Haus der Wannsee-Konferenz

 

 


Sport unter dem Davidstern
 

 

 

 

 

Internationale Ausstellung zur Geschichte der jüdischen Sportkultur

 

Der Sport und die Sportbewegungen des 19. und des 20. Jahrhunderts haben in den verschiedenen Ländern und Kulturen in jeweils unterschiedlicher Ausprägung die Entwicklung der Gesellschaft bis heute wesentlich beeinflusst.

Die jüdische Sportbewegung hat ihre Wurzeln in den Traditionen der jüdischen Kulturgeschichte und entwickelte sich andererseits als integraler Bestandteil des internationalen Sports. Dabei standen die jüdischen Turn- und Sportverbände vom Beginn ihrer Gründung an im Spannungsfeld konkurrierender Sport- und Gesellschaftsmodelle, suchten sie ihren Weg zwischen antisemitischer Ausgrenzung, assimilatorischer Anpassung und zionistischer Utopie.

 

Der 100. Jahrestag des 1. Zionistischen Kongresses 1897 in Basel und der 100. Gründungstag des ersten jüdischen Turnvereins in Deutschland, Bar Kochba Berlin 1898 waren für die Veranstalter herausfordernder Anlass mit einem internationalen Ausstellungsvorhaben sowohl an die Leistungen der jüdischen Sportbewegung als auch an Bedrängnis und Leid, das jüdischen Sportlern und Sportlerinnen zugefügt wurde, zu erinnern. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die Geschichte der dem Zionismus nahe stehenden Makkabi-Sportbewegung. Darüber hinaus werden aber auch jene jüdischen Turn- und Sportorganisationen vorgestellt, die im Gegensatz zur national-jüdischen Idee des Makkabi standen.

Die Ausstellung ist ein Gemeinschaftsprojekt des Schweizer Sportmuseum in Basel, des Sportmuseum Berlin in der Stiftung Stadtmuseum Berlin und des Pierre Gildesgame Maccabi Sports Museum in Ramat Gan/Israel. Sie zielt darauf die Geschichte der jüdischen Sportkultur und insbesondere den Stellenwert des Sports in der jüdischen Kultur und beim Aufbau einer jüdischen Identität einem breiten Publikum nahe zu bringen. Und nicht zuletzt soll die Ausstellung eine vertiefende und international vergleichende sporthistorische Forschung zu diesem Thema anregen und damit auch einen in unserer heutigen Zeit so dringend notwendigen Beitrag zur Förderung von Völkerverständigung und einer von Wissen und Toleranz getragenen Auseinandersetzung mit anderen, fremden Lebenswelten leisten.

 

 

 

Körperkultur und jüdische Geschichte

 

Körper- und Bewegungskultur nehmen in der jüdischen Geschichte, in Abhängigkeit von den gesellschaftlichen und politischen Bedingungen, die das Leben der Juden bestimmten, einen unterschiedlichen Stellenwert ein. Nach der Vertreibung aus Palästina  war die jüdische Bewegungskultur zudem immer auch dem Einfluss der Mehrheitsgesellschaft ausgesetzt.

In der biblischen und talmudischen Literatur gibt es zahlreiche Hinweise für eine positive Bewertung von Körperkultur, insbesondere von Körperkraft. Abgelehnt wurden allerdings die griechische und die römische Gymnastik und Agonistik, weil sie jüdische Traditionen zu bedrohen schien. 

Im Mittelalter stand die intellektuelle Erziehung im Vordergrund. Nur wenige, wie z.B. einer der bedeutendsten jüdischen Philosophen des Mittelalters, Mose ben Maimon (Maimonides), erkannten die gesundheitliche Bedeutung körperlicher Anstrengungen. Trotzdem gibt es auch in dieser Zeit Hinweise auf die Beteiligung von Juden an 'sportlichen' Wettkämpfen, so z. B. in Deutschland, Frankreich und Spanien.

Im 18. und 19. Jahrhundert begann sich der Sport nach englischem Muster zu verbreiten. Auch jüdische Athleten spielten dabei mit ihren herausragenden Leistungen eine wichtige Rolle, so z. B. Daniel Mendoza, der "Vater des modernen Boxens", oder der erfolgreichste Kurzstreckenläufer des 19. Jahrhunderts, der Amerikaner Laurence E. Myers (1858-1899), der zeitweise alle amerikanischen Rekorde zwischen 50 Yards und 1 Meile inne hatte.

 

Titelblatt "Jüdische Turnzeitung", Jahrgang 1, 1900, Nr. 1
Jüdische Turnzeitung,
Jg. 1, 1900, Nr. 1

 

Hintergründe

 

Ausgrenzung und Abgrenzung, Verfolgung und Vertreibung, abgelöst von häufig nur kurzen Phasen unsicherer Anerkennung bestimmten über viele Jahrhunderte das Leben der Juden in der Diaspora.

Mit dem Zeitalter der Aufklärung, das in vielen Staaten Europas zur Abschaffung der Sondergesetze für Juden führte, schien ein dauerhafter Prozess der rechtlichen Gleichstellung mit der Hoffnung auf eine gleichberechtigte Integration der Juden in die Mehrheitsgesellschaft eingeleitet zu sein.

Tiefgreifende politische und wirtschaftliche Umwälzungen im 19. Jahrhundert führten erneut zu einem starken Anwachsen antijüdischer Ressentiments. Der jahrhundertealte religiös bedingte Judenhass schlug nun um in einen rassisch aufgeladenen politischen Antisemitismus, der Juden für alle Übel des Modernisierungsprozesses verantwortlich zu machen suchte.

 

Auf den neuen Antisemitismus und das offensichtliche Scheitern des Emanzipations-prozesses reagierten schon seit Mitte des
19. Jahrhunderts jüdische Reformer, wie Moses Hess und Leon Pinsker, mit dem Versuch, eine neue jüdische Volksbewegung ins Leben zu rufen.

 

Aber erst Herzls 1896 veröffentlichte Schrift "Der Judenstaat" gab den entscheidenden Anstoß zur Herausbildung einer Zionistischen Organisation. Mit der Forderung des 1. Zionistischen Kongresses 1897 in Basel, der Zionismus erstrebe für das jüdische Volk eine öffentlich rechtliche gesicherte Heimstätte in Palästina, war die politische Richtung der Bewegung vorgeschrieben. ".

Karikatur Kikeriki, 1887

"Wie sich ein Jude gegenwärtig verkleiden muss, um in einem deutsch-nationalen Turnverein Aufnahme zu finden"

Karikatur im Kikeriki anlässlich der
Einführung des Arierparagraphen im
Ersten Wiener Turnverein 1887

 

 

 

Update: 15.11.2004

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