PETER LONGERICH
DIE WANNSEE-KONFERENZ VOM 20. JANUAR 1942:
Planung und Beginn des Genozids an den europäischen Juden
Öffentlicher Vortrag im Haus
der Wannsee-Konferenz am 19. Januar 1998
Teil 4
Inhalt:
Teil 1
- Die Genesis der "Endlösung" und die historische Forschung
- Die Elemente der Politik der Vernichtung
- Stufen der Judenverfolgung durch das NS-Regime bis zum Sommer 1941
Teil 2
- Der Übergang zur Politik der "ethnischen Säuberung" im Sommer 1941
- Eskalation im Herbst 1941 und Beginn der Deportation der deutschen
Juden
- Vorbereitung und Vertagung der Wannsee-Konferenz
Teil 3
- Das Protokoll der Wannsee-Konferenz
- Die Eskalation der Vernichtungspolitik unmittelbar nach der Wannsee-Konferenz
- Konturen eines europaweiten Deportationsprogramms
Teil 4
- Ausweitung der Deportationen und Übergang zur unterschiedslosen Ermordung
- Resümee der Entwicklung zwischen Herbst 1941 und Sommer 1942
- Das "Wannsee-Protokoll" als Momentaufnahme einer Übergangsphase
Ausweitung der Deportationen und
Übergang zur unterschiedslosen Ermordung
Während diese dritte Deportationswelle zwischen März und Juni noch stattfand, traf das RSHA Vorbereitungen für ein sehr viel weiter gefasstes europäisches Deportationsprogramm.
Parallel zu der dritten Welle wurden seit dem 25. März 1942 auf Grund einer Vereinbarung mit der slowakischen Regierung 20.000 junge Juden aus der Slowakei zum „Arbeitseinsatz" in das KZ Auschwitz und in den Distrikt Lublin deportiert. Während die ersten Transporte rollten, hatten die slowakische und die deutsche Regierung vereinbart, diese Deportation auf alle slowakischen Juden, insgesamt etwa 90.000 Menschen, auszudehnen. Bis Ende Juni waren 50.000 Juden aus der Slowakei deportiert worden. Ebenfalls im März 1942 erfolgte eine erste Deportation von Geiseln aus Frankreich nach Auschwitz, bis Mitte Juli waren in sechs Transporten 6000 Menschen dorthin verschleppt.
Ein wichtiger Anhaltspunkt dafür, dass diese ersten Deportationen aus Gebieten außerhalb des „Großdeutschen Reiches" bereits Teil eines europaweiten Programms waren, ist ein Vermerk aus dem Büro des slowakischen Premierministers Tuka vom 10. April 1942 über einen Besucher, der bezeichnet wurde als „Bevollmächtigter des RFSS [Reichsführers SS] und Chefs der Deutschen Polizei, Himmler, als Beauftragter des Reichsmarschalls Göring, der von dem Reichskanzler und Führer Adolf Hitler einen unmittelbaren Befehl zur Lösung der Frage der europäischen Juden bekam". Heydrich, der durch diese Beschreibung als der Besucher vom 10. April identifiziert ist, erklärte Tuka bei dieser Gelegenheit, dass die vorgesehene Deportation der slowakischen Juden nur „ein Teil des Programms sei". Es finde zur Zeit nämlich eine „Aussiedlung" von insgesamt „1/2 Million" Juden „aus Europa nach Osten statt", außer der Slowakei seien hiervon das Reichsgebiet, das Protektorat, die Niederlande, Belgien und Frankreich betroffen.
Geht man davon aus, dass zu diesem Zeitpunkt seitens des RSHA geplant war, die schon in Gang gekommene Deportation der Juden aus dem Reich (ohne eingegliederte Ostgebiete), dem Protektorat und der Slowakei vollständig durchzuführen, und legt man hierfür die auf der Wannsee-Konferenz präsentierten Zahlen zugrunde (insgesamt knapp 340.000 Menschen), so bliebe für den Westen eine Deportationsquote in einer Größenordnung (die von Heydrich erwähnte „1/2 Million" ist ja nur eine grobe Zahlenangabe) von etwa 160.000 Menschen übrig. Wir können hieraus die Schlussfolgerung ziehen, dass spätestens Anfang April durch das RSHA die Deportation von etwa einem Drittel der in Belgien, den Niederlanden und in Frankreich lebenden insgesamt etwa 500.000 Juden geplant war.
Die vierte Eskalationsstufe der Politik der Vernichtung setzte im April/Mai 1942 ein. Nun wurde von dem bisherigen Schema der Deportation zentraleuropäischer Juden in bestimmte Räume, in denen zunächst die einheimischen Juden ermordet wurden, abgewichen. Ende April/Anfang Mai wurde offensichtlich die Entscheidung getroffen, ab sofort Juden unterschiedslos zu ermorden.
Vermutlich Ende April bzw. im Mai 1942 wurde die Entscheidung getroffen, den Mord an den Juden in den Distrikten Lublin und Galizien auf das gesamte Generalgouvernement auszudehnen. Zum gleichen Zeitpunkt muss die Entscheidung gefallen sein, einen Massenmord unter den Juden des annektierten Oberschlesien durchzuführen; im Mai und Juni wurden Tausende nach Auschwitz deportiert und dort unmittelbar ermordet. Der systematische Massenmord an den Juden des Generalgouvernements begann im Juni, wurde dann jedoch wegen der Transportsperre zunächst für einige Wochen unterbrochen. Die Transportsperre, die wegen der militärischen Entwicklung im Osten verhängt wurde, hatte letztlich eine radikalisierende Wirkung auf die Entwicklung des Massenmordes: Durch sie wurden die Deportationen aus den Westgebieten beschleunigt, und während ihrer Dauer hatten die Planer des Massemordes offensichtlich Gelegenheit, ihre Vorstellung zu überdenken und zu konsolidieren, so dass das Gesamtprogramm im Juli mit weit verheerender Wucht wieder gestartet werden konnte. So übernahm etwa die SS in dieser Phase den Komplex der jüdischen Zwangsarbeit im Generalgouvernement, wodurch sie die Kontrolle über die von der Vernichtung zunächst ausgenommenen „arbeitsfähigen" Häftlinge in der Hand behielt.
Etwa gleichzeitig mit dieser Grundsatzentscheidung im Hinblick auf die Juden im Generalgouvernement, jedenfalls vor Mitte Mai, müssen die für die Radikalisierung des gesamten Mordprogramms wesentlichen Entscheidungen gefallen sein, die Deportationen aus dem Gebiet des „Großdeutschen Reiches" über die im März genannte Quote hinaus zu verstärken und die aus Zentraleuropa deportierten Juden bereits sämtlich oder fast vollständig beim Eintreffen der Transporte in den Bestimmungsorten im Osten umzubringen. So wurde seit Mitte Mai in Minsk mit den aus dem Reich verschleppten Juden verfahren, seit Anfang Juni in Sobibor mit den aus der Slowakei Deportierten.
Ein wichtiger Hinweis auf einen Befehl Himmlers aus dem Mai 1942 zur Ausdehnung der Morde ist erhalten. Mitte Mai 1942 teilte Gestapochef Müller dem Kommandeur der Sicherheitspolizei in Riga, Jäger, mit, entsprechend einer „generellen Anordnung des Reichsführers SS und Chefs der deutschen Polizei" seien „arbeitsfähige Juden und Jüdinnen im Alter von 16 bis 32 Jahren bis auf weitere Weisung von Sondermaßnahmen auszunehmen. Diese Juden sind dem geschlossenen Arbeitseinsatz zuzuführen. KZ oder Arbeitslager." Diese Ausnahmeregelung enthält implizit einen Hinweis darauf, welche Behandlung die älteren und die nicht arbeitsfähigen jüngeren Häftlinge sowie die Kinder unter 16 Jahren in der Regel innerhalb des KZ-Systems zu erwarten hatten: Sie waren den „Sondermaßnahmen" unterworfen. Möglicherweise war der Befehl Himmlers, den Müller hier zitiert und der im Original nicht erhalten ist, im Hinblick auf die nicht unter die Ausnahmeregelung fallende Personengruppe präziser.
Vermutlich am 17. April 1942 hatte Himmler bereits anlässlich eines Besuches im Warthegau, über den er zuvor ausführlich mit Hitler konferiert hatte, die Ermordung der etwa 10.000 noch im Lodzer Ghetto lebenden zentraleuropäischen Juden befohlen, die im Oktober 1941 dorthin verschleppt worden waren und die unmenschlichen Bedingungen im Ghetto überlebt hatten.
Mit diesen wohl in der zweiten Aprilhälfte bzw. Anfang Mai 1942 getroffenen Entscheidungen, die im Mai/Juni wirksam wurden (Ausdehnung der Morde in Polen auf das gesamte Generalgouvernement bzw. Oberschlesien, Ermordung der nach Minsk und Sobibor Deportierten unmittelbar nach ihrer Ankunft, Ermordung der zentraleuropäischen Juden im Lodzer Ghetto), wurde nun definitiv Abschied genommen von der unter dem Eindruck des in Gang gekommenen Massenmordes immer mehr zur Fiktion gewordenen Idee eines „Reservates" im Ostraum des Generalgouvernements oder in den besetzten Ostgebieten. Der Zusammenhang dieser erneuten Eskalation der Vernichtungspolitik mit der militärischen Entwicklung ist offensichtlich: Am 5.April hatte Hitler seine Weisung zur Vorbereitung der Sommeroffensive im Osten erlassen, die Anfang Mai mit der Offensive auf der Krim eingeleitet werden sollte.
Anfang Juni wurde ein konkretes Deportationsprogramm für den Westen aufgestellt, das ab Mitte Juli innerhalb von drei Monate verwirklicht werden sollte. (Danach musste man mit einer weiteren Einstellung der Transporte bis zum Endes Jahres 1942 rechnen). Diese Entscheidung folgte bereits in einem erheblichen Umfang der furchtbaren Eigenlogik des bereits in Gang gekommenen Gesamtprogramms: Mit der Realisierung dieses West-Programms wurden die Anfang April erstmalig erkennbaren „europäischen" Planungen fortgeschrieben und an die Bedingungen, die durch die Transportsperre im Osten im Juni / Juli 1942 eintraten, angepasst.
Ziel dieser Transporte aus Westeuropa war Auschwitz, wohin, unter dem Eindruck der Transportsperre, nun auch die slowakischen Juden verschleppt wurden. Hier geschah nun das gleiche, was bereits in Minsk und in Sobibor begonnen hatte: Ab dem 4. Juli 1942 wurde die Mehrheit der in Auschwitz eintreffenden Juden, zunächst diejenigen aus der Slowakei, dann auch diejenigen aus den anderen Transporten, unmittelbar nach ihrer Ankunft (nach der „Selektion" auf der Rampe) in Gaskammern ermordet, die man provisorisch in zwei Bauernhäusern (den sogenannten Bunkern I und II) installiert hatte.
Im Juli 1942, nach der Aufhebung der Transportsperre, war also das Deportations- und Mordprogramm in vollem Umfang in Gang gekommen. Etwa eine Woche nach Aufhebung der Transportsperre überzeugte sich Himmler davon, dass die Mordmaschinerie funktionierte: Am 9. Juli besprach er mit dem für das Generalgouvernement zuständigen Höheren SS- und Polizeiführer Krüger sowie mit Globocnik Vorschläge, die letzterer Anfang Juni gemacht hatte und die die „Volkstums-" bzw. Judenpolitik im Distrikt Lublin betrafen. Nachdem er am 11., 12. und 14. Juli mehrfach mit Hitler zusammengetroffen war und nachdem er am 16. Juli das Verkehrsministerium hatte drängen lassen, mehr Züge für Deportationen zur Verfügung zu stellen, besichtigte er am 17. und 18. Juli Auschwitz, um sich die Ermordung von Menschen in Gaskammern vorführen zu lassen. Am Abend dieses Tages gab er sich auf einer Gesellschaft des schlesischen Gauleiters äußerst zufrieden. Aus Äußerungen, die er hier machte, zog einer seiner Zuhörer die Schlussfolgerung, dass die Ermordung der europäischen Juden beschlossene Sache sei - diese Information gelangte in die Schweiz und bildete die Grundlage für das sogenannte Riegner-Telegramm, durch das diese alarmierende Nachricht in die westliche Welt geleitet wurde. Nach seinem Besuch in Auschwitz suchte Himmler Globocnik in Lublin auf. Am 19. Juli gab er von dort den entscheidenden Befehl, dass die „Umsiedlung der gesamten jüdischen Bevölkerung des Generalgouvernements bis 31. Dezember 1942 durchgeführt und beendet ist".
Bereits während des Sommers 1942
wurden dann die ersten Vorbereitungen getroffen, um nach der zu erwartenden
Einstellung der Transporte während des kommenden Winters die Deportationen aus
dem Westen und dem Südosten des deutschen Herrschaftsbereichs verstärkt
aufnehmen zu können. Bereits im Juli dürfte die Entscheidung gefallen sein,
die kroatische Regierung dazu zu veranlassen, ihre Juden an die deutsche Seite
auszuliefern - was zur Deportation von etwa 5000 kroatischen Juden nach
Auschwitz im August führte.
Resümee der Entwicklung zwischen
Herbst 1941 und Sommer 1942
Zieht man nun ein Resümee aus der Entwicklung in der Politik der Vernichtung zwischen Herbst 1941 und Frühjahr/Sommer 1942, zwischen der dritten und der vierten Eskalationsstufe, so ergibt sich folgendes Bild:
Als im Herbst 1941 das eigentlich erst für die Zeit nach dem geplanten Sieg über die Sowjetunion vorgesehene, umfassende Deportationsprogramm in Gang gesetzt wurde, war dies (neben anderen Motiven) wohl vor allem eine Drohung gegenüber den Vereinigten Staaten, mit der - im Sinne der „Prophezeiung" Hitlers vom 30. Januar 1939 - verdeutlicht werden sollte, welches Schicksal die Ausweitung des Krieges zum Weltkrieg für die Juden unter deutscher Herrschaft haben würde. Gleichzeitig wurden diese überstürzten Deportationen in überfüllte Ghettos oder noch nicht vorhandene Lager als Hebel benutzt, um den Verantwortlichen vor Ort radikalere Lösungen abzuverlangen, also die aus der Sowjetunion bekannte Strategie „judenfreier Räume" auf das besetzte Polen (Warthegau, Distrikte Lublin und Galizien) zu übertragen. Die Ermordung der jüdischen Männer Serbiens ist eine wichtige Parallele bei der Radikalisierung der Vernichtungspolitik, die in diesem Fall in Form einer Repressalie durch die Wehrmacht durchgeführt wurde.
Durch den Kriegseintritt der USA veränderte sich die Situation des „Dritten Reiches" grundlegend; es stand nun vor einem langfristigen Zwei- oder Drei-Fronten-Krieg, den es als Bündniskrieg führen und in dem es einen großen besetzten Raum unter Kontrolle halten musste - bei gleichzeitigem Zwang zur vollen Mobilisierung aller innerer Ressourcen.
In dieser Konstellation erhielt die Vernichtungspolitik einen vollkommen neuen Stellenwert. Wir können hier nur versuchen, diese neue Rolle der Vernichtungspolitik ansatzweise zu bestimmen und Perspektiven aufzuzeigen. Zu diesem Zweck muss man sich zunächst vor Augen führen, dass das „Dritte Reich" seine eigentlichen Kriegsziele - nämlich die vorgesehene Neuordnung des europäischen Kontinents nach rassistischen Kriterien - nicht offen legen bzw. konkretisieren konnte, da damit die Frage nach der Stellung der übrigen Völker innerhalb des „Neuen Europa" aufgeworfen worden wäre. Auch war das Reich nicht in der Lage, durch „positive" Schritte die geplante Neuordnung während des Krieges einzuleiten, da für umfangreichere Siedlungsprojekte etc. die Ressourcen fehlten.
Ebenso wie die „Rassenpolitik" des Regimes in Deutschland zwischen 1933 und 1939 sich auf Ausgrenzung und Ausmerzung beschränkt hatte, ließ sich während des Krieges die Politik einer europäischen „Neuordnung" auf rassistischer Grundlage nur negativ darstellen, musste sich notwendigerweise in Vertreibung und Eliminierung unerwünschter Volksgruppen erschöpfen.

Pass von Justina Veith,
evakuiert am 27.10.1941
Die Deportation und Ermordung der europäischen Juden war aus nationalsozialistischer Sicht der während des Krieges einzig mögliche Einstieg in die rassistische Neuordnung. Da die Führung des „Dritten Reiches" entschlossen war, um keinen Preis diese „revolutionäre" Neuordnung Europas, für die sie in den Krieg gezogen war, aufzugeben, war die weitere Radikalisierung der Judenverfolgung, die auch schon vor 1939 das Kernstück der „Rassenpolitik" bildete, hin zu einer Politik systematischen Vernichtung unvermeidlich.
Durch die Ingangsetzung der Deportationen aus den verschiedenen besetzten und verbündeten Staaten im Laufe des Jahres 1942 wurde die bisher auf den Osten konzentrierte „Lebensraumpolitik" zu einer ganz Europa umfassenden Neuordnungspolitik stilisiert. Dadurch wurden die verbündeten Staaten bzw. die kollaborationsbereiten Kräfte in den besetzten Gebieten der Hegemonie des Rassismus unterworfen; sie wurden zu Werkzeugen und Komplizen einer verbrecherischen Politik und waren somit auf Gedeih und Verderb an die deutsche Führungsmacht gebunden. Die Ausdehnung der Deportationen führte gleichzeitig zu einer Stärkung der radikalen Kräfte innerhalb der deutschen Besatzungsverwaltungen und damit zu einer allgemeinen Gewichtsverlagerung zugunsten von Partei und SS in der Peripherie des deutschen Herrschaftsgebietes. Auf diese Weise wurde die Politik der Vernichtung zur Klammer der deutschen Besatzungs- und Bündnispolitik.
Die Politik der Vernichtung war aber auch ein Instrument zur inneren Radikalisierung in Deutschland. Durch die vor der Öffentlichkeit nicht verborgenen Deportationen, durch die in Form eines „öffentlichen Geheimnisses" greifbaren Gerüchte und Informationen über die Massenexekutionen im Osten sowie durch die seit der Kriegswende 1942/43 massiv einsetzende, auf eine internationale jüdische Verschwörung bezogene Angst- und Rachepropaganda, wurde der deutschen Bevölkerung deutlich gemacht, dass sie sich in eine Politik hatte verstricken lassen, aus der es keinen Weg zurück mehr gab. Diese unterschwellige Drohung gegenüber der eigenen Bevölkerung, die auf subtile Weise vermittelte Einsicht einer Komplizenschaft mit dem Regime, scheint mir das eigentliche Problem hinter der Frage nach dem Wissen oder Nichtwissen der Deutschen über den Holocaust zu sein.
Auf die Kritik an der - den Kriegsanstrengungen entgegenstehenden - Ermordung jüdischer Arbeitskräfte reagierte das Regime, indem es die Vernichtungspolitik aus dem Zusammenhang eines Deportationsprogramm herauslöste und in den Kontext eines Arbeitseinsatzprogramms stellte. Auf diese Weise wurden die zur Ermordung bestimmten Menschen noch „sinnvoll" eingesetzt. Langfristig glaubte man, das Arbeitskräfteproblem durch die millionenfache Rekrutierung von Fremdarbeitern lösen zu können.
Sieht man die Politik der Vernichtung ab 1942 in diesem umfassenden Kontext, so wird deutlich, dass sie für die Kriegspolitik des Regimes zentrale Funktionen einnahm: als Substitut für die nicht mögliche „positive" Neuordnung, als Klammer der deutschen Besatzungs- und Bündnispolitik, als Anstoß zur inneren Radikalisierung und als Hebel zur komplizenhaften Verstrickung der Bevölkerung mit dem Schicksal des Regimes, schließlich als ein Programm zur restlosen Erschöpfung jüdischer Arbeitskraft. Zieht man diese verschiedenen Funktionen der Vernichtungspolitik in Betracht, so wird erklärbar, warum die Ausdehnung des Krieges Ende 1941 zu einer weiteren Radikalisierung der Vernichtungspolitik während des Krieges führte.
Der systematische Mord an den europäischen Juden ist eben nicht hinreichend erklärbar als das Ergebnis einsamer Entscheidungen des Diktators, sie ist nicht primär das Resultat einer realitätsblinden Verselbständigung einer irrationalen Ideologie, sie ist nicht allein auf die Tätigkeit einer heißgelaufenen, kumulativ sich radikalisierenden Bürokratie zurückzuführen, sondern sie ist das Ergebnis einer konsequent verfolgten Politik der NS-Führung, die in den verschiedenen Phasen der Existenz des „Dritten Reiches" an die äußeren Umstände angepasst wurde. Nur wenn man die Vernichtungspolitik als integralen Bestandteil nationalsozialistischer Kriegspolitik sieht, als einen Hauptfaktor neben strategischen, rüstungswirtschaftlichen, bündnispolitischen Erwägungen, wird man ihrer Rolle innerhalb der Geschichte des NS-Regimes gerecht werden.
Diese Veränderungen der
Randbedingungen der Vernichtungspolitik führt uns zurück zur Interpretation
des Wannseeprotokolls.
Das Wannsee-Protokoll als Momentaufnahme
einer Übergangsphase
Tatsächlich stand die Wannsee-Konferenz an einem Scheidepunkt. Auf der einen Seite wurde noch festgehalten an der ursprünglichen und bereits durch konkrete Schritte eingeleiteten Absicht einer Totaldeportation und Vernichtung in Lagern in den besetzten sowjetischen Gebieten („straßenbauend" als Synonym für Zwangsarbeit unter unzureichenden Lebensbedingungen), während andererseits aber bereits absehbar war, dass ein baldiger Sieg als Voraussetzung für die Durchführung dieses Plans, zumindest kurzfristig nicht mehr erwartet werden konnte.
Bei dem Wannsee-Protokoll handelt es sich also um eine Momentaufnahme aus einem Prozess, in dem die Führungsränge der SS einen Perspektivwechsel vollzogen fort von der Vorstellung einer „Endlösung" nach Kriegsende bzw. im Falle eines Weltkrieges, hin zu der neuen Absicht, nun immer größere Abschnitte der „Endlösung" während des Krieges durchführen zu können (also sie „vorwegzunehmen"). Diese neue Perspektive schloss immer noch die Zeit nach Kriegsende ein: In diesem kritischen Zeitraum wurde die Ostdeportation immer mehr zur Fiktion, der Massenmord im Generalgouvernement zunehmend zur Realität. Den Teilnehmern der Konferenz sollte in der bisher schwersten Krise des Krieges der Eindruck vermittelt werden, das RSHA besäße ein Konzept, die in den verschiedenen besetzten Gebieten begonnenen Massenmorde in eine langfristig zu verwirklichende "Gesamtlösung" münden zu lassen.
Diese doppelte Perspektive ist anhand des Konferenzprotokolls nachweisbar: Auf der einen Seite sprach Heydrich von der „kommenden Endlösung", also von dem für die Zeit nach Kriegsende abzuschließenden Deportationsprogramm, das 11 Millionen Juden umfassen sollte, darunter diejenigen Großbritanniens, Irlands, Portugals, Schwedens, der Schweiz, Spaniens und der Türkei – alles Länder, die erst nach einem siegreichen Abschluss des Krieges deutscher Kontrolle unterliegen würden.
Von dieser „kommenden" Lösung grenzte Heydrich ad hoc Maßnahmen ab, wenn er als „weitere Lösungsmöglichkeit nach entsprechender vorheriger Genehmigung durch den Führer die Evakuierung der Juden nach dem Osten" bezeichnete. Diese „Aktionen" (also die bereits eingeleiteten Deportationen) seien lediglich „Ausweichmöglichkeiten", bei denen jedoch „jene praktischen Erfahrungen gesammelt" werden würden, die „im Hinblick auf die kommende Endlösung der Judenfrage von wichtiger Bedeutung" seien. Die Tatsache, dass Heydrich besonders auf die für diese Deportationen vorliegende „Genehmigung des Führers" verwies, deutet im übrigen darauf hin, dass die entsprechende Genehmigung für die Ingangsetzung der „kommenden Endlösung" noch nicht vorlag.
Die Vorstellung eines gigantischen Arbeitseinsatzprogramms im Osten nach dem Vorbild der bereits in Angriff genommenen Bauprojekte, bei der ein großer Teil der Deportierten „durch natürliche Verminderung ausfallen", der „Restbestand" „entsprechend zu behandeln" sei, bezieht sich ebenso auf die „kommende Endlösung", die noch in Gang zu setzen sei. Heydrich weist auch darauf hin, dass die „einzelnen größeren Evakuierungsaktionen weitgehend von der militärischen Entwicklung abhängig sein", also mindestens nicht vor Ende des Winters erfolgen könnten.
Das gesamte deutsche Herrschaftsgebiet, so Heydrich weiter, solle im „Zuge der praktischen Durchführung der Endlösung" von Westen nach Osten „durchgekämmt" werden, wobei das Reichsgebiet einschließlich des Protektorats „vorweggenommen" werden müsse. Auch dieser Satz verweist also deutlich auf zwei Handlungsebenen, auf die große, „kommende" Lösung und auf die bereits eingeleiteten ad hoc Maßnahmen. Wenn Heydrich fortfährt, die „evakuierten Juden" würden „zunächst Zug um Zug in sogenannte Durchgangsghettos verbracht, um von dort aus weiter nach dem Osten transportiert zu werden", dann bezeichnet er offenkundig eine Zwischenlösung für diesen Personenkreis für die Zeit bis zur „Endlösung".
Des weiteren lässt sich aus dem Wannsee-Protokoll entnehmen, dass die Ermordung der im Generalgouvernement und in den besetzten sowjetischen Gebieten lebenden Juden bereits aus dem großen „Endlösungs"-Programm herausgenommen worden war. In dem Staatssekretär Bühler auf der Wannsee-Konferenz den Wunsch der Regierung des Generalgouvernements überbrachte, „mit der Endlösung dieser Frage im Generalgouvernement" zu beginnen, unter anderem, weil hier „das Transportproblem keine übergeordnete Rolle spielt" und „arbeitseinsatzmäßige Gründe den Lauf dieser Aktion nicht behindern" würden, da ohnehin die große Mehrzahl nicht arbeitsfähig sei, und in dem im Anschluss daran sowohl er wie Gauleiter Meyer vom Ostministerium den Standpunkt vertraten, „gewisse vorbereitende Arbeiten im Zuge der Endlösung gleich in den betreffenden Gebieten selbst durchzuführen", brachten beide zum Ausdruck, dass die „nicht arbeitsfähigen" Juden in diesen Gebieten an Ort und Stelle ermordet werden sollten, so wie es durch die Einsatzgruppen in der besetzten Sowjetunion und die durch Gaswagen im Warthegau bereits in großem Umfang geschah und wie es für Lublin in Aussicht genommen worden war („Liquidiert sie doch selber", wie Frank den Bescheid aus Berlin so treffend charakterisiert hatte). Allerdings war die zeitliche Perspektive dieser Vernichtungsmaßnahmen noch offen.
Aus dem Wortlaut des Protokolls und aus unserer Analyse der Ereignisse des Frühjahrs und Sommers 1942 geht nun aber hervor, dass die „kommende Endlösung" erst im Mai 1942, also vier Monate nach der Wannsee-Konferenz ansatzweise begann und - unterbrochen durch die Transportsperre - im vollen Umfang im Juli 1942 einsetzte. Die aus dem Endlösungsprogramm abgegrenzten „vorbereitenden" Maßnahmen im Generalgouvernement setzten im März 1942 mit der Ermordung des Großteils der Juden der Distrikte Lublin und Galizien ein und wurde im Juni, verstärkt im Juli, fortgesetzt, als die systematische Vernichtung der Juden des Generalgouvernements begann. Im Sommer 1942 scheint auch die schon seit Sommer 1941 unternommene Ermordung der Juden in der Sowjetunion noch einmal eine neue Eskalation erfahren zu haben.
Es erscheint durchaus möglich, dass das Endziel der Deportationen im Rahmen der „kommenden Endlösung" zum Zeitpunkt der Wannsee-Konferenz noch unbestimmt war und sich erst allmählich in den kommenden Monaten die Vorstellungen durchsetzte, die ursprünglich für die besetzten sowjetischen Gebiete bestimmten Deportationen umzuleiten in die im Aufbau befindlichen Vernichtungsstellen im besetzten Polen. Für Heydrich kam es am 20. Januar 1942 vor allem auf zweierlei an: Erstens mussten die Deportationen durch die entscheidenden Reichsbehörden akzeptiert sein (alles was nach den Deportationen geschah, war eine interne Angelegenheit der SS und nicht mehr mit den anderen Stellen abzustimmen). Zweitens musste der Kreis der zu Deportierenden festgelegt werden, das heißt, es musste der Status der „Mischlinge" und mit Nichtjuden Verheirateten geklärt werden.
Diesem Zweck diente der zweite Teil der Wannsee-Konferenz. Heydrich schlug vor, sogenannte „Mischlinge ersten Grades" - bis auf bestimmte Ausnahmefälle - grundsätzlich zu deportieren. Ebenso sollten Juden oder „Mischlinge ersten Grades", die mit „Ariern" verheiratet waren, im Regelfall aus dem Reichsgebiet verschleppt oder in ein „Altersghetto" eingewiesen werden. Die absurd-komplizierte Klassifikation der „Mischlinge" durch die NS-Rassengesetze, das machte Heydrichs Vortrag indessen deutlich, hätte zahlreiche Einzelfallentscheidungen notwendig gemacht. Um die sich hieraus zwangsläufig ergebenden „unendlichen Verwaltungsarbeiten" zu vermeiden, schlug der Staatssekretär im Innenministerium Stuckart vor, „zur Zwangssterilisierung zu schreiten". Dieses Thema konnte auf der Konferenz nicht ausdiskutiert und entschieden werden und sollte daher in mehreren Nachfolgebesprechungen – die dann allerdings ebenfalls ohne abschließendes Ergebnis dazu verliefen - behandelt werden.
Gerade durch die detaillierte Erörterung der „Mischlings-" und der „Mischehen"-Problematik wurden die Vertreter der Ministerialbürokratie - in einem inkludenten Verfahren - zu Mitwissern und Mitverantwortlichen der „Endlösung" gemacht. Denn gerade durch die Bedenken, die aus ihren Reihen dagegen erhoben wurden, bestimmte Randgruppen in die Deportationen einzuschließen, hatten die Ministerialbeamten zu erkennen gegeben, dass sie gegen das Prinzip der Deportation von Juden keine Bedenken hatten. Dies aber war das entscheidende Ergebnis der Sitzung und der wesentliche Grund dafür, dass Heydrich in einem ausführlichen Protokoll die Grundsätze der künftigen Politik der Vernichtung festhalten ließ.
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