Wir fragen uns: Wer ist besonders wichtig für Berlin? Welche Geschichten und welche Standorte sind bisher wenig auf Gedenktafeln repräsentiert?
Nora Hogrefe leitet seit fünf Jahren im Auftrag des Berliner Senats die “Koordinierungsstelle Historische Stadtmarkierungen”, die dem Verein Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. angegliedert ist. Sie ist damit Ansprechpartnerin für alle Erinnerungszeichen im öffentlichen Raum, insbesondere für das landeseigene Gedenktafelprogramm.
Ruth Preusse: Sag, Nora: Hast du eine Lieblingstafel?
Nora Hogrefe: Mir bleiben meistens Tafeln in Erinnerung, wenn die Einweihungsfeiern besonders waren, zum Beispiel für das erste autonome Frauenhaus: Zur Enthüllung in Dahlem 2022 kamen viele ehemalige Mitarbeiterinnen, und überhaupt waren fast nur Frauen anwesend, was einen tollen Effekt hatte. Natürlich ist es ein bisschen schade, dass all die Männer, die sonst immer zu den Enthüllungen kommen, bei dieser nicht dabei waren. Aber dadurch entstand auch ein Gemeinschaftsgefühl.
Und dann gibt es in Tempelhof eine Tafel für eine Ärztin, Gertrud Rothgießer. Sie hat in der Gartenstadt als jüdische Kinderärztin praktiziert, wurde im Nationalsozialismus verfolgt und musste fliehen. Die Initiatorin Stella Flatten, die auch Mitglied im Verein Aktives Museum ist, hat 2023 die gesamte Nachbarschaft zusammengebracht. Und es waren Nachkommen da, die aus Chile und den USA angereist sind. Es waren fast 100 Leute auf der Straße, das war eine richtige Gemeinschaft. Viele aus den umliegenden Häusern haben dann begonnen, selbst zu recherchieren, wer eigentlich früher in ihren Häusern gewohnt hat. Also die eine Lieblingstafel habe ich nicht, aber diese beiden sind mir sowohl durch ihren Inhalt als auch durch die Feiern im Gedächtnis geblieben.
Ruth Preusse: Kann man irgendwie messen, wie viel Aufmerksamkeit Gedenktafeln erzeugen?
Nora Hogrefe: Das ist total schwierig. Wir könnten uns an die Straße stellen und beobachten, wer sich die Tafeln anguckt, aber das ist systematisch nicht möglich. Man merkt, dass sie auffallen, wenn zum Beispiel relativ schnell Beschädigungen gemeldet werden. Bei den alten Tafeln aus den 1980er Jahren kann es zum Beispiel sein, dass eine Pflanze davor gewachsen ist und uns jemand informiert. Wir führen auf unserer Webseite www.gedenktafeln-in-berlin.de eine Statistik und können sehen, welche Tafeln dort häufig gesucht und aufgerufen werden. Das gibt uns eine Idee. Aber im Stadtraum ist es ein großes Fragezeichen für uns.
Ruth Preusse: Was ist ein guter Ort für eine Gedenktafel? Was sind die entscheidenden Faktoren?
Nora Hogrefe: Also, spontan würde man denken, es ist wichtig, dass es ein Ort mit sehr viel Laufpublikum ist, eine zentrale Kreuzung oder so, weil man annimmt, dann wird diese Tafel mehr gesehen. Gleichzeitig ist die Stadt aber voll mit Hinweisschildern, mit Werbung, mit Verkehrszeichen, sodass ich mich frage, ob in diesen belebten Gegenden mit vielen Geschäften, wo Leute flanieren, die Menschen überhaupt noch Kapazität haben für Gedenktafeln. Deswegen sind vielleicht klassische Wohngebiete die besten Orte, weil die Tafeln dann ein Teil werden von dieser Nachbarschaft. Die Sichtbarkeit ist auch mit einer gewissen Anbringungshöhe verbunden. Dadurch ist die Tafel aber für viele Menschen gar nicht so gut lesbar, weil sie zu hoch hängt. Und es kommt sehr auf den Inhalt der Tafeln an.
Wir hatten 2025 ein Outreach-Projekt, in dem es darum ging, wer sich auf diesen Tafeln wiederfindet, welche Geschichten erzählt werden und welche noch nicht. Wir hatten eine Fokusgruppe mit Jugendlichen, die gesagt haben: “Wir haben diese Tafeln noch nie gesehen, die sind uns noch nie aufgefallen.” Wir haben ihnen beispielhaft eine Tafel gezeigt, und dann wurde relativ schnell klar, dass je nachdem, worum es auf der Tafel geht, sie sie schon lesen würden – aber es muss Bezüge geben, die etwas mit ihrem Leben zu tun haben. Es kann zum Beispiel sein, dass eine Migrationsgeschichte auf der Tafel erzählt wird und sie dadurch einen Bezugspunkt haben, oder es geht um die Geschichte junger Menschen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Irgendetwas, worin sie sich wiederfinden, hätte in diesem Fall zum Beispiel geholfen. Deswegen ist die ideale Tafel eine Mischung aus einem Standort, wo sich die Nachbarschaft verantwortlich fühlt oder sich interessiert und einem Thema, das das heutige Berlin adressiert.
Ruth Preusse: Du hast ja schon über Vandalismus gesprochen und dass man daran erkennt, dass Tafeln wahrgenommen werden. Erfasst ihr solche Angriffe systematisch? Ist da eine Entwicklung festzustellen? Und ist erkennbar, welche politische Haltung jeweils die Motivation zur Tat war?
Nora Hogrefe: Das ist sehr unterschiedlich und es kommt auch darauf an, wie Vandalismus definiert wird. Graffiti, Tags oder Sticker würde ich nicht als Vandalismus oder per se als politisch motiviert sehen. Wenn uns das gemeldet wird, reinigen wir die Tafel. Wenn Tafeln gestohlen oder so schwer beschädigt werden, dass man das Gefühl hat, da ist jemand mit einem Hammer gezielt vorgegangen, das war kein Unfall oder Versehen, dann sind die Kontexte relativ heterogen. Es kann um den Inhalt der Tafel gehen oder auch um allgemeine Zerstörungslust, für die es manchmal vielleicht gar keinen Grund gibt. In anderen Situationen lässt sich der aber erkennen: Eine Anwohner*innen-Initiative aus Neukölln, “Hufeisern gegen Rechts”, hat in der Hufeisensiedlung eine Gedenktafel für polnische und sowjetische Zwangsarbeiter*innen initiiert. Die ist mit ziemlicher Sicherheit von Tätern aus dem Umfeld der rechtsextremistischen Partei “Der III. Weg” entfernt worden. In dieser Gegend tauchen gehäuft Sticker und Flyer von dieser Partei auf, das ist auffällig. Wir können also oft Antisemitismus oder Queerfeindlichkeit bei den Motiven erkennen. Der Umgang damit ist aber eine Herausforderung, weil die Tat ja genau darauf abzielt: Öffentlichkeit erzeugen, Deutungsmacht und auch symbolische Präsenz im öffentlichen Raum gewinnen. Deswegen ist es uns wichtig, die Zerstörung einerseits schnell zu beheben und zu dokumentieren, sie andererseits aber nicht zum Spektakel zu machen und den Tätern dadurch eine Bühne zu geben. Wir gucken, dass unsere Perspektive bei den Opfern bzw. der Erinnerung bleibt. Ein weiteres interessantes Beispiel ist eine Tafel des Aktiven Museums für den kommunistischen Widerstandskämpfer Wolfgang Szepansky: Die Tafel musste schon vier Mal ersetzt werden, sie wurde immer wieder gewaltsam entfernt. Es gibt die Vermutung, dass das einen rechtsextremen Hintergrund hat, aber es lässt sich nicht beweisen. Wir dokumentieren das, benennen die Vorfälle auf der Webseite, aber gehen damit nicht an die Öffentlichkeit in Form von Pressemitteilungen oder sowas.
Ruth Preusse: Werden Tafeltexte auch im Nachhinein korrigiert?
Nora Hogrefe: Das kommt manchmal vor, ja. Zum Beispiel hatte uns eine Beschwerde erreicht zu der Tafel für Lise Meitner: dass diese Tafel den Fokus nicht auf Lise Meitner selbst und auf sie als Wissenschaftlerin legt, sondern auf ihr Umfeld. Da wurden verschiedene Männer genannt, mit denen sie gearbeitet hat, die auch wichtig waren, aber um die ging es auf der Tafel eigentlich nicht. Also warum ist der Text so wie er ist? Der Fall wurde im Historischen Beirat besprochen und der Text anschließend überarbeitet, die Perspektive verändert und wirklich auf sie und ihre Leistungen fokussiert. Die alte Tafel wurde abgehängt und die neue angebracht. Auf unserer Webseite ist das dokumentiert und der alte Text noch einsehbar. Das ist uns wichtig, weil die Tafeln natürlich auch Zeitzeugnisse sind.
Renovierungen an Häusern führen auch dazu, dass Tafeln abgehängt und wieder angebracht werden, dann werden sie nur nicht im gleichen Zuge überarbeitet. Was aber in diesem Kontext wichtig ist: Sehr viele Gedenktafeln sind nach der Wende verschwunden. Volker Hobrack hat das mal recherchiert: Über 400 Tafeln für Widerstandskämpfer*innen aus der Arbeiterbewegung oder auch DDR-Politiker*innen sind abgehängt worden. Das ist natürlich ein großer Bruch, einerseits physisch, die Tafeln sind weg, andererseits aber auch symbolisch in der Berliner Erinnerungskultur. Diese Art des Gedenkens der Hauptstadt der DDR wurde aus dem Stadtraum getilgt – an ganz vielen Stellen. Und bis heute sind die Ost-Berliner Bezirke stark unterrepräsentiert in der statistischen Menge an Gedenktafeln.
Ruth Preusse: Wie funktioniert das eigentlich, wenn ich Person XY mit einer Tafel ehren möchte, wie gehe ich vor?
Nora Hogrefe: Der klassische Ablauf wäre eine E-Mail oder auch eine Meldung über unsere Webseite, die dann bei mir oder meiner Kollegin landet, in der uns gesagt wird: “Ich habe eine Idee: An diese Person oder an dieses Ereignis oder an diese Institution würde ich gerne erinnern, da gibt es noch nichts im Berliner Stadtraum.” Dann gibt es eine kurze Beratung durch uns und wir klären ab, ob dazu wirklich noch nichts vorhanden ist. Manchmal gibt es zum Beispiel einen Straßennamen irgendwo. Für die Vorschläge muss dann ein Formular ausgefüllt werden, damit ich sie sammeln und sortieren kann. Einmal im Jahr trifft sich der Historische Beirat, der vom Senat berufen wird. Das sind zehn Personen, die meistens Anfang des Jahres tagen und dann alle Gedenktafelvorschläge besprechen. Der Historische Beirat empfiehlt eine Auswahl, die von der Senatorin für Kultur bestätigt wird und dann wieder bei mir landet, sozusagen als Auftrag, diese Tafeln umzusetzen. Es sind acht Stück pro Jahr, vier davon finanziert die GASAG AG als Hauptsponsorin dieses Programms, und die anderen vier bezahlt das Land Berlin. Dann kümmere ich mich zuerst um die Genehmigung der Hausverwaltung und Eigentümer*innen, denn wenn die nicht zustimmen, können wir nicht weitermachen. Danach wird die Genehmigung der Denkmalschutzbehörde eingeholt, wenn das Gebäude unter Denkmalschutz steht. Wenn beides vorliegt, kann ich den Tafeltext und die Recherchen beauftragen. Manchmal muss zum Beispiel nachrecherchiert werden, wie lange die Person dort gewohnt hat. Dann wird ein Text verfasst. Der kommt bei uns in die Redaktion und wird an den Historischen Beirat zur Freigabe gegeben. Wir legen einen Enthüllungstermin fest, wir fragen Laudator*innen an, die Königliche Porzellan-Manufaktur (KPM) produziert die Tafel, und dann wird sie an der Fassade montiert – gegebenenfalls gibt es Vorgaben vom Denkmalschutz, an welcher Stelle das passieren darf. Dann wird die Enthüllungsfeier geplant und durchgeführt: Dazu werden Einladungen verschickt und Aushänge gemacht in der Nachbarschaft, sodass möglichst viele Leute von der Tafel erfahren und teilnehmen können, wir bereiten ein kleines Buffet vor und es gibt Redebeiträge. Das klingt jetzt so, als würde das relativ zügig laufen. Aber manchmal nehmen diese Prozesse sehr viel Zeit ein. Je nachdem, wann ein Vorschlag uns erreicht, sagen wir mal im Frühjahr, da hat die Sitzung des Beirats gerade schon stattgefunden, dann dauert es ein Jahr, bis der besprochen wird. Es kann auch lange dauern, bis alle Genehmigungen vorliegen. Manche Tafeln beschäftigen uns zwei, drei, vier Jahre. Wir bleiben aber immer dran und die meisten bewilligten Tafel konnten wir auch umsetzen.
Ruth Preusse: Wie viele Vorschläge gibt es denn pro Jahr? Wie hoch ist die Quote der Vorschläge, die auch umgesetzt werden?
Nora Hogrefe: Uns erreichen fortlaufend neue Gedenktafelvorschläge und nur ein Bruchteil davon kann zur Umsetzung im Berliner Gedenktafelprogramm empfohlen werden. Ich würde schätzen, dass es sich um ca. 15-20 Prozent handelt, für manche Tafeln bieten sich dann auch andere Programme an. Aus den zahlreichen Vorschlägen hat der Beirat aber die Möglichkeit, Tafeln zurückzustellen, also zu sagen: Auf die gucken wir nächstes Jahr noch mal, weil in einem Jahr schon direkt acht Tafel gefunden wurden. Es gibt auch Kriterien: zum Beispiel eine Geschlechterparität herzustellen, eine Parität zwischen den verschiedenen Bezirken. Wenn eine Tafel einmal abgelehnt wurde, ist es nicht möglich, den Antrag nochmal einzureichen. Dann gibt es aber andere Varianten: Man kann mit den Bezirksmuseen zusammenarbeiten oder mit Vereinen und Initiativen, versuchen, eine eigene Finanzierung zu bekommen, über Crowdfunding oder sowas.
Für den Beirat ist es immer eine sehr schwierige Auswahl. Wir haben oft die Situation, dass Tafeln gegeneinander abgewogen werden müssen und eigentlich alle ehrwürdig wären. Es gab in meiner Zeit noch nie Vorschläge, wo der Beirat gesagt hat, dass diese Personen antidemokratisch oder menschenfeindlich sind und nicht öffentlich gewürdigt werden könnten. Sondern es war immer ein Abwägen: Welche Geschichten sind vielleicht noch weniger repräsentiert, welche Standorte sind es? Wer ist besonders wichtig für Berlin? Es geht immer um die gesamtstädtische Bedeutung, die über einen Bezirk hinausgeht und wirklich für die ganze Stadt prägend war.
Ruth Preusse: Wie viele von diesen KPM-Tafeln gibt es in Berlin? Und wann hat das Programm begonnen?
Nora Hogrefe: Dokumentiert sind etwa 500 Stück, das Programm ist 1985 ins Leben gerufen worden zur Vorbereitung der 750-Jahr-Feier Berlins und existiert seitdem. Zwischendurch war die Berliner Sparkasse Hauptsponsor, jetzt ist es die GASAG AG. Es sind nicht schon immer acht Tafeln pro Jahr entstanden, aber es wurden dann irgendwann mehr.
Ruth Preusse: Woher kommen die Ideen? Wer macht die Vorschläge?
Nora Hogrefe: Sehr viel weiß ich über diese Personen natürlich nicht. Wir fragen den Namen und den Kontakt ab, weil wir die Leute über die Entscheidung informieren wollen. An der Art, wie die Menschen uns schreiben, wo sie wohnen, wie sie ihre Doktor- und Professorentitel angeben, würde ich davon ausgehen, dass es sich vor allem um Mittel- bis Oberschicht handelt, eher Bürgertum, eher akademisch gebildete Menschen, eher weiße deutsche Personen, von den Namen her. Seltener Menschen mit Migrationsgeschichte oder Menschen aus der Arbeiterschicht zum Beispiel. Wie gesagt, das sind Zuschreibungen, aber auch anhand von den Inhalten und der Art der Vorschläge vermuten wir das, weil es wenig Tafeln gibt, die zum Beispiel die Geschichte der Arbeiter*innen oder Migrationsgeschichte erzählen. Es ist meistens klassische Hochkultur, die erinnert wird. Also Opernstars, Theater, Schriftsteller*innen, diese Themen sind am stärksten vertreten.
Ruth Preusse: Ist der Historische Beirat nicht auch so besetzt?
Nora Hogrefe: Genau, der Historische Beirat setzt sich aus Sachverständigen zusammen, die aus unterschiedlichen Bereichen der Kultur, Geschichtswissenschaft, aber auch Medienwissenschaft oder Public History kommen. Es sind keine sogenannten Laien oder Aktivist*innen vertreten, die aus lebenspraktischer Erfahrung sprechen. Es sind Akademiker*innen, die den Senat beraten, auch Akademiker*innen ohne Behinderung zum Beispiel. Das wurde schon öfter angemerkt aus der Behindertenrechtsbewegung, dass es schwierig ist, dass es im Beirat nicht auch eine taube Person gibt oder eine Person im Rollstuhl oder eine blinde Person. Ich meine: Die Gedenktafeln aus Porzellan sind nicht barrierefrei.
Ruth Preusse: Du hast ja schon gesagt, dass die ehemaligen Ost-Berliner Stadtteile unterrepräsentiert sind, auch Frauen sind immer noch unterrepräsentiert. Was macht ihr dagegen?
Nora Hogrefe: Wir suchen gezielt den Kontakt mit Initiativen, die sich mit Themen beschäftigen, die noch wenig vorkommen. Also ein Outreach, das sehr aktiv Leute anspricht und vom Gedenktafelprogramm erzählt. Wir hatten auch ein paar positive Beispiele in den letzten Jahren, wo sich vor allem der Verein Berlin Postkolonial sehr eingesetzt hat und wir einige Tafeln für Schwarze Berliner*innen machen konnten. Auch der Sonntags-Club aus Prenzlauer Berg hat eine Tafel vorgeschlagen für die lesbische Hundefriseurin Tommy, die Freiräume für queere Personen geschaffen hat in der Hauptstadt der DDR. Das ist über Kontakte entstanden.
Wir halten die Informationen auf der Webseite aktuell, sorgen dafür, dass die Schwellen möglichst niedrig sind, dass wir möglichst viel Beratung und Unterstützung anbieten, auch bei der Recherche, weil ich ja erst mal wissen muss, wer in dem Haus gewohnt hat, damit ich einen Vorschlag einreichen kann – oder ich müsste irgendwas wissen über die Berliner Stadtgeschichte. Das fällt ja nicht vom Himmel. Gleichzeitig wäre das sogenannte Inreach nötig. Also auch die Diversität der Berliner Kulturverwaltung, des Beirats, der Senator*innen-Ebene ist daran gekoppelt, weil diese Personen wiederum Themen, Kontakte und Netzwerke mitbringen.
Ich glaube, dass sich Menschen eher dazu berufen fühlen, selbst zu recherchieren oder Vorschläge einzureichen, wenn sie sehen, dass es schon Tafeln zum Beispiel für Schwarze Berliner*innen gibt, die dann zeigen: “Das kann dieses Programm auch.” Das Berliner Gedenktafelprogramm erinnert eben nicht nur an Hochkultur und an Widerstand gegen den Nationalsozialismus oder an verfolgte Jüdinnen und Juden, sondern es versucht, die gesamte Berliner Stadtgeschichte abzubilden. Und dazu gehört eben auch Migration und antirassistischer Widerstand und vieles mehr.
Allerdings bezieht sich der Hauptteil der Tafeln, gerade der Porzellan-Gedenktafeln, auf den Anfang des 20. Jahrhunderts und hat einen Fokus auf die Zeit des Nationalsozialismus. Also sowohl auf Geschichten der Verfolgung und Unterdrückung, Geschichten der Flucht und des Exils, aber auch Geschichten des (jüdischen) Widerstands. Wenig Raum nimmt die Geschichte der geteilten Stadt und der vereinten Stadt nach der Wende ein. Was so gut wie gar nicht vorkommt, ist Migrationsgeschichte der 1950er und 1960er Jahre, die Anwerbeabkommen, sowohl der DDR als auch der BRD, und ihre Folgen. Die Behindertenrechtsbewegung und die queere Bewegung, die in Berlin immer zentral waren, fehlen. Zur Kolonialmigration gibt es erst ein paar Tafeln. Das heißt, die Geschichte vor 1900 ist auch noch nicht ausführlich abgebildet.
Ruth Preusse: Was könnte ein Zukunftsszenario sein? Wie könnte es weitergehen mit den Gedenktafeln?
Nora Hogrefe: Das ist eine spannende Frage, die mich beschäftigt, seit ich diese Stelle angetreten habe. Gerade weil es in Berlin so viele wichtige Orte gibt, nicht nur Stadtgeschichte, sondern auch bundesweit relevante Orte, überlagert sich hier einfach viel. Es ist die Gefahr da, dass die Stadt überläuft vor Tafeln, vor Gedenkzeichen, vor Infos, vor Hinweisen. Andererseits fehlen noch so viele Geschichten. Es ist so vieles nicht erzählt, weswegen ich momentan denke, wir müssen damit jetzt erstmal weitermachen und diese Leerstellen besprechen, sichtbar machen und füllen.
Das ist immer ein bisschen ketzerisch, aber ich fände es nicht problematisch, ein paar Tafeln abzunehmen, zu ersetzen, auszutauschen. Ich habe schon oft darüber nachgedacht, ob Tafeln nicht eine Art Verfallsdatum haben könnten, sei es im Material angelegt, was ich sehr spannend fände, wenn die sich meinetwegen biologisch abbaubar zersetzen nach 10, 20 oder 30 Jahren und dann überlegt werden muss: Würde ich die Tafel heute nochmal genauso schreiben? Würde ich sie an dieser Stelle aufhängen? Natürlich gäbe es trotzdem eine Dokumentation des Ganzen. Also unsere Webseite, der gesamte digitale Raum wird noch zu wenig genutzt, um Stadtgeschichte zu erzählen.
Ich glaube, es ist eine wichtige Aufgabe, zu gucken, wie kann ich all diese Tafeln, die existieren, auch aktivieren und ins Bewusstsein bringen und lebendig halten. Weil die Gefahr, dass die Stadt überläuft an Gedenktafeln, ist das eine. Aber die Gefahr, dass sie überläuft an Tafeln, die dann noch nicht mal wahrgenommen werden, ist noch viel größer, wenn die Menschen nicht wissen, was sie mit diesen Tafeln anfangen sollen. Sollen sie da zum Geburtstag oder Todestag eine Kerze aufstellen? Oder was könnten sie mit diesen Tafeln machen? Kommen sie darüber ins Gespräch? Lernen sie einfach nur was? Regt es sie zu etwas an? Ich fände es wichtig, darauf noch stärker zu schauen, was wir mit diesen Tafeln tatsächlich tun können.
Ruth Preusse: Ihr wollt in diesem Jahr im Rahmen eures Outreach-Projektes Interventionen im Stadtraum initiieren. Was kann man sich darunter vorstellen? Werden das Spaziergänge sein?
Nora Hogrefe: Das ist noch offen, wir sind gerade in der Konzeption und haben uns inspirieren lassen von Aktionen des Aktiven Museums. Die haben zum Beispiel zum 60. Jahrestag des 9. Novembers 1938 auf vielen Gedenktafeln für zerstörte Synagogen Sticker angebracht, auf denen mit roter Schrift stand: “Vor 60 Jahren – 9. November 1938”.
Dann gab es vor kurzem das Projekt “Zwangsräume” des Aktiven Museums, wo auch ganz viel mit Interventionen im Stadtraum gemacht wurde. Da gab es einerseits Gedenkkacheln an Häusern, wohin Jüdinnen und Juden zwangsweise umziehen mussten in der Zeit des Nationalsozialismus. Aber es gab auch Litfaßsäulen und Plakatwände, die bespielt wurden. Mit Straßenkreide wurden Umrisse von Gebäuden, die heute nicht mehr stehen, markiert. Es gab Gespräche in den Häusern mit Anwohner*innen. Es gab Spaziergänge. Wir sind gespannt, ob wir Personen finden, die mit uns zusammenarbeiten und da kreativ herangehen wollen. Ich könnte mir auch performative Dinge vorstellen, die vielleicht mit Tanz oder Malerei arbeiten. Wir haben ja mit euch zur Erinnerung an die Bücherverbrennungen mal Lesungen gemacht an bestimmten Gedenktafeln. Das war eigentlich auch wie eine Performance, weil im Stadtraum ein Tisch aufgestellt und ein Buch gelesen wurde, die Leute stehen geblieben sind und zugeguckt haben. Für unser Projekt sind wir da jedenfalls sehr offen. Im November gibt es eine öffentliche Abschlusspräsentation.
Ruth Preusse: Hab vielen Dank für diese Einblicke!