Haus der Wannsee-Konferenz
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Die Villenkolonien in Berlin-Wannsee 1870 – 1945
Аb 1870 entstand in der Gegend um den Wannsee eine Kulturlandschaft, die während des Kaiserreichs und der Weimarer Republik in Berlin - vielleicht sogar in ganz Deutschland - einzigartig war. An die glanzvolle Welt des Berliner Großbürgertums und an die Bewohner der prachtvollen Villen der Wannsee-Kolonien, die damals zur »crème de Ia crème« der Reichshauptstadt gehörten, erinnern nur noch wenige Häuser und Gartenanlagen und manche Grabmale auf dem Neuen Friedhof in Wannsee.
Heute verbinden viele Menschen mit dem Namen »Wannsee« vor allem jene Konferenz, auf der am 20. Januar 1942 von Vertretern des Reichssicherheitshauptamtes und der Ministerialbürokratie die Maßnahmen zur Ermordung der europäischen Juden kоordiniert wurden. Neuesten Forschungen zufolge erscheint es keineswegs als Zufall, dass die nationalsozialistische Führung für diese Besprechung ausgerechnet die Villa am Wannsee auswählte, hatten sich doch hier in den dreißiger Jahren sowohl prominente Nazis als auch zahlreiche Institutionen des neuen Regimes angesiedelt.
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Die Entstehung der Villenkolonien
Die Glanzzeit der exklusiven Wohngegend am Wannsee ist eng verknüpft mit den Erfolgsjahren des Kapitalismus in Deutschland und dem Aufstieg Berlins zum führenden Industriestandort Europas. Träger dieser rasanten Industrialisierung war zunächst eine kleine Schicht risikofreudiger Bankiers und Großkaufleute, die ihre laufenden Geschäfte mit Gründungs- und Anlagekrediten in der Industrie verbanden. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gesellten sich zu dieser alten »Geldaristokratie« innovative Unternehmer hinzu, die sich, wie Werner von Siemens oder August Borsig, ihr Startkapital oftmals mühselig zusammenborgen mussten, um dann nach vergleichsweise kurzer Zeit ein Vermögen von mehreren Millionen ihr eigen nennen zu können. Der Geldadel und die aufstrebenden Industriellen bildeten innerhalb des Bürgertums eine dünne Oberschicht, aus der der eine oder andere gelegentlich geadelt wurde und somit Zugang zur höfischen Gesellschaft erhielt. Im allgemeinen aber war das Selbstbewusstsein dieser neuen Elite groß genug, um eigene Formen des gesellschaftlichen Umgangs und Lebensstils zu schaffen.
Eine dieser bürgerlichen Neuerungen waren die Herrenclubs, die nach britischem Vorbild in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch in Deutschland entstanden. Während die meisten dieser Clubs - in Berlin gab es etwa zwölf - explizit politische Ziele verfolgten, verstand sich der 1864 gegründete »Club von Berlin« als Zusammenschluss zur Förderung des geselligen Miteinanders und der persönlichen Annäherung der Mitglieder - die jedoch gesellschaftliche Stellung und wirtschaftliche sowie politische Interessen teilten. Dem »Millionenclub«, wie er im Volksmund genannt wurde, gehörten einige hohe Staatsbeamte und erfolgreiche Künstler, fast alle Bankdirektoren und Chefs der größten Bankhäuser, sowie führende Industrielle an, Frauen waren ausgeschlossen. Der Club von Berlin wurde rasch zum gesellschaftlichen Mittelpunkt von Industrie und Bankwesen. Die Zahl der ordentlichen Mitglieder stieg von zunächst 180 auf mehr als 400 am Ende des Ersten Weltkriegs an. Man traf sich im Clubhaus in BerIin-Mitte, um vornehm zu speisen, einem Vortrag zuzuhören oder einfach nur, um sich mit Baccarat, Billard oder Kegeln und dem Genus von Sekt und Bordeauxweinen die Zeit zu vertreiben. Gleichzeitig stieg das Interesse am Sport: Segeln, Golf, Tennis und Autorennen fanden zahlreiche Anhänger in großbürgerlichen Kreisen.
Als Mitte der zwanziger Jahren die Zahl der Mitglieder auf über 700 angewachsen war, beschwerten sich die alten Clubmitglieder über die mangelnde Muße beim geselligen Miteinander. Anstatt wie die Großvätergeneration zu opulenten Abendessen, trafen sich die Enkel nur noch zum Frühstück oder Mittagsimbiss im Clubhaus. Kurze und zweckgebundene Konversation bestimmte die Beziehungen. Neben exklusiver Geselligkeit gehörte auch die Wahl eines angemessenen Wohnsitzes zur Kultivierung des großbürgerlichen Lebensstils. In einer Zeit, in der sich Berlin in raschem Tempo und um den Preis ungeheurer sozialer Verwerfungen zur Metropole entwickelte - die Einwohnerzahl stieg zwischen 1871 und 1912 von 800.000 auf über zwei Millionen -, gewann die Frage nach einer »standesgemäßen« Wohngegend für das Bürgertum zunehmend an Bedeutung.
Sо ließen sich Berliner Bankiers und Kaufleute noch bis Ende der 1860er Jahre ihre repräsentativen Stadtvillen in Berlin-Mitte, vor allem aber in Tiergarten errichten, bis dieser Bezirk in den nächsten Jahrzehnten selbst zur Innenstadt wurde. Während im Norden und Osten die berüchtigten Mietskasernen mit ihren menschenunwürdigen Lebensbedingungen entstanden, zog es die wohlhabenden Bürger in die vornehmen Berliner Vorstädte im Süden und Westen, die sich ihrerseits in nur zwei Jahrzehnten zu Großstädten entwickelten. Die Gegend um den Großen und Kleinen Wannsee dagegen war um die Jahrhundertmitte bis auf das Dorf Stolpe noch weitgehend unbesiedelt. Dort verlief die spätere Reichsstraße 1, die seit 1790 über den Stolpeschen Werder führte und die königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam miteinander verband.
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Ab etwa 1860 pflegte der Naturfreund und erfolgreiche Bankier Wilhelm Conrad (1822-1899), der Direktor der Berliner Handelsgesellschaft, mit seiner Familie vor die Tore der Stadt zu fahren und am Wannsee in der Gaststätte »Stimming'scher Krug« an der Friedrich-Wilhelm-Brücke einzukehren, die seit dem spektakulären Tod Heinrich von Kleists und Henriette Vogels am 21. November 1811 eine gewisse Bekanntheit erlangt hatte. 1863 erwarb Conrad das Terrain des Gasthofes für 25.000 Taler und erweiterte seinen Grundbesitz durch Zukäufe auf etwa 320 Morgen Land. 1870 ließ Conrad die Gaststätte abbrechen und an ihrer Stelle die im klassizistischen Stil gehaltene Villa Alsen erbauen, die er mit seiner Familie als Sommersitz bezog. Genau 100 Jahre später wurde das Gebäude abgerissen und an seiner Stelle ein Appartementhaus errichtet, dessen bauliche Ästhetik nicht an seinen großen Vorgänger erinnert.
Die Villa Alsen sollte das erste Anwesen einer Sommerkolonie für stadtmüde Bürger sein. Dabei hatte sich Conrad ein Gesamtkunstwerk von Villen vorgestellt, das in einer Parklandschaft, umgeben vom Wasser der Havelseen, entstehen sollte. Er beauftragte den Lenné-Schüler und Berliner Gartenbaudirektor Gustav Meyer (1816-1877) mit der Ausarbeitung eines Straßen- und Parzellierungsplans. Dieser legte das Zentrum der Kolonie in Form eines Hippodroms an, durch das die Königstraße als Längsachse geführt wurde. Zu einer Zeit, als CharIottenburg noch ein Vorort weit vor den Toren Berlins war, wurde der Conradsche Plan nicht wenig kritisiert und bespöttelt. Doch dem findigen Bankier, der zeitweilig auch Vorsitzender des »Clubs von Berlin« war, gelang es, zahlreiche Clubmitglieder für sein Projekt zu begeistern. Die ersten Parzellen der Kolonie, von denen keine kleiner war als ein preußischer Morgen (2.553 qm), wurden an Clubmitglieder und andere Angehörige der Berliner Oberschicht zur Errichtung vornehmer Sommerresidenzen verkauft. Nur zwei Jahre, nachdem Conrad die Villa Alsen bezogen hatte, wohnten bereits 64 Siedler in zwölf neu errichteten Villen in der Kolonie.
Conrad taufte die neue Siedlung »Colonie Alsen«, eine Referenz an Nationalstolz und Patriotismus des Bürgertums, denn der Name sollte an die Kapitulation der dänischen Insel Alsen 1864 erinnern, die den Sieg Preußens über Dänemark besiegelt hatte. In der »Schweiz«, einem öffentlichen Park am Rande der Kolonie, ließ Conrad einen Zinkabguss des »Flensburger Löwen« aufstellen. Das Original, ursprünglich Symbol eines früheren dänischen Sieges, hatte man auf dem Flensburger Friedhof erbeutet und im Zeughaus ausgestellt. Der »Flensburger Löwe« in Wannsee, um dessen Erhalt sich später der Kriegerverein mit bescheidenen Mitteln kümmerte, wurde zum Sinnbild der Colonie Alsen. 1938 wurde der Löwe zum Heckeshorn umgesetzt, nachdem sich die dänische Botschaft über den schlechten Zustand der von Gebüsch zugewachsenen Kopie beschwert hatte. Seitdem führt die Straße zum Löwen nicht mehr zum Denkmal. Ab 1874 wurde auch das Ostufer des Großen Wannsee, dessen Eigentümer Prinz Friedrich-Karl war, entlang der damaligen Friedrich-Karl-Straße besiedelt. Der Prinz veräußerte einzelne Parzellen an die Fabrikanten von Petroleumlampen Ernst Wild und Friedrich Wilhelm Wessel, die sich auf der steil ansteigenden Haveldüne prächtige Villen erbauen Iießen. Die »Villenkolonie Wannsee«, wie das Ostufer genannt wurde, war noch großzügiger angelegt als die meisten Grundstücke in der gegenüberliegenden Colonie Alsen. Die Gebäude wurden entlang der Hangkante errichtet, so dass man vom Haus aus den Blick in die Weite der Havellandschaft bis nach KIadow schweifen lassen konnte. Umgekehrt boten vom Wasser oder der Uferlinie aus die hoch über den Wannsee aufragenden Villen einen imposanten Anblick. In der stark bewegten Landschaft finden sich großzügig geschnittene Vorgärten und weite, seeseitige Gärten, in die der vorhandene Waldbestand einbezogen wurde. 1933 wurde die Friedrich-Karl-Straße in »Am Sandwerder« umbenannt, für die Hausnummern 1 bis 41 besteht seit 1995 Ensembleschutz.
Um das entsprechende Publikum für die Ansiedlung in einer der beiden Kolonien zu gewinnen, musste rasch eine effektive Infrastruktur geschaffen werden, für die sich Conrad nach Kräften einsetzte. 1874 wurde die gegen starke Widerstände durchgesetzte Bahnverbindung zwischen Berlin und Wannsee - und darüber hinaus bis Potsdam - eröffnet, im Volksmund »Wahnsinnsbahn auf Conrädern« oder »Bankierszüge« genannt, die die Herrschaften in 20 Minuten vom Stadtzentrum in die Villenkolonien brachte. Für eilige postalische Nachrichten stand ein Postamt an der Friedrich-Wilhelm-Brücke zur Vегfügung. Ein Wasserwerk und das 1890 gebaute Elektrizitätswerk in Brückennähe versorgten die Anwohner. Mit der Versetzung zweier Pavillons von der Wiener Weltausstellung in die Kolonie entstanden exklusive Ausflugslokale: der »Kaiser-Pavillon« - dort befindet sich heute das Gartenlokal »Loretta« - und der »Schweden-Pavillon«. 1896 schenkte der Gründer seiner Kolonie eine eigene Kirche, nachdem zuvor eine Friedhofsanlage entstanden war. 1898 bildete man aus dem Dorf Stolpe, der Colonie Alsen und der Kolonie Wannsee die Gemeinde Wannsee, die bei der Bildung Groß-Berlins im Jahre 1920 als eigener Ortsteil dem Bezirk Zehlendorf zugeordnet wurde. Mit ihrer landschaftlichen Schönheit erweckte die gesamte Region Assoziationen an die Atmosphäre oberitalienischer Seen.
Das am klassischen Bildungsideal orientierte Großbürgertum schuf sich hier mit seinen repräsentativen Villen und den prächtigen Gartenanlagen mit exotischer Bepflanzung eine südländisch anmutende Traumlandschaft - das bürgerliche Pendant zum hohenzollernschen Arkadien, welches - eine Generation zuvor der königliche Gartenarchitekt Peter Joseph Lenné nur wenige Kilometer entfernt um die Residenzstadt Potsdam geschaffen hatte.
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Werbung der Landgesellschaft "Wannsee",
um 1922
Wasserturm der Colonie Alsen, |
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Update: 14.07.2011 |
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