Ein prominenter Chirurg – Ferdinand
Sauerbruch
1927/28
wurde Ferdinand Sauerbruch (1875-1951) als Direktor der chirurgischen Klinik an
die Berliner Charité und als Ordinarius an die Universität berufen. Er hatte
sich als Pionier in der Thoraxchirurgie international hohes Ansehen erworben.
Nach dem Ersten Weltkrieg hatte er sich durch die Entwicklung der „fühlenden
Kunsthand“ auf dem Gebiet des Gelenkersatzes nach Amputationen einen Namen
gemacht. Der Chirurg genoss im In- und Ausland einen legendären Ruf. Er holte
viele prominente Ärzte nach Berlin und machte die Charité zu einem „Mekka der
Medizin“.
Margarete Oppenheim machte
ihn und seine Frau Ada bei einem Besuch in Wannsee auf ein leer stehendes Haus
in der Koblanckstraße 1 aufmerksam. Da sich auf dem Grundstück ein Pferdestall
befand und ein Reitplatz angelegt werden konnte, griff Sauerbruch - ein
passionierter Reiter - spontan zu. Man konnte den Chirurgen oft hoch zu Ross in
den Straßen zu Gesicht bekommen. In seinen Memoiren schildert er, dass er bei
seinen Ausritten häufig seinem Nachbarn Max Liebermann begegnete, „...meist
im dunkelblauen Anzug, den großen Panama auf dem Kopf, gefolgt von seinem
Dackel.“
Als sich Liebermann in hohem
Alter einen Leistenbruch zuzog, war Sauerbruch sein behandelnder Arzt. Bei
dieser Gelegenheit entstanden die Vorstudien zu Liebermanns berühmtem Porträt
des Chirurgen. Sauerbruch war einer der wenigen, die 1935 an der Beerdigung des
als Jude verfemten Max Liebermann teilnahmen.
Im November 1933 beteiligte
sich Sauerbruch an einem öffentlichen Bekenntnis deutscher Hochschullehrer für
Hitler und den nationalsozialistischen Staat. Im folgenden Jahr wurde er von
Göring zum Staatsrat ernannt. 1937 nahm er auf dem Reichsparteitag in Nürnberg
den von Hitler gestifteten Nationalpreis entgegen - die Antwort der Nazis auf
die Verleihung des Friedensnobelpreises an Carl von Ossietzky.

Sauerbruch beim Treffen von Rektoren deutscher
Universitäten am 11. November 1933 in Leipzig
Seit Mitte der dreißiger
Jahre saß Sauerbruch im Hauptausschuss der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
1937 wurde er in den Reichsforschungsrat berufen, der auch „Forschungsprojekte“
der SS unterstützte, zu denen die Menschenversuche in den KZs gehörten.
Sauerbruch - 1942 zum Generalarzt des Heeres ernannt - war im selben Jahr für
die Bewilligung der Mittel für Senfgasversuche an Häftlingen des KZs Natzweiler
zuständig. Auf der anderen Seite protestierte er gegen das Euthanasie-Programm
und unterhielt Kontakte zu Gegnern des Regimes. Er gehörte der
„Mittwochs-Gesellschaft“ an, die sich öfter in seinem Haus in Wannsee traf.
Einige aus dieser Runde zählten zum Kreis der Verschwörer des 20. Juli 1944 und
wurden hingerichtet. Sauerbruch wurde wegen seiner
Kontakte zu den Verschwörern mehrmals von SD-Chef Ernst Kaltenbrunner vernommen.
Er entging der Verhaftung dank seiner guten Beziehungen zu Heinrich Himmlers
Leibarzt, Karl Gebhardt, der in Nürnberg verurteilt und hingerichtet wurde.
Nach Kriegsende konnte
Sauerbruch seine Tätigkeit an der Charité unangefochten fortsetzen, schied aber
1949 nach Auseinandersetzungen mit dem Volksbildungsministerium aus dem Amt.
1950 unternahm der Arzt Dr. Wohlgemuth den vergeblichen Versuch, im
Schweden-Pavillon in der Colonie Alsen eine Sauerbruch-Klinik zu gründen. 1951
starb der prominente Chirurg und wurde unter großer Anteilnahme auf dem Neuen
Friedhof in Wannsee beigesetzt.
|

Ferdinand Sauerbuch
Sonderbriefmarke
Deutsche Bundespost Berlin 1975 |
Nach seiner Scheidung von
Ada Sauerbruch hatte diese die Villa in Wannsee behalten. Aufgrund einer
testamentarischen Verfügung Ferdinand Sauerbruchs musste sie das Anwesen weit
unter Wert veräußern.
Der neue Eigentümer verkaufte gewinnbringend an die
Gewerkschaft ÖTV,
die die Villa abreißen und ein Bildungszentrum errichten ließ.
|
|