Haus der Wannsee-Konferenz


 

Peter Klein

Die Wannsee-Konferenz


Teil 1: Vorgeschichte der Konferenz

Teil 2: Die Konferenz


Am 20. Januar 1942 fand auf dem Anwesen Am Großen Wannsee 56-58 eine Besprechung statt, die als so genannte Wannsee-Konferenz traurige Berühmtheit erlangte. Die Villa, die als Gästehaus der Sicherheitspolizei und des SD genutzt wurde, beherbergte an diesem Tag für knapp zwei Stunden 15 Personen der traditionellen staatlichen Exekutive, der nationalsozialistischen Wirtschaftslenkung, der NSDAP sowie der SS und der Polizei (1).  Unter ihnen befanden sich auch ein Vertreter der zivilen Besatzungsbehörde in Polen (Generalgouvernement) und zwei Vertreter des Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete. Tagungsthema war die "Gesamtlösung der Judenfrage in Europa".

Seit der Auffindung der zusammenfassenden Niederschrift über diese Konferenz im Frühjahr 1947 in den überlieferten Akten des Auswärtigen Amtes war klar, dass hier über den Massenmord an allen Juden Europas diskutiert worden war. Die historische Forschung zur Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden sowie die historische Publizistik bewerteten bis in die fünfziger Jahre diese Aussprache als die entscheidende Konferenz, während der die Ermordung der europäischen Juden einvernehmlich beschlossen worden sei. Obwohl im Verlauf der folgenden Jahrzehnte für die Geschichtsforschung immer deutlicher wurde, dass diese kurze Tagung eher eine Informations- und Koordinierungsfunktion gehabt haben musste, hielt sich das Bild von der Entschlusskonferenz in der Öffentlichkeit mit erstaunlicher Zähigkeit. Wahrscheinlich kommt diese Fehleinschätzung dem Bedürfnis entgegen, die Ungeheuerlichkeit des Massenverbrechens mit einem konkreten Beschlussdatum und einer namentlich benennbaren Runde hochrangiger Entscheidungsträger zu verknüpfen. Es ist die Absicht dieses Beitrags, den Zweck der Konferenz im Lichte der neueren Forschung in aller Kürze zu beschreiben.

Nach dem Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 waren der Wehrmacht vier Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD sowie Ordnungspolizeibataillone und einzelne Einheiten der Waffen-SS gefolgt, deren Auftrag die polizeiliche Sicherung der eroberten Gebiete war. Diese war eingebettet in das seit Jahren herrschende politisch-rassistische Vorurteil vom "slawischen Untermenschen", von den "bolschewistischen Horden" und vom Juden als "Bolschewisten" oder "Partisan". Der polizeiliche Auftrag war mithin nicht als defensive Sicherung, sondern als offensive "Befriedung" der eroberten Gebiete zu erledigen. Es ist bis heute nicht genau zu klären, wann die Anweisung, jüdische Frauen und Kinder nicht zu schonen, in einen förmlichen Befehl zur Auslöschung ganzer jüdischer Gemeinden in der besetzten Sowjetunion mündete. Sicher ist aber, dass Heinrich Himmler als Reichsführer-SS und Chef der deutschen Polizei und Reinhard Heydrich als Chef der Sicherheitspolizei und des SD bei ihren Reisen zu den Einsatzgruppen den Massenmord legitimierten und auf eine Steigerung der Mordrate drängten. Aus einer Fülle von zeitgenössischen Dokumenten, Täter- und Zeugenaussagen lässt sich ohne weiteres rekonstruieren, dass Ende Januar 1942 die Zahl der getöteten Juden in die Hunderttausende ging (2).

Einsatzkommando 8 und Organisation Todt, Mogilew 1941/42

Mitglieder des Einsatzkommandos 8 und der Organisation Todt bei der morgendlichen Befehlsausgabe in Mogilew/Weißrußland, Winter 1941/42 (Foto: Der Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen)

Neben diesen Mordaktionen in der besetzten Sowjetunion war auch im besetzten bzw. annektierten Polen mit systematischen Tötungen begonnen worden. Im Oktober und November 1941 wurden zwei kleine Vernichtungslager errichtet, in denen die Opfer mit Motorabgasen erstickt werden sollten. Belzec, im so genannten Generalgouvernement gelegen, fungierte hierbei als Tatort mit stationären Gaskammern und war als Vernichtungslager für die Juden der Distrikte Lublin und Lemberg vorgesehen. Das zweite Lager befand sich in den dem Deutschen Reich eingegliederten westpolnischen Gebieten, dem damaligen Reichsgau Wartheland. In diesem Lager am Rande der Ortschaft Chelmno operierte man mit drei umgebauten Gaswagen, um Juden aus den ländlichen "Wohnbezirken" und dem "Gaughetto" in Lodz zu töten. Diese lokale Massenmordstation war erstmalig am 8. Dezember 1941 in Betrieb. Am 20. Januar 1942 waren hier bereits etwa 8.000 Menschen ermordet worden. Ferner hatten im Konzentrationslager Auschwitz erste Versuche stattgefunden, Häftlinge und sowjetische Kriegsgefangene mit Zyklon B zu töten (3).

Diese Beispiele aus der Sowjetunion und Polen zeigen deutlich, dass eine Entscheidung im Hinblick auf den Massenmord zumindest an sowjetischen Juden bereits im Sommer 1941 gefallen sein muss. Auch der Blick auf die Teilnehmer der Konferenz verdeutlicht, dass sie nicht das Gremium sein konnte, eine solch weit reichende verbrecherische Entscheidung zu treffen. Die ranghöchsten anwesenden Vertreter der zivilen Behörden waren auf der Ebene der Staatssekretäre anzusiedeln, wohingegen die Eingeladenen der Sicherheitspolizei und der SS höchstens Hauptamtschefs waren. Wäre tatsächlich die grundsätzliche Entscheidung über den Mord an den Juden Gegenstand der Konferenz am 20. Januar 1942 gewesen, hätten Hitler als "Führer" und Reichskanzler, die Minister und Himmler als Reichsführer-SS und Chef der deutschen Polizei anwesend sein müssen. Abgesehen von den protokollarischen Statusfragen muss jedoch klar gesagt werden, daß es ohnehin nicht Hitlers Führungsstil war, grundsätzliche Entscheidungen im Kollektiv und nach einer ausführlichen Diskussionsrunde zu treffen – erst recht nicht bei einem derart monströsen Vorhaben. Die Frage lautet also: Wenn einerseits der Massenmord bereits durchgeführt wurde und andererseits die Konferenzrunde keine grundsätzliche exekutive Befugnis hatte, einen Massenmord zu beschließen – was geschah dann am 20. Januar 1942 im Gästehaus der Sicherheitspolizei und des SD am Großen Wannsee?

Im Herbst 1941 waren von Hitler und Himmler die Weichen gestellt worden, trotz des sich hinziehenden Krieges gegen die Sowjetunion, die Juden aus dem europäischen Machtbereich zu deportieren. Im September entschied Hitler, dass Juden aus dem "Großdeutschen Reich" und der besetzten Tschechoslowakei nach Osten verschleppt werden sollten. Weiterhin sagte er dem deutschen Botschafter in Paris zu, dass die Juden in Frankreich ebenfalls deportiert werden würden, sobald die Transportkapazitäten dies zuließen (4). Im Oktober versicherte er der slowakischen Staatsführung, er werde die Juden aus der Slowakei in den Osten übernehmen. Anfang November 1941 stimmten überdies die Regierungen der Slowakei, Kroatiens und zeitweilig auch Rumäniens zu, dass jüdische Menschen ihrer Staatsangehörigkeit, die im Deutschen Reich lebten, mit deportiert werden durften. Umgesetzt wurden diese Verschleppungsbeschlüsse vom Amt IV des Reichssicherheitshauptamts (RSHA), wobei die zentrale Planung im Referat IV b4 unter der Leitung von Adolf Eichmann erfolgte. Seit dem 15. Oktober 1941 wurden zunächst die deutschen, luxemburgischen, österreichischen und tschechischen Juden "evakuiert". Die Deportationsziele waren Lodz, Minsk, Kaunas und Riga. Für die tschechischen Juden ließ Heydrich darüber hinaus ein Ghetto in Theresienstadt einrichten, das zunächst als Sammellager zur weiteren Deportation "nach dem Osten" konzipiert war. Von den Deportationen ab 15. Oktober 1941 waren bis Januar 1942 knapp 52.000 Menschen betroffen. Mehrere tausend von ihnen waren bereits vor Beginn der Wannsee-Konferenz ermordet worden.

Da die Definition, Registrierung und finanzielle Ausbeutung der Opfer, ihre Einsammlung, Verschleppung und Einquartierung ein hochgradig arbeitsteilig organisierter Prozess war, hatte es anlässlich der ersten Deportationen eine Fülle von Unstimmigkeiten an den Abfahrts- und Zielorten gegeben, die sich aus der Sicht der Täter als Behinderungen bei der Durchführung des Vorhabens darstellten, alle in Europa lebenden Juden zu verschleppen.

So waren entgegen der ursprünglich an die Gestapostellen gegebenen "Richtlinien für die Evakuierung" aus einigen Orten Juden "evakuiert" worden, die zunächst gar nicht deportiert werden sollten. Es waren dies Juden über 65 Jahren, Träger von Kriegsauszeichnungen, Schwerkriegsbeschädigte, so genannte Mischlinge oder Partner in Mischehen. Darüber hinaus wurden in Einzelfällen jüdische Zwangsarbeiter in Rüstungsbetrieben zur "Evakuierung" aufgerufen, was Arbeitsämter, Rüstungsinspektionen und die Unternehmen selbst nicht zulassen wollten. Solcherlei Beschwerden und Proteste gelangten über die regionalen Gestapostellen immer wieder an Gestapochef Heinrich Müller und an dessen Fachreferenten Adolf Eichmann im Berliner RSHA.

In Lodz, Minsk und Riga gab es ebenfalls eine Fülle an Schwierigkeiten, die von den Planern nicht vorhergesehen werden konnten. Schon bei den ersten Transporten deutscher, luxemburgischer, Wiener und Prager Juden zwischen dem 15. Oktober und dem 5.November 1941, die zusammen mit knapp 5.000 burgenländischen Sinti und Roma in das völlig überfüllte Ghetto von Lodz ("Litzmannstadt") verschleppt wurden, gab es Proteste. Der Oberbürgermeister sowie der zuständige Regierungspräsident wehrten sich vergeblich gegen die Aufnahme weiterer Juden. Beide Kommunalpolitiker scheuten sich nicht, direkt im Reichsinnenministerium, bei Himmler und bei der Wehrmacht zu intervenieren (5). 

Sogar Heydrich meinte im Oktober, man müsse noch viel Rücksicht auf die "Litzmannstädter" Behörden nehmen. Doch auch an den nachfolgenden Zielorten der Verschleppungen war man auf die Ankunft von Tausenden von Menschen nicht vorbereitet. Noch bevor der erste Transport mit Verschleppten das Ghetto in Lodz erreichte, wurde der Generalkommissar in Riga von der Sicherheitspolizei darüber informiert, dass in der Region Riga ein Aufnahmelager für deportierte Juden errichtet werden sollte. Am 8. November schließlich teilte der später auf der Wannsee-Konferenz anwesende Rudolf Lange der Zivilverwaltung mit, dass für Riga und Minsk je 25.000 Deportierte vorgesehen seien. In zwei zeitlich nahezu parallel verlaufenden Wellen sollten sie von Mitte November bis Mitte Dezember 1941 und noch einmal zwischen dem 10. und dem 29. Januar 1942 verschleppt werden. Schon damals wurde die Möglichkeit erörtert, die ersten fünf für Riga vorgesehenen Züge nach Kaunas umzuleiten, da sich der Aufbau des großen Aufnahmelagers in Salaspils bei Riga verzögern würde.

Am 28. Oktober waren knapp 10.000 Juden des Ghettos in Kaunas und am 7. November mehrere tausend Insassen des Minsker Ghettos erschossen worden, um auf diese Weise Platz für die aus dem Westen deportierten Menschen zu schaffen. Tatsächlich erreichten im November über 7.000 Juden Minsk, bevor ein Protest der Heeresgruppe Mitte diese Verschleppungen stoppte. Diese störten nämlich die Nachschublinien und Transportkapazitäten für den Angriff auf Moskau. Während die deutschen Juden im Minsker Ghetto ein abgegrenztes Areal zugewiesen bekamen, wurden die in fünf Zügen nach Kaunas deportierten Menschen am 25. und 29. November 1941 in den Festungsgräben des Forts IX erschossen. Der Höhere SS- und Polizeiführer Friedrich Jeckeln, der seit dem 31. Oktober als Himmlers regionaler Stellvertreter für das Reichkommissariat Ostland in Riga fungierte, plante für den 30. November eine ähnliche Erschießungsaktion mit dem Ziel, das Ghetto in der Moskauer Vorstadt Rigas bis auf die benötigten jüdischen Zwangsarbeiter zu liquidieren. Dieser Massenmord lag ganz auf der Linie der bisherigen Vernichtungsaktionen, jedoch entschied Jeckeln vor Ort, die an diesem Tag in Riga eintreffenden Berliner Juden seien ebenfalls zu töten. In der Tat wurden die Berliner dann unmittelbar nach ihrer Ankunft am frühen Morgen des 30. November 1941 zusammen mit den meisten Juden des Rigaer Ghettos ermordet. Doch diese Mordaktion an deutschen Juden war durch keinen Befehl gedeckt. Himmler und Heydrich haben offenbar am Nachmittag des 30. November vergeblich versucht, den Massenmord an den Berliner Juden zu stoppen (6). Die erwähnten Proteste, die Eigenmächtigkeiten und die darauf folgenden Schwierigkeiten zeigen, dass zwischen den Planungen in Berlin und den Realitäten vor Ort große Diskrepanzen bestanden, die während der Wannsee-Konferenz angesprochen werden sollten.

  Wachmannschaft im Vernichtungslager Belzec, 1942

Wachmannschaft im Vernichtungslager Belzec, 1942 
(Foto: Haus der Wannsee-Konferenz)

Neben der Absicht, die Probleme im Zusammenhang mit den genannten ersten Deportationen zu klären, verband Heydrich mit der Tagung am 20. Januar 1942 weitergehende strategische Ziele. Seit dem Frühjahr 1941 hatte es von Seiten der Sicherheitspolizei und der Parteikanzlei immer wieder Vorstöße gegeben, die rechtliche Sonderstellung von so genannten Mischlingen und Mischehepartnern zu verschlechtern. Nun sollten sie mit in die Deportationsmaßnahmen einbezogen werden, und Heydrich hoffte, eine Übereinkunft darüber während der Sitzung zu erreichen. Außerdem musste er darauf hinarbeiten, dass seine und Himmlers uneingeschränkte Planungshoheit in allen Fragen von Deportation und Massenmord anerkannt würde (7). Letztlich galt es, alle Teilnehmer offiziell davon zu unterrichten, dass die Gesamtkonzeption zur "Endlösung der Judenfrage" als langfristig angelegte Strategie zu betrachten sei, an deren Ende alle Juden Europas unabhängig vom Kriegsverlauf in den Osten zu deportieren und dort zu töten seien.


Teil 2: Die Konferenz


 

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