Haus der Wannsee-Konferenz

Gedenk- und Bildungsstätte


 

Anlässlich des 70. Jahrestages der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 fand in der Gedenkstätte eine Gedenkveranstaltung mit Bundespräsident Christian Wulff, Minister Yossi Peled (Israel), Kulturstaatssekretär André Schmitz (Berlin) sowie geladenen Gästen, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Gedenkstätte und Medienvertretern statt. 

 

In seiner Ansprache sagte Bundespräsident Wulff u. a. "Es ist eben wichtig und eine nationale Aufgabe, dass wir die Erinnerung wach halten. Wir dürfen nie und nicht vergessen, dass dieses Unglaubliche und Unvorstellbare wirklich geschehen ist … Dieser Mord an den europäischen Juden und der Versuch der Vernichtung ihrer Kultur bedeutet die niedrigste Stufe, auf die deutsche Kultur jemals sinken konnte."

 

Folgend sind die Ansprachen abgedruckt. Am Schluss ist außerdem die Pressemitteilung des Regierenden Bürgermeisters von Berlin abgedruckt.


 

 

Kulturstaatssekretär André Schmitz

Ansprache zum 70. Jahrestag der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 2012 in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz

 

 

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, sehr geehrter Herr Minister, sehr geehrter Herr Gesandter, sehr geehrte Frau Süsskind, sehr geehrter Herr Kramer, sehr geehrter Herr Kampe, verehrter György Konrád, meine sehr verehrten Damen und Herren.

 

   An diesem Ort an diesem Tag zu sprechen ist etwas ganz Besonderes und Bewegendes für jeden, der auch nur entfernt ein historisches Gefühl hat. Herr Minister Peled hat mir im Vorgespräch erzählt, dass er viel durch die Welt reist und er spricht natürlich über das Thema, das uns heute alle bewegt, und er sagt dann immer das Haus der Wannsee-Konferenz ist einer der schönsten Orte der Welt. Der Blick auf den Wannsee, den wir genossen haben, ein herrlicher Ort. Und gleichzeitig ist er einer der furchtbarsten Orte, den sich die Menschheit hat einfallen lassen.

 

   Ich darf Sie ganz herzlich im Namen des Senats von Berlin und des Regierenden Bürgermeisters hier begrüßen im Haus der Wannsee-Konferenz zum 70. Jahrestag der Wannsee-Konferenz und zum 20. Jahrestag dieser Gedenkstätte.

 

   Sehr geehrter Herr Bundespräsident, ich freue mich persönlich sehr, dass Sie hier heute zu uns gekommen sind, um auch einmal durch Ihr Amt und durch Ihre Person den historischen Tag zu würdigen.

 

   Für uns ist es immer eine besondere Ehre, wenn ein Vertreter des Staates Israel zu uns kommt. Herr Minister Peled, ich heiße Sie ganz herzlich willkommen.

 

   Vor 20 Jahren hat die damalige Bundestagspräsidentin Frau Rita Süssmuth dieses Haus eröffnet. Vor 20 Jahren waren Berlin und Deutschland gerade wiedervereinigt. Ein Glück für unser Land, ein Glück für Europa als damals der eiserne Vorhang fiel, aber gleichzeitig auch ein Glücksfall für die Erinnerungskultur in Berlin und in Deutschland. Obwohl schon lange vorher von Bürgerinitiativen gefordert, wurden die meisten Erinnerungsorte zur NS-Geschichte in der deutschen Hauptstadt erst nach der wiedergewonnenen Einheit errichtet. Das Haus der Wannsee-Konferenz machte damals den Anfang. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas wurde mit dem Regierungsumzug zum Eckstein der neuen deutschen Republik. Die Topographie des Terrors nach einer langen leidvollen Baugeschichte zur meistbesuchten Gedenkstätte in Deutschland. Die Gedenkstätte Deutscher Widerstand konnte sich den stillen Helden des Widerstandes annehmen und steht vor einer neuen Konzeption seiner vielbesuchten Ausstellung. Nicht nur weltweit ist das Haus der Wannsee-Konferenz ein Kompetenzort für sein Thema geworden. Es ist mit seinen jährlich über 100.000 Besuchern und Besucherinnen längst an seine Kapazitätsgrenzen herangewachsen. Deshalb wird das Land Berlin zusammen mit dem Bund einen neuen Seminarpavillon denkmalgerecht errichten, um hier die Kapazität deutlich zu vergrößern. 

 

   Das Publikumsinteresse in Berlin an Zeitgeschichte allgemein ist sehr groß. Zur NS-Geschichte ist es insbesondere erfreulich groß. In den letzten zehn Jahren stieg die Besucherzahl in zeitgeschichtlichen Gedenkstätten, Museen und Ausstellungen in Berlin von 2,9 Millionen auf 10 Millionen Besucherinnen und Besucher. Die Einrichtungen, die sich speziell mit der NS-Geschichte befassen, konnten in diesem Zeitraum ihre Besucherzahl mehr als verdreifachen. Was mich persönlich aber am meisten erfreut, ist nicht nur das staatliche Erinnern, sondern dass das dunkelste Kapitel unserer Geschichte auch immer stark von einem bürgerschaftlichen Engagement in Berlin und auch darüber hinaus getragen wird. Menschen machen sich stark im Erinnern. Die Stolperstein-Initiative, die viele von Ihnen kennen, wird von einer breiten Bürgerschaftsinitiative getragen. Und ich sage immer, was wäre alles staatliche Erinnern, wenn es nicht von einer Bürgergesellschaft mitgetragen wird. Gerade hier in Berlin, so können wir sagen, dem ist so und das freut mich ganz besonders.

 

   Wie die gemeinsamen Anstrengungen vom Bund und von Berlin beim Ausbau der Erinnerungsorte und der Bildungsangebote zur NS-Geschichte zeigen, dürfen wir uns aber nicht auf diesen Erfolgszahlen ausruhen, sondern müssen wir gemeinsam arbeiten mit den Gedenkstätten und den Bürgern, optimale und zeitnahe Rahmenbedingungen für die Erinnerungsarbeit zu schaffen und neue Wege der Vermittlung zu finden. Dies wird uns alle noch einmal vor eine besondere Herausforderung stellen, wenn die letzten Zeitzeugen von uns gegangen sind. Dann muss die Erinnerungsarbeit noch einmal komplett neu aufgestellt werden, jedenfalls in großen Teilbereichen.

 

   Vor uns steht in Berlin und in Deutschland das Jahr 2013 mit dem Jahrestag der Machtübertragung an die Nationalsozialisten und dem 75. Jahrestag der Novemberpogrome, an die wir hier in Berlin das ganze Jahr über von Januar bis November nächsten Jahres besonders erinnern wollen. Wir wollen dabei vor allem ganz besonders an jene Menschen für unsere Stadt und unser Land erinnern, die ausgegrenzt wurden, verfolgt wurden und ermordet wurden. Wir wollen sie aus ihrer Anonymität holen und zeigen, wie sie das Leben in unserer Stadt und in unserem Land geprägt haben und was wir an ihnen verloren haben. Wir wollen dem, was hier in diesem Haus beschlossen wurde, nämlich die Menschen und ihr Andenken für immer auszulöschen, begegnen und damit ein zentrales Ziel der nationalsozialistischen Verfolgung konterkarieren, nach dem Motto, wer gestorben ist, ist endlich vergessen. Dabei wird auch dem Haus der Wannsee-Konferenz eine Schlüsselrolle zufallen.

 

   Danke Ihnen noch einmal Herr Bundespräsident, Herr Minister und allen anderen Gästen des heutigen Tages sehr, dass Sie den 70. Jahrestag der Wannsee-Konferenz zum Anlass genommen haben, hierher zu kommen, um ein Zeichen zu setzen.  

 

   Ich danke dem Haus der Wannsee-Konferenz für die Ausrichtung des vielfältigen und spannenden Programms zum Jahrestag und wünsche Ihrer weiteren Arbeit viel Erfolg.   

 


 

 

Bundespräsident Christian Wulff

bei der Gedenkstunde zum 70. Jahrestag der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 2012 in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz

 

 

Hochverehrter Minister Peled, sehr geehrter Gesandter Nahshon, sehr geehrter Herr Staatssekretär Dr. Schmitz, liebe Frau Süsskind, lieber Generalsekretär Kramer, meine sehr verehrten Damen und Herren, sehr geehrter Herr Dr. Kampe.

 

   Dieser Ort, das klang gerade schon an, hat eine seltsame Ausstrahlung, die jeden erfasst, der einmal hier am Wannsee durch diese Räume gegangen ist und sich über die verschiedenen Ausstellungsstücke gebeugt hat, die hier zu sehen sind. Da ist auf der einen Seite diese schöne Idylle, der Wannsee, ein Ausflugsziel seit Generationen,
ein Ort der Heiterkeit, der Entspannung, der Ausgelassenheit. Ein Ort, an dem Erinnerungen vieler Menschen spielen, an Segeln und Schwimmen, an verliebte Stunden zu zweit, an endlos lange Sommerabende am Wasser. Solche Erinnerungen teilten alle Berlinerinnen und Berliner in der Zeit vor dem Nationalsozialismus, dem Krieg und dem Holocaust und zwar ohne jeden Unterschied. Ob sie Christen oder Juden waren, reich oder arm, jung oder alt: Der Wannsee hier in Berlin mit seiner Idylle war immer ein Ort für alle gewesen, ein Ort für glückliche Stunden für jedermann, in guten und in schlechten Zeiten. Nirgendwo wurde diese Lebensfreude am Wannsee über alle Unterschiede hinweg schöner ins Bild gesetzt als im Film „Menschen am Sonntag“. Dieser Film von 1930 ist wesentlich mitgestaltet worden von Samuel Wilder, damals ein jüdischer Drehbuchautor in Berlin-Schöneberg, später, nach seiner Flucht 1933, unter dem Namen Billy Wilder weltberühmter Regisseur von Klassikern wie „Eins, zwei, drei“ oder „Zeugin der Anklage“.

 

   Mancher Berliner Jude, manche Berliner Jüdin, die dann vom Gleis 17, diesem schrecklichen Ort am Bahnhof Grunewald die Transporte in die Vernichtungslager besteigen mussten, hatte sicher Erinnerungen an unbeschwerte Tage am Wannsee – so wie fast alle Berliner eben. Dieser Ort und der Name Wannsee ist dann zum namentlichen Symbol geworden für die bürokratisch organisierte Unterscheidung von vermeintlich lebenswertem und lebensunwertem Leben, für staatlich organisierte Vernichtung, für geplante und behördlich systematisierte Tötung der Juden Europas. Dieser Ort ist zu einem Ort der kalten Grausamkeit geworden, Auslöser der Vollstreckung eines systematischen Völkermordes, ein „Ort deutscher Schande“. Mit diesem Begriff wollten damals einige diese Gedenkstätte verhindern. Aber Deutschland muss die Geschichte annehmen und die Erinnerung an diese Geschichte wachhalten. Dies ist eine nationale Aufgabe. Exakt heute vor 70 Jahren am 20. Januar 1942 zur Mittagszeit trafen sich fünfzehn Spitzenbeamte des NS-Regimes und formulierten in Eiseskälte ohne Skrupel, ohne Hauch von Menschlichkeit das mörderische, systematische Vorgehen der sogenannten „Endlösung“.

 

   Je mehr wir uns dieses Nebeneinander von Idylle und absolutem Schrecken, von Unbeschwertheit und erbarmungslosem Vernichtungswillen vor Augen halten – desto weniger können wir verstehen, was damals geschehen ist. Und je weiter die Zeit vergeht, um so weniger können wir uns vorstellen, dass das und wie das wirklich geplant und geschehen ist: die Vernichtung der Juden Europas. Es ist eben wichtig und eine nationale Aufgabe, dass wir die Erinnerung wach halten. Wir dürfen nie und nicht vergessen, dass dieses Unglaubliche und Unvorstellbare wirklich geschehen ist. Deswegen ist es so notwendig, dass in Deutschland zahlreiche Gedenkstätten auch nachfolgende Generationen an das Entsetzliche erinnern, das von unserem Land ausgegangen ist. Seit zwanzig Jahren leistet dieses Dokumentationszentrum hier ausgezeichnete Arbeit. Sie erfordert einen ganz besonderen Einsatz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dafür sage ich auch hier allen Beteiligten Dank.

 

  Hier in dieser Gedenkstätte ist es nachlesbar, ist es anschaubar: Hier wurde die Koordinierung aller staatlichen Stellen zu dieser Vernichtung beschlossen. Hier wurde das unerhörte und unfassbare Menschheitsverbrechen in Verwaltungsakte deutscher Bürokratie umgesetzt. Die Lektüre des Protokolls, verfasst von Adolf Eichmann, raubt, so bin ich überzeugt, jedem, auch nachfolgenden Generationen, den Atem. Dieser Mord an den europäischen Juden und der Versuch der Vernichtung ihrer Kultur bedeutet die niedrigste Stufe, auf die deutsche Kultur jemals sinken konnte. Vernichtet werden sollten ausgerechnet die Juden, denen unsere Kultur so viel verdankt, und für die der Name des vertriebenen Billy Wilder nur als ein Beispiel zehntausender Kulturschaffender steht.

 

   Um nicht zu vergessen, ist es gut, sich jedes und immer wieder einzelne Schicksale und Namen vor Augen zu führen. Vor einiger Zeit hatte ich im Schloss Bellevue die neunzigjährige Margot Friedlander zu Gast. Sie hat jungen Leuten und mir aus ihren Erinnerungen damals in Berlin vorgelesen. Beim Präsidenten jenes Landes, dessen Machthaber und Helfer sie einst umbringen wollten und fast alle ihrer Familienangehörigen und Freunde tatsächlich umgebracht haben – aufgrund der Planungen in dieser Villa am Wannsee. Es war in diesem Land, unserem Land Deutschland, in dieser Stadt Berlin unserer Hauptstadt, in der man ihr und allen Juden nach dem Leben trachtete. Es war in der Skalitzer Straße 32, damals wie heute leicht zu finden, wo die Gestapo gemäß den Beschlüssen dieser Wannsee-Konferenz auf das Mädchen Margot wartete. Es war kein böser Traum: es war ein wirklicher Ort, ein wirklicher Tag, an dem sie sich in letzter Sekunde zu Nachbarn flüchten konnte, um anschließend in Angst und im Versteck zu leben und – welch großes Glück – zu überleben.

 

   Ich erinnere auch Ihre Geschichte Minister Peled, der Sie heute unter uns sind, und damit eine besondere Geste zeigen, dass Sie zu uns gekommen sind, an diesen schrecklichen Ort. Sie haben als Kind den Holocaust überlebt, 1941 in Belgien geboren, weil sie durch Adoption gerettet worden sind. Wer, Herr Minister, kann wirklich Ihre Gefühle nachempfinden, wenn Sie heute hier sind und zum ersten Mal das Kaddish für Ihren Vater sprechen und wir mit Ihnen das Gebet gemeinsam später sprechen werden?

 

    Der Antisemitismus des Staates wurde genährt und gestützt vom Antisemitismus in der Gesellschaft. Eine Mischung aus Neid, aus Hass, aus Unterlegenheitsgefühlen und Überlegenheitswahn, aus religiöser und rassistischer Verblendung machte diesen Antisemitismus aus. Spätestens an diesem 20. Januar 1942 wurde aus dem Antisemitismus der Gesellschaft ein staatlich-bürokratisches Projekt, das mit umfassender Gründlichkeit vollstreckt werden sollte. Und spätestens jetzt, mit den Transporten, den Sammlungen, 1942 wurde für jeden, der offenen Auges durch die Welt ging, offenbar, welches Schicksal auf die deutschen und europäischen Juden wartete. Viele in der Gesellschaft waren entsetzt, aber noch viel mehr blieben gleichgültig, viele waren grausame Täter. Mehr als alles andere ist es die Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal des Anderen, des Nächsten, das Unglück und Leid erzeugt und verstärkt. Wir alle leben von der Hilfe füreinander, nicht erst, wenn es um Leben und Tod geht – das muss uns eine der wichtigen Lehren sein.

 

   Daran müssen wir gerade auch in diesen Tagen schmerzlich denken, seit wir wissen, dass eine Bande von rassistischen Mördern durch unser Land gezogen ist, um Menschen mit nichtdeutscher Herkunft zu töten. Wir haben es alle nicht für möglich gehalten. Ich gebe heute zu, einige haben vor Rechtsextremismus vehement gewarnt und ich denke an eine Ansprache von Ihnen Herr Generalsekretär Kramer. Und das habe ich damals für übertrieben gehalten. Heute frage ich mich, ob Sie damals Recht gehabt haben. Einschließlich der Polizei und der Sicherheitsorgane haben wir es auch nicht für möglich halten wollen, dass es in unserem Land und in diesem Jahrzehnt so etwas gibt.

 

   Uns erfüllt Scham und Zorn. Und uns bewegt der Wille, die Taten aufzuklären, die Helfer und Unterstützer zu finden und vor Gericht zu stellen, die Netzwerke zu zerstören, die diesen mörderischen Wahn ermöglicht haben. Uns bewegt die Anteilnahme an der Trauer der Verwandten und Freunde der Opfer. Ihnen, aber auch allen, versprechen wir: Wir werden alles tun, damit Terror und mörderischer Hass auf Fremde und Fremdes in Deutschland nie mehr Platz haben. Es liegt mir viel daran, das gerade heute und gerade hier zu sagen.

   

   Meine Damen und Herren, heute beginnt hier eine Historiker-Konferenz mit internationalen Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Ich möchte auch diese Teilnehmerinnen und Teilnehmer herzlich begrüßen. Ich bin froh, dass Sie das Licht der Aufklärung und der historischen Erkenntnis auf dieses dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte richten. Einer der ganz großen Meister des literarischen Gedächtnisses, György Konrád, hat gestern beeindruckend vortragen und vortragen lassen – ich habe mir das im Einzelnen schildern lassen -  und auch dafür großen Dank. Und wir freuen uns, dass Sie heute bei uns sind. Wir brauchen die Erinnerung, wir brauchen aber auch die Entschlossenheit zur Verteidigung von Menschenwürde und Menschenrechten. Nie mehr sollen sich Menschen wie Margot Friedlander vor ihren eigenen Landsleuten verstecken müssen.

 

   Für sehr viele jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger war Deutschland Heimat, ihr Zuhause. Deutschland ist glücklicherweise wieder Heimat und Zuhause. Und ich sage an dieser Stelle, aber auch allen Juden in der Welt: Wenn und wo jüdische Bürger verfolgt werden oder in Gefahr sind, Deutschland fühlt sich ihnen nah und verbunden. Und Deutschland steht unverbrüchlich an der Seite Israels.

 

   Unser aller gemeinsames Ziel muss es sein – und Deutschland tritt dafür ein –, dass alle Menschen unbeschwert und frei miteinander leben, lachen und glücklich sein können: hier am Großen Wannsee, hier in Berlin, überall in unserem Land und überall auf der Welt.

 


 

 

Minister Yossi Peled,

Rede in der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 2012 anlässlich des 70. Jahrestages der Wannsee-Konferenz

 

 

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, verehrte Anwesende,

 

mein Name ist Yossi Peled. Ich bin Minister in Israel und ehemaliger Generalmajor der israelischen Verteidigungsstreitkräfte. Aber heute steht nicht Yossi Peled vor Ihnen, kein Minister und kein ehemaliger Generalmajor der israelischen Verteidigungsstreitkräfte.

 

   In diesem Haus, das einen der schrecklichsten Momente in der Geschichte der Menschheit gesehen, gehört und erlebt hat, in diesem Haus, das so idyllisch an einem See liegt und in dem Millionen von Juden zum Tode verurteilt wurden, ist heute Jeffke Mendelewitsch zu Gast, der Sohn von Sheine und Yankel Mendelewitsch. Das bin ich – der kleine Jeffke, der die Shoah mit seinen eigenen Augen gesehen und ihre Schrecken erlebt hat.

 

   Die Jahre des schrecklichen Krieges habe ich als Kind in einem christlichen Kloster in Belgien erlebt. Jeden Tag in der Woche und in jedem Moment wusste ich, dass ich in Gefahr schwebte: Ich wusste, dass wenn mein Geheimnis entdeckt würde, ich im Rauch der Besatzer zum Himmel auffahren würde. Jeder Blick, jedes Mal, wenn ein Fremder mich ansprach, war für mich wie ein Urteil, wie eine unendliche Reise in einem Zug, der nur in eine Richtung fährt. Das bin ich, der sich bekreuzigt hat, das bin ich, der Kleine, der die guten Kleider für den Kirchgang trägt, das bin ich, der die christlichen Gebete gelernt hat, um nicht anderes zu sein, um nicht in der immer kürzer werdenden Schlange ins Vernichtungslager zu stehen, an deren Ende ein deutscher Offizier nach rechts in den Tod weist und nach links in die Zwangsarbeit bis zum Tod. Und ich bin auch der Junge mit der Baskenmütze und den erhobenen Händen aus dem Warschauer Ghetto. Freunde, die Hand meines Vaters hat mich nie gestreichelt, meine Mutter, die aus der Hölle gerettet wurde, hat mich niemals umarmt. Meine Mutter wurde niemals von den Wunden des Schreckens geheilt, bis zu ihrem Tod hat sie das Gesehene, die Geräusche und die Gerüche begleitet, und mein Herz zieht sich zusammen – ich konnte ihr nicht die Hand reichen.

  

   Das bin ich, Jeffke, der in seiner neuen alten Heimat aufgenommen wurde, im Land Israel. Aus Jeffke Mendelewitsch wurde Yossi Peled, und aus einem belgischen Jungen im Kloster wurde ich zum Soldaten mit der Kennnummer 459809 bei den israelischen Verteidigungsstreitkräften. Jeder israelische junge Mann erinnert sich an den Tag seiner Einberufung als einen der bedeutendsten Tage in seinem Leben. Für mich war es ein Feiertag. Ich habe das Gewehr gehalten, ich habe die Uniform angezogen, und ich habe nicht aufgehört, an die Millionen zu denken, die in den Tod gegangen sind, auch – aber nicht nur – weil sie kein Gewehr in den Händen hatten.

 

   Sehr geehrter Herr Bundespräsident, liebe Freunde, dank dem Staat Israel, dank der israelischen Verteidigungsstreitkräfte befand ich mich, beinahe eine ganze Generation später, in einer Situation, in der ich mir die Gegenwart meiner Eltern so sehr gewünscht hätte. Doch sie waren nicht bei mir. Ich wurde als Minister in der Regierung des Staates Israel vereidigt. Ich bin zur Vereidigung auf das Podium gestiegen, und ich habe im Publikum die liebenden Augen meiner Mutter gesucht, meinen Vater, der in diesem Moment stolz auf mich gewesen wäre. Doch sie waren weder hier noch an einem anderen Ort.

 

   Der Holocaust an den europäischen Juden ist eines der wichtigsten Ereignisse, ja, meiner Meinung nach sogar das wichtigste Ereignis in der Geschichte des jüdischen Volkes der letzten 2000 Jahre. Nichts im Leben unserer Großeltern, Eltern und nichts in unserem eigenen Leben ist nach dem Holocaust geblieben wie es war. Auch heute, 67 Jahre nach der Shoah leben wir in ihrem Schatten, und der Ursprung all unserer Taten und Aussagen, liegt, ob bewusst oder unbewusst, in der schrecklichen Shoah. Der Staat Israel ist aus der Asche der Opfer der Shoah entstanden, und er hat seit dem Tag seiner Gründung geschworen, dass diese Hölle niemals wiederkehren wird. Zu unserem Glück haben Israel und Deutschland ihre Freundschaft über die Jahre vertieft. Heute ist diese Freundschaft so stark, dass sie durch nichts erschüttert werden kann. Ich kann nicht anders, als hier, vor Ihnen, laut über den Abgrund nachzudenken, der sich auftut zwischen der Aussicht aus dem Fenster heraus – die Ruhe, das klare Wasser, die Bäume, das Grün darum herum – und der Entscheidung, die hier gefällt wurde, an diesem Ort, durch eine Gruppe von Menschen, die jede Menschlichkeit verloren hatten, Monster auf zwei Beinen, Massenmörder, die ein ganzes Volk in den Tod schicken wollten.

 

   70 Jahre sind seitdem vergangen. Aber weder 70 noch 700 noch weitere Jahre lassen uns den Schrecken vergessen, und ich rufe Sie auf, als Angehörige des deutschen Volkes, sich mit uns gemeinsam zu erinnern und nie zu vergessen. Heute sehen wir, dass es wieder Antisemiten gibt, Neonazis, denen das, was damals geschehen ist, nicht genug war, sie wollen daran anknüpfen. Von hier, aus dem Haus des Todes, möchte ich die freie Welt vor Ignoranz warnen, vor Blindheit, angesichts dessen, was geschieht und angesichts des erneut erstarkenden Antisemitismus. Wir, als Staat des jüdischen Volkes, werden unser Bestes tun, um den neuen Feinden entgegenzutreten, die gegen uns aufgestanden sind. Wir werden nicht das internationale Recht verletzen. Wir werden das Recht nicht in die eigenen Hände nehmen. Doch wir werden alles tun, um jeden Versuch, uns und unsere Brüder anzugreifen, zu verhindern. Das ist das Vermächtnis der Millionen, die infolge der Entscheidung gestorben sind, die hier gefällt wurde.

 

   Als ich, vor vielen Jahren, bei den israelischen Verteidigungsstreitkräften meine persönliche Kennnummer erhielt, die ich all die Jahre meiner Dienstzeit bis zur Ernennung zum Generalmajor trug, hatte ich immer meine jüdischen Brüder vor Augen, die eine ganz andere persönliche Nummer in den Arm eintätowiert bekamen, die sie auf ihrer letzten Reise begleitet hat. Auch jetzt, in diesem Moment, sehe ich vor meinem geistigen Auge die Millionen, die in den Tod gegangen sind. Einer von diesen Millionen war mein Vater. Es war mir nicht vergönnt, an seinem Grab das traditionelle jüdische Gebet, den "Kaddish des Waisen" zu sprechen, den ein Sohn am Grab seines Vaters spricht.

 

   Aus diesem Grund möchte ich, mit Ihrer Erlaubnis Herr Bundespräsident, und mit der Erlaubnis der Anwesenden, zum Gedenken an meinen Vater und jene Millionen, hier, in diesem Haus, in dem über seinen und ihren Tod entschieden wurde, das Gebet sprechen, in den Worten aus dem Buch der Bücher:

 

יִתְגַּדַּל וְיִתְקַדַּשׁ שְׁמֵהּ רַבָּא. אמן
בְּעָלְמָא דִּי בְרָא כִרְעוּתֵהּ וְיַמְלִיךְ מַלְכוּתֵהּ,וְיַצְמַח פֻּרְקָנֵהּ וִיקָרֵב מְשִׁיחֵהּ. אמן

בְּחַיֵּיכון וּבְיומֵיכון וּבְחַיֵּי דְכָל בֵּית יִשרָאֵל בַּעֲגָלָא וּבִזְמַן קָרִיב. וְאִמְרוּ אָמֵן

 
יְהֵא שְׁמֵהּ רַבָּא מְבָרַךְ לְעָלַם וּלְעָלְמֵי עָלְמַיָּא
יִתְבָּרַךְ
וְיִשְׁתַּבַּח וְיִתְפָּאֵר וְיִתְרומֵם וְיִתְנַשּא וְיִתְהַדָּר וְיִתְעַלֶּה וְיִתְהַלָּל שְׁמֵהּ דְּקֻדְשָׁא. בְּרִיךְ הוּא

לְעֵלָּא מִן כָּל בִּרְכָתָא וְשִׁירָתָא תֻּשְׁבְּחָתָא וְנֶחֱמָתָא דַּאֲמִירָן בְּעָלְמָא. וְאִמְרוּ אָמֵן

 

יְהֵא שְׁלָמָא רַבָּא מִן שְׁמַיָּא וְחַיִּים טובִים עָלֵינוּ וְעַל כָּל יִשרָאֵל. וְאִמְרוּ אָמֵן

 

שלשה צעדים אחורה

עושה שָׁלום בִּמְרומָיו הוּא יַעֲשה שָׁלום עָלֵינוּ וְעַל כָּל יִשרָאֵל וְאִמְרוּ אָמֵן

 

Erhoben und geheiligt sei sein großer Name in der Welt, die er erneuern wird. 

 

Er belebt die Toten und führt sie empor zu ewigem Leben und bringt den Dienst des Himmels wieder an seine Stelle.

 

Und regieren wird der Heiligein eurem Leben und in euren Tagen und im Leben des ganzen Hauses Israel.

Und sprechet: Amen.

 

Sein großer Name sei gelobt, in Ewigkeit und Ewigkeit der Ewigkeiten!

 

Es sei gelobt und verherrlicht und erhoben und gefeiert und hocherhoben und erhöht und gepriesen der Name des Heiligen.

 

Gelobt sei er hoch hinaus über jede Lobpreisung und jedes Lied, jede Verherrlichung und jedes Trostwort, welches jemals in der Welt gesprochen.

Und sprechet: Amen.

 

Er, der Frieden schafft in seinen Höhen, er schaffe Frieden unter uns und über ganz Israel.

Und sprechet: Amen.

 

 


 

 

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit zum 70. Jahrestag der Wannsee-Konferenz: „Zivilgesellschaft muss Gesicht zeigen gegen Gewalt, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz“

 

 

Pressemitteilung
Berlin, den 19.01.2012

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

 


Am 20. Januar 1942, morgen vor 70 Jahren, fand in Berlin die „Wannsee-Konferenz“ statt. Ebenfalls morgen wird des 20. Jahrestags der Eröffnung der Gedenk- und Bildungsstätte im Haus der Wannsee-Konferenz gedacht. Die Gedenkstätte war am 20. Januar 1992, dem 50. Jahrestag der Konferenz, eröffnet worden.

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit: „Berlin ist der historische Ort, an dem die Nationalsozialisten den Holocaust planten und ins Werk setzten. Dieser Abschnitt der deutschen Geschichte gehört zur Geschichte der Stadt, und daraus erwächst uns für Gegenwart und Zukunft eine besondere Verpflichtung. Nachwachsende Generationen müssen immer wieder von neuem erfahren, was der Holocaust bedeutet hat. Wir müssen diese Erinnerung bewahren und weitergeben. Gedenkstätten wie die im Haus der Wannsee-Konferenz, also dem authentischen Ort des Geschehens, leisten dafür einen unverzichtbaren Beitrag. Allen, die sich in dieser Einrichtung engagieren und engagiert haben, gebührt unser besonderer Dank.“

Weiter sagte Wowereit: „Die Erinnerung bedeutet auch eine Verpflichtung für unser konkretes politisches Handeln. Wir müssen aus unserer Geschichte lernen: Die menschenverachtende, rechtsextreme NPD muss verboten werden. Es darf nicht sein, dass die demokratische Gesellschaft ihre erklärten Gegner in dieser Weise auch noch finanziert. Aber auch im Hinblick auf die rechtsextremistischen Terrormorde müssen wir uns selbstkritisch fragen, ob nicht so mancher durch Vorurteile oder auch nur Gedankenlosigkeit dazu beigetragen hat, dass diese Taten so lange Zeit nicht als das erkannt worden sind, was sie wirklich sind: Rassistisch motivierte kriminelle Gewalt.

Die Zivilgesellschaft muss immer wieder Gesicht zeigen gegen Gewalt, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz. Demokratie und Freiheit müssen jeden Tag verteidigt und neu erkämpft werden. Deshalb gibt es gar keinen Grund, einen Schlussstrich zu ziehen – im Gegenteil, wir müssen uns die Verbrechen der Nationalsozialisten immer wieder vor Augen führen und uns erinnern.“
 



 

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update: 02.02.2012