Haus der Wannsee-Konferenz


 

"Wir sind jung, die Welt ist offen..." - Eine jüdische Jugendgruppe im 20. Jahrhundert

 

Sonderausstellung in der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz vom 8. September 2002 - 31. August 2003

 

 

Bundestag der "Kameraden" in Velburg, 1926

Bundestag der "Kameraden" in Velburg, 1926

 

 

Bundestag der "Kameraden" in Velburg, 1926

Bundestag der "Kameraden" in Velburg, 1926

 

 

Max Fürst

Max Fürst

 

 

Hans Litten

Hans Litten

 

Die Wurzeln

 

des Schwarzen Haufens liegen im äußersten Nordosten des damaligen Deutschlands, in Ostpreußen, genauer gesagt in Königsberg. Die dortige Ortsgruppe des jüdischen Jugendbundes Kameraden war zunächst auf Initiative einiger Gemeindemitglieder gegründet worden, um die Jugendlichen vor den "Gefahren" der erstarkenden zionistischen Jugendbewegung zu bewahren. Die studentischen Leiter, die die Gruppen nach dem Ersten Weltkrieg übernahmen, wollten jedoch keine Jugendpflege für irgendeine Organisation betreiben, sondern begriffen ihre Arbeit in erster Linie als offenes pädagogisches Projekt: "Mir war klar": so erinnert sich Erwin Lichtenstein, der aus einer alteingesessenen liberalen Familie stammende erste Leiter der Königsberger Kameraden, "dass viele nicht so sehr aus weltanschaulichen Gründen kamen, sondern weil sie hier zum ersten Male die Gelegenheit hatten, mit Menschen ihrer Altersgruppe über Fragen zu sprechen, für die ihre Eltern weder Zeit noch Interesse aufbrachten ".

 

     Auch in Königsberg scheint das Bedürfnis nach dieser Art von Zusammenschluss groß gewesen zu sein, denn schon bald existierten neben der Ursprungsgruppe der 15- bis 17-jährigen vier Untergruppen für 10- bis 14-jährige, die von jeweils zwei älteren geleitet wurden. Während die "Kleinen vornehmlich mit Singen, Märchen und Spielen beschäftigt wurden, absolvierten die Älteren unter Lichtensteins Anleitung ein anspruchsvolles Bildungsprogramm und setzten sich auf ihren Heimabenden intensiv mit "jüdischen Gegenwartsfragen" auseinander. Bald jedoch gewann auch in Königsberg das jugendbewegte Wandern, zunächst noch überwacht vom Rabbiner, die Oberhand, wie Max Fürst, Gruppenmitglied der ersten Stunde, anschaulich schildert: "Es fing also ganz harmlos an im jüdischen Jugendverein mit Vorträgen, die mich wenig interessierten ... Bald wurde für Jüngere eine Wandergruppe gegründet, und damit endeten die Spaziergänge mit den Eltern ... ich möchte nicht vergessen, was für einen zähen Kampf mit meinen Eltern und den Eltern meiner Freunde wir führen mussten, bis wir uns von all dem frei gemacht hatten, was ,Sitte und ehrbare Zucht' in der Vorstellung der Eltern war. Dennoch: Fast schäme ich mich aufzuschreiben, wie schön meine Jugend oft war, wenn wir sonnentoll durch das Schilf brachen, wie eine Horde Elefanten uns Wege schufen, nicht der Quaddeln achtend, die wir an den Beinen und im Gesicht von Stechmücken und Bremsen hatten. Oder zu Ostern, wenn wir das dünne Eis auf den Bächen zerbrachen und uns im kalten Wasser wälzten wie die Wildschweine im Dreck: Wir waren übermütig vor Jugend“.

 

 

     Die große Anziehungskraft der Jugendbewegung beruhte also hier, wie überall anders auch, vor allem auf dem intensiven Gruppenerlebnis, dass den Jugendlichen jenseits von Elternhaus und Schule erstmals eine eigene, selbst bestimmte Welt ermöglichte. In Ostpreußen gerierte man sich dabei gerne besonders wild und unbändig, es gab immer wieder Konflikte mit den verschiedenen Autoritäten, die sicher das Ihrige zum Zusammengehörigkeitsgefühl der dortigen Kameradengruppen beitrugen. Geographisch abgelegen und durch den polnischen "Korridor" zur Ostsee seit 1919 vom übrigen Reichsgebiet getrennt, fühlte man sich im so genannten "Gau Nordost': der Ortsgruppen in Königsberg, Elbing, Danzig, Insterburg, Osterode, Allenstein, Rastenburg, Braunsberg, Marienburg und Bartenstein umfasste, "in einem anderen Land als dem Deutschen Reich" und besaß dadurch, so Max Fürst rückblickend, auch die "Freiheit einer eigenen Entwicklung'.

 

     Diese gewann im Laufe des Jahres 1922 eine neue Dynamik, als die Gruppenleiter der ersten Stunde Königsberg zum Studium verließen. Zurück blieb ein eng verbundener Freundeskreis von Jüngeren, die sich nicht mehr ausschließlich mit den eigenen Befindlichkeiten, den Konflikten mit Eltern und Lehrern beschäftigen wollten, sondern sich nach und nach allgemeineren Themen zuwandte - kurz: sich langsam zu politisieren begannen. Maßgeblichen Einfluss auf diese Entwicklung hatte der junge Hans Litten, der um 1921 zu den Königsberger Kameraden gestoßen war. Als ältester Sohn eines konvertierten und mit einer Christin verheirateten Juristenjüdischer Abstammung hatte er sich vor allem aus Protest gegen den deutschnationalen Vater der jüdischen Jugendbewegung angeschlossen, wo er sich schnell zu einer charismatischen Führerfigur entwickelte.

 

 

 

 

-   "Wir sind jung, die Welt ist offen..."

 

-   Die Jugendbewegung

 

-   Die Wurzeln

 

-   Verfolgung und Widerstand im Nationalsozialismus

 

-   nach 1945

 

 


 

Update: 30.07.2011