Öffentlicher Vortrag im Haus
der Wannsee-Konferenz am 19. Januar 1998
Teil 1
Inhalt:
Teil 1
- Die Genesis der "Endlösung" und die historische Forschung
- Die Elemente der Politik der Vernichtung
- Stufen der Judenverfolgung durch das NS-Regime bis zum Sommer 1941
Teil 2
- Der Übergang zur Politik der "ethnischen Säuberung" im Sommer 1941
- Eskalation im Herbst 1941 und Beginn der Deportation der deutschen
Juden
- Vorbereitung und Vertagung der Wannsee-Konferenz
Teil 3
- Das Protokoll der Wannsee-Konferenz
- Die Eskalation der Vernichtungspolitik unmittelbar nach der Wannsee-Konferenz
- Konturen eines europaweiten Deportationsprogramms
Teil 4
- Ausweitung der Deportationen und Übergang zur unterschiedslosen Ermordung
- Resümee der Entwicklung zwischen Herbst 1941 und Sommer 1942
- Das "Wannsee-Protokoll" als Momentaufnahme einer Übergangsphase
DIE WANNSEE-KONFERENZ VOM 20. JANUAR 1942:
Planung und Beginn des Genozids an den europäischen Juden
Die von Adolf Eichmann verfasste Niederschrift über diese Konferenz ist eines der wichtigsten überlieferten Dokumente zur Planung und Organisation des millionenfachen Mordes an den europäischen Juden durch das NS-Regime. Durch dieses Dokument ist die Konferenz am Großen Wannsee als Synonym für den kaltblütigen, verwaltungsmäßig und arbeitsteilig organisierten Massenmord der NS-Zeit in der Erinnerung.
Die Tatsache, dass hochrangige
Vertreter der Ministerialbürokratie den einleitenden Vortrag Heydrichs über
das Schicksal von 11 Millionen europäischer Juden in der entspannten,
großbürgerlich geprägten Atmosphäre dieses Gästehauses der SS kommentarlos
zur Kenntnis nahmen, verdeutlicht auf erschreckende Weise, dass die
Verantwortung für den Genozid weit über den Bereich der SS hinausreicht. Man
kann sich in Deutschland wohl kaum einen besseren Ort vorstellen, um die
Erinnerung an dieses Verbrechen wachzuhalten und über dessen Ursachen
nachzudenken.
Die Genesis der „Endlösung" und
die historische Forschung
Vielmehr ist die Wannsee-Konferenz eine wichtige Station in dem sich vom Herbst 1941 bis zum Frühjahr 1942 hinziehenden Entscheidungsprozeß, in dessen Verlauf die Führung des „Dritten Reiches" die Massaker an den Juden Ost- und Südosteuropas zu einem Gesamtprogramm zur systematischen Ermordung der Juden Europas erweiterte.
Die meisten Historiker gehen davon aus, dass der Wannsee-Konferenz eine grundlegende Entscheidung zur Ermordung aller europäischen Juden vorausgegangen sein muss, dass auf der Wannsee-Konferenz die Organisation und Durchführung des bereits eingeleiteten Genozids besprochen wurden. Wann diese grundlegende Entscheidung gefallen sein soll, ist allerdings umstritten. Eine Reihe von Historikern haben die Auffassung vertreten, dass dieser Entschluss bereits vor Beginn des Russlandfeldzuges getroffen wurde. Andere sind der Meinung, dass eine grundsätzliche Entscheidung im Sommer 1941, im Gefühl des Triumphes über den vermeintlichen Sieg über die Sowjetunion oder im Herbst 1941, angesichts des bereits deutlich werdenden Scheiterns des „Blitzkrieges" im Osten getroffen worden sei. Neuerdings wird durch Christian Gerlach die Ansicht vertreten, eine „Grundsatzentscheidung" Hitlers zur Ermordung der europäischen Juden sei unmittelbar nach der Kriegserklärung an die USA im Dezember 1941 ergangen, eine These, die bereits einiges Aufsehen erregt hat und auf die schon deshalb näher einzugehen ist.
Es gibt aber auch Hinweise darauf, dass eine endgültige Entscheidung zur Ermordung aller europäischen Juden erst im Frühjahr oder Sommer 1942 erfolgt sein könnte. Eine radikale Gegenposition, die etwa von Martin Broszat vertreten wurde, besagt, dass es überhaupt keine „Führerentscheidung" gab, sondern dass die Judenvernichtung „auch als ‚Ausweg‘ aus einer Sackgasse, in die man sich selbst manövriert hatte" entstanden sei.
Diese sehr unterschiedlichen Ansichten der Experten verweisen darauf, dass die genaue Rekonstruktion des Entscheidungsprozesses, an dessen Ende die „Endlösung" stand, ein methodisch außerordentlich schwieriges und hinsichtlich der Auswertung der Quellen mühseliges Unterfangen ist. Denn die wichtigsten Entscheidungen, die zum Mord an den europäischen Juden geführt haben, dürften in der Regel nicht schriftlich niedergelegt worden sein; soweit Dokumente solche Entscheidungen reflektieren, haben die Täter sie mit großem Erfolg systematisch zu vernichten gesucht; die trotz alledem überlieferten Dokumente sind buchstäblich über zahlreiche Archive in vielen Ländern zerstreut. Hinzu kommt, dass die Dokumente, die den Mord selbst betreffen, in einer verschleiernden Sprache verfasst sind - das Wannsee-Protokoll ist hierfür ein ausgezeichnetes Beispiel.
Angesichts dieser schwierigen Quellenlage ist eine genaue Rekonstruktion der einzelnen Tatkomplexe, die den Genozid an den europäischen Juden ausmachen, unerlässlich - also der Exekutionen, Deportationen, der Morde in den Lagern usw. Die disparate Quellenlage lässt uns keine andere Wahl, als von diesen Taten auf die dahinter stehenden Entscheidungen zurück zu schließen.
Die Debatte um die exakte Rekonstruktion des Entscheidungsprozesses ist - auch wenn dies zuweilen angesichts der detailreich und manchmal geradezu verbissen geführten Auseinandersetzung der Historiker den Anschein haben mag - mehr als ein Streit um Datierungen, Itinerare und Kompetenzverhältnisse. Die Frage nach der Ingangsetzung des systematischen Mordes an den europäischen Juden hängt mit Grundfragen der Interpretation der NS-Diktatur zusammen, mit der Frage nach der Rolle Hitlers, nach dem Funktionieren des Machtapparates, dem Verhalten der Eliten, nach der Rolle von Antisemitismus/Rassismus und anderem mehr. Es geht bei dem Streit um die Genesis der Endlösung nicht nur um das Wann und Wo, sondern letztlich darum, eine Antwort auf die Frage nach dem Warum zu finden.
Die Forschung zur Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden befindet sich zur Zeit in einer Umbruchsphase. Insbesondere die Öffnung der bis dahin nicht frei zugänglichen Archive der früheren Warschauer-Pakt-Staaten seit 1990 hat die Dokumentenbasis für die Erforschung der „Endlösung" noch einmal erheblich verbreitert. Dies gilt insbesondere für das sogenannte „Sonderarchiv" in Moskau, dessen Existenz bis 1991 unbekannt war, sowie für zahlreiche regionale Archive in der ehemaligen Sowjetunion bzw. in Polen, aber auch für Archive und Geheimarchive der früheren DDR.
Seit etwa zwei bis drei Jahren erscheinen die ersten Arbeiten, die sich diese neue Archivsituation zunutze gemacht haben. Erste Regionalstudien liegen vor, wichtige Dokumente sind publiziert und Arbeiten über den Entscheidungsprozeß selbst sind veröffentlicht worden. Weitere Untersuchungen, die wichtige Lücken schließen dürften, werden in kurzer Zeit erscheinen. Unter den bereits erschienenen Arbeiten sind insbesondere die Studien von Dieter Pohl und Thomas Sandkühler über den Judenmord in Galizien, die Dokumentensammlung von Michael Wildt zur Judenpolitik des SD, Götz Alys Buch über die „Endlösung" und Ralf Ogorrecks Studie über die Einsatzgruppen zu nennen.
Zu den wichtigen Dokumenten, die der Forschung nun zur Verfügung stehen, gehört vor allem Himmlers Terminkalender, den Christian Gerlach vor kurzem erstmalig im Hinblick auf die Genesis der „Endlösung" ausgewertet hat und auf dessen Edition durch eine Gruppe von Spezialisten, die bereits Monographien zur Geschichte des Judenmordes vorgelegt haben oder vorlegen werden, man gespannt sein darf.
Versucht man nun, eine vorläufige Bilanz aus dieser ersten Serie von Arbeiten zu ziehen, in denen die neu zugänglichen Archivbestände ausgewertet wurden, so zeigt sich ein sehr komplexes Bild des Entscheidungsprozesses zur Vernichtung der europäischen Juden. Diese Forschungsergebnisse werfen mindestens so viele neue Fragen auf, wie es Antworten nahe legt.
Denn was gefunden wurde, sind
nicht so sehr die gesuchten Schlüsseldokumente, die uns einen unmittelbaren
Einblick in Entscheidungen der obersten Führungsebene geben, sondern Dokumente,
die den Entscheidungsprozeß indirekt und bruchstückhaft reflektieren,
Zeugnisse also, die der Interpretation breiten Spielraum lassen. Viele dieser
neu entdeckten Mosaiksteine lassen zudem altbekannte Quellen in einem neuen
Licht erscheinen. Bereits als gesichert geltende Forschungsergebnisse werden so
in Frage gestellt. Am Beispiel des Protokolls der Wannsee-Konferenz wird dies zu
zeigen sein.
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Die neu erschienenen Untersuchungen ergeben ein sehr viel dichteres Bild der regionalen Geschichte sowie von den speziellen Aspekten des Mordes an den europäischen Juden. Sie helfen uns, die Komplexität der verschiedenen Ereignisse, die man gemeinhin mit dem Wort „Holocaust" zu umschreiben versucht, besser zu verstehen. Auch wenn sich die Forschung zur Zeit vor allem damit befasst, mehr und mehr Dokumente aufzuspüren und zu erschließen und die kaum noch übersehbare Zahl von erhaltenen Bruchstücken zusammenzufügen, hängt nach wie vor entscheidend von dem Interpretationsrahmen ab, in den diese Dokumente hineingestellt werden. Sie hängt ab von der Frage, welche Rolle wir der Ermordung der europäischen Juden innerhalb einer Gesamtgeschichte des „Dritten Reiches" zuweisen. |
Je mehr Forschungsergebnisse zur Vernichtung der europäischen Juden ausgebreitet werden, desto deutlicher wird, dass sich dieses historische Ereignis nicht einfach als „Schreibtischmord" verstehen lässt, also als Exekution eines zu einem bestimmten Zeitpunkt angeordneten Mordbefehls. Allmählich wächst das Bewusstsein, dass wir es mit einem über mehrere Jahre andauernden Massaker unvorstellbaren Ausmaßes zu tun haben, in dem in großen Teilen Europas Hunderttausende von Tätern und Helfern unter den Augen einer unübersehbar großen Zahl von Zuschauern Millionen von Opfern quälten und umbrachten. An dem Genozid war eine große Anzahl von Institutionen in verschiedensten Funktionen beteiligt; zwischen den einzelnen Ländern und Regionen, in denen der Genozid stattfand, lassen sich erhebliche Unterschiede und Ungleichzeitigkeiten feststellen.
Angesichts der Komplexität der Ereignisse lässt sich die Vorgeschichte des Judenmordes nicht nach dem Schema von „Entscheidungsbildung - Entscheidung - Durchführung der Entscheidung" auflösen. Je mehr wir über die Tätigkeit des Apparates, der die Ermordung der europäischen Juden vorbereitet und organisiert hat, erfahren, desto deutlicher wird, dass sich die Geschichte des Genozids nur unzureichend und fragmentarisch als Geschichte von Institutionen darstellen lässt.
Für eine Interpretation der
Genesis der Endlösung benötigen wir einen weiteren Rahmen und ich denke, der
Begriff „Politik" kann uns hier weiterhelfen. Zunehmend begreift die
Geschichtswissenschaft die „Entschlussbildung zur Endlösung" im
umfassenderen Rahmen einer Politik der Verfolgung und Ermordung der Juden unter
deutscher Herrschaft.
Die Elemente der
Politik der Vernichtung
- Die Politik der Vernichtung orientierte sich an abstrakten, hochgradig ideologisierten Zielen, die durch die NS-Bewegung kontinuierlich und nachhaltig verfolgt wurden.
- Sie stand in enger Interdependenz mit anderen Politikfeldern durchdrang diese, definierte sie zum Teil neu und wurde andererseits wiederum von diesen beeinflusst.
- Sie entwickelte sich über einen längeren Zeitraum und nahm in verschiedenen Phasen des „Dritten Reiches" unterschiedliche Formen an. Sie war flexibel genug, um aus taktischen Gründen modifiziert, zurückgenommen oder beschleunigt zu werden; in bestimmten kritischen Situationen entwickelte sie sich sprunghaft, so dass sich Konzeption, Entscheidungsbildung und Durchführung nicht immer klar voneinander abgrenzen lassen.
- Sie war grundsätzlich innerhalb der Führung des „Dritten Reiches" konsensfähig. Gerade die Tatsache, dass es über ihre Durchführung immer wieder zu internen Konflikten kam, dass Teile des Verfolgungsapparates zu radikalerem Vorgehen drängten, bestätigt den im Kern vorhandenen Konsens, der durch diese Auseinandersetzungen eben nicht in Frage gestellt wurde.
- Die Politik der Vernichtung wurde zumindest von einem Teil der Bevölkerung (der aktiven Anhängerschaft des Nationalsozialismus) unterstützt. Sie wurde - wenn auch häufig in halb verdeckter Form - öffentlich propagiert, debattiert und legitimiert. Sie hatte eine zentrale Bedeutung für die nationalsozialistische Durchdringung der deutschen Gesellschaft und war für die Sicherung und den Ausbau national-sozialistischer Herrschaft essentiell.
Die Vernichtungspolitik und ihre historischen Voraussetzungen gehören in das Zentrum einer Interpretation des „Dritten Reiches". Wenn man davon ausgeht, dass es sich bei der Ermordung der europäischen Juden um das eigentlich historisch Besondere und Einzigartige an der NS-Diktatur handelt, dann erscheint es auch angemessen, diesen historischen Vorgang als das zentrale Thema der Geschichte des „Dritten Reiches" wahrzunehmen und den Genozid nicht als bloße Funktion, Nebeneffekt oder Konsequenz anderer historischer Phänomene dieser Zeit abzuleiten.
Ausgangspunkt einer Interpretation, die sich an der Zentralität der „Judenpolitik" orientiert, sollte die Überlegung sein, dass der Nationalsozialismus sich das Ziel gesetzt hatte, eine vollkommen neue Form von Gesellschaftsordnung zu schaffen, eine rassisch homogene „Volksgemeinschaft". Diese Zielsetzung macht die Identität des Nationalsozialismus als eigenständige historische Bewegung aus. Innenpolitisch leiteten die Nationalsozialisten aus dieser Mission ihren totalen Machtanspruch gegenüber der deutschen Gesellschaft ab; außenpolitisch sollte die behauptete Überlegenheit der „arischen Rasse" mit ihrem quasi natürlichen Drang nach „Lebensraum" eine Neuordnung des europäischen Kontinents entlang rassistischer Leitlinien begründen. Diese Ziele ließen sich aber schon wegen der Inkonsistenz des Rassebegriffs nur mit Hilfe negativer Maßnahmen durchsetzen. Die von den Nationalsozialisten propagierte "rassische Auslese" bedeutete demnach permanente Ausgrenzung und Ausmerzung sogenannter Minderwertiger. Neben der sogenannten Rassenhygiene nahm dabei die Verfolgung der Juden als angeblich „Fremdblütige" eine zentrale Rolle ein, wobei sich das relativ neue rassistische Motiv mit jahrhundertealten Stereotypen konventioneller Judenfeindschaft verbinden ließ.
Wir müssen also die furchtbare
Utopie einer Gesellschaftsordnung untersuchen, deren „Homogenität" und
angestrebte biologische „Aufartung" in Wirklichkeit darin besteht,
beständig sogenannte „Minderwertige" auszugrenzen und auszustoßen.
Stufen der Judenverfolgung durch
das NS-Regime bis zum Sommer 1941
Ich will im folgenden in aller Kürze versuchen, die wesentlichen Phasen der Vernichtungspolitik und ihrer Vorgeschichte bis zur Wannsee-Konferenz zu entwickeln.
Bis zum Kriegsbeginn war es den Nationalsozialisten gelungen, die jüdische Minderheit in Deutschland weitgehend zu vertreiben und die noch im Lande lebenden Juden in eine bedeutungslose Randexistenz zu verweisen. Im Zuge dieses Prozesses war die Mehrdimensionalität des neuen Politikfeldes der „Judenpolitik" bereits deutlich geworden:
Im Innern hatten die Nationalsozialisten die gelenkte öffentliche Meinung des „Dritten Reiches" unter der Hegemonie des Rassismus neu formiert: Es gab kaum einen Bereich, in dem die „Judenfrage" jetzt nicht eine erhebliche Rolle als verbindlich vorgeschriebenes Deutungsmuster spielte. Die „Entjudung" der deutschen Gesellschaft hatte dem NS-Staat zahlreiche Interventionsmöglichkeiten eröffnet, so etwa - über die Rassegesetzgebung - eine bisher nicht gekannte Kontrolle des Privaten oder z.B. - im Zuge der „Arisierung" - tiefgreifende Eingriffe in die Wirtschaft. Auch in der Außenpolitik war es dem „Dritten Reich" bereits vor Kriegsbeginn gelungen, eine „Judenfrage" aufzuwerfen: Durch Zwangsauswanderung und Vertreibung, aber auch durch wiederholte Racheakte und Drohungen gegenüber den deutschen Juden, die auf diese Weise für das Verhalten des „internationalen Judentums" zur „Verantwortung" gezogen und zu Geiseln erklärt wurden, war die deutsche Judenverfolgung zwangsläufig auch zu einem internationalen Problem gemacht worden, das die Staatengemeinschaft zunehmend beschäftigte.
Im September 1939 begann eine vollkommen neue Phase der Judenpolitik. Hatte die Zahl der Juden im Gebiet des „Großdeutschen Reiches" 1939 noch etwa 300.000 Personen betragen, so befanden sich nach dem Krieg gegen Polen weit mehr als zwei Millionen Juden unter deutscher Herrschaft.
Für die NS-Bewegung bedeutete der Krieg die Chance zur Verwirklichung ihrer Pläne, ein nach rassistischen Gesichtspunkten geordnetes Imperium zu schaffen. Der Krieg stellte aus nationalsozialistischer Sicht die innere Rechtfertigung für die Ausmerzung der „Minderwertigen" dar, um „volksbiologisch" die Verluste an rassisch „Hochwertigen" auszugleichen; im Krieg als Ausnahmesituation ergab sich überhaupt erst die Gelegenheit zu einem solchen unerhörten Zivilisationsbruch. Die Drohung Hitlers vom 30. Januar 1939, im Falle eines Weltkrieges die „jüdische Rasse" in Europa zu vernichten, macht diesen Zusammenhang besonders deutlich.

Warschauer Ghetto,
1941
Noch während des Krieges gegen Polen, Mitte September 1939, begann die deutsche Führung ein gigantisches Umsiedlungsprogramm für die neu eroberten Gebiete zu entwickeln. Mit der „Neuordnung des Lebensraumes" sollte also in den eroberten polnischen Gebieten begonnen werden.
Neben groß angelegten Umsiedlungen von Volksdeutschen und Polen sah dieses Programm die Deportation aller im deutschen Herrschaftsbereich lebenden Juden in ein „Judenreservat" im Generalgouvernement, im Distrikt Lublin vor. Die ersten Transporte aus dem Reichsgebiet in dieses „Reservat" setzten tatsächlich im Rahmen der sogenannten Nisko-Aktion im Oktober 1939 ein, mussten jedoch nach kurzer Zeit abgebrochen werden, u.a. wegen der durch die vorgesehene Ansiedlung von Volksdeutschen in den besetzten Ost-Gebieten ausgelösten Menschenverschiebungen. Tatsächlich wurde jedoch der Plan eines Reservates im Distrikt Lublin weiter verfolgt. Ansatzweise, in kleineren Deportationsschüben, wurden immer wieder Anläufe zu einem solchen Verschleppungsprogramm in das Generalgouvernement unternommen.
Aus der Art und Weise, wie das Nisko Projekt durchgeführt wurde und aus verschiedenen Kommentaren führender Nationalsozialisten lässt sich nun entnehmen, dass der Plan des sogenannten Judenreservates tatsächlich darauf hinauslief, die Juden im gesamten deutschen Herrschaftsbereich in einem Raum, in dem keine ausreichenden Lebensgrundlagen vorhanden waren, zu konzentrieren und hier durch eine Kombination von Unterernährung, Seuchen, geringer Geburtenrate etc. das physische Ende dieser über zwei Millionen Menschen herbeizuführen, möglicherweise in einem Zeitrahmen von mehreren Generationen. Hitlers Prophezeiung vom 30. Januar 1939, in der er die Vernichtung der Juden im Falle eines Weltkrieges ankündigte, macht deutlich, dass das Reservatsprojekt auch den Charakter einer gigantischen Geiselnahme hatte. Im Falle einer weiteren Ausdehnung des Krieges – so das Kalkül der NS-Führung - besäße Deutschland in den jüdischen Geiseln ein Erpressungspotential gegenüber den Westmächten.
Es handelte sich bei dem Reservatsplan also um ein erstes Projekt zur „Endlösung", dass heißt um ein Vorhaben, das unter bestimmten Umständen den Tod der großen Mehrheit der unter deutscher Herrschaft lebenden Juden vorsah; ein Projekt, dessen Radikalität völlig deutlich wird, wenn man es im Zusammenhang mit anderen nach Kriegsbeginn ausgelösten rassenpolitischen Maßnahmen des NS-Regimes sieht: den Massenerschießungen Zehntausender polnischer Zivilisten (darunter Tausende von Juden) sowie den Morden an Kranken und Behinderten im Zuge der sogenannten „Euthanasie".
An dem Projekt eines „Judenreservates" sollte in den kommenden zwei Jahren festgehalten werden, wobei sich allerdings die Lage des Reservatsraums änderte: Nach dem Sieg über Frankreich wurde Madagaskar ins Gespräch gebracht, Anfang 1941, mit den Vorbereitungen für „Barbarossa" (so das Codewort für den Angriff auf die Sowjetunion) wurde der Plan gefasst, die Juden innerhalb des deutschen Machtbereichs in die zu erobernden Gebiete der Sowjetunion zu deportieren. Auch wenn sich die Geographie dieser Pläne änderte: Gemeinsam war ihnen stets die Perspektive der physischen „Endlösung", wenn diese sich auch über einen längeren Zeitraum hinziehen sollte.
Die Vorstellung, es habe eine Phase gegeben, in der über „territoriale Lösungen" nachgedacht wurde, die - durch eine irgendwann im Laufe des Jahres 1941 gefällte grundsätzliche Entscheidung zur Vernichtung der europäischen Juden - von einer späteren „Endlösungsphase" zu trennen sei, geht meiner Ansicht nach an dem wesentlichen Inhalt der Pläne der NS-Judenpolitiker vorbei: Auch die „territoriale Lösung" war stets als „Endlösung" konzipiert, sie sollte letztlich das physische Ende der großen Mehrheit der Juden bedeuten.
Die entscheidende Zäsur für den Übergang der Judenpolitik zur Vernichtungspolitik fällt also in den Herbst 1939. Was sich ab 1941 vollzieht, ist die Realisierung der bereits 1939 anvisierten, aber noch von bestimmten Bedingungen abhängig gemachten und innerhalb eines längeren Zeitraumes vorgesehenen Vernichtung. Im Zuge der Realisierung dieser Politik sollte sich nach 1941 die Vorstellung, was unter der „Endlösung" zu verstehen sei, radikalisieren: Aus allgemeinen, langfristig angelegten Überlegungen, ein Aussterben der Juden innerhalb des deutschen Herrschaftsbereichs herbeizuführen, wurde ein umfassendes Programm des Massenmordes entwickelt, das nach Auffassung der Planer im wesentlichen noch vor Ende des Krieges durchgeführt werden sollte. „Endlösung" bedeutet aber seit 1939 in jedem Fall millionenfacher Tod.
Die Radikalisierung der Vernichtungspolitik erfolgte im Kontext des sich ausweitenden Krieges. Für die Nationalsozialisten schloss der von ihnen begonnene Lebensraum- und Rassenkrieg von vornherein die Perspektive der Vernichtung des selbst definierten jüdischen Feindes ein, und zwar insbesondere dann, wenn sich der Krieg durch Intervention der Westmächte zu einem Weltkrieg ausweiten und damit der Traum vom Lebensraum-Imperium in Gefahr geraten würde.
Die Eskalation der
Vernichtungspolitik im Krieg stellt aber weder einen unvermeidlichen
Automatismus dar, noch kann man sie angemessen als Konsequenz einer einmaligen,
bei Kriegsbeginn getroffenen „Entscheidung" zum Mord an den europäischen
Juden begreifen. Die Eskalation der Vernichtungspolitik während des Krieges ist
vielmehr das Ergebnis einer ganz bewusst verfolgten Politik: Um die Vernichtung
tatsächlich in Gang zu setzen, mussten entscheidende Voraussetzungen erfüllt
sein. Solang das „Reservat" nicht eingerichtet, solang die Deportationen
noch nicht erfolgten, solang der Krieg nicht zum Weltkrieg ausgeweitet worden
war, solang blieb die Vernichtung erst eine Absicht, die unter Umständen auch
widerrufen werden konnte.
Teil 2