Veranstaltungen

Gesamtprogramm der Veranstaltungsreihe "Veranstaltungen am Sonntag"


08. Oktober 2017, 14:00 Uhr - Eintritt frei -
Vortrag
Anne-Kristin Hübner: Theodor Maunz. Eine Karriere zwischen Diktatur und Demokratie.

Biographie und Karriere des Juristen und Politikers Theodor Maunz (1901-1993).

Die Biographie und Karriere des Juristen und Politikers Theodor Maunz (1901-1993) sind ein Beispiel für die personelle Kontinuität der nationalsozialistischen Funktionselite nach 1945. Als Staatsrechtler an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg hatte sich Maunz dem nationalsozialistischen Regime erkennbar angedient, trotzdem gelang ihm nach Kriegsende die Fortführung seiner wissenschaftlichen Tätigkeit. Im Jahr 1952 wechselte er an die Ludwig-Maximilians-Universität München und wurde 1957 bayerischer Minister für Unterricht und Kultus. Ein Amt, von dem er 1964 nach dem öffentlichen Wiederbekanntwerden seiner NS-Vergangenheit zurücktrat.

In ihrem Vortrag geht Anne-Kristin Hübner der Frage nach, durch welche strukturellen und persönlichen Bedingungen es Maunz gelang, seine Karriere in Wissenschaft und Politik an elementaren Schaltstellen eines demokratischen Staates trotz „NS-Belastung“ fortzuführen.

Anne-Kristin Hübner studierte an den Universitäten Göttingen und München Geschichte und Rechtswissenschaften und hat ihre Masterarbeit über „Theodor Maunz: Brüche und Kontinuitäten einer Biographie (1945-1964)“ geschrieben. Sie ist Doktorandin an der Ludwig-Maximilians-Universität und dem Institut für Zeitgeschichte in München.


05. November 2017, 11:00 Uhr - Eintritt frei -
Buchvorstellung und Gespräch
Beate Niemann: „Ich lasse das Vergessen nicht zu“.
Im Jahr 2005 veröffentlichte Beate Niemann eine Biografie über ihren Vater, den Kriminaldirektor, SS-Sturmbannführer und zeitweiligen Gestapo-Chef von Belgrad Bruno Sattler. Sattler war 1947 in die sowjetische Besatzungszone verschleppt und 1952 in der DDR in einem Geheimprozess zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt worden – er starb 1972 im Gefängnis.

Beate Niemann ließ die Leser*innen an der Recherche über den Täter-Vater teilhaben: Ihre Familie hatte das Urteil nie akzeptiert, und sie war aufgewachsen in dem Glauben, dem Vater, den sie nur aus Erzählungen und von kurzen Besuchen in Gefängnis kannte, sei Unrecht getan worden. Daher setzte sie sich für seine Freilassung, später für seine Rehabilitierung ein. Erst in den 1990er Jahre, nach dem Mauerfall, konnte Niemann die einschlägigen Akten einsehen und musste schmerzhaft erkennen, dass ihr Vater ein Massenmörder war.

In ihrem neuen Buch geht es nun um die Reaktionen, die auf ihre Veröffentlichung hin folgten – in Gesprächen, bei Veranstaltungen, in Briefen. Sie erfuhr dabei nicht nur Zustimmung zu ihrer Offenheit, sondern auch scharfe Kritik an dieser „Nestbeschmutzung“.

Beate Niemann ist ausgebildete Auslandskorrespondentin. Sie arbeitete bei Amnesty International und als freie Vollzugshelferin in der Strafanstalt Berlin-Tegel sowie beim Diakonischen Werk und der Evangelischen Kirchengemeinde Berlin-Schlachtensee und ist Mitglied des Historikerlabors Berlin.


03. Dezember 2017, 11:00 Uhr - Eintritt frei -
Buchvorstellung und Gespräch
Beate Meyer: „Fritz Benscher. Ein Holocaust-Überlebender als Rundfunk- und Fernsehstar in der Bundesrepublik“.

„Leider hatte der ›Führer‹ keine großen Sympathien für mich.“ So umschrieb Fritz Benscher (1904-1970) die Jahre nach 1933 und seine Haft in Theresienstadt, Auschwitz und Dachau. Während der Weimarer Republik hatte Benscher erste Erfahrungen am Theater und beim jungen Rundfunk gesammelt. Nach der Befreiung verschrieb er sich der Re-education seiner Landsleute und war damit im Bayerischen Rundfunk sehr erfolgreich. Während konservative Politiker, kirchliche Würdenträger und Antisemiten Anstoß an seinen Beiträgen nahmen, liebte ihn die Mehrzahl seiner Hörerinnen und Hörer. In den 1960er Jahren setzte er seine Karriere unvermindert erfolgreich als Moderator, Quizmaster und Schauspieler im Fernsehen fort. Beate Meyer erzählt seine Lebensgeschichte und zeigt eine andere Geschichte der jungen Bundesrepublik, die mehr war als nur der biedere Adenauer-Staat.

Dr. Beate Meyer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg. Sie leitete von 1990-1995 das Projekt „Hamburger Lebensläufe – Werkstatt der Erinnerung“ und schrieb ihre Dissertation über die Verfolgung „jüdischer Mischlinge“ in der NS-Zeit. Sie forscht und veröffentlicht zur deutsch-jüdischen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Rolf Aurich ist Filmhistoriker und Lektor bei der Deutschen Kinemathek in Berlin. Zusammen mit seinem Kollegen Wolfgang Jacobsen veröffentlichte er u.a. Biografien über Konrad Wolf, Theo Lingen, Herbert Reinecker und Rainer Erler. Gemeinsam geben sie die Reihen „Film und Schrift“ und „Filit“ heraus. Letzte Einzelveröffentlichung: „Kalanag. Die kontrollierten Illusionen des Helmut Schreiber“.


14. Januar 2018, 14:00 Uhr - Eintritt frei -
Vortrag
Alexander Kliymuk: „Deutschland den Ostjuden!“ Das Ostjudenbild im antisemitischen Diskurs der Weimarer Republik.
Welche Rolle spielten osteuropäisch-jüdische Migrant*innen in der Entwicklung des deutschen Antisemitismus zwischen 1918 und 1933? Wie und mit welchen Eigenschaften wurden die sogenannten Ostjuden von deutschen Antisemiten beschrieben? Wie oft wurden sie in der Presse erwähnt – und wann wurden sie in diesen Artikeln von den deutschen Juden getrennt, wann gleichgestellt? Zur Beantwortung dieser und anderer Fragen hat Alexander Kliymuk für sein Dissertationsprojekt die Zeitung „Völkischer Beobachter“ (bis 1920 „Münchner Beobachter“) ausgewertet, die ab Ende 1920 zum offiziellen Presseorgan der NSDAP wurde. Seine Analyse ermöglicht fundierte Aussagen zur Rolle des Ostjudenbildes im antisemitischen Diskurs und die Nachzeichnung der Dynamik seiner Entwicklung.

Alexander Kliymuk, geb. 1991 in Tartu, Estland, studierte Internationale Beziehungen an der Staatlichen Universität St. Petersburg und ist Doktorand an der Jagiellonen-Universität in Krakau. Sein Forschungsinteresse gilt der Geschichte der europäischen Juden, des Antisemitismus und des Holocaust sowie der Erinnerungskulturen in Europa. Er ist freier Mitarbeiter der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz.


11. Februar 2018, 14:00 Uhr - Eintritt frei -
Vortrag
Eren Yildirim Yetkin: Die kurdischen Narrative im umkämpften Erinnerungsdiskurs zum armenischen Genozid.

100 Jahre sind seit dem Genozid an den Armeniern vergangen, und dennoch ist er in der öffentlichen Wahrnehmung heute hoch aktuell: Wie lange wird der türkische Staat seine Verantwortung noch leugnen? Welche Regierungen werden als nächstes dieses Verbrechen als einen Völkermord anerkennen? Und was sind die Ergebnisse der jüngsten Archivarbeit? Diskutiert wurde der Genozid lange Zeit nur im (makro)-politischen Kontext. Ein davon stark geprägtes kollektives Gedächtnis ist eine Folge davon. Die Narrative aus der „Peripherie“, beispielsweise der Kurden des armenischen Hochplateaus, unterscheiden sich davon allerdings fundamental: Hier gehört Gewalt zur kontinuierlichen Eigenerfahrung. Die Erinnerungen an den Völkermord sind dadurch durchaus kontrovers. In diesem Vortrag werden kurdische Biographien aus Van und Istanbul vorgestellt. Bei der Diskussion über diese mehrschichtigen und vielfältigen Erinnerungen stellt sich die Frage, inwiefern die eigene Gewalterfahrung das Gedenken an ein Verbrechen aus der Vergangenheit beeinflusst.

Eren Yildirim Yetkin studierte Deutsch als Fremdsprache und Erziehungswissenschaften in Ankara und Berlin. Derzeit promoviert er mit Förderung der Hans-Böckler-Stiftung im Fach Soziologie an der Goethe Universität Frankfurt/ Main über die Erinnerung der Kurd*innen aus Van und Istanbul an den armenischen Genozid 1915.


11. März 2018, 14:00 Uhr - Eintritt frei -
Werkstattgespräch
Kerstin Stubenvoll: NS-Kolonialrevisionisten, die Besatzung Frankreichs und Belgiens und die Erhebung von Wissen zu Wirtschaft und Arbeit in Afrika.
In Frankreich sind Haltungen zur kolonialen Vergangenheit seit langem ein Thema in politischen Debatten. Auch in Deutschland sind in jüngster Zeit der deutsche Kolonialismus und seine erinnerungspolitischen Dimensionen verstärkt in den Blick der Öffentlichkeit gerückt. Dabei gilt Kolonialismus meist eher als je nationales denn als schwieriges europäisches Erbe.
Im Werkstattgespräch werden aktuelle Forschungen zu den transnationalen Dimensionen kolonialrevisionistischer NS-Politik vorgestellt. Mit der Besatzung Frankreichs und Belgiens 1940 etwa ging ein großes Interesse deutscher Dienst- und Parteistellen an Erfahrungswerten und Praktiken der westeuropäischen Kolonialmächte einher. Wirtschafts- und arbeitspolitische Dokumente und Literatur wurden beschlagnahmt oder die Arbeit französischer und belgischer Experten in kolonialen Kommissionen analysiert, um sie für NS-Kolonialplanungen fruchtbar zu machen.
Anhand von Archivquellen und zeitgenössischen Publikationen erforschen Studierende der Humboldt Universität Berlin und der École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) in Paris gemeinsam solche europäischen Dimensionen des NS-Kolonialrevisionismus in den 1940er Jahren

Kerstin Stubenvoll hat Neuere und Neueste Geschichte, Politikwissenschaft und Völkerrecht in Tübingen und Berlin studiert. Seit 2011 arbeitete sie als Museumspädagogin, wissenschaftliche Mitarbeiterin der DFG-Forschergruppe Actors of Cultural Globalization und als freie Mitarbeiterin in deutschen und französischen NS-Gedenkstätten. Sie ist Doktorandin am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz.



Stand: 11.09.2017

Veranstaltungen zum Thema Holocaust/Shoah im Raum Berlin und Brandenburg finden Sie auf der Internetseite der Ständigen Konferenz der Leiter der NS-Orte im Berliner Raum.

 


update: 22.06.2017