Haus der Wannsee-Konferenz

Das Getto Lódź 1940-1944
Lódź war seit dem Ende des 19. Jahrhunderts das größte Zentrum der Textilindustrie in Osteuropa und hatte am Vorabend des Zweiten Weltkriegs knapp 700.000 Einwohner. Außerdem galt die Stadt als das zweitgrößte jüdische Zentrum Europas nach Warschau. Hier lebten ungefähr 233.000 Juden, welche die Wirtschaft und Kultur in Lódź entscheidend mitgeprägt hatten.
Nach dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 rückten deutsche Truppen am 8. September in Lódź ein. Der deutsch besetzte Teil Polens wurde im Herbst 1939 in zwei Teile gegliedert. Im Westen lagen die „Reichsgaue" Danzig-Westpreußen und Wartheland. Östlich hiervon wurde das „Generalgouvernement" errichtet. Nach einer kurzen Diskussion über das weitere Schicksal der Stadt wurde Lódź am 9. November 1939 dem „Reichsgau Wartheland" zugeschlagen. Nach nationalsozialistischer Definition lag Lódź, zunächst als „Lodsch" eingedeutscht, dann in „Litzmannstadt" umgetauft, auf deutschem Staatsgebiet. Im Juli 1940 lebten hier 378.773 Polen, 157.955 polnische Juden, 113.417 Deutsche und 3.374 Personen anderer Nationalität.
Die jüdische Bevölkerung von Lódź war zwischen September 1939 und April 1940 einem beispiellosen Terror ausgesetzt. Spontane Misshandlungen durch Wehrmachtsangehörige, volksdeutsche „Selbstschutzverbände" und die deutsche Polizei waren an der Tagesordnung. Besonders gefürchtet waren damals die Einsätze bei Zwangsarbeiten, zu denen Juden von der Straße weg „eingefangen" wurden. Verstärkt wurden diese Repressalien durch zwei deutsche Kennzeichnungsverordnungen für Juden vom 14. November (Armbinde mit Davidstern) und 11. Dezember 1939 (Davidstern auf Brust und Rücken).
Die politische Strategie bezüglich der eingegliederten „Reichsgaue" kann mit dem damals häufig gebrauchten Schlagwort „Eindeutschung" gekennzeichnet werden und war hauptsächlich gegen die einheimische Bevölkerung gerichtet. Daraus resultierten systematische Deportationen der gesamten polnischen und jüdischen Bevölkerung aus den neuen Reichsteilen in das benachbarte „Generalgouvernement". In den freiwerdenden Siedlungsräumen wurden dann, hauptsächlich im Jahr 1940, diejenigen Deutschen angesiedelt, die bisher im Baltikum, in Bessarabien, Wolhynien und anderen südosteuropäischen Gebieten gelebt hatten. In Vorbereitung der Umsiedlungen sollten deutsche Polizeikräfte die Juden in wenigen Städten konzentrieren, um sie später systematisch verschleppen zu können. Die Errichtung eines Gettos in Lots zwischen Dezember 1939 und April 1940 entsprach dieser Vorgehensweise. Vor allem in den Regierungsbezirken Hohensalza und Litzmannstadt des Warthelandes existierten zahlreiche kleinere Gettos. Das mit ungefähr 158.000 Juden größte Getto war in Litzmannstadt gebildet worden. Es hatte in der Konzeption des Gauleiters und Reichsstatthalters Arthur Greiser zunächst den Charakter eines riesigen Sammellagers für polnische Juden zu deren weiterer Deportation.

Zwischen Januar und März 1940 wurden ganze Bevölkerungsgruppen in Lódź zum Wohnungswechsel gezwungen. Aus dem nördlichen, unterentwickelten Stadtteil Baluty zogen Polen und Deutsche aus; Juden mussten in diesen Stadtteil umziehen. Dabei gingen die deutschen Polizeikräfte so brutal vor, dass dies sogar im Monatsbericht des deutschen Oberbürgermeisters besonders vermerkt wurde.
Am 30. April wurde das Getto abgeriegelt. Auf einem Gebiet von nur vier Quadratkilometern, mit einer bebauten Fläche von zweieinhalb Quadratkilometern, lebten nun knapp 158.000 Juden in etwa 31.000 Wohnungen, in der Regel ohne Wasserversorgung und Kanalisation. Im Getto war von den deutschen Behörden ein „Judenrat" eingesetzt worden, der dafür haftbar gemacht wurde, dass sämtliche erlassenen Anordnungen befolgt wurden. Aus diesem Rat entwickelte sich schon bald ein quasi diktatorisches Regine des „Ältesten der Juden". Diese Funktion hatte Mordechai Chaim Rumkowski bis zur Auflösung des Gettos im August 1944 inne. Auf deutscher Seite war die städtische „Ernährungs- und Wirtschaftsstelle, Abteilung Getto", für die Aufsicht verantwortlich. Hans Biebow, Kaufmann aus Bremen, leitete diese Abteilung.
Schon in den ersten Monaten des Jahres 1940 hatte der Generalgouverneur Hans Frank gegen die Deportationen von Polen und Juden in „sein" Gebiet protestiert und konnte im März 1940 einen Stopp der Verschleppungen erreichen. Für die lokalen und kommunalen Behörden in Lots war seitdem klar, dass man mit einer unbefristeten Weiterexistenz des Gettos rechnen musste.

Himmler bei seinem Besuch im Getto am 6. Juni 1941
Die Litzmannstädter Stadtverwaltung hatte nun die Ernährung der Juden langfristig zu sichern. Die Getto-Bewohner mussten Devisen, Schmuck und Wertgegenstände abliefern und erhielten dafür minderwertige Nahrungsmittel und wertloses Getto-Geld. Chaim Rumkowski war sich bewusst, dass die Sicherung der minimalsten Versorgung an eine hohe Arbeitsleistung gebunden war. Aus diesem Grund bemühte er sich schon im Laufe des April 1940 um die Gründung von Textilbetrieben im Getto, deren Produktion die deutsche Nachfrage befriedigen sollte. Das Getto wandelte sich von einem Sammellager in ein Arbeitsgetto.
Die Mehrzahl der arbeitenden Juden schuftete in Strohschuhabteilungen, Textilfabriken und Möbeltischlereien. Seit Dezember 1940 wurden jedoch in über zwanzig Transporten Juden auch außerhalb des Gettos zu Zwangsarbeiten „ausgeliehen". Nahezu alle deutschen Firmen, welche die Autobahnstrecke Frankfurt/Oder-Posen bauten, profitierten von jüdischer Arbeitskraft aus Lots. Im Sommer 1941 lebten im Getto 144.000 Juden, von denen ungefähr 40.000 Menschen für die Wehrmacht arbeiteten. Außerhalb des Gettos lebten mindestens 3.500 Juden in Zwangsarbeitslagern. Im Juni 1941 erwirtschaftete das Getto 1,3 Millionen Reichsmark.
Im Oktober und November 1941 wurden knapp 20.000 Juden aus Deutschland und Österreich, aus Luxemburg und Prag sowie 5.000 burgenländische Sinti und Roma aus Österreich in das Getto verschleppt. Der „Reichsführer-SS und Chef der deutschen Polizei", Heinrich Himmler, der am 6. Juni 1941 das Getto besichtigt hatte, kündigte an, diese Menschen würden im Frühjahr 1942 weiter in den Osten deportiert. Allerdings machte der Kriegsverlauf diesen Planungen bald ein Ende. Zudem hatte sich das Getto Litzmannstadt als Arbeitsgetto für die Wehrmachtsversorgung mit Textilien fest etabliert.
Das gesamte Frühjahr 1942 war geprägt von den jetzt einsetzenden Todestransporten in das Vernichtungslager Chelmno (Kulmhof), etwa 55 km von Lódź entfernt. Anfang Januar 1942 wurden die Sinti und Roma als erste Opfer aus Lódź in Kulmhof vergast. Zwischen dem 16. Januar und 2. April 1942 wurden mindestens 44.000 Gettoinsassen in das Vernichtungslager verschleppt, wobei in erster Linie Menschen ausgesucht wurden, die keinen Arbeitsplatz im Getto hatten. Vom 4. bis zum 15. Mai 1942 wurden 10.915 der aus dem Westen stammenden Juden ermordet. Anschließend wurden die kleineren Gettos der Landkreise heimgesucht. Arbeitsunfähige kamen sofort nach Chelmno, arbeitsfähige Juden wurden in das Getto Lódź gebracht. Im September 1942 wurden auch die letzten Arbeitsunfähigen - Insassen von Krankenhäusern, Altersheimen und die Kleinkinder im Getto - getötet. Dies war die letzte Mordaktion gegen Einwohner des Gettos bis zu dessen Auflösung.
Am 1. April 1943 meldete Rumkowski, dass sich im Getto 85.884 Personen befänden. Davon waren 80.784 in Arbeit, 1.100 Personen waren vorübergehend nicht arbeitsfähig, und 4.000 Kinder befanden sich mit Erlaubnis der Gestapo noch im Getto. Die gesamte Getto-Bevölkerung war in den Zwangsarbeitsprozess eingegliedert worden. Die Auftragslage war zu 95% von der Wehrmacht bestimmt. Nahezu alle textilen Ausrüstungsgegenstände für Soldaten wurden hier fabriziert. Viele private Firmen und Textilhändler des Deutschen Reichs (u. a. Neckermann, Karstadt, Leineweber) nahmen an der Ausbeutung der Juden teil.
Im August 1944 wurde das Getto endgültig aufgelöst. Über 60.000 Menschen wurden nach Auschwitz deportiert; bei nur ca. 2.000 Personen sind in Auschwitz ausgegebene Lagernummern rekonstruierbar. Im Getto verblieb ein jüdisches „Aufräumkommando" von etwa 850 Personen, deren Liquidierung am 17. Januar von der vorrückenden Roten Armee verhindert wurde.
Das Getto in Lódź war das am längsten existierende Getto in Polen, da die wirtschaftliche Ausbeutung durch die deutschen Besatzungsbehörden dort außerordentlich effektiv war.

- Das Getto Lódź 1940 - 1944
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Zeittafel (1. September 1939 - 17.
Januar 1945)
- Dokumente zum Leben im Getto
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Ausgewählte "amtliche" Dokumente zum Leben im Getto
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Berechtigungskarten und Ausweise für Gettobewohner
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Stempel der Getto-Verwaltung
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Ausgewählte Dokumente zur Getto-Post
("Judenpost")
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Ausgewählte Dokumente zur Produktion
der "reichsdeutschen" Textilindustrie im Getto
- Ausgewählte Fotos aus dem Getto

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