Haus der Wannsee-Konferenz


 

 

Der Wannsee, Postkarte 1932

Der Wannsee, Postkarte 1932

 

Clubhaus, Jägerstrasse 2/3, 1892

Clubhaus, Jägerstrasse 2/3, Foto 1892

 

Rauchsalon im 2. Obergeschoss
Rauchsalon, 2. Obergeschoss

 

 

 

 

Der "Club von Berlin"

 

     In Deutschland bildeten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach britischem Vorbild verschiedene Clubs. In London gab es ca. 100 Clubs, in Berlin zwölf. In Berlin verfolgten die meisten von ihnen politische Ziele und wurden von den Parteien finanziert.

Der „Club von Berlin“, gegründet 1864, verstand sich als ein Zusammenschluss "zur geselligen Unterhaltung und persönlichen Annäherung der Mitglieder", die derselben sozialen Klasse angehörten und gemeinsame wirtschaftliche Ziele verfolgten. Ihm gehörte auch Wilhelm Conrad an, der zeitweise den Vorsitz innehatte. In einer Denkschrift wird er als "Stifter der schönsten VilIenkolonie in Groß-Berlin am Wannsee" gewürdigt.

 

     Zahlreiche ClubmitgIieder begeisterte er von seinem Projekt der Colonie Alsen. Im Clubhaus traf man sich, um exzellent zu speisen. Anschließend hielt ein geladener Referent einen Fachvortrag. Frauen waren ausgeschlossen. Die Mitglieder verstanden sich als kaisertreue, überwiegend nationalliberale Männer, die gegen übersteigerten Nationalismus und Größenwahn sowie gegen Antisemitismus eingestellt waren. Etliche der zunächst 180 CIubmitglieder waren zumeist getaufte Juden. Bis 1918 zählte man ca. 300 CIubmitglieder, ab 1918 stieg die Zahl auf über 700.

 

     Ähnlich der Bewohnerstruktur in der Villenkolonie am Wannsee war die Mitgliederstruktur des „Millionenclubs“, wie er im Volksmund genannt wurde: einige hohe Staatsbeamte und erfolgreiche Künstler, fast alle Bankdirektoren und Chefs der größten Bankhäuser und die leitenden Männer der Industrie. So waren Mitglieder des Clubs: Hjalmar Schacht, Reichsbankpräsident; Carl Bosch, I.G. Farben; Conrad und Ernst von Borsig, Industrielle; Graf Albrecht von Bernstorff, Gesandtschaftsrat in der Deutschen Botschaft in London; Julius Curtius, Reichswirtschaftsminister; Fritz Andrae, Bankier; Franz von Mendelssohn, Präsident der IHK; Paul von Mendelssohn-Bartholdy, Bankier; Robert Hoesch, Direktor der Eisen- und Stahlwerke Hoesch A.G.; Karl Merck, Chemiefabrikant; Adelbert Delbrück, Fa. Delbrück-Schickler & Co.; Carl Duisberg, Aufsichtsratsvorsitzender der I.G. Farben; Bill Drews, Staatsminister und Präsident des Oberverwaltungsgerichts; Bodo Ebhardt, Architekt; Julius FIechtheim, Generaldirektor der Köln-Rottweil A.G.; Carl Friedrich von Siemens; Ernst von Simson, Staatssekretär; August von Simson, Geheimer Justizrat; Robert von Simson, Justizrat; Gustav Stresemann, Reichsminister des Auswärtigen; W. Solf, Staatssekretär des Reichskolonialamtes und Auswärtigen Amts, Botschafter in Tokio; Fritz von Liebermann, Fabrikbesitzer; Herbert M. Gutmann, Direktor der Dresdner Bank; Ernst Springer, Oberfinanzrat, Mitglied der Reichsschuldenverwaltung; Julius Springer, Verlagsbuchhändler.

 

     Die ordentlichen Mitglieder hatten 200 Mark Aufnahmegebühr und 400 Mark Jahresbeitrag zu entrichten. Obwohl einige Adlige unter den Clubangehörigen zu finden waren, gab es keine Standesunterschiede, da in der Wilhelminischen Ära der Kaiser sehr freigiebig mit Nobilitierungen verfuhr. 1893 ließ der Club für 452.000 Mark ein neues Haus in der Jägerstraße erbauen.

 

     In den ersten Jahrzehnten schätzten die Herren beim geselliges Beisammensein im Club das Spielen von Baccarat, Billard, Kegeln und sie waren dem reichlichen Genuss von Sekt und Wein nicht abgeneigt, jedoch setzten sich zum Ende des Jahrhunderts eher alkoholfeindliche Tendenzen durch. Lebensreformerische Ideen förderten das Interesse am Sport: Segeln, Golf und Tennis sowie der Automobilsport fanden zahlreiche Anhänger in großbürgerlichen Kreisen. Nach dem Generationenwechsel, während der zwanziger Jahre, klagten die Clubmitglieder öfter über die mangelnde Muße beim geselligen Miteinander. Anstatt wie die Großvätergeneration zu opulenten Abendessen trafen sich die Enkel nur noch zu einem kurzen Frühstück oder Mittagsimbiss im Clubhaus. Kurze und zweckgebundene Konversation bestimmten die Beziehungen, der Stil spielte keine Rolle mehr. Ein Clubmitglied kommentierte mit Bedauern den neuen Umgangsstil: "Es gibt keine Salons mehr!" Die Kunst, sich in Rede und Gegenrede mit Geist und Anmut zu unterhalten, sei verloren gegangen.

 

 


 

update: 14.07.2011