Haus der Wannsee-Konferenz


 

Nachricht von Chotzen  -  "Wer immer hofft, stirbt singend"

 

Sonderausstellung in der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz vom 1. April 2001 - 31. März 2002

 

Salo Chotzen, um 1870

Salo Chotzen, um 1870

 

Ernestine Chotzen, um 1900

Ernestine Chotzen, geb. Silberberg, um 1900

 

 

 

Aus dem Fotoalbum: die vier Brüder

Aus dem Fotoalbum von Josef Chotzen sen.
Obere Reihe von links: Erich und Hugo-Kurt (gen. Bubi)
Untere Reihe: Ullrich und Joseph (gen. Eppi)

 

Ruth Chotzen, 1939

Ruth Chotzen, geb. Cohn, verh. Weinstein,
Berlin, 1939

 

 

 

NACHRICHT VON CHOTZEN -  Ein jüdisch-christliche Familie in Berlin

 

     Im Archiv der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz befindet sich der wohl umfangreichste Bestand an Post- und Rückantwortkarten aus dem Ghetto Theresienstadt, die alle an einen Adressaten gerichtet sind. Auf jeder Karte aus den Jahren 1943 und 1944 steht dieselbe Adresse: An Frau Elsa Chotzen, Johannisberger Str. 3, Berlin-Wilmersdorf, parterre rechts.

 

     Salo Chotzen war Kantor und Schächter in vielen schlesischen Städten. Mit seiner Frau Ernestine hatte er 15 Kinder, von denen der zweitjüngste, Josef, 1883 in Oberglogau geboren wurde. Als er in dem Textilgeschäft seines älteren Bruders Hugo in Cottbus arbeitete, lernte er die 18-jährige Verkäuferin Elsa Arndt kennen. Deren Eltern waren protestantisch. 

 

     Beide Familien, die jüdische und die christliche, waren gegen eine Heirat von Josef und Elsa. Dennoch: 1907 wurde ihr erster Sohn Joseph (genannt Eppi) geboren. Er wuchs bei seinen mütterlichen Großeltern in Cottbus auf, bis seine Eltern 1914 heirateten. Elsa trat einige Monate nach der Eheschließung zum jüdischen Glauben über. Die großen Feste beider Religionen wurden in der Familie begangen.

 

     1915, 1917 und 1920 wurden die Söhne Hugo-Kurt (genannt Bubi), Erich und Ullrich geboren. Josef Chotzen betrieb ein Wäschegeschäft in Wilmersdorf, wo die Familie auch wohnte. Eppi, der älteste der Söhne, arbeitete nach seiner Ausbildung auch in der Textilbranche und engagierte sich seit 1929 aktiv in der KPD. Dadurch geriet er 1932 in Konflikt mit der gemäßigten Gewerkschaft, deren Mitglied er war. Ab 1933 arbeitete er illegal weiter, obwohl er im Sommer 1933 für kurze Zeit inhaftet war.

 

Familie Chotzen im Jahr 1919

Die Familie Chotzen im Jahr 1919
Von links: Elsa, Eppi, Erich, Hugo-Kurt und Josef Chotzen

 

 

     Die 6-köpfige Familie Chotzen war den Repressionen des NS-Regimes ausgesetzt, die alle Juden betrafen: der Vater verlor seine Arbeit, die jugendlichen Söhne konnten ihre Schulausbildung nicht zu Ende führen und mussten 1937 vom christlichen zu dem jüdischen Sportverein JSG wechseln. Schon sehr früh, 1938, wurden die Männer zur Zwangsarbeit rekrutiert.

 

     Der “rassenrechtliche Status” war folgender: Elsa Chotzen war “Arierin”, aber nur, wenn sie aus der Jüdischen Gemeinde austrat, was sie im August 1940 tun musste. Der Vater Josef war “Volljude” und die vier Brüder fielen in die Kategorie “Geltungsjuden”. Das bedeutete, dass alle fünf Männer ab September 1941 den Stern tragen mussten. Der Haushaltsausweis war mit dem “J” gekennzeichnet – es gab viel weniger Lebensmittel als für Nichtjuden.

 

     Hugo-Kurt, Erich und Ullrich heirateten Ende 1941 ihre Freundinnen Lisa Scheurenberg, Ilse Schwarz und Ruth Cohn. Kurz danach, im Januar 1942 wurden Erich und Ilse, zusammen mit Ilses Mutter Käthe Schwarz nach Riga deportiert. Dort starb Erich wenige Wochen später. Ilse Chotzen arbeitete in Wehrmachtsunterkünften und fand dort Soldaten, die ihre Briefe durch die Feldpost nach Berlin schickten. Neun ihrer Briefe zwischen Juni und Dezember 1942 sind erhalten.

Vater Josef Chotzen starb Ende Februar 1942 in Berlin an den Folgen der Zwangsarbeit.

 

     Ende Juni 1943 wurden Hugo-Kurt, Lisa, Ullrich und Ruth Chotzen von Berlin nach Theresienstadt deportiert. Die vier jungen Menschen und die Angehörigen von Lisa und Ruth schrieben zwischen Juli 1943 und Oktober 1944 369 Postkarten aus Theresienstadt nach Berlin an Elsa Chotzen. Der größte Anteil sind Paketbestätigungskarten – wenn es erlaubt war, schrieben sie Texte. Elsa und Eppi Chotzen, unterstützt von seiner Freundin Boczka, schickten ununterbrochen Päckchen von Berlin nach Theresienstadt – angesichts der knappen Rationen war das eine unermessliche Anstrengung.

 

     Elsa und Eppi überlebten in Berlin – von den deportierten Angehörigen kam nur Ruth Chotzen im Juni 1945 nach Berlin zurück. Erich und Ilse kamen in Riga ums Leben, Hugo-Kurt und Ullrich im Dachauer Außenlager Landeshut, und Lisa überlebte Bergen-Belsen nicht.

 

     Die Nachkriegszeit war für Elsa und Eppi von diesem großen Verlust ihrer Familie geprägt.

Nach dem Tod seiner Mutter 1982 schrieb Eppi seine Erinnerungen auf. Er selbst starb 1992 im 85. Lebensjahr.

 

 

 

-   Die Familie Chotzen

 

-   Quellenskizze zur Familie Chotzen

 

-   Familienfotos

 

-   Dokumente und Ausweise

 

-   Postkarten und Briefe

 

-   Dokumente nach 1945

 

 

 

*) Schieb, Barbara: Nachricht von Chotzen - "Wer immer hofft, stirbt singend".
Berlin: Edition Hentrich 2000, 286 S., ISBN 3-89468-261-2
(Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, Bd 9)

 


 

Update: 30.07.2011