumentierte Meldung, Estland sei „judenfrei", verdeutlicht einmal mehr die mörderische Effizienz der eingesetzten deutschen Polizeiverbände seit dem Sommer 1941. Auch das Prinzip der Vernichtung durch Arbeit an den Zielorten wurde angesprochen, wobei arbeitsunfähige Opfer keine Erwähnung fanden:

Unter entsprechender Leitung sollen die Juden im Osten zum Arbeitseinsatz kommen. In großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die arbeitsfähigen Juden strassenbauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird. Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden müssen, da dieser, eine natürliche Auslese darstellend, bei Freilassung als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaues anzusprechen ist."

Das den Arbeitsunfähigen zugedachte Schicksal war offenbar allen Beteiligten so klar, dass es einer besonderen Erwähnung nicht mehr bedurfte.

Zweimal ging Heydrich im Verlauf seines Vortrages auf die Frage der Abfolge der Depor­tationen ein. Zunächst stellte er fest, dass „im Zuge der praktischen Durchführung der Endlösung" die Deportationen aus dem „Altreich", Österreich und dem „Protektorat Böhmen und Mähren" weiterhin stattfinden sollten. Er begründete dabei die Verschlep­pungsaktionen mit der Wohnungsnot in einzelnen Städten und „sonstigen sozial-politischen Notwendigkeiten". In der Tat gibt es im Falle Berlins, Münchens, Stuttgarts und Wiens etliche Indizien, dass es im Vorfeld der Deportationen Verhandlungen mit den städtischen Wohnungsämtern gegeben hatte, um an jüdisches Grund- und Wohnungseigentum heranzukommen.

Weniger konkret wurde Heydrich bei den Deportationen aus dem restlichen Europa, wobei er quasi im Nebensatz die Anwesenheit Eichmanns bei der Sitzung begründete. Dazu heißt es im Protokoll:

Der Beginn der einzelnen größeren Evakuierungsaktionen wird weitgehend von der militärischen Entwicklung abhängig sein. Bezüglich der Behandlung der Endlösung in den von uns besetzten und beeinflussten europäischen Gebieten wurde vorgeschlagen, dass die in Betracht kommenden Sachbearbeiter des Auswärtigen Amts sich mit dem zuständigen Referenten der Sicherheitspolizei und des SD besprechen". In diesem Zusammenhang wurden bereits einige europäische Staaten genannt, die zur „Regelung des Problems" unterschiedliche Einstellungen hatten. Die Satellitenstaaten Kroatien und die Slowakei wurden wegen ihrer Übernahme von deutschen Diskriminierungsgesetzen gegen die Juden ausdrücklich als gefügige Partner angesehen, wohingegen Ungarn und Rumänien in den kurzen Ausführungen Heydrichs als nicht berechenbar eingestuft wurden, obwohl die Militär- und Polizeieinheiten beider Staaten beim Massenmord an den Juden in der südlichen Sowjetunion mitwirkten. Während Ita­lien und Frankreich in dieser Phase des Gespräches wohl nur der Vollständigkeit halber erwähnt wurden, bemerkte der Vertreter des Auswärtigen Amtes, „dass bei tiefergehender Behandlung dieses Problems in einigen Ländern, so in den nordischen Staaten, Schwierigkeiten auftauchen werden, und es sich daher empfiehlt, diese Länder vorerst noch zurückzustellen."

 

Diese Einschätzungen, im Januar 1942 nur theoretischer Natur, sollten in groben Zügen für die angesprochenen Staaten später tatsächlich zutreffen. Schließlich musste Heydrich ein Problem ansprechen, das für ihn, für Heinrich Müller als Chef der Gestapo und Eichmann als zuständigen Referatsleiter peinlich gewesen sein muss, da es innerhalb der Sicherheitspolizei aufgetreten war. Die Proteste Kubes in Minsk und die Einwände der Arbeitsverwaltung und Rüstungsinspektionen gegen die Deportationen zeigten, dass der lokale Gestapoapparat die Richtlinien für den zu verschleppenden Personenkreis nicht immer genau einhielt. Heydrich musste auch an die Adresse Müllers und Eichmanns gerichtet feststellen, dass es eine „wichtige Voraussetzung [...] für die Durchführung der Evakuierung überhaupt„ sei, dass „der in Betracht kommende Personenkreis" genau definiert ist. Als sich im weiteren Verlauf der Konferenz der Vertreter des Beauftragten für den Vierjahresplan zu Wort meldete und erklärte, dass die in kriegswichtigen Betrieben im Arbeitseinsatz stehenden Juden derzeit, solange noch kein Ersatz zur Verfügung steht, nicht evakuiert werden könnten", konnte Heydrich darauf verweisen, „dass diese Juden nach den von ihm genehmigten Richtlinien zur Durchführung der derzeitig laufenden Evakuierungsaktionen ohnedies nicht evakuiert würden."

Hinsichtlich der älteren deutschen und österreichischen Juden und der Kriegsteilnehmer erklärte Heydrich den Anwesenden einen Plan, der seit Anfang Oktober 1941 von ihm verfolgt worden war, jedoch erst ab Juni 1942 umgesetzt werden sollte: Es ist beabsichtigt, die Juden im Alter von über 65 Jahren nicht zu evakuieren, sondern sie einem Altersghetto - vorgesehen ist Theresienstadt - zu überstellen. Neben diesen Altersklassen - von den am 31.10.1941 sich im Altreich und der Ostmark befindlichen etwa 280.000 Juden sind etwa 30 % über 65 Jahre alt - finden in den jüdischen Alters­ghettos weiterhin die schwerkriegsbeschädigten Juden und Juden mit Kriegsauszeichnungen (EK 1) Aufnahme. Mit dieser zweckmäßigen Lösung werden mit einem Schlag die vielen Interventionen ausgeschaltet".

 

Mit den bisher dargestellten Ausführungen hatte Heydrich die Anwesenden mit den augenblicklich laufenden Mordprogrammen in der Sowjetunion und in Chelmno bekannt gemacht;

- den langfristig angelegten Plan vorgestellt, alle Juden Europas in den Deportationsplan mit einzubeziehen;

die bisherigen Zielorte der Deportationen mit ihren Aufnahmeschwierigkeiten als nur temporäre Ausweichmöglichkeiten charakterisiert.

 

In der anschließenden Diskussion bemerkte der Chef der Sicherheitspolizei und des SD sehr wohl, dass keiner der anwesenden Vertreter der Obersten Reichsbehörden prinzipielle Einwände gegen die Verschleppung von elf Millionen Menschen geltend gemacht hatte. Eichmann sollte sich folgerichtig über achtzehn Jahre später erinnern, dass Heydrich über den Konferenzverlauf geradezu erleichtert war. Anders verhielt es sich mit dem nächsten Punkt seiner Ausführungen, der während der Besprechung breiten Raum einnahm. Die Frage nach der Auswahl der zu deportierenden Menschen musste nämlich zu grundsätzlichen Entscheidungen führen, wenn die „rassische Definition des Juden" nach den Nürnberger Rassegesetzen in allen seinen Untergliederungen angewandt wurde. Heydrich wusste, dass eine Einbeziehung von so genannten Mischlingen oder „nichtarischen" Partnern von Mischehen in die Deportationsrichtlinien nicht ohne Abstimmung mit den anderen Reichsbehörden möglich war. Schon im August 1941 hatte es zwei Konferenzen gegeben, auf denen die unterschiedlichen Auffassungen hinsichtlich der Rechtsstellung dieser Gruppe deutlich geworden waren. Auf der ersten Konferenz war es um die Einführung einer neuen „rassischen Definition des Juden" in allen besetzten Gebieten gegangen. Die zweite Konferenz, die vom Reichspropagandaministerium angeregt worden war, hatte sich mit der Kennzeichnung der Juden befasst. Vor allem aus dem Reichsinnenministerium waren hier Einwände gegen eine Ausweitung des Judenbegriffs vorgetragen worden. Da eine endgültige Weisung Hitlers zur Verschärfung der bis dahin geltenden „Mischlingsbestimmungen" nicht zu erwarten war, stellte Heydrich nunmehr die Wünsche des RSHA vor. Punkt für Punkt wurden die einzelnen „Mischlings"-Kategorien und möglichen „Mischehen"-Varianten besprochen, wobei unter anderem angeregt wurde, bestimmte „Mischlinge 1. Grades" um den Preis der Sterilisierung von der Deportation freizustellen. Da diese Definitionsprobleme und unterschiedlichen Vorschläge aber nicht einvernehmlich geklärt werden konnten, wurde das Problem auf die Referentenebene verlagert und später in zwei vom Reichssicherheitshauptamt angeregten Nachfolgesitzungen letztendlich auch ergebnislos weiter debattiert. Nach dem Kriege sollten sowohl die Vertreter des Reichsinnenmini­steriums als auch der Reichskanzlei die vom RSHA vergeblich gewünschte Einbeziehung möglichst weit gefasster „nichtarischer" Personengruppen in das Mordprogramm als eigene Strategie zur Rettung potentieller Opfer für sich reklamieren. Zum Schluss der Sitzung hatte sich Heydrich noch mit einer ausdrücklichen Bitte des Vertreters der Zivilverwaltung im „Generalgouvernement" zu befassen, der bereitwillig die Federführung bei der „Lösung der Judenfrage" an Heydrich abgab. Bühler argumentierte, dass innerhalb des „Generalgouvernements" keine wesentlichen Schwierigkeiten beim Abtransport von Juden auftauchen würden und dass der erzwungene Arbeitseinsatz der Juden nur geringe Ergebnisse bringe. In diesem Zusammenhang dürfte wohl die Sprache auf den Ort der „Endlösung" gekommen sein: Während die westeuropäischen Juden zu den im Osten gelegenen Exekutionsstätten transportiert wurden, so galt dies nicht für die Juden Polens, der baltischen Staaten und der Sowjetunion. Dort hatte man nämlich zur Jahreswende 1941/42 begonnen, die neue Massenmordmethode, die Tötung mittels Motorenabgasen, zu erproben und zu installieren. In den „Reichskommissariaten Ostland und Ukraine" waren bereits die ersten Gaswagen aus Berlin eingetroffen und im „Generalgouvernement" war das Vernichtungslager in Belzec kurz vor der Fertigstellung. Zur Unterhaltung zwischen den beiden Vertretern der angesprochenen Regionen und Heydrich über diese Sachverhalte heißt es in der verschleiernden Sprache der Niederschrift:

Abschließend wurden die verschiedenen Arten der Lösungsmöglichkeiten besprochen, wobei sowohl seitens des Gauleiters Dr. Meyer als auch seitens des Staatssekretärs Dr. Bühler der Standpunkt vertreten wurde, gewisse vorbereitende Arbeiten im Zuge der Endlösung gleich in den betreffenden Gebieten selbst durchzuführen, wobei jedoch eine Beunruhigung der Bevölkerung vermieden werden müsse."

Danach wurde die Sitzung geschlossen.

 

Der Text der Niederschrift über die Konferenz in der Villa am Wannsee ist aufgrund seiner bewusst unklar gehaltenen Formulierungen zunächst kaum verständlich. Der Inhalt vieler Passagen erschließt sich dem Interessierten jedoch dann, wenn er die schriftlichen Ausführungen mit den faktischen Gegebenheiten vor Ort und den Planungen von SS und Polizei vergleicht. Erst vor dem Hintergrund der vielfältigen Probleme, die sich für Himmler und Heydrich seit dem Herbst 1941 ergaben, werden die damals hier geführten Gespräche verständlich.

 

 

4. Die Teilnehmer
5. Das Dokument
6. Die Kenntnis über die Wannsee-Konferenz seit 1945
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