Haus der Wannsee-Konferenz


 

 

Julius Springer mit seinen Söhnen Ferdinand und Fritz

Julius Springer mit seinen Söhnen Ferdinand (links)
und Fritz (Mitte)

 

Die Familie Springer um 1896

 Die Familie Springer um 1896,
Springer-Archiv

 

 

 

 

Signet des Springer-Verlages

Signet des Springer-Verlages

 

Das Signet des Verlages, das 1881 nach einem Entwurf von Martin Gropius (1824-1880) geschaffen worden war. trug das Motto "Alle Zeit wach“, die lnitialen 'JS" und das Gründungsjahr 1842. Alles war
um den Springer aus dem Schachspiel geordnet.

 

 

 

Postkarte der Springer-Villa mit Hakenkreuzfahne, 1943

Postkarte der Springer-Villa mit Hakenkreuzfahne, 1943

 

Rückseite der obigen Postkarte

 

Der Wissenschaftsverlag Springer
- Die Verleger Fritz und Ferdinand Springer

 

     Die Familie des jüdischen Kaufmanns Isidor Springer erwarb 1813 das Bürgerrecht in Berlin. Der Sohn Julius (1817-1877) eröffnete eine Verlagsbuchhandlung in der Breiten Straße 20 in der Nähe des Berliner Rathauses. Julius Springer spezialisierte sich auf wissenschaftliche Werke. In der Zeit des Vormärz kam er wiederholt in Konflikte mit der preußischen Zensur. 1848 unterstützte er aktiv Demokraten und Liberale, schloss sich der Fortschrittspartei an und stritt für bürgerliche Freiheiten. Seine beiden Söhne Ferdinand (1846-1906) und Fritz (1850-1944) übernahmen die Verlagsleitung. Die zweite Generation der Familie Springer konnte Berlin als herausragenden Standort nutzen und das Verlagsprogramm besonders um die Bereiche Wissenschaft und Technik erweitern.

 

     Ferdinand und Fritz Springer bauten durch ihre hervorragenden Kontakte zu Unternehmen wie Siemens, BBC, AEG, Telefunken durch ihre Fachkompetenz und ihr kaufmännisches Geschick den Springerverlag zu einem der führenden Wissenschaftsverlage aus. Ein großer Prestigegewinn gelang ihnen 1906, als sie die Bücher von Emil Fischer verlegen konnten, der 1902 als erster Deutscher den Nobelpreis für Chemie erhielt (synthetische Herstellung von Traubenzucker und das Schlafmittel Veronal). Auch der Gelehrte wohnte in Wannsee in einer Villa in der Hugo-Vogel-Straße und wurde nach seinem Tod 1919 auf dem Neuen Friedhof beigesetzt.

 

     Ferdinands Schwiegersohn, der Physiker Richard Wachsmuth, tätig an der Technischen Hochschule Berlin, beriet den Verlag beim Physikprogramm. Die Brüder Fritz und Ferdinand Springer wohnten in der Tiergartenstrasse und der Hardenbergstrasse, gehörten dem Club von Berlin an und siedelten, da sie begeisterte Segler waren, in der Colonie Alsen.

 

     Fritz kaufte das Haus des Architekten Koblanck in der Straße zum Löwen 12. Ferdinand beauftragte den berühmten Architekten Alfred Messel mit der Neugestaltung des Landhauses und der Nebengebäude wie Gewächshäuser, Gärtnerhaus, Teehaus und GartenhalIe in der Straße Am Großen Wannsee 39. Messel baute das Landhaus im amerikanischen Shingl-Style, mit Holz-Schindeln auf dem Dach und an den Wänden, die heute noch zu bewundern sind.

 

     Die dritte Generation, Ferdinand junior und Julius, der Sohn von Fritz, übernahm 1907 die Verlagsleitung. Ferdinand junior betreute die naturwissenschaftlichen und medizinischen Arbeiten, die der Verlag publizierte. Julius kümmerte sich vor allem um die ingenieurwissenschaftlichen, pharmazeutischen, land- und forstwissenschaftlichen Publikationen sowie die innere Organisation des Unternehmens. Während des Ersten Weltkriegs mussten Ferdinand und Julius als Reserveoffiziere an die Front. In  dieser Zeit führte Fritz Springer den Verlag fort. Er hatte sich nach dem Tod des Bruders aus dem Verlagsgeschäft zurückgezogen. 

 

     Ihr verlegerisches Credo sahen Ferdinand junior und Julius junior in der weltweiten Veröffentlichung von Forschungsergebnissen. Die Autoren- und Kundenkartei wurde trotz Krieg und Inflation ausgebaut. In der Weimarer Republik nahm der Springer-Verlag im Wissenschafts- und Schulbuchbereich im deutschsprachigen Raum die absolute Spitzenposition ein. In der Zeit von 1919-1932 war die Lage für die deutschen Wissenschaftler schwierig. Kommunikation mit dem Ausland war ihnen verwehrt. Mitgliedschaften in ausländischen Gesellschaften erloschen, deutsche Gelehrte wurden bei internationalen Kongressen boykottiert, der Gebrauch der deutschen Sprache als Wissenschaftssprache wurde untersagt. der Bezug ausländischer Literatur wegen der Währungssituation nahezu unmöglich.

 

Ernst Springer (1860-1944)

Ernst Springer (1860-1944),
Springer-Archiv

     Der dritte Sohn des Verlagsgründers Julius, Ernst Springer (1860-1944) beriet seine Neffen in juristischen Fragen. Er war Justitiar und Generalbevollmächtigter des Bankhauses Bleichröder. 1912 wurde er zum ehrenamtlichen Staatsfinanzrat der Reichschuldenverwaltung ernannt und blieb auf Wunsch des Finanzministers bis 1935 in dieser Stellung. Im Alter von 84 Jahren wurde Ernst Springer nach Theresienstadt deportiert, ein unbekannter Todestag wurde nach dem Krieg auf den 30 April 1944 festgelegt.

 

     Am 15. März 1933 wurde die medizinische Fachpresse gleichgeschaltet, was de facto einem Herausdrängen der jüdischen Autoren gleich kam. Heftige antisemitische Attacken kamen vor allem aus dem medizinischen Bereich. Das „Sächsische Ärzteblatt" vermerkte 1933 in dem Artikel "Das Judentum in der Medizin“ von Martin Staemmler, die medizinische Spezialliteratur sei fast ausschließlich in jüdischer Hand und würde vom Springer-Verlag beherrscht. 1935 forderte Wilhelm Baur, Leiter des parteiamtlichen Fritz-Eher-VerIages, der seit 1934 der erste Vorsteher des Börsenvereins war, die Arisierung des Springer-Verlages. Zwischen 1933 und 1938 mussten mehr als 50 Redakteure und Herausgeber den Verlag verlassen. In einigen Bereichen wie Politologie, Soziologie, Dermatologie, Immunbiologie, Psychologie und zum Teil Kunstwissenschaft verlor der Verlag die gesamte wissenschaftliche Elite.

 

     Der Springer-Verlag mit einem Programm naturwissenschaftlicher Bücher konnte sich den Bevormundungen der Nazis eher entziehen als die Belletristik-Verlage. Der Verlag musste in der Reichskulturkammer (RSK) Mitglied werden, nicht aber die Autoren. Die Mitgliedschaft in der RSK war für Juden seit 1935 untersagt.

 

     1933 wurde Tönjes Lange Generalbevollmächtigter des Springer-Verlages. Er bewies viel Umsicht, Mut und zuweilen List. Das "Reichsbürgergesetz" vom 15. September 1935 zwang Julius junior zum Ausscheiden aus dem Verlag, da er nur noch Staatsbürger mit eingeschränkten Rechten war. Er galt als Jude, da er von drei jüdischen Großeltern abstammte, Ferdinand junior hingegen galt als "Halbjude“. Lange übernahm das Arbeitsfeld von Julius Springer. 1938 wurde Julius verhaftet und einige Zeit im KZ Sachsenhausen eingesperrt.

 

     Nach dem Pogrom vom 9./10. November 1938 hatte sich der NS-Funktionär Wilhelm Baur beschwert, dass man versäumt habe das Springer-Verlagshaus zu demolieren um auf diese Weise Ferdinand zum Rücktritt zu zwingen. Die guten Beziehungen von Lange zu Hjalmar Schacht bewirkten, dass das Reich nicht auf die vom Springer-Verlag erzielten Exporterlöse verzichten wollte und daher der Verlag weiterarbeiten konnte.

 

     1941 galt die Verordnung der Nazis nach dem Unternehmen mit jüdischen Namen umfirmiert werden müssen. Der Name "Julius“ wurde aus dem Signet getilgt und das Gründungsjahr nicht mehr erwähnt. Außer dem "Beilstein", ein Handbuch für Chemie, das bis heute verlegt wird, mussten auch die Handbücher umbenannt werden.

 

     Ferdinand junior wehrte sich gegen die Interpretation, dass der Verlag „jüdisch“ sei: Sein Großvater habe hochdekoriert an den Freiheitskriegen teilgenommen, sein Vater sei Mitglied des Kirchenrats der Berliner Sophiengemeinde in Berlin-Mitte. Ebenso seien sein Vater wie er selbst Kriegsteilnehmer. Der Verlagsgründer Julius Springer und seine Frau stammten aus jüdischen Familien und ließen sich 1830 taufen. Weder sie noch ihre Nachkommen sahen sich als Juden. In den Erinnerungen wird der jüdische Ursprung der Familie nicht einmal erwähnt. Julius Springer junior, der seit 1938 den Zwangsvornamen „Israel“ tragen musste, beantragte als „Mischling 1. Grades“ eingestuft zu werden, um Reichsbürger zu bleiben und nicht als Jude zu gelten.

 

     Der Vater Fritz Springer hatte die Verlegertochter Emma Hertz (1856-1932) geheiratet. Die teilweise „Arisierung“ der eigenen Abstammung bedeutete für zahlreiche Mitglieder der Familien Hertz und Springer die Lebensrettende Umstufung, diese betraf aber nur die Kinder von Fritz Springer. Er selbst musste den Judenstern tragen. Am 20. Januar 1944 erschien die Gestapo in seinem Landhaus in Berlin-Wannsee, um den 94-Jährigen abzuholen. Seine Tochter konnte die Beamten hinhalten, so dass der alte Mann die Zeit fand, ein starkes Gift zu nehmen. In der folgenden Nacht starb Fritz Springer und wurde auf dem Neuen Friedhof in Berlin-Wannsee beigesetzt. Sein Sohn Julius überlebte zurückgezogen den Krieg, sein Vermögen wurde zeitweilig beschlagnahmt. 1947 trat er wieder in die Verlagsgeschäfte ein. Er verstarb am 20. November 1968.

 

     Die Tochter Fritz Springers, Dorothea, und sein Schwiegersohn, Ringleb, gehörten zu den letzten Bewohnern der Kolonie Alsen, die nach 1945 in der Villenkolonie lebten. Ringleb hatte nach dem Tod seiner Frau Schwierigkeiten das sanierungsbedürftige Haus mit 27 Zimmern und vier Balkonen zu unterhalten. Vergeblich bemühte er sich, die Villa unter Denkmalschutz stellen zu lassen.

 

     Das Landhaus Springer des Architekten Messel wurde 1922 von den Erben an die Rustica AG für Grunderwerb veräußert, die das Haus vermietete. 1933 richtete die Deutsche Arbeiterfront (DAF) eine Dienststelle in dem Gebäude ein. 1940 erwarb die Deutsche Reichspost die Immobile von der Rustica AG und die kündigte der DAF. Der Messelbau diente in der Folgezeit als „Reichsschulungsburg“ der NSDAP. 1948 wurde ein Wiedergutmachungsverfahren mit Anspruch auf Rückerstattung von den Familien Petschek und Gellert in New York eingeleitet. Die Villa wurde bis 1979 vom Land Berlin als Krankenhaus genutzt und unter Denkmalschutz gestellt und wird heute als Wohnhaus benutzt.

 

 


 

Update: 10. Oktober  2004