PETER LONGERICH
DIE WANNSEE-KONFERENZ VOM 20. JANUAR 1942:
Planung und Beginn des Genozids an den europäischen Juden
Öffentlicher Vortrag im Haus
der Wannsee-Konferenz am 19. Januar 1998
Teil 3
Inhalt:
Teil 1
- Die Genesis der "Endlösung" und die historische Forschung
- Die Elemente der Politik der Vernichtung
- Stufen der Judenverfolgung durch das NS-Regime bis zum Sommer 1941
Teil 2
- Der Übergang zur Politik der "ethnischen Säuberung" im Sommer 1941
- Eskalation im Herbst 1941 und Beginn der Deportation der deutschen
Juden
- Vorbereitung und Vertagung der Wannsee-Konferenz
Teil 3
- Das Protokoll der Wannsee-Konferenz
- Die Eskalation der Vernichtungspolitik unmittelbar nach der Wannsee-Konferenz
- Konturen eines europaweiten Deportationsprogramms
Teil 4
- Ausweitung der Deportationen und Übergang zur unterschiedslosen Ermordung
- Resümee der Entwicklung zwischen Herbst 1941 und Sommer 1942
- Das "Wannsee-Protokoll" als Momentaufnahme einer Übergangsphase
Das Protokoll der
Wannsee-Konferenz
Den genauen Wortlaut der auf der Konferenz abgegebenen Erklärungen kennen wir nicht. Eichmann gab in Israel 1960 an, er habe das Protokoll auf Drängen Heydrichs erheblich redigieren müssen, die Konferenzteilnehmer hätten sich einer weit drastischeren Sprache bedient, hätten von Töten, Eliminieren und Vernichten gesprochen. Doch möglicherweise wollte Eichmann damit von sich selbst ablenken und Dritte belasten. Das Protokoll sollte daher m.E. nicht als Basis für Spekulationen über das auf der Konferenz "tatsächlich" Gesagte gelesen werden, sondern als von Heydrich autorisierte Leitlinie des mit der Endlösung der Judenfrage beauftragten RSHA Nicht der im Wortlaut nicht mehr rekonstruierbare Konferenzverlauf, sondern die Quintessenz, die Heydrich im Anschluss hieran erstellte und als verbindliches Ergebnis der Besprechung gegenüber anderen Obersten Reichsbehörden vertrat, sollte der Ausgangspunkt für eine Interpretation der "Judenpolitik" Anfang des Jahres 1942 sein.
Heydrich ließ die Ergebnisse der Konferenz in dem überlieferten Protokoll wie folgt zusammenfassen: Zunächst einmal habe er auf seine "Bestellung" zum "Beauftragten für die Vorbereitung der Endlösung der europäischen Judenfrage" durch Göring vom 31. Juli hingewiesen. Dieses Schriftstück hatte er bereits als Kopie seinem ersten Einladungsschreiben vom 29. November beigefügt. Bevor er nun daran gehe, den von Göring geforderten "Entwurf über die organisatorischen, sachlichen und materiellen Belange im Hinblick auf die Endlösung der europäischen Judenfrage" fertig zu stellen, so habe er auf der Konferenz erklärt, habe er das weitere Vorgehen mit den "beteiligten Zentralinstanzen" abstimmen wollen.
Heydrich habe sodann, so fährt das Protokoll fort, einen Überblick über die bisherige Judenverfolgung gegeben. Hauptziel der "Judenpolitik" sei zunächst die forcierte Auswanderung gewesen, die inzwischen von Himmler "im Hinblick auf die Gefahren einer Auswanderung im Krieg und im Hinblick auf die Möglichkeiten des Ostens" gestoppt worden sei. Weiter heißt es im Protokoll über Heydrichs Äußerungen: "Anstelle der Auswanderung ist nunmehr als weitere Lösungsmöglichkeit nach entsprechender vorheriger Genehmigung durch den Führer die Evakuierung der Juden nach dem Osten getreten." Diese "Aktionen" seien lediglich "Ausweichmöglichkeiten", bei denen jedoch "jene praktischen Erfahrungen gesammelt" werden würden, die "im Hinblick auf die kommende Endlösung der Judenfrage von wichtiger Bedeutung" seien. Für die kommende "Endlösung" kämen insgesamt 11 Millionen Menschen in Betracht, die Heydrich im einzelnen Ländern aufschlüsselte. Die vorgesehene "Endlösung" umschrieb Heydrich im Protokoll mit den folgende Ausführungen:
"Unter entsprechender Leitung sollen nun im Zuge der Endlösung die Juden in geeigneter Weise zum Arbeitseinsatz kommen. In großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird." Der "allfällig endlich verbleibende Restbestand" werde, da "es sich bei diesen zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil" handele, "entsprechend behandelt werden müssen", um zu verhindern, dass hieraus wiederum eine "Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaues" entstünde. Zunächst sollten die Juden in "Durchgangsghettos" gebracht werden, von wo aus sie zu einem späteren Zeitpunkt weiter nach Osten transportiert werden würden.
Heydrich entwickelt also die Perspektive eines gigantischen Deportationsprogramms, hinter dem die Zielsetzung stand, die verschleppten Menschen durch Zwangsarbeit zugrunde zu richten und die Überlebenden zu ermorden.
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Die Idee einer umfassenden Deportation der europäischen Juden in den Osten war, wie wir gesehen haben, durch das RSHA während des gesamten Jahres 1941 verfolgt worden. Nun, Anfang 1942, wurde aber immer deutlicher, dass sich ein solches Programm nicht mehr verwirklichen ließ. Die Deportationen erfolgten jedoch weiter, ohne dass zunächst eine klare Vorstellung für eine Alternative entwickelt worden war. Auffälligerweise erläuterte Heydrich in seinem Vortrag gerade nicht, was mit den „nicht arbeitsfähigen" Juden geschehen sollten, also insbesondere mit Kindern und den sie betreuenden Müttern (er erwähnte lediglich, dass Juden über 65 Jahre in ein „Altersghetto" - Theresienstadt - verbracht werden sollten). Dass Heydrich andererseits im Januar 1942 bereits einen fertigen Plan zum Mord an diesen „nicht arbeitsfähigen" Juden in Vernichtungslagern besaß, erscheint außerordentlich unwahrscheinlich, denn vor Frühjahr 1942 sind keine Anstrengungen erkennbar, die auf einen allgemeinen Ausbau der Vernichtungslager für ein solches europaweites Mordprogramm hindeuten. |
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Andererseits war die Vorstellung
von „straßenbauenden" Arbeitskolonnen, die unter mörderischen
Arbeitsbedingungen „in den Osten" geführt wurden, Anfang 1942 keineswegs
ein Phantasieprodukt, wie im
Folgenden zu zeigen sein wird.
Die Eskalation der Vernichtungspolitik
unmittelbar nach der Wannsee-Konferenz
Um den historischen Ort der Wannsee-Konferenz besser verstehen zu können, soll nun auf die unmittelbaren Folgen der Konferenz eingegangen werden. In den Wochen nach der Konferenz veränderte sich die Politik der Vernichtung auf signifikante Weise:
Die Deportationen wurden nun, wie bereits im Herbst 1941 angekündigt, auf den gesamten Raum unter deutscher Kontrolle ausgedehnt; hierauf wird im nächsten Abschnitt näher einzugehen sein. Zum zweiten wurden die Deportationen und Morde in den Kontext eines umfassenden Zwangsarbeitsprogramms gestellt.
Seit Herbst 1941 war die SS dazu übergegangen, das perfide System einer „Vernichtung durch Arbeit" zu entwickeln. Dieses System bedeutete nicht nur, dass Menschen innerhalb kürzester Zeit unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen zu Tode erschöpft wurden, sondern mit der Zwangsarbeit wurde insbesondere auch eine Schwelle errichtet, an der die nicht mehr arbeitsfähigen oder nicht einsetzbaren Menschen scheitern mussten.
Die Politik einer „Vernichtung durch Arbeit" hatten die Einsatzgruppen seit dem Sommer 1941 in den besetzten Ostgebieten entwickelt. Die Einsatzgruppe C hatte dieses Konzept im September explizit formuliert, als sie die „Lösung der Judenfrage durch umfassenden Arbeitseinsatz der Juden" vorschlug, was „eine allmähliche Liquidierung des Judentums zur Folge haben" werde und den „wirtschaftlichen Gegebenheiten des Landes" entspräche. In den besetzten Ostgebieten waren die Einsatzgruppen ansatzweise seit Juli, verstärkt seit August und September 1941 dazu übergegangen, im Zuge der nun systematischen Vernichtungspolitik die für den „Arbeitseinsatz" verwendbaren Erwachsenen und ihre Angehörigen in Ghettos einzusperren und als Arbeitskräftereservoir zu verwenden. Bei den weiteren Selektionen in den Ghettos waren „Arbeitsfähigkeit" und Arbeitskräftebedarf entscheidende Kriterien. Die Tatsache, dass die Auswahl der "Arbeitsfähigen" häufig völlig willkürlich und chaotisch verlief, verdeutlicht das im Hintergrund dieses „Arbeitseinsatzes" stehende wahre Ziel: Die mörderische Dezimierung der Juden.
Im Januar 1942 bereitete Himmler den Inspekteur der Konzentrationslager, Glücks, darauf vor, dass - nachdem „russische Kriegsgefangene in der nächsten Zeit nicht zu erwarten" seien - er „von Juden und Jüdinnen, die aus Deutschland ausgewandert werden, eine große Anzahl in die Lager schicken" werde: „Richten Sie sich darauf ein, in den nächsten 4 Wochen 100.000 männliche Juden und bis zu 50.000 Jüdinnen in die Konzentrationslager aufzunehmen. Große wirtschaftliche Aufgaben werden in den nächsten Wochen an die Konzentrationslager herantreten." Im Zeitraum Februar/März 1942 wurden durch die Eingliederung des Hauptamts Verwaltung und Bauten sowie der Inspektion der Konzentrationslager in das neu gebildete Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt die organisatorischen Grundlagen zur optimalen Ausbeutung der Arbeitskraft der Häftlinge gelegt.
In einem Befehl vom 30. April 1942 machte der Chef des Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes der SS, Oswald Pohl, die Lagerkommandanten - ganz im Sinne der von Himmler angeordneten Leistungssteigerung der Häftlinge – „verantwortlich für den Einsatz der Arbeitskräfte. Dieser Einsatz muss im wahren Sinn des Wortes erschöpfend sein, um ein Höchstmaß an Leistung zu erreichen."
Seit Herbst 1941 wurden Zehntausende von jüdischen Arbeitskräften beim Bau der „Durchgangsstraße IV", einer für die Kriegsführung im Osten strategisch wichtigen Nachschubstraße eingesetzt, ein Projekt, das unter der Kontrolle der regional zuständigen SS- und Polizeiführer stand und seit Anfang 1942 aufgrund eines Führerbefehls höchste Priorität besaß. Die hohe Todesrate in den Lagern an der Durchgangsstraße IV, die von Lemberg tief in die Ukraine führen sollte, macht deutlich, dass die von Heydrich auf der Wannsee-Konferenz entwickelte Vorstellung von Arbeitskolonnen, die „straßenbauend" in den Osten geführt werden und dabei einer „natürlichen Verminderung" anheimfallen sollten, keineswegs ein Phantasieprodukt war. Das Zwangsarbeitsprojekt zum Ausbau der Durchgangsstraße IV ist ein wichtiger Zwischenschritt bei der Übertragung des in den besetzten sowjetischen Gebieten entwickelten Systems der Vernichtung durch Arbeit auf das Generalgouvernement und stellt so etwas wie ein Pilotprojekt für die Übernahme der gesamten Zwangsarbeit im Generalgouvernement im Frühjahr/Sommer 1942 durch die SS dar. Mit dieser Entscheidung lagen, ganz im Sinne der Konzeption der Vernichtung durch Arbeit, die Verantwortung für die systematische Ermordung der Juden des Generalgouvernements und für den Zwangsarbeitseinsatz in einer Hand.
Der Übergang zum Konzept der „Vernichtung durch Arbeit" folgte keinem im einzelnen festgelegtem Plan, sondern war eine Modifikation der Vernichtungspolitik unter den Verhältnissen des sich in die Länge ziehenden Krieges: Die Beseitigung einer möglichst großen Zahl von Juden sollte in Übereinstimmung gebracht werden mit dem steigenden Arbeitskräftebedarf. So entstand ein System aus einem häufig über die Grenzen der physischen Leistungsfähigkeit hinausgehenden „Arbeitseinsatz", minimaler Ernährung und Versorgung sowie ständigen Selektionen der nicht mehr „arbeitsfähigen" oder nicht mehr „benötigten" Juden. Die Perfidität des Systems der „Vernichtung durch Arbeit" zeigte sich insbesondere auch dort, wo es nur wenige oder überhaupt keine Zwangsarbeitsprojekte für Juden gab, da es den Vorwand lieferte, die „nicht einsetzbaren" Juden als „überflüssig" abzustempeln.
Es darf nicht übersehen werden, dass bei der Ingangsetzung der Endlösung neben den Massenexekutionen im Osten, den fortschreitenden Planungen für Deportationen aus Zentral- und Westeuropa sowie der in Gang befindlichen Errichtung von Vernichtungslagern in Polen der mörderische jüdische „Arbeitseinsatz" ein viertes komplementäres Element bildete. Der „Arbeitseinsatz" war kein Potemkinsches Dorf, hinter dem die „Endlösung" vollzogen wurde, sondern er bildete eine Säule der Vernichtungspolitik.
Den im Frühjahr 1942 wieder in größerem Umfang einsetzenden Deportationen gingen im Januar und Februar 1942 eine Reihe von öffentlichen Erklärungen Hitlers voraus, in denen er ganz unmissverständlich auf seine „Prophezeiung" vom Januar 1939 zurückkam, im Falle eines erneuten „Weltkrieges" würden die Juden Europas vernichtet werden. Der soeben erfolgte Kriegseintritt der USA, also die Ausweitung des Krieges zum Weltkrieg, und die Tatsache, dass Hitler seine Prophezeiung über den Untergang der Juden im Kriegsfall vom Januar 1939 beständig falsch auf den 1. September 1939 umdatierte, unterstrichen seine Drohung in besonderer Weise.
So hieß es 1942 im
Neujahrsaufruf des „Führers": „Der Jude aber wird nicht die
europäischen Völker ausrotten, sondern er wird das Opfer seines eigenen
Anschlags sein". Bei seiner Ansprache im Januar 1942 im Berliner
Sportpalast aus Anlass der „Machtergreifung" vom 30. Januar 1933 rief
Hitler aus: „Wir sind uns dabei im klaren darüber, dass der Krieg nur damit
enden kann, dass entweder die arischen Völker ausgerottet werden, oder dass das
Judentum aus Europa verschwindet". In einer am 24. Februar 1942 aus Anlass
des 22. Jahrestages der Parteigründung im Münchner Hofbräuhaus verlesenen
Erklärung ließ Hitler wiederum verlautbaren, „meine Prophezeiung wird ihre
Erfüllung finden, dass durch diesen Krieg nicht die arische Menschheit
vernichtet, sondern der Jude ausgerottet werden wird".
Konturen eines
europaweiten Deportationsprogramms
In den auf die Wannsee-Konferenz folgenden Wochen und Monaten wurden die Konturen eines europäischen Deportationsprogramms erkennbar.
Zunächst informierte Eichmann die Stapostellen im Gebiet des Großdeutschen Reiches am 31. Januar 1942, es sei die Deportation weiterer „Kontingente von Juden" in den Osten zu erwarten und legte im einzelnen fest, welche Personengruppen zunächst von diesen Verschleppungen auszunehmen seien.
In einer Besprechung Eichmanns mit Vertretern der Gestapoleitstellen am 6. März 1942 wurde deutlich, dass mittlerweile innerhalb des RSHA eine dritte Deportationswelle vorbereitet worden war. Auf dieser Besprechung kündigte Eichmann an, dass zunächst 55.000 Juden aus dem Reichsgebiet einschließlich der „Ostmark" und dem Protektorat deportiert werden würden. Dabei werde „Prag mit 20.000 und Wien mit 18.000 zu evakuierenden Juden am stärksten beteiligt".
Diese dritte Deportationswelle begann am 20. März 1942 und dauerte bis Ende Juni. Sie ist in ihren Einzelheiten wenig erforscht, aber aufgrund der überlieferten Deportationslisten, aus Aktensplittern der Distriktverwaltung Lublin, aus Lokalforschungen sowie der Memoirenliteratur weitgehend rekonstruierbar.
Im Rahmen dieses erneuten Deportationsschubes fuhren mindestens 43, möglicherweise 45 und mehr Züge mit jeweils 1000 Menschen in Ghettos im Distrikt Lublin, also dem ursprünglichen „Judenreservat", davon mindestens 22, vermutlich aber 24 aus dem Altreichsgebiet, 6 aus Wien, 15 aus Theresienstadt/Prag. Die Größenordnung von 55.000 Menschen, die Eichmann am 6. März als Ziel nannte, dürfte vermutlich erreicht worden sein.
Erneut wurde nun, Anfang März 1942, die Entscheidung getroffen, unter den Juden in den Aufnahmegebieten, also im Distrikt Lublin, einen Massenmord anzurichten. Diese Entscheidung betraf auch den angrenzenden Distrikt Galizien, der in der Vorstellung der NS-Führung so etwas wie eine vorgeschobene Basis für die geplante Neuordnung des Lebensraumes im Osten bildete.
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Die von Goebbels in seinen Tagebüchern gemachte Angabe, man wolle 60 % der in den beiden Distrikten lebenden Juden ermorden, ist hier von besonderer Bedeutung. Diese Anfang März gefällte Entscheidung war durch die Vorarbeiten, die der für diese Aktion in beiden Distrikten verantwortliche SS- und Polizeiführer Globocnik mit Zustimmung der SS-Führung seit Oktober 1941 getroffen hatte, vorbereitet worden und weist wesentliche Parallelen zu dem ebenfalls im Herbst 1941 eingeleiteten Massenmord an den Juden des Warthegaues auf. Nur in der Mordmethode, der Verwendung einer stationären Gaskammer, unterschied sich Globocniks Vorgehensweise von der Greisers. Wie im Warthegau stand aber der Massenmord an den einheimischen Juden im Distrikt Lublin im unmittelbaren Zusammenhang mit den Deportationen aus dem Reichsgebiet. |
Das Muster von Deportation der zentraleuropäischen und gleichzeitiger Vernichtung der osteuropäischen Juden entsprach also dem von Lodz, Riga und Minsk. Die Lebensbedingungen in diesen Ghettos, deren Einwohner meist kurz vor dem Eintreffen der Züge aus dem Reichsgebiet ermordet worden waren, führten zum elenden Tod der weitaus meisten Deportierten innerhalb weniger Monate. Wer nicht in den Ghettos starb, wurde in der Regel in die Vernichtungslager im Generalgouvernement deportiert.
Zwar hatten die Deportationen in
den Osten von Anfang an unter einer Vernichtungsabsicht gestanden; zunächst war
jedoch trotz hoher Todesraten und Exekutionen die - während des Winters 1941/42
immer mehr zur Fiktion werdende - Intention einer späteren „Umsiedlung",
einer „endgültigen Lösung", aufrecht erhalten worden. Mit der dritten
Deportationswelle in den Distrikt Lublin und der Fertigstellung der
Vernichtungslager im Generalgouvernement war die Absicht einer späteren
Umsiedlung in den Osten zwar definitiv aufgegeben worden, der Massenmord wurde
jedoch hinter der aufrechterhaltenen Fassade eines Umsiedlungsprogramms
durchgeführt: Die in den Distrikt deportierten Menschen wurden wie „Umsiedler"
behandelt, die den Bedingungen im „Ansiedlungsgebiet" nicht gewachsen
waren und daher im Hinblick auf die begrenzten Ernährung- und
Unterbringungsmöglichkeiten, die Seuchengefahr und aufgrund der wegen der
Kriegslage blockierten Möglichkeiten zur weiteren „Umsiedlung" beseitigt
werden „mussten". Die Vernichtung erfolgte also in einem mehrere Phasen
umfassenden, scheinbar Sachzwängen gehorchendem Prozess: Deportation in den
Distrikt - Selektion in Arbeitsfähige und Nichtarbeitsfähige - Gettoisierung
bzw. Zwangsarbeit - fortgesetzte Selektionen unter denjenigen, die die
unglaublichen Lebensbedingungen überstanden - Deportation in die
Vernichtungslager - schließlich Liquidierung der Ghettos und Ermordung
derjenigen, die alle vorangegangenen Stufen überlebt hatten.
Teil 4