Das Haus der Wannsee-Konferenz -
Von der Industriellenvilla zur Gedenkstätte
1914 erwarb der "Geheime Kommerzienrat" Ernst Marlier zwei nebeneinander liegende Grundstücke von der Königlichen Regierung in Potsdam von insgesamt 30.578 qm direkt am Großen Wannsee in Berlin. Er ließ sich von dem Architekten Paul O. A. Baumgarten eine repräsentative Villa mit knapp 1.500 qm Wohnfläche errichten. Marlier verdiente ein Vermögen mit pharmazeutischen Präparaten und "Geheimmitteln" (z. B. "Antipositin", "Antineurasthin, "Hämasol", "Slankal", "Visnervin" u. a.), die später im Deutschen Reich verboten wurden, da sie in der Regel keinerlei Wirkung hatten und meist aus Zitronensäure, Zucker, Eigelb und Natriumkarbonat bestanden.
1921 verkaufte er das Grundstück an den ehemaligen Generaldirektor im Hugo-Stinnes-Konzern Friedrich Minoux, der in der Weimarer Republik politisch aktiv war und einem zu errichtenden "Direktorium" angehören sollte, das die Reichsregierung ablösen sollte. Minoux, der sich nach seinem Weggang vom Stinnes-Konzern im Kohlengroßhandel selbständig gemacht hatte, veruntreute in den 1920-30er Jahren mit anderen Kaufleuten Millionenbeträge und betrog u. a. die Berliner und Potsdamer Gasbetriebe. 1940 wurde er verhaftet und 1941 wegen Wirtschaftsverbrechen zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Aus dem Gefängnis heraus verkaufte er das Grundstück an die vom Chef des Reichssicherheitshauptamts Reinhard Heydrich gegründete "Stiftung Nordhav". Diese Stiftung nutzte die Villa als Gästehaus. In ihr fand am 20. Januar 1942 die "Wannsee-Konferenz" über die "Endlösung der Judenfrage in Europa" unter dem Vorsitz Heydrichs statt. 1943 gingen Villa und Grundstück in den Besitz der Polizeiverwaltung des Deutschen Reiches über, die es bis Kriegsende im Mai 1945 ebenfalls als Gästehaus nutzte.
Nach dem Krieg diente es u. a. von 1947-1951 dem August-Bebel-Institut der SPD als Bildungszentrum und von 1952-1988 dem ehemaligen West-Berliner Bezirk Neukölln als Schullandheim. Pläne in den 1960/70er Jahren in der Villa ein internationales Dokumentationszentrum zur Erforschung des Nationalsozialismus einzurichten, scheiterten an der damaligen West-Berliner Landesregierung. Erst 1992, zum 50. Jahrestag der Wannsee-Konferenz, konnte in der Villa die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz errichtet werden.
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Haupt, Michael: Das Haus der Wannsee-Konferenz. Von der Industriellenvilla zur Gedenkstätte. Paderborn: Bonifatius 2009, 200 S. mit 131 - teilweise farbigen - Fotos/Dokumenten. ISBN 978-3-9813119-1-4, Preis im Buchhandel: 9,95 EURO, Preis in der Gedenkstätte: 7,00 EURO |