Haus der Wannsee-Konferenz


 

 

Villa Marlier, 1922

Villa Marlier/Minoux, 1922

 

 

Grundstück Villa Marlier, um 1915

Grundstück Villa Marlier, ca. 1915

 

 

Ernst Marlier, 1875-?

Ernst Marlier
(1875-?)

 

Friedrich Minoux, 1877-1945

Friedrich Minoux
(1877-1945)

 

 

 

 

Befehlsblatt RSHA v. 15.11.1941

Befehlsblatt des Reichssicherheitshauptamts
vom 15. November 1941
mit dem Hinweis auf das „Gästehaus“
am Großen Wannsee

 

 

Ernst Kaltenbrunner, 1903-1946

Ernst Kaltenbrunner
(1903-1946)

 


Heinrich Müller (1900-?)

Heinrich Müller
(1900-?)

 

Otto Ohlendorf (1907-1951)
Otto Ohlendorf
(1907-1951)


 

 

Villa Marlier  –  „Gästehaus“ des SD  –  Haus der Wannsee-Konferenz

 

     1914/15 hatte sich der Kaufmann und Fabrikant pharmazeutischer Produkte Ernst Marlier (1875-?) eine repräsentative Villa auf dem Grundstück unmittelbar am Rande der Colonie Alsen errichten lassen. 1921 erwarb der Industrielle und Generaldirektor im Sinnes-Konzern Friedrich Minoux (1877-1945) die Villa.

 

     Minoux unterhielt Kontakte zu rechtsradikalen Wehrverbänden und stand im Vorfeld des Hitlerputsches vom November 1923 in München in Verbindung mit dem ehemaligen Generalquartiermeister Erich Ludendorff. Im Sommer 1933 fand man ihn unter den Mitgliedern der “Akademie für Deutsches Recht”, der auch NS-Größen wie Hermann Göring, Hans Frank und Roland Freisler angehörten. Minoux hatte innerhalb weniger Jahre eine steile Karriere im Konzern von Hugo Stinnes gemacht und war  seit 1919 Generaldirektor im Stinnes-Konzern. Während der Inflationsjahre kam er durch Spekulationen und Firmenübernahmen zu einem beträchtlichen Vermögen, das ihm auch 1921 den Kauf der Villa am Wannsee vom bisherigen Besitzer Ernst Marlier für 1,95 Millionen Reichsmark ermöglichte.

 

     1938 wurde Minoux wegen fortgesetzter Untreue und Betrugs unter Anklage gestellt und im Sommer 1940 schließlich verhaftet. Im Herbst desselben Jahres verkaufte er Villa und Grundstück am Großen Wannsee an die von Reinhard Heydrich gegründete SS-„Stiftung Nordhav“. Die SS übernahm Teile der wertvollen Einrichtung und ließ im Sommer 1941 das erste und zweite Stockwerk der Villa umbauen. Das Haus sollte künftig von der Sicherheitspolizei und SD als Gästehaus zur Unterbringung auswärtiger Polizei- und SD-Führer genutzt werden. Im Herbst 1941 wurde das Haus am Großen Wannsee als „anständige und angemessene Unterkunftsmöglichkeit“ und „Mittelpunkt des kameradschaftlichen Verkehrs der auswärtigen SS-Führer von Sicherheitspolizei und SD in Berlin“ angepriesen. Für nur 5,- Reichsmark biete das Gästehaus: „vollkommen neu eingerichtete Besucherzimmer, Geselligkeitsräume wie Musikzimmer, Spielzimmer (Billard), ... Wintergarten, Terrasse zum See ... allen Komfort. Im Haus befindet sich eine gute Küche, die auch für Mittag- und Abendmahlzeiten sorgt; Wein, Bier und Rauchwaren sind vorrätig.“

 

     Nur wenige Wochen später, am 20. Januar 1942, wurde die Villa am Großen Wannsee Schauplatz der berüchtigten Wannsee-Konferenz, auf der fünfzehn hochrangige Vertreter von Reichsministerien, der SS, der Gestapo und weiterer NS-Behörden auf Einladung Reinhard Heydrichs über die „Endlösung der Judenfrage“ berieten.

 

   Speisesaal der Villa Minoux, 1922, der spätere Konferenzraum

 

 

     Die Konferenz fand im großbürgerlichen Ambiente des Speisezimmers der ehemaligen Industriellen-Villa statt, um die Details der beabsichtigten Deportation und Ermordung von elf Millionen europäischer Juden zu besprechen. Mordpraktiker der SS berichteten den anwesenden Staatssekretären verschiedener Ministerien, was in den besetzten Teilen der Sowjetunion mit den Juden geschah. Man habe, berichtete der Protokollant der Konferenz, Adolf Eichmann, später, unverblümt über den Massenmord an den europäischen Juden gesprochen.

 

     Im Frühjahr 1947 wurde ein Exemplar des Protokolls der Wannsee-Konferenz in den Akten des Auswärtigen Amtes aufgefunden. Es belegt, dass hier am 20. Januar 1942 Detailfragen eines monströsen Mordprogramms an Millionen Menschen erörtert wurden. Es belegt auch, dass kein Teilnehmer an dieser Konferenz grundsätzliche Einwände gegen dieses Vorhaben erhob.

 

     Das „Gästehaus“ am Großen Wannsee wurde von SS und SD in den folgenden Jahren als Tagungsort für verschiedene Konferenzen, für repräsentative Empfänge und zur Unterbringung von Gästen genutzt. So sollten etwa auswärtige Gäste, die an einer Tagung des SD-Amtes für „Weltanschauliche Forschung“ teilnahmen, im Oktober 1942 in der Villa am Wannsee wohnen. Leiter dieser Tagung zu Fragen der „Gegenerforschung“ war der Historiker Georg Franz von der Universität Straßburg.

 

     Im Februar 1943 fand im „Gästehaus“ am Wannsee ein großer Empfang „mit sämtlichen Amtschefs des RSHA“ statt, den SD-Chef Ernst Kaltenbrunner für hochrangige Vertreter des türkischen Geheimdienstes veranstalten ließ. Auch Angehörige der berüchtigten „Einsatzgruppen“, die seit 1941 in den eroberten Teilen der Sowjetunion die jüdische Bevölkerung ermordeten, wurden während ihrer Aufenthalte in Berlin im „Gästehaus“ untergebracht, darunter auch der SD-Offizier und Massenmörder Paul Blobel und Teile seines Sonderkommandos.

 

     Die Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 war nicht die einzige Tagung, die im „Gästehaus“ stattfand. Vor allem ab 1944 wurde der stille Vorort im Südwesten Berlins für Konferenzen genutzt, da in der Innenstadt infolge der Bombenangriffe immer weniger Möglichkeiten vorhanden waren. Am 11. Oktober 1944 trafen sich im „Gästehaus“ Mitarbeiter verschiedener SS-Dienststellen, um über die Zentralisierung der von ihnen betriebenen „Germanisierungspolitik“ zu beraten. Dabei besprachen sie Maßnahmen zur Zwangsumsiedlung und „Eindeutschung“ in den unterworfenen Gebieten im Osten zu einem Zeitpunkt, als sämtliche rassistische „Siedlungsplanungen“ durch den Kriegsverlauf längst Makulatur geworden waren.

 

     Im Oktober 1944 wohnte der Leiter der „Sonderkommission 20. Juli 1944“, SS-Oberführer Georg Klein aus Nürnberg im „Gästehaus“. Beim „Kampf um Berlin“ verlegte auch der letzte in Berlin verbliebene Führer des Reichssicherheitshauptamtes, Gestapo-Chef Heinrich Müller, sein Hauptquartier nach Wannsee. Möglicherweise verhandelte er Ende April im „Gästehaus“ mit Unterhändlern des Roten Kreuzes über die Freilassung von Häftlingen des KZs Sachsenhausen.

 

     Am 1. Dezember 1944 wurde auf Initiative von Otto Ohlendorf, der hochrangiger Beamter im Wirtschaftsministerium und gleichzeitig Amtschef im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) war, eine Soziologentagung veranstaltet. Insgesamt dreißig Personen tauschten sich über Probleme der Gegenwart und Fragen der Nachkriegsplanung aus. Unter ihnen waren neben Professoren der Soziologie auch Betriebswirtschaftler und Angehörige der Ministerialbürokratie. Ebenfalls im Dezember 1944 nutzte Ohlendorf das Gästehaus, um die Verwaltungsreformpläne des Widerstandes diskutieren zu lassen.

 

     Nach dem Krieg nutzte das August-Bebel-Institut die Villa von 1947-1951 als Bildungsstätte der Berliner Sozialdemokratischen Partei (SPD). Von 1952-1988 war in der Villa das Landschulheim des damaligen Westberliner Bezirkes Neukölln untergebracht.

 

 

Eröffnung der Gedenkstätte im Januar 1992

 

     Am Vorabend des 50. Jahrestages der Wannsee-Konferenz, am 19. Januar 1992, wurde in der Villa die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz eröffnet.

 

Eröffnung der Gedenkstätte 1992

Eröffnung der Gedenkstätte:

Am Rednerpult Heinz Galinski, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Sitzend (von rechts): Rudolf Seiters, Bundesinnenminister, Hanna-Renate Laurien, Präsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin.

 

 


 

Update: 27.07.2011