"Erinnerungskultur ist Identitätspolitik"
Die Historikerin und Journalistin Leonie Schöler, bekannt durch ihren Geschichts-Content auf Social Media, hat ein Buch über Beklaute Frauen geschrieben: Denkerinnen, Forscherinnen und Pionierinnen, deren Verdienste gezielt verschwiegen und vergessen wurden. Wir wollten von ihr wissen, wie man mit ihrem beruflichen Hintergrund und aus Gender-Perspektive auf Geschichte und insbesondere auf die Erinnerungskultur zum Nationalsozialismus blickt.
Ich habe 2020 während der Corona-Pandemie mit TikTok angefangen: Ich habe die App runtergeladen, ein bisschen rumgescrollt und war überrascht, was für spannende Diskussionen da stattgefunden haben.
Damals konnte man nur maximal 60 Sekunden hochladen, mir wurde also innerhalb von einer Minute Geschichtswissen vermittelt oder ich wurde auf Aspekte aufmerksam gemacht, die mir nicht bekannt waren. Das hat besonders die Journalistin in mir angesprochen, sicher mehr als die Historikerin – wir wissen ja alle, wie pedantisch Historiker*innen arbeiten und dass wir immer viel zu sagen und zu schreiben haben. Bei den Beiträgen für TikTok muss aber alles radikal rausgekürzt werden, was nicht zwingend wichtig ist. Das hat mich fasziniert und ich wollte ausprobieren, ob man Geschichte auch im deutschsprachigen Raum populär machen kann.
Also habe ich die ersten Videos hochgeladen, und schon das dritte ging viral, 150.000 Views, und das Video danach hatte sogar eine halbe Million. Wegen dieser großen Reichweite, von der man als Journalistin ja träumt, habe ich beschlossen, weiterzumachen. Ich wollte und will Sachen erzählen, die mir in den klassischen Geschichtsbüchern fehlen: Geschichten von Frauen, von queeren Personen, von rassistisch oder antisemitisch verfolgten Menschen, dekoloniale Perspektiven. Ins Zentrum stelle ich meist eine spannende Biografie, oft junge Menschen, die als Identifikationsfiguren dienen können. Und das lief über Jahre tatsächlich sehr erfolgreich.
Mittlerweile bin ich nicht mehr auf TikTok aktiv. Ich habe mich gegen die Plattform entschieden, weil die rechten Narrative dort irgendwann überhandgenommen haben. Ich habe gemerkt, dass ich gar nicht mehr selbst Themen setze, sondern nur noch auf den neuesten Quatsch reagiere, den irgendwer hochgeladen hat. Nachdem mein Buch „Beklaute Frauen“ erschienen ist, habe ich fast ein Jahr lang gar keinen Content mehr gemacht. Mittlerweile bin ich auf Instagram und YouTube und lade auch wieder Videos hoch.
Meine Themen: Menschenrechtsverletzungen
Auf meine Inhalte komme ich vor allem durchs Lesen oder Googlen. Ich habe stapelweise Bücher und Magazine wie “Frauen im Krieg”, “Frauen in der Wissenschaft” usw. durchforstet und nach interessanten Personen, Perspektiven oder Ereignissen gesucht. Mein Content soll natürlich abwechslungsreich sein und auch aktuelle Bezüge haben: Februar ist Black History Month, März ist Women’s History Month, dann schaue ich gezielt nach passenden Biografien und Geschichten.
Anfangs habe ich viel in Formaten gedacht, die Beklauten Frauen gab es zum Beispiel schon ganz früh als Serie. Dann habe ich eine Reihe zu jüdischem Widerstand gemacht, auch zu Eco-Crimes oder Umweltverbrechen, im kolonialen Kontext. Ich komme ursprünglich aus der Menschenrechtsarbeit, war viele Jahre bei Amnesty International aktiv, und das setze ich thematisch fort: Ich spreche über Menschenrechtsverletzungen in Gegenwart und Vergangenheit und versuche aufzuzeigen, warum es wichtig ist, auch vermeintliche oder tatsächliche Minderheiten-Perspektiven zu sehen und zu hören.
Das Buch ist eine Fortsetzung und Vertiefung der TikTok-Reihe. Die Beklauten Frauen haben online sehr gut funktioniert, aber ich hatte immer das Gefühl, dass ich sehr viel weglassen muss. Das Buch ist eine Möglichkeit, aus diesen vielen Einzelfällen ein großes Ganzes zu machen und die Systematik aufzuzeigen, mit der Frauen an den Rand gedrängt werden. Bei einer ersten Sammlung möglicher Protagonistinnen ist mir aufgefallen, dass die meisten, zu denen ich schon recherchiert hatte, weiß waren und aus einem bürgerlichen Milieu stammten. Und es ist natürlich irgendwann langweilig, immer die gleiche Geschichte zu erzählen: X wurde auf eine tolle Mädchenschule geschickt, hatte eine sehr gute Bildung – und ist dann trotzdem nichts geworden. Ich bin also nochmal gezielt auf die Suche gegangen nach Biografien, die andere Perspektiven aufmachen. Darüber bin ich auf Noor Inayat Khan gestoßen, um die es in Kapitel 5 zu “Widerstand” geht.
Viele Identitäten = viele Anknüpfungspunkte
Noor Inayat Khan war eine junge Schriftstellerin, die mit ihrer Familie in Frankreich gelebt hat. Als Deutschland in Frankreich eingefallen ist, sind sie nach Großbritannien geflohen. Dort haben Noor und ihr Bruder sich dem britischen Militär angeschlossen. Sie wurde zuerst als Funkerin ausgebildet und dann wegen ihrer Sprachkenntnisse als Geheimagentin angeworben. Im Sommer 1943 hat man sie mit einem Fallschirm über Frankreich abgeworfen, sie ist dann in Paris in den Untergrund gegangen. Nach vier Monaten wurde sie verraten und zusammen mit drei weiteren Widerstandskämpferinnen von der Gestapo festgenommen und schließlich, nach mehrmonatiger Haft, 1944 in Dachau hingerichtet.
Posthum haben sowohl die Briten als auch die Franzosen Noor Inayat Khan mit Orden ausgezeichnet, aber wenn wir jetzt mal ehrlich sind: Wie viele Geheimagent*innen des britischen Militärs kennen wir tatsächlich bis heute mit Namen? Also ich keine*n Einzige*n. Es gab in den letzten Jahren ein paar Hollywood-Filme über dieses Thema, aber im Großen und Ganzen wäre sie wahrscheinlich trotz der Würdigung in der Versenkung verschwunden – vor allem als Frau, weil Krieg und Militär nach wie vor sehr männlich gedacht werden. Frauen, die im Zweiten Weltkrieg gedient haben, sind so gut wie gar nicht präsent in der Erinnerungskultur, darum geht es in meinem Buch im Kapitel vier.
Noor Inayat Khan ist heute aber nicht vergessen, weil ihre Freundin und ehemalige Nachbarin in den 1950er Jahren ein Buch über sie geschrieben hat. In den folgenden Jahren hat diese Frau auch noch weitere Bücher über Frauen im britischen Militär und im Widerstand gegen die Nationalsozialisten veröffentlicht und damit dieses Thema und auch ihre Freundin Noor ein bisschen in der Erinnerungspolitik verankert. Anfang der 2000er Jahre gab es in Großbritannien und auch bei uns ein verstärktes Interesse an Perspektiven von Migrantinnen und Musliminnen, und so ist diese Geschichte nochmal richtig populär geworden. Ich habe sie als Protagonistin für das Buch auswählt, weil sie repräsentativ dafür steht, dass es Identifikationsfiguren in der Geschichte braucht, um eine Rechtfertigung für das eigene Sein in der Gegenwart zu haben. Das klingt vielleicht ein bisschen akademisch, was ich damit meine ist: Wir nehmen Geschichte und historische Ereignisse total männlich wahr und assoziieren automatisch einzelne Akteure, die ganz groß und bedeutend waren. Und damit rechtfertigen wir auch heute noch gesellschaftliche Strukturen. Wir haben also eine falsche Vorstellung von der Vergangenheit und der Gegenwart und wer wieviel Macht haben sollte oder wer wie nützlich war und ist für unsere Gesellschaft. Einige Menschen wurden dabei einfach vergessen oder aktiv verdrängt.
Und deswegen findet Erinnerungsarbeit schon seit mehreren Jahrzehnten verstärkt über Personen statt, die für betroffene Communities stehen. Sie machen auf sich und ihre Vorfahr*innen aufmerksam und auf die Identität, in der sie sich befinden. Sie zeigen: Hey, wir waren aber auch da, uns gab es auch und uns gibt es nach wie vor! Genau das fand ich an Noors Geschichte so spannend, weil sie so viele Identitäten hatte: Sie war eine Frau, sie war eine Woman of Color, sie war Muslima, Schriftstellerin, sie war aber auch Britin und Widerstandskämpferin gegen die Nationalsozialisten. Ihre Geschichte bietet ganz viele Anknüpfungspunkte und diese vielen Anknüpfungspunkte haben dazu geführt, dass sie von verschiedenen Gruppen und Akteur*innen als eine Identifikationsfigur wahrgenommen wurde, die man in die Öffentlichkeit bringen möchte. Und so haben einzelne Personen und Netzwerke dafür gesorgt, dass wir uns heute an sie erinnern, in England und Frankreich ist ihr Name wirklich sehr bekannt.
Frauen in der deutschen Erinnerungskultur
Wenn wir an Frauen in der deutschen Erinnerungskultur denken, kommen den meisten vermutlich zuerst Anne Frank und Sophie Scholl in den Sinn. Auffällig ist da doch erstmal, dass sie Mädchen oder junge Frauen waren. Anne Frank war ein Kind und angesichts der Situation hilflos. Sie schrieb ihr Tagebuch aus einer poetischen, kindlichen Perspektive und ich glaube, deshalb verfängt es so: Jeder ist empathisch mit einem Kind. Ein Kind kann nichts für seine Situation. Sie war ein sehr kluges Mädchen, intellektuell, sehr gebildet, aber sie hat über Politik aus einer persönlichen Perspektive geschrieben, hauptsächlich über ihr Leben und ihren Alltag, und dieser persönliche Zugang macht sie zu einer besonderen Person. Sie wäre sicher eine tolle Journalistin und Autorin geworden. Aber es ist natürlich heute eine bequeme Position, ihre Tagebücher zu lesen. Ich habe mal die Briefe von Sophie Scholl gelesen, das war schon deutlich anstrengender. Und auch Sophie Scholl war noch jung und hat vieles nicht im großen Kontext gesehen – was auch okay ist mit 18, 19 Jahren. Aber jetzt noch einen Schritt weiterzugehen und wirklich die Briefe oder Tagebucheinträge von jemandem zu lesen, der aktiv Widerstand leistet, richtig politisiert ist? Das passiert doch kaum, es ist einfach schwieriger, sich damit zu beschäftigen. Und man müsste sich auch stärker mit sich selbst beschäftigen, vor allem als nicht-jüdische, deutsche Mehrheitsgesellschaft.
Frauen spielen also über Anne Frank und Sophie Scholl vordergründig eine große Rolle in der Erinnerungskultur. Beide sind extrem populär, und über ihre Biografien kann man einerseits die jüdische “Opfergeschichte” erzählen und andererseits den deutschen Widerstand ohne jüdische Wurzeln in den Vordergrund stellen. Über diese unangemessene Betonung des nicht-jüdischen deutschen Widerstands schreibe ich auch in dem Kapitel. Es ist wirklich interessant, wie wir die Opfer des NS-Systems wahrnehmen, nämlich eigentlich ausschließlich jüdisch, und wie wir den Widerstand gegen das NS-System wahrnehmen, nämlich fast ausschließlich nicht-jüdisch. Und das ist ein total falsches Bild, weil die Zahl der nicht-jüdischen deutschen Widerständler*innen im Vergleich zum jüdischen Widerstand absolut gering war.
Ich schreibe im Buch auch über Rosalind Franklin. Sie war Jüdin und hat während des Zweiten Weltkriegs in England studiert. Sie beschreibt, wie traurig und frustriert sie ist, dass ihre nicht-jüdischen Kommiliton*innen sich überhaupt nicht dafür interessieren, was da passiert. Es juckt die einfach nicht, jüdische Diskriminierung geht sie nichts an. Und ich glaube, dass das sehr repräsentativ für die damalige Situation ist. Die meisten Leute haben gesagt: Was hat das mit mir zu tun? 1933 bestand die Mehrheit der Deutschen noch gar nicht aus Nazis. Die haben auch nicht alle für die NSDAP gestimmt. Aber sie waren okay damit, dabei zuzugucken, wie ihre Kolleg*innen entlassen werden, wie Häuser enteignet werden, wie öffentliche Orte schrittweise nicht mehr für Jüdinnen und Juden zugänglich waren. Sie haben das akzeptiert, weil sie sich dafür nicht interessiert haben.
Frauen wird in der Geschichte oft die Rolle der Mitläuferin zugeschrieben, und dagegen wehren Frauen sich. Aber in Bezug auf die Zeit des Nationalsozialismus ist das eine sehr bequeme Rolle, wenn man sagt: Die konnten wenig gegen das Unrecht tun, die durften ja nicht, waren nur Mütter und Hausfrauen. Vielleicht haben sie auch ein paar Fähnchen geschwungen, aber sie waren keine Mörderinnen und keine aktiven Täterinnen, nicht an den Kriegsverbrechen beteiligt, weil sie nicht an der Front waren.
Aber das ist natürlich nur die halbe Wahrheit, weil Frauen natürlich auch Räume eingenommen haben. Auch in den Konzentrationslagern waren Frauen. Wenn man sich das Fotoalbum von Karl Höcker anguckt, sieht man ja, wie viele Frauen in Auschwitz gearbeitet haben. Sie waren in den Lagern, vielleicht nicht als diejenigen, die die Gaskammern bedient haben, aber sie waren trotzdem aktiv am Mordprozess beteiligt. Das ist die Definition, die wir heute haben. In der Nachkriegszeit hat man das anders gehandhabt, aber heute wissen wir, auch Leute, die da nur gefegt haben, waren Beteiligte an diesem Mordkomplex.
Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 über Frauen
Noch in der berühmten Rede von Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag des Kriegsendes wird ein Frauenbild gezeichnet, das wirklich krass beschönigt. Denn es geht in dieser Ansprache nicht nur darum, den Begriff der Befreiung erstmals auch für die Deutschen zu reklamieren. Weizsäcker redet auch viel über die (deutschen) Frauen, welches Leid sie getragen und welche Stärke sie gezeigt haben. Was ich so interessant finde, ist dieses Narrativ von den Frauen, die das “Licht der Menschlichkeit” getragen haben. Das steht im völligen Kontrast dazu, dass auch Frauen an der Straße standen, während ihre jüdischen Nachbar*innen zum Zug gebracht wurden, und dann schön auf den Flohmarkt gegangen sind und den Kronleuchter und das Geschirr der Deportierten gekauft haben. Das steht für mich nicht für Empathie und Menschlichkeit. Das ist eine Romantisierung von Frauen mit ihrem angeblichen fürsorglichen, mütterlichen Wesen.
Das spiegelt sich auch in diesem Trümmerfrauen-Mythos, den er da erzählt: Die Frauen waren ganz alleine zu Hause und haben hart für den Wiederaufbau ihres Vaterlandes gearbeitet, sind auf die Straße gegangen und haben das Geröll weggeräumt – weil das können Frauen am besten: aufräumen. Aber das stimmt überhaupt nicht. Ich habe auch zu den angeblichen Trümmerfrauen mal ein Video gemacht, denn dieser Mythos begegnet mir ständig. Ich werde immer wieder darauf angesprochen, auch auf Panels: Wenn es um die Rolle von Frauen im Krieg geht, heißt es immer, dass sie zu Hause den Laden zusammengehalten haben und was der Weltkrieg auch gebracht hätte für Frauen, weil da erkannt wurde, dass sie unentbehrlich sind. Und diese Trümmerfrauen-Geschichte ist das beste Beispiel dafür, wie wir als nicht-jüdische deutsche Mehrheitsgesellschaft das Narrativ gleich wieder gekapert haben, um uns als die Guten darzustellen.
Weizsäckers Rede ist eigentlich ein großes Reinwaschen der Deutschen: Wir wurden befreit! Das impliziert, dass es danach gar keine Nazis mehr gab. Also die Nazis, das war wie ein Krebsgeschwür. Dann kamen die Alliierten, haben den Krebs rausgeschnitten und danach sind die Frauen mit ihren Eimerchen und Besen auf die Straße gegangen, haben das Land wieder zusammengefegt und danach war alles gut. Das stimmt einfach nicht. Der Großteil der Frauen, die Trümmer geräumt haben, wurden von den Alliierten dazu gezwungen. Die Amis haben ja die Deutschen auch dazu gezwungen, sich die Konzentrationslager anzugucken, sie sollten sehen, was sie da gemacht haben. Sie haben sie gezwungen, im Kino Aufnahmen von der Befreiung der KZs anzuschauen. Und sie haben die Deutschen dazu gezwungen, ihre Städte wieder aufzubauen, die zerstört wurden, weil die Deutschen den Krieg angefangen haben. Und wenn man jetzt mal guckt, wie viel wirklich von Frauen aufgebaut wurde, ist das verschwindend gering, denn sie haben nur in der Anfangszeit diese Arbeit gemacht. Als die Männer zurückkamen, haben die wieder übernommen.
Die Rede von Weizsäcker ist an sich gar nicht schlecht. Da ist auch vieles, was ich spannend und gut finde, und sie ist natürlich auf eine Art und Weise geschrieben, die sehr emotional und auf Augenhöhe ist. Aber sie zeigt halt auch die blinden Flecken, die in den 1980er Jahren immer noch in der deutschen Mehrheitsgesellschaft existiert haben – und die zum Teil auch nach wie vor existieren.
Julia Klöckner: time and place
Julia Klöckner hat als Bundestagspräsidentin zum 80. Jahrestag des Kriegsendes gesprochen und sich dabei auf die Weizsäcker-Rede bezogen. Sie knüpfte an seine Worte über Frauen an und thematisierte in diesem Kontext Vergewaltigungen deutscher Frauen in der Kriegsendphase. Verbrechen und Gewalt an Frauen sind ein Fakt. Das sehen wir heute in der Ukraine, die russische Armee setzt systematisch Vergewaltigungen als Kriegswaffe ein. Ich finde allerdings, dass der Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus, wo die Deutschen die Täter*innen waren, nicht dazu benutzt werden sollte, eine Geschichte von den Deutschen als Opfer zu erzählen. Das ist einfach nicht der passende Moment, so wichtig ich das Thema auch als solches finde.
Wenn man erzählen möchte, wie im Krieg sexualisierte Gewalt gerade gegen Frauen eingesetzt wird, könnte man auch schon früher anfangen, wie zum Beispiel die deutsche Wehrmacht Rotarmistinnen missbraucht hat, wie sie Jüdinnen in KZs zur Prostitution gezwungen haben – auch das ist sexualisierte Gewalt. Und wenn man das nicht erzählt, kommt schnell der Verdacht auf, dass es hier nur um ein Opfer-Narrativ geht und nicht um eine wirkliche Bestürzung über sexualisierte Gewalt an Frauen im Krieg.
Wir sehen also: In der Erinnerungskultur ist bei der Betrachtung der Rolle von Frauen noch viel Luft nach oben, da wird immer noch viel instrumentalisiert. Wenn ich an euer Thema denke, also die Wannsee-Konferenz, ist es doch interessant, dass erst in den letzten Jahren Recherchen dazu gemacht wurden, wer eigentlich als Sekretärin diese Besprechung stenografiert hat – denn diese Person war ja auch ein Rädchen im System, wenn auch vielleicht austauschbar. Ich finde es eine sehr interessante Herausforderung, zu überlegen, wann macht man wen sichtbar und in welchen Raum. Und ich finde es wichtig, dass wir mehr über Frauen als Täterinnen nachdenken, auch wenn die Sekretärin keine Teilnehmerin auf Augenhöhe waren. Diese Männer, die teilweise direkt am Mord beteiligt waren, spielen schon eine andere Rolle in diesem Kontext.