Haus der Wannsee-Konferenz


 

 

Villa Hamspohn, 1917

Villa Hamspohn, 1917
Körner und Brodersen, Berlin

 

Johann Hamspohn (1840-1926)

Foto: Porträt von Johann Hamspohn, 1928,
aus: „Spannung“-Die AEG-Umschau, DTM Berlin

 

 

 

Johann Hamspohn, AEG-Direktor und Reichstagsabgeordneter

 

     1906 beauftragte Johann Hamspohn, seit vier Jahren Vorstandsmitglied der AEG, den Schüler Messels Paul Baumgarten „Am Großen Wannsee 40“ ein Sommerhaus zu bauen. Besonders eindrucksvoll gestaltete der Architekt die Eingangshalle, die durch ein Glasdach belichtet wurde. Das Speisezimmer - im Jugendstil gehalten - wurde mit einer Kassettendecke ausgeschmückt. Vom Frühstückszimmer in der ersten Etage hatte man vom großzügig bemessenen Balkon einen herrlichen Blick über den See. Im Winter lebte Hamspohn mit seiner Frau Marie und Tochter Frieda in der Stadtwohnung am Kurfürstendamm 211 (heute Maison de France).

 

     Der in Köln geborene Johann Hamspohn (1840-1926) verfolgte schon frühzeitig wissenschaftliche Interessen, musste aber auf Wunsch des Vaters zunächst eine kaufmännische Lehre absolvieren. Anschließend arbeitete er als Deutschlehrer in Frankreich, betrieb eine umfassende autodidaktische Weiterbildung und erweiterte seine Fremdsprachenkenntnisse. Wieder in Köln, engagierte er sich als Mitglied des Stadtverordnetenkollegiums für eine Schulreform. Er vertrat für die damalige Zeit revolutionäre Ansichten.

 

    Über die Bekanntschaft mit Eugen Richter, dem Führer der deutschen Fortschrittspartei, wurde er Parteimitglied und war von 1881 bis 1887 im Reichstag als fortschrittlicher, später als freisinniger Abgeordneter tätig. Hier traf er auf den gleichfalls freisinnigen Abgeordneten Ludwig Loewe und schloss mit ihm und dessen Bruder Isidor eine lebenslange Freundschaft. Nach dem Rückzug aus der Politik widmete er sich ganz dem internationalen Finanzgeschäft. Hamspohn leistete Pionierarbeit bei der Einführung der Elektrizität im Transport- und Verkehrswesen. Nach einer gemeinsamen Studienreise in die USA, gründete er 1892 mit Ludwig Loewe die Union-Electricitäts-Gesellschaft in Berlin. Unermüdlich setzte sich Hamspohn in zahlreichen Gemeinden Europas für die Elektrifizierung des Verkehrswesens ein, was ihm besonders in Paris und London großes Ansehen verschaffte.

Bedingt durch die wirtschaftliche Depression, fusionierte die Union-Electricitäts-Gesellschaft 1902 mit der AEG. Bis 1910 saß Hamspohn im Vorstand, von 1910 bis 1926 war er Mitglied des Aufsichtsrats. Nach dem Ersten Weltkrieg knüpfte er die abgerissenen wirtschaftlichen Kontakte Deutschlands auf internationaler Ebene neu. Sein besonderes Engagement im Unternehmen galt der Förderung der Jugend.

 

     Hamspohn war ein unermüdlicher Arbeiter: Noch im Alter von 70 Jahren lernte er Spanisch, weil ihm die Sprache für seine Geschäfte wichtig schien. Nebenher betrieb er geisteswissenschaftliche Studien, insbesondere die Philosophie, und stand mit einigen der bedeutendsten Philosophen seiner Zeit, wie Friedrich Albert Lange (1828-1875) und Hermann Cohen (1842-1918), im Briefwechsel.

 

     Johann Hamspohn starb 1926. Er ist mit seiner 1931 verstorbenen Frau Marie, seiner Tochter und ihrem ersten Ehemann, Professor Karl Cramer, sowie der Haushälterin Hedwig Meyer im Familiengrab auf dem Neuen Friedhof beigesetzt.

 

     1940 musste die mittlerweile in der Schweiz lebende Tochter, Gräfin Frieda von Lieven, das Landhaus der Eltern an die Deutsche Reichspost verkaufen. Diese richtete dort eine „Schule für weibliche Postinspektoranwärterinnen“ ein. 1944 diente das Anwesen als Militärlazarett, von 1945 bis 1969 als Krankenhaus Wannsee.

 

     Seit 1971, nach dem Auszug des Krankenhauses, nutzte der Postruderverein die stark sanierungsbedürftige Villa. Seit 2006 ist sie in Privatbesitz und fungiert als Kulturforum "Villa Thiede" (www.thiede-villa.de).

 

 


 

Update: 14.07.2011