Haus der Wannsee-Konferenz

Sonderausstellung
Februar - Oktober 1997

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Else Ury
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Leben, Werk und Schicksal der Nesthäkchen-Autorin
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Else Ury wurde am 1. November 1877 als drittes Kind einer seit drei Generationen in Berlin ansässigen jüdischen Kaufmannsfamilie geboren. Ihre wohlhabende, bürgerliche Großfamilie pflegte einen liebevollen Umgang und engen Zusammenhalt. Die Erfahrungen der eigenen glücklichen Kindheit, die Beobachtung der heranwachsenden Geschwister, Neffen und Nichten inspirierten Else Ury später beim Schreiben der Familien- und Jugendbücher. Der Großvater Levin Elias Ury war Vorsteher der Synagoge in der Heidereutergasse in Berlin Mitte. Die Eltern - in Charlottenburg lebend - waren kaum religiöser als die zumeist auch der Religion entfremdete christliche Umwelt. Die Zugehörigkeit zum Judentum wurde aber nicht in Frage gestellt.
Die älteren Brüder studierten Jura (Ludwig) und Medizin (Hans), die jüngere Schwester Käthe besuchte das Lehrerinnenseminar. Während später die Notwendigkeit einer guten, oft akademischen Berufsausbildung der jungen Frauen ein Standardthema für die Selbständigkeit ihrer weiblichen Romanfiguren werden sollte, erlernte Else Ury selbst keinen Beruf. Sie lebte mit ihren Brüdern Ludwig und Hans sowie der Mutter in einem gemeinsamen Haushalt.
Ab 1900 veröffentlichte Else Ury in der Wochenendbeilage der Vossischen Zeitung Reiseberichte und Märchen. 1906 gelang ihr ein erster literarischer Erfolg mit der Erzählung „Studierte Mädel“ - ein sehr aktuelles Thema, denn das lange Zeit umstrittene reguläre Frauenstudium wurde in Preußen erst 1908 erlaubt.
Ein jüdisches Thema hat sie wohl nur einmal in einer Erzählung behandelt – „Im Trödelkeller“, 1908 erschienen (zum Nachlesen in der Lesemappe zur Ausstellung). Darin beschrieb Else Ury die Abkehr von jüdischen Werten über zwei Generationen als Niedergang und Unglück einer Familie. Die Erzählung beweist, dass die Autorin jüdische Traditionen in ihrer Familie noch kennen gelernt hat.
Der Durchbruch zur Bestseller-Autorin gelang ihr mit der zehnteiligen Nesthäkchen-Serie. Die ersten Bände wurden während des Weltkriegs geschrieben und erschienen ab 1918, der letzte Band 1925. Jeder Band erreichte eine Auflage von 200.000 bis 300.000 Exemplaren. Die Serie hat den Lebensweg der Arzttochter Annemarie Braun zum Inhalt: vom kleinen umhegten, liebenswert aufmüpfigen „Nesthäkchen“ zur jungen Frau, Medizinstudentin, Arztgattin, Mutter und schließlich Großmutter. - Else Urys insgesamt 39 Bücher erreichten eine Auflage von etwa sieben Millionen Exemplaren!
Die Familie Ury war kaisertreu und national. „Familie“ und „Heimat“ waren Else Urys zentralen Werte. Die Familie wurde zumeist im biedermeierlichen Idyll dargestellt als Raum der Muße und Geborgenheit. Die „Heimat“ bestand für Else Ury einerseits geographisch aus den deutschen Landschaften, andererseits aus den Traditionen der humanistischen Bildung, Klassik und Romantik. Aber auch Nächstenliebe, soziales Engagement, Betonung der Gleichwertigkeit aller Menschen und der feste Glaube an Gott kennzeichneten ihre Überzeugung. Wenn einmal der Patriotismus in ihren Texten (aus heutiger Sicht!) kaum auszuhalten ist – wie etwa in „Nesthäkchen und der Weltkrieg“ – löst sie die Spannung in den geschilderten Situationen oftmals doch in humorvollen und unerwarteten Wendungen auf.
Else Ury führte ungeachtet ihres Erfolges als Autorin ein eher zurückgezogenes Leben und betrachtete Details über ihre eigene Person nicht als besonders mitteilenswert. Deshalb ist kaum mehr als der äußere Ablauf ihres Lebens bekannt: 1926 erwarb Else Ury von den Autoren-Honoraren in Krummhübel, einem beliebten Urlaubsort im Riesengebirge, ein Haus, das sie mit dem Schriftzug „Haus Nesthäkchen“ versah. Hier verbrachten die Familienmitglieder häufig Sommer- und Winterferien.
Als Jüdin wurde Else Ury 1935 aus der „Reichsschrifttumskammer“ ausgeschlossen, was Publikationsverbot bedeutete. Ab 1936 erlitt Else Ury durch Emigration von Familienmitgliedern und den Selbstmord ihres Bruders Hans den Zerfall ihrer Familie. Die Auswanderung der Verwandten unterstützte sie mit aller Kraft. Sie selbst schloss eine Auswanderung aus, weil die 90jährige Mutter gepflegt werden musste. Deshalb kehrte sie auch 1938 nach einem kurzen Besuch ihres emigrierten Neffen Klaus Heymann in London wieder nach Berlin zurück. 1940 starb die Mutter.
Else Ury lebte bis 1932 in der Kantstraße 30, danach am Kaiserdamm 24. 1939 wurde sie gezwungen, in ein „Judenhaus“ in der Solinger Straße 10 umzuziehen. Am 6. Januar 1943 musste sie eine „Vermögenserklärung“ über ihren gesamten Besitz ausfüllen, die Wohnung verlassen und sich mit dem vorgeschriebenen Gepäck - womit eine „Umsiedlung“ vorgetäuscht werden sollte - in die Sammelstelle Große Hamburger Straße 26 begeben, um auf den „Abwanderungstransport“ zu warten. Am 11. Januar 1943 - am Tag vor der Deportation - zeichnete sie dort die Zustellungsurkunde des „Ober-Gerichtsvollziehers in Berlin-Tempelhof“ für eine „Verfügung“ ab, in der ihr mitgeteilt wurde, aufgrund welcher Gesetze und Erlasse ihr „volks- und staatsfeindliches Vermögen“ „zugunsten des Deutschen Reiches“ eingezogen wird. Bis ins Jahr 1944 werden deutsche Behörden damit beschäftigt sein, Else Ury ordentlich nach Vorschrift zu berauben. Kopien von Dokumente der Finanzbehörden bilden einen Schwerpunkt in der ausliegenden Lesemappe.
Im Alter von 65 Jahren wurde Else Ury am 12. Januar 1943 zusammen mit 1.190 Berliner Juden vom Bahnhof Berlin-Grünewald im „26. Osttransport“ (so die Gestapo-Bezeichnung) nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Am folgenden Tag wurden aus diesem „Transport“ lediglich 127 Männer zur Zwangsarbeit aussortiert, alle anderen Deportierten wurden sofort in Gaskammern ermordet.
Nach 1945 wurden Else Urys Bücher stark überarbeitet und gekürzt wieder verlegt; das ZDF sendete Weihnachten 1983 eine „Nesthäkchen-Serie“ in sechs Teilen – von fast 13 Millionen Zuschauern gesehen. Mit keinem Wort wurde dabei auf den Mord an Else Ury hingewiesen. Erst 50 Jahre nach ihrem Tod wird Else Urys Schicksal durch Veröffentlichungen und Ausstellungen allmählich ihren Leserinnen und Lesern bekannt. Hier ist besonders auf das Fischer-Taschenbuch von Marianne Brentzel, „Nesthäkchen kommt ins KZ“ zu verweisen. Auch die neueste (leider immer noch um alle zeitgeschichtlichen Bezüge gekürzte) Taschenbuchausgabe verschweigt den Mord an Else Ury nicht mehr.
Die deutsche Gesellschaft seit 1945 hat die Wahrheit über die arbeitsteilig begangene Beraubung und Ermordung der Juden und die breite Involvierung fast aller gesellschaftlicher Schichten und Berufsgruppen in dieses Mordprogramm nur sehr zögerlich und verspätet an sich heran gelassen. Die Reaktionen auf eine Ausstellung zur Verstrickung von Teilen der Wehrmacht in den Völkermord zeigten gerade, wo die Tabu-Grenzen heute noch verlaufen.
Dr. Norbert Kampe
Leiter der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz
Berlin 1997

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Deportationskoffer von Else
Ury |
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Grab von Else Ury, |

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