PETER LONGERICH

DIE WANNSEE-KONFERENZ VOM 20. JANUAR 1942:
Planung und Beginn des Genozids an den europäischen Juden

Öffentlicher Vortrag im Haus der Wannsee-Konferenz am 19. Januar 1998


Teil 2


Inhalt:

Teil 1
- Die Genesis der "Endlösung" und die historische Forschung
- Die Elemente der Politik der Vernichtung
- Stufen der Judenverfolgung durch das NS-Regime bis zum Sommer 1941

Teil 2
- Der Übergang zur Politik der "ethnischen Säuberung" im Sommer 1941
- Eskalation im Herbst 1941 und Beginn der Deportation der deutschen Juden
- Vorbereitung und Vertagung der Wannsee-Konferenz

Teil 3
- Das Protokoll der Wannsee-Konferenz
- Die Eskalation der Vernichtungspolitik unmittelbar nach der Wannsee-Konferenz
- Konturen eines europaweiten Deportationsprogramms

Teil 4
- Ausweitung der Deportationen und Übergang zur unterschiedslosen Ermordung
- Resümee der Entwicklung zwischen Herbst 1941 und Sommer 1942
- Das "Wannsee-Protokoll" als Momentaufnahme einer Übergangsphase


Der Übergang zur Politik der „ethnischen Säuberung" im Sommer 1941

Im Sommer 1941 erreichte die Politik der Vernichtung ihre zweite Eskalationsstufe. Schauplatz dieser Radikalisierung waren die soeben besetzten sowjetischen Gebiete.

Während in den ersten Wochen des Russlandfeldzuges (wie bereits bei den Massenexekutionen in Polen) Zehntausende jüdische Männer im wehrpflichtigen Alter erschossen worden waren, wurden ab Ende Juli, verstärkt ab August, September, Oktober 1941 Hunderttausende von Juden, Männer und Frauen in jedem Alter sowie Kinder erschossen. Dieser Übergang von einer terroristischen Vorgehensweise zu einer Politik „ethnischer Säuberung" ist nach meiner Überzeugung weder hinreichend erklärbar durch die im Spätsommer 1941 in der deutschen Führung herrschende Hochstimmung wegen des vermeintlich unmittelbar bevorstehenden Sieges, noch kann man sie aus dem kurz darauf eintretenden Stimmungsumschlag angesichts des sich bereits andeutenden Scheiterns der Blitzkriegsstrategie ableiten.

Als sich im Sommer 1941 herausstellte, dass der Krieg nicht wie vorgesehen in wenigen Wochen siegreich beendet werden konnte, stieß das ursprüngliche, für eine kurze Kriegsdauer entwickelte "sicherheits-polizeiliche" Konzept, das Massenexekutionen unter den wehrfähigen jüdischen Männern vorsah, deutlich an seine Grenzen: Die massenweise Flucht der jüdischen Bevölkerung, die Frage, was mit den überlebenden Angehörigen geschehen solle, wachsender Arbeitskräftebedarf der Wehrmacht und andere Faktoren führten zu einer Revision der bisherigen "Judenpolitik" im Osten. In dieser Situation begann die deutsche Seite im Sommer 1941 mit der "Neuordnung" des eroberten Lebensraumes - wie ursprünglich geplant, allerdings ohne den militärischen Sieg abzuwarten. Während des noch anhaltenden Krieges musste sich die geplante "Neugestaltung jedoch auf rein "negative" Maßnahmen beschränken: Die massenhafte Ermordung der jüdischen Zivilbevölkerung, die "Entjudung" ganzer Landstriche war aus der Sicht der NS-Führung ein erster Vorgriff auf die vor Kriegsbeginn entwickelten Pläne, nach denen Millionen Menschen auf sowjetischem Territorium der Neuordnung des "Lebensraumes" zum Opfer fallen sollten. Diese Konzentration auf die Juden entsprach dem nationalsozialistischem Feindbild vom bolschewistisch-jüdischen Komplex und dem Denkschema einer rassistischen Hierarchie, in der die Juden auf unterster Stufe rangierten. Untergeordnete Behörden fanden immer neue "Gründe", den in Gang gekommenen Massenmord weiter zu beschleunigen: Der Mangel an Lebensmitteln die angeblich von den Juden ausgehende Seuchengefahr, "freizumachender" Wohnraum und ähnliches.

Wesentlich für die Ingangsetzung des seit Anfang 1941 geplanten Völkermords auf sowjetischem Territorium im Spätsommer 1941 war meines Erachtens die Initiative Himmlers, der durch sein brutales Vorgehen gegen die jüdische Zivilbevölkerung seine Kompetenzen als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums auf die Sowjetunion übertragen wollte - und dem dies schließlich auch gelang. Der „Festigungs"-Auftrag Hitlers an Himmler vom Oktober 1939 hatte ja nicht nur die „Gestaltung neuer deutscher Siedlungsgebiete durch Umsiedlung" umfasst, sondern hatte ausdrücklich auch die „Ausschaltung des schädigenden Einflusses von „volksfremden Bevölkerungsteilen" als notwendige Voraussetzung der geplanten „völkischen Flurbereinigung" genannt. Diesen Teil seines Auftrags nahm Himmler nun auch in den Ostgebieten wahr, indem er den schon im Gang befindlichen Mord an jüdischen Männern auf die allgemeine jüdische Bevölkerung ausdehnen ließ: Aus Himmlers Sicht bildete der Massenmord den Einstieg in die „Neugestaltung" des „Ostraumes", die er ganz bewusst während des Krieges beginnen wollte, solange sich die Machtverteilung innerhalb des Besatzungsapparates noch im Fluss befand.

Eskalation im Herbst 1941 und Beginn der Deportation der deutschen Juden

Die dritte Eskalationsstufe der Politik der Vernichtung fällt in den Herbst 1941. Sie setzte Mitte September 1941 ein, als Hitler den Entschluss fasste, die Juden des gesamten Reichsgebiets einschließlich des Protektorats möglichst noch im laufenden Jahr in die eingegliederten polnischen Gebiete und im nächsten Frühjahr weiter nach Osten zu deportieren.

Als erster Schritt war ursprünglich vorgesehen, 60.000 Juden in das Lodzer Ghetto zu verschleppen. Dieser Plan wurde jedoch bis Ende September modifiziert und erweitert: Nun sollten 25.000 Juden und Zigeuner nach Lodz gebracht und je 25.000 Juden aus dem Reichsgebiet in die Ghettos von Riga und Minsk transportiert werden. Aus einer Bemerkung von Heydrich gegenüber Goebbels im November ergibt sich, dass zu diesem Zeitpunkt bereits eine dritte Deportationswelle für den Beginn des nächsten Jahres geplant war.

Parallel zu diesen in schnellen Schritten folgenden Entschlüssen wurden wichtige administrative Maßnahmen zur Vorbereitung der Deportation getroffen: Die Kennzeichnung der deutschen Juden im September 1941 mit dem gelben Stern; das Auswanderungsverbot vom 23. Oktober 1941 für alle Juden im deutschen Machtbereich; schließlich die 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz im November 1941, durch die Juden bei Überschreiten der Grenzen ihre deutsche Staatsangehörigkeit und ihr Vermögen verloren.

Im September 1941 setzte Hitler den Anfang 1941 gefassten Plan in Gang, die europäischen Juden nach dem Sieg über die Sowjetunion in die neu eroberten Gebiete zu deportieren – nun allerdings ohne den Sieg über die Rote Armee abzuwarten. Noch einen Monat zuvor, im August, hatte er erklärt, dass die vorgesehene Deportation erst nach dem Ende des Ostfeldzuges erfolgen könnte.

Die ersten beiden Deportationswellen nach Lodz sowie nach Minsk und Riga fanden zwischen Mitte Oktober und Anfang Februar statt (die Deportationen nach Minsk mussten allerdings nach wenigen Transporten abgebrochen werden), und im März 1942 begann schließlich, wie von Heydrich im November angekündigt, die dritte Deportationswelle in den Distrikt Lublin, das ursprüngliche „Judenreservat".

Wie ist diese Entscheidung zu erklären, die Deportationen nicht, wie ursprünglich geplant nach dem militärischen Sieg, sondern während des laufenden Konfliktes in Gang zu setzen?

Die offiziell gegebene Begründung, es handele sich um eine Vergeltungsmaßnahme für Stalins Verschleppung der Wolgadeutschen, erscheint ebenso vorgeschoben wie das angebliche Motiv, man benötige die „Judenwohnungen" um Bombengeschädigte unterzubringen. Schon die relativ geringe Zahl der Bombenschäden in diesem Zeitraum widerlegt dieses „Argument". Zwar griff mancher Gauleiter die Forderung nach „Freimachung" der „Judenwohnungen" auf und tat von sich aus alles, um die Deportationen zu beschleunigen, doch ist der Zusammenhang von Wohnungsfrage und Deportation nicht auf dieser pragmatischen, sondern auf einer ideologisch-propagandistischen Ebene zu suchen: Durch eine „Freimachung" der „Judenwohnungen" sollten die Juden als „Drahtzieher" des Bombenkrieges bestraft und die Großstadtbewohner in den unmittelbaren Genuss dieser Bestrafung gebracht werden. Auch in der Wohnungspolitik ging es den Nationalsozialisten eben nicht ausschließlich um ein praktisches Ziel - die Bereitstellung von Wohnraum - sondern sie war, wie fast alle Politikbereiche, eng mit der Rassen- und Judenpolitik verbunden.

Tatsächlich dürfte es sich jedoch bei den im Oktober 1941 einsetzenden Deportationen in erster Linie um eine versuchte Repressalie gegenüber den USA gehandelt haben: Man wollte mit der mehr oder weniger offenen Drohung, die deportierten Juden zu liquidieren - ganz im Sinne der Prophezeiung Hitlers vom 30. Januar 1939 -, die Vereinigten Staaten von einem Kriegseintritt abhalten. Das Propagandaleitmotiv dieser Monate, die Regierung der Vereinigten Staaten als Werkzeug des „internationalen Judentums" zu brandmarken, verdeut-licht diese Absicht ebenso wie die Tatsache, dass die Deportationen aus den Großstädten in aller Öffentlichkeit stattfanden und somit auch von der internationalen Presse sorgfältig registriert wurden - eine Publizität, die sich der Geiselnehmer nur wünschen konnte. Dass diese erneute und radikalste Wiederauflage des alten völkischen Geiselkonzepts nicht aufgehen konnte, lag natürlich an der absurden Realitätsverzerrung, der die NS-Rassenpolitiker zum Opfer gefallen waren: Weder gab es ein „internationales Judentum" als mächtigen Faktor auf der internationalen Bühne, noch stand die Regierung der Vereinigten Staaten unter „jüdischer Kontrolle".

Die zwischen September und November 1941 gefällte Entscheidung der NS-Regierung, die Juden im deutschen Herrschaftsbereich nach und nach in den Osten zu deportieren, beinhaltete gleichzeitig den Entschluss, in den provisorischen Aufnahmeräumen einen Massenmord an den einheimischen Juden anzurichten. Die Strategie „judenfreier Räume", zu der man in der Sowjetunion Ende des Sommers übergegangen war, wurde nun auf die besetzten polnischen Gebiete übertragen. Mit der Aussicht, in die ohnehin völlig überfüllten Ghettos weitere Zehntausende von Juden einzuweisen, wurde den vor Ort verantwortlichen noch radikalere Lösungen abverlangt.

Ankunft jüdischer Kinder im Waisenhaus des Ghettos Lódz
Ankunft jüdischer Kinder im Waisenhaus des Ghettos Lodz, Polen
(Wiener Library)

In Lodz hatte Reichsstatthalter Greiser offensichtlich als „Gegenleistung" für die Aufnahme der Juden aus dem Reich selbst den Vorschlag gemacht, die vorhandene jüdische Bevölkerung im Warthegau um 100.000 Menschen zu „verringern", dass heißt diese Menschen zu ermorden. Zur Durchführung dieses Massenmordes wurde noch vor Ende des Jahres 1941 eine Gaswagenstation bei Chelmno eingerichtet.

In Minsk wurden Anfang November, einen Tag bevor der erste Transport aus Hamburg abging, etwa 12.000 Einwohner des Ghettos durch die deutsche Sicherheitspolizei ermordet. In Riga, wo ursprünglich der Bau von Gaskammern vorgesehen war, wurden Ende November, Anfang Dezember über 25.000 lettische Juden auf Anordnung des Höheren SS- und Polizeiführers Jeckeln erschossen, der angab, den Befehl hierzu direkt von Himmler erhalten zu haben. Im Zuge dieser Massaker ermordete das Einsatzkommando 2 die Menschen, die sich in den ersten sechs für Riga bestimmten Transporten befanden, sogleich nach Eintreffen der Züge in Riga bzw. in Kowno. Weitere Morde an den reichsdeutschen Juden wurden jedoch durch eine direkte Intervention Himmlers vorläufig unterbunden.

Auch im Generalgouvernement, insbesondere im Distrikt Lublin, begannen die Vorbereitungen für einen Massenmord an den dort lebenden Juden im Oktober 1941, nachdem die Regierung des Generalgouvernements darüber informiert worden war, dass mit einem Abschub der Juden aus diesem Gebiet nach Osten auf absehbare Zeit nicht mehr gerechnet werden könne. Noch im Oktober begannen die Vorbereitungen für den Bau des Vernichtungslagers Belzec und gleichzeitig wurde mit dem sogenannten Schießbefehl das Verlassen der Ghettos mit der Todesstrafe sanktioniert. Diese Maßnahmen waren jedoch noch keine Vorbereitungen für die Ermordung der gesamten jüdischen Zivilbevölkerung des Generalgouvernements, sondern sie bezogen sich in erster Linie auf den Bezirk Lublin, wo man sich offensichtlich auf das Eintreffen der dritten Deportationswelle aus dem Reich im kommenden Frühjahr vorbereitete.

Nicht nur in Belzec (Lublin) und Chelmno (Warthegau) wurden im Herbst/Winter 1941/42 Anlagen zur massenweisen Tötung von Menschen mit Gas installiert. Vorbereitungen zum Bau solcher Anlagen sind auch für Riga nachweisbar; Hinweise auf Mogilew (bei Minsk) und Lemberg (Galizien) als weitere mögliche Standorte sind vorhanden. Mit dem Einsatz von Gas als Tötungsmittel wurde also zunächst in den vorgesehenen Deportationsräumen begonnen.

Im Oktober und November häuften sich die Aussagen führender Nationalsozialisten über das den Juden zugedachte Schicksal. So machte Hitler, nachdem er in seiner Tischrunde am 25. Oktober noch einmal an seine „Prophezeiung" vom 30. Januar 1939 erinnert hatte, folgende Bemerkung: „Diese Verbrecherrasse hat die zwei Millionen Toten des Weltkrieges auf dem Gewissen, jetzt wieder Hunderttausende. Sage mir keiner: Wir können sie doch nicht in den Morast schicken! Wer kümmert sich denn um unsere Menschen. Es ist gut, wenn uns der Schrecken vorangeht, dass wir das Judentum ausrotten." Aus diesen Äußerungen lässt sich entnehmen, dass die NS-Führung eine weitere Radikalisierung der auf regionaler Ebene bereits begonnenen Vernichtungspolitik anstrebte

In einem Leitartikel der Zeitschrift „Das Reich" vom 16. November 1941 kam Goebbels unter der Überschrift „Die Juden sind schuld" auf Hitlers Prophezeiung vom 30. Januar 1939 zurück, um dann fortzufahren: „Wir erleben eben den Vollzug dieser Prophezeiung, und es erfüllt sich damit am Judentum ein Schicksal, das zwar hart, aber mehr als verdient ist. Mitleid oder Bedauern ist da gänzlich unangebracht." Mit seiner Formulierung, das „Weltjudentum" erleide „nun einen allmählichen Vernichtungsprozess", stellte der Propagandaminister und Berliner Gauleiter klar, welches Schicksal die seit einigen Wochen aus deutschen Großstädten deportierten Juden letztlich erwartete.

Vorbereitung und Vertagung der Wannsee-Konferenz

Als Heydrich am 29. November 1941 eine Reihe von Staatssekretären, hohen Beamten und SS-Dienstgraden zu einer Besprechung am 9. Dezember einlud, um nähere Einzelheiten der vorgesehenen "Gesamtlösung der Judenfrage in Europa" zu behandeln, war die ursprüngliche Absicht der NS-Führung, eine "Endlösung" der "Judenfrage" (im Sinne eines zunächst nicht näher bestimmten physischen Endes) nach Kriegsende herbeizuführen, bereits durchbrochen worden: Das NS-Regime hatte mehrere Hunderttausend Menschen ermordet, ohne dass in der offiziellen Sprachregelung bereits das Stadium der "Endlösung" erreicht worden wäre.

Hauptzweck der Konferenz war aus Heydrichs Sicht, 1. gegenüber einer Reihe wichtiger Reichsbehörden die Federführung des RSHA für das Deportationsprogramm festzuschreiben und damit 2. Spitzenvertreter der Ministerialbürokratie zu Helfern, Mitwissern und Mitverantwortlichen des von ihm verfolgten Planes zu machen, alle Juden im - gegenwärtigen und künftigen - deutschen Herrschaftsbereich in den Osten Europas zu verschleppen, wo sie, außerordentlich harten Existenzbedingungen ausgesetzt, zu Tode erschöpft oder ermordet werden sollten. Diesen Deportationsplan mit seinen letztlich tödlichen Konsequenzen hatte Heydrich seit Anfang 1941 verfolgt; im Juli 1941 hatte er sich von Göring die Ermächtigung eingeholt, diesen Plan auszuführen; mit der ersten Deportation zentraleuropäischer Juden im Oktober war ein erster Teilabschnitt dieses europaweiten Planes realisiert worden.

Heydrich hatte also mit seiner ersten Einladung zu der Konferenz gewartet, bis die zweite Deportationswelle nach Riga, Minsk und Kowno bereits angelaufen war. Ganz offensichtlich wollte er also die Vertreter der Obersten Reichsbehörden vor vollendete Tatsachen stellen.

Am 8. Dezember wurde die ursprünglich für den nächsten Tag vorgesehene Sitzung verschoben; als neuer Termin wurde schließlich der 20. Januar 1942 bestimmt. Besprechungsort war jetzt nicht mehr die Dienststelle der Internationalen Kriminalpolizeilichen Kommission am Kleinen Wannsee Nr. 16, sondern das Gästehaus der SS, Am Großen Wannsee 56-58. Als Ursache für die zeitliche Verschiebung werden im allgemeinen zwei Entwicklungen angenommen: Zum einen die nach dem japanischen Überraschungsangriff auf die amerikanische Flotte in Pearl Harbour unmittelbar bevorstehende deutsche Kriegserklärung an die USA (die dann am 11. Dezember erfolgen sollte); zum andern aber auch die Anfang Dezember einsetzende Großoffensive der Roten Armee, die alle Hoffnungen auf einen schnellen militärischen Erfolg im Osten und damit eine baldige Realisierung aller Deportationspläne endgültig zunichte machte. Mit anderen Worten: Die Ausdehnung der Serie von europäischen Blitzkriegen zum Weltkrieg musste auch grundlegende Auswirkungen auf die deutsche "Judenpolitik" mit sich bringen. Die Frage, ob diese Auswirkungen so gravierend waren, dass Heydrich sich gezwungen sah, das ursprünglich vorgesehene Programm für die Konferenz zu ändern und ob dies der entscheidende Grund war, die Konferenz um immerhin sechs Wochen zu verschieben, lässt sich aufgrund der vorhandenen Dokumentensituation nicht schlüssig beantworten.

Christian Gerlach hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass einen Tag nach der Kriegserklärung an die USA, am 12. Dezember 1941, Hitler eine Ansprache vor den Gau- und Reichsleitern der Partei hielt, in der er erneut auf seine "Prophezeiung" vom 30.Januar 1939 zurückkam und die "Vernichtung" der Juden unter deutscher Herrschaft ankündigte, wie sich aus den Goebbels-Tagebüchern entnehmen lässt: "Bezüglich der Judenfrage ist der Führer entschlossen, reinen Tisch zu machen. Er hat den Juden prophezeit, dass, wenn sie noch einmal einen Weltkrieg herbeiführen würden, sie dabei ihre Vernichtung erleben würden. Das ist keine Phrase gewesen. Der Weltkrieg ist da, die Vernichtung des Judentums muss die notwendige Folge sein. Diese Frage ist ohne jede Sentimentalität zu betrachten. Wir sind nicht dazu da, Mitleid mit den Juden, sondern nur Mitleid mit unserem deutschen Volk zu haben. Wenn das deutsche Volk jetzt wieder im Ostfeldzug an die 160.000 Tote geopfert hat, so werden die Urheber dieses blutigen Konflikts dafür mit ihrem Leben bezahlen müssen."

Die Tatsache, dass der Weltkrieg nun "da" war, verlieh der seit Anfang 1939 immer wieder seitens der deutschen Führung angedrohten "Vernichtung" der Juden im Falle eines Weltkriegs einen besonderen Akzent. Falsch wäre es jedoch, mit Christian Gerlach in der Rede Hitlers vom 12. Dezember die Bekanntgabe einer "Grundsatzentscheidung" Hitlers zur Ermordung der europäischen Juden zu sehen und hieraus die Schlussfolgerung abzuleiten, dass ein solcher dramatischer Entschluss an einem bestimmten Tag entscheidend für diesen Kurswechsel gewesen sei. Bei Hitlers Ansprache handelte es sich vielmehr um einen weiteren Appell zur Beschleunigung und Radikalisierung der mit den Massenexekutionen in der Sowjetunion, in Polen und in Serbien und den Deportationen aus Zentraleuropa bereits in Gang gesetzten Vernichtungspolitik. In ihrer radikalen Rhetorik ähnelte die Ansprache des "Führers" sehr den Bemerkungen Hitlers vom 25. Oktober und Goebbels` Artikel vom 16. November, aber auch Äußerungen Rosenbergs auf einer Pressekonferenz vom 18. November, wo er von der "Ausmerzung der Juden Europas" sprach.

Aus dem Zeitraum Mitte Dezember liegen weitere Hinweise darauf vor, dass Hitler die Judenverfolgung nach der Kriegserklärung an die USA weiter radikalisieren wollte, aber aus diesen Dokumenten lässt sich eine "Grundsatzentscheidung" Hitlers zur Ermordung der europäischen Juden nicht wirklich zwingend ableiten, wie Christian Gerlach behauptet. So lässt sich Himmlers kurze Notiz in seinem im Sonderarchiv Moskau aufgefundenen Terminkalender über ein Gespräch mit Hitler vom 18. Dezember nur mit Hilfe einer weit ausholenden, jedoch keineswegs sehr beweiskräftigen Interpretation als Beleg für eine wenige Tage zuvor gefällte "Grundsatzentscheidung" Hitlers anführen. Die vier Worte: "Judenfrage" als Partisanen auszurotten", lassen sich demgegenüber viel sinnvoller als erneute Bestätigung Hitlers lesen, die Massenmorde an den sowjetischen Juden unter dem auch bisher vorgegebenen Vorwand fortzusetzen und zu intensivieren. Da sich in den diversen Kalendarien Himmlers offensichtlich nur sehr wenige Zeugnisse Himmlers zum Thema "Judenmord" finden lassen, ist generelle Skepsis vor einer Überbewertung solcher disparaten Zeugnisse geboten.

Ein wesentlich gravierenderer Beleg für eine weitere, von der Führungsspitze des "Dritten Reiches" ausgehende Radikalisierung der Judenverfolgung im Dezember ist jedoch die berüchtigte Ansprache, die Hans Frank, Generalgouverneur im besetzten Polen, am 16. Dezember 1941 in Krakau hielt: Aus Franks Äußerung ergibt sich eindeutig, dass die ursprüngliche Absicht, die Juden seines Herrschaftsgebietes in die besetzten sowjetischen Gebiete zu deportieren, nicht mehr nur, wie Frank bereits im Oktober von Rosenberg erfahren hatte, zurückgestellt, sondern mittlerweile ganz aufgegeben worden war: "Mit den Juden, das will ich Ihnen ganz offen sagen - muss so oder so Schluss gemacht werden." Frank erinnerte sodann an Hitlers "Prophezeiung" vom 30. Januar 1939; Mitleid gegenüber den Juden, so führte er aus, sei vollkommen Fehl am Platz: "Ich werde daher den Juden gegenüber grundsätzlich nur von der Erwartung ausgehen, dass sie verschwinden. Sie müssen weg. Ich habe Verhandlungen zu dem Zwecke angeknüpft, sie nach dem Osten abzuschieben. Im Januar findet über die Frage eine große Besprechung in Berlin statt, zu der ich Herrn Staatssekretär Dr. Bühler entsenden werde. Diese Besprechung soll im Reichssicherheitshauptamt bei SS-Obergruppenführer Heydrich abgehalten werden. Jedenfalls wird eine große jüdische Wanderung einsetzen. Aber was soll mit den Juden geschehen? Glauben Sie, man wird sie im Ostland in Siedlungsdörfern unterbringen? Man hat uns in Berlin gesagt: weshalb macht man diese Scherereien; wir können im Ostland oder im Reichskommissariat auch nichts mit ihnen anfangen, liquidiert sie selber! Meine Herren, ich muss sie bitten, sich gegen alle Mitleidserwägungen zu wappnen. Wir müssen die Juden vernichten, wo immer wir sie treffen und wo es irgend möglich ist, um das Gesamtgefüge des Reiches hier aufrecht zu erhalten."

Methode und Zeitraum für diesen Massenmord waren Mitte Dezember 1941 aber noch durchaus offen, wie aus Franks weiteren Worten hervorgeht: "Diese 3,5 Millionen Juden können wir nicht erschießen, wir können sie nicht vergiften, werden aber doch Eingriffe vornehmen können, die irgendwie zu einem Vernichtungserfolg führen, und zwar im Zusammenhang mit dem vom Reich her zu besprechenden großen Maßnahmen. Das Generalgouvernement muss genauso judenfrei werden, wie es das Reich ist. Wo und wie das geschieht, ist eine Sache der Instanzen, die wir hier einsetzen und schaffen müssen und deren Wirksamkeit ich Ihnen rechtzeitig bekannt geben werde."

Am 20. Januar 1942 sollte Franks Staatssekretär Bühler während der Wannsee-Besprechung von Heydrich Näheres über das "Wo" und "Wie" der Endlösung erfahren.

Teil 3


 

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