"Ich wollte andere Jüdinnen und Juden finden, und das war in der DDR nicht einfach."

Die Kulturwissenschaftlerin Prof. Cathy Gelbin wuchs in einer deutsch-amerikanisch-jüdischen Familie in der DDR auf, war in den 1980er Jahren in West-Berlin in lesbisch-feministischen Kreisen aktiv und hat ein erstes deutsches Zeitzeug*innen-Interviewprojekt geleitet, bevor sie ihre akademische Laufbahn in England weiterführte. In diesem Gespräch geht es vorrangig um ihre Kindheit und Jugend in der DDR und ihre jüdische Identität.

Brustporträt einer nachdenklich wirkende Frau mit grauen Haaren. Sie trägt eine schwarze Lederjacke und ein braunes Hemd mit Mustern. Im Hintergrund sind grüne Pflanzen und ein unscharfer Grabstein zu erkennen.
© Sharon Adler/PIXELMEER
Cathy Gelbin auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee, 2024

Ruth Preusse: Wie erinnern Sie sich an Ihre Kindheit in der DDR?

Cathy Gelbin: Mein Vater kam als McCarthy-Flüchtling in die DDR. Er gehörte zu einer Gruppe von Leuten aus westlichen Ländern, die keine Ursprünge in Deutschland hatten, sich aber Anfang der 1950er Jahre aus politischen Gründen entschlossen, in verschiedene Ostblockländer zu gehen – und eines davon war eben die DDR. Dort lernte er meine Mutter kennen. Ich wuchs also in einer internationalen Familie auf. Das war wichtig, würde ich sagen, denn ich bin definitiv anders aufgewachsen als andere Kinder. 

Äußerlich habe ich mich gut in diese Gesellschaft eingefügt. Darauf haben meine Eltern auch Wert gelegt. Ich wuchs also mit diesem Widerspruch auf: Wir sollten sein wie alle anderen, waren es aber nicht. Ich war zweisprachig, mit Englisch als meiner ersten Sprache, und hatte einen englischen Namen. Mein Vater, der sich in meiner Schule engagierte, sprach Deutsch mit starkem Akzent, das fanden meine Mitschüler*innen natürlich ungewöhnlich. Es fiel also immer auf, dass wir anders waren. 

Das Schöne an Kindern ist ja, dass sie solche Dinge gar nicht in Frage stellen, dass sie das Gegebene als normal wahrnehmen. Insofern habe ich äußerlich gut reingepasst, habe mich aber innerlich immer irgendwie anders gefühlt. Und das war nicht unbedingt ein negatives Gefühl.

Wir waren eine sehr offene Familie, es wurde beim Abendessen viel gesprochen und diskutiert. Politisch gab es keine Tabus, mir war also lange Zeit nicht klar, dass man in der DDR gar nicht kritisch sprechen durfte – bei uns zu Hause war das normal. 

Als ich in die Pubertät kam und aufmüpfig wurde, habe ich meine Eltern manchmal sehr herausgefordert mit meiner zunehmenden Kritik am sozialistischen System, zum Beispiel als ich über eine Freundin aus der Jüdischen Gemeinde von den stalinistischen Verbrechen erfuhr. Das war ein sehr schmerzhaftes Gespräch, aber zu Hause konnte man diese Dinge zumindest ansprechen.

Als ich mit 15 Jahren an die Erweiterte Oberschule kam und das dort auch so machte, stieß ich plötzlich an Grenzen. Bis dahin war ich sehr integriert gewesen und auch prinzipiell positiv gegenüber der DDR eingestellt. Aber in dieser Schule fühlte ich mich plötzlich in die staatsfeindliche Ecke gestellt, weil ich weiter offen über alles sprach. Ich hatte erkannt, dass es strukturelle Probleme gab, die vom Staat ausgingen, und dass das Duckmäusertum, wie wir es damals nannten, eine direkte Folge davon war. Und das habe ich im Staatsbürgerkundeunterricht oder im Geschichtsunterricht auch gesagt und mir dabei erstmal gar nichts gedacht. Ich war da noch an dem Punkt, dass wir diese Dinge benennen müssen, damit wir eine bessere Gesellschaft aufbauen können. 

Mir wurde dann zugetragen, dass die Schulleitung und die Lehrkräfte über mich sprechen, es hieß, in unserer Klasse gebe es einen antisowjetischen, präfaschistischen Kern. Das war eindeutig auf mich gemünzt. Ich war entsetzt und empört, und daraus hat sich bei mir eine zunehmend kritische Haltung entwickelt, die letzten Endes zu meiner Ausreise aus der DDR geführt hat. Das war zwar noch ein langer Prozess, aber ich würde sagen, damals hat es begonnen.

Die Freundinnen und Freunde, die ich mir auf dieser Schule suchte, haben eine Art Nihilismus betrieben. Das war in der DDR stark verpönt, Nihilismus war nicht Teil der sozialistischen Weltanschauung. Das waren Jugendliche, die haben die deutschen Romantiker gelesen, Prog-Rock und elektronische Musik gehört, eine Innerlichkeit kultiviert, über die sie sich einen Freiraum geschaffen haben. Das war eine Haltung, die vom Staat als feindlich wahrgenommen wurde, was sich dann auch in den Beurteilungen niederschlug, die zum Jahresende mit den Zeugnissen geschrieben wurden. Über mich hieß es: “Äußert sich nur selten zu politischen Fragen und wenn, dann negativ.” Das klingt jetzt vielleicht harmlos, aber in dieser verschlüsselten Sprache bedeutete das, dass ich eine staatsfeindliche Haltung habe. 

Ruth Preusse: Welches Verhältnis zum Judentum haben Sie familiär mitbekommen?

Cathy Gelbin: Meine Eltern waren Atheisten, aber ich habe trotzdem einiges mitbekommen. Meine Großmutter, die Mutter meines Vaters, die schon vor ihm mit ihrem zweiten Mann, dem Schriftsteller Stefan Heym, in die DDR gekommen war, starb 1969. Ich habe sie sehr geliebt. Sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof begraben, und wir sind jeden Monat zu ihrem Grab gegangen. Als Kind habe ich überhaupt nicht darüber nachgedacht, dass auf ihrem und den anderen Grabsteinen hebräische Buchstaben standen.

Es gab also etwas Jüdisches, mit dem ich aufgewachsen bin, und das war mit dem Tod verbunden. Diese Verquickung war in Deutschland, gerade auch in der DDR, ja nicht ungewöhnlich, denn in anderen Kontexten kam Judentum nicht zur Sprache. 

Als ich elf Jahre alt war, fing ich an, Fragen über meine Familiengeschichte zu stellen. Mein Vater hat mir dann viel über seine Großeltern erzählt. Sie sind Ende des 19. Jahrhunderts aus Russland, aus dem Zarenreich, in die USA emigriert. Das fand ich wahnsinnig aufregend und interessant, denn dieser amerikanische Zweig der Familie stand für ein Jüdischsein, das nicht nur durch die Shoah bestimmt war. Das war für mich sehr, sehr wichtig. Gut, sie haben sich assimiliert, wollten Amerikaner*innen sein, aber sie haben sich wie damals in Osteuropa üblich als ethnisch jüdisch verstanden. Das hat mich stark beeindruckt: Jüdischsein als eine ethnische Definition, ich fand das sehr schön, kraftvoll und kulturell interessant. Was genau das bedeutete, musste ich mir aber selbst erarbeiten. 

Ich glaube, dass ich von da an immer auf der Suche war. Ich wollte andere Jüdinnen und Juden finden, und das war in der DDR nicht einfach. Erstens gab es nur sehr wenige und zweitens war die DDR auch nicht wirklich daran interessiert, dass das sichtbar war. Aber ich entwickelte sehr feine Antennen: Namen, Aussehen, Gesprächsthemen. Wenn ich eine Vermutung hatte, habe ich versucht, mich im Gespräch heranzutasten. Und manchmal stellten sich tatsächlich Verbindungen heraus. Das war sehr wichtig für mich. 

Ich glaube nicht, dass das mit meiner politischen Kritik zu tun hatte. Das waren getrennte Prozesse. Aber ich war irgendwie immer anders. Und gerade dieser Blick von außen hat es mir ermöglicht, Dinge schärfer zu sehen, zu benennen und auch den Mut zu haben, mich in die Position einer Außenseiterin zu begeben, während andere vielleicht das Kollektiv im Rücken vermisst hätten. 

Einige Jugendliche, die ich in der Schule kennenlernte, suchten in christlichen Kontexten einen Ausdruck für ihre oppositionelle Haltung. Eine Freundin nahm mich einmal mit in die christliche Jugendgemeinde, und ich fand das interessant, aber es war mir auch wahnsinnig fremd. Da fragte ich mich, ob es sowas auch in der jüdischen Gemeinde gibt. Ich wusste inzwischen, dass es eine Gemeinde gab, denn die Synagoge in der Rykestraße war 1978 restauriert und neu eingerichtet worden, und wir sind dort gewesen. Ich dachte, dass das vielleicht ein Ort für mich sein könnte, bin in die Gemeindebibliothek gegangen und habe nachgefragt. Und da hieß es, dass es tatsächlich eine Gruppe gibt und dass ich meinen Namen und eine Telefonnummer hinterlegen soll. Nach ein paar Wochen wurde ich zum nächsten Treffen eingeladen.

Von da an ging ich in diese Jugendgruppe, und ich würde sagen, dass ich mich dort wie ein Fisch im Wasser fühlte. Es war sofort klar, dass das für mich passte. Da war das Politische nicht vordergründig, sondern das Jüdische, und das war für mich eine wahnsinnig schöne Erfahrung. Da waren andere Jugendliche in meinem Alter, man musste nicht rumdrucksen oder kodierte Fragen stellen, sondern konnte sich einfach unterhalten. Die meisten hatten insofern ähnliche Lebensgeschichten wie ich, als dass die meisten eine Geschichte von Immigration, Migration oder Emigration in der Familie hatten und die Eltern oder Großeltern von irgendwo nach Deutschland zurückgekehrt waren. Sie passten auch nicht ganz in das übliche Schema des DDR-Bürgers und gingen damit kreativ um. 

Es war keine große Gruppe. Es gab in der DDR geschätzt insgesamt 4.000 bis 6.000 Jüdinnen und Juden, jedoch hatten die Jüdischen Gemeinden Anfang der 1980er Jahre nur etwa 400 Mitglieder. Die meisten, die nach 1945 in der DDR lebten und aus den Lagern oder der Immigration kamen, waren Kommunist*innen oder zumindest sehr linksgerichtet. Sie waren assimiliert, hatten sich wegen ihrer sozialistischen Überzeugungen vom Judentum als Religion getrennt und waren nicht daran interessiert, in eine jüdische Gemeinde zu gehen. Das war wirklich nur ein ganz kleiner Kreis von Leuten. Und dieser Kreis schrumpfte beständig. Als ich 1980 dazu kam, hatte die Ost-Berliner Gemeinde etwa 200 Leute. Diese Zahl verringerte sich ständig, denn dreiviertel davon waren alte Leute, und die starben nach und nach. 

Bereits vor meiner Zeit gab es ein Kinderferienlager, mit Kindern der Gemeindemitglieder und aus deren Umfeld, und aus dieser Kindergruppe wollten sie Anfang der 1980er Jahre eine Jugendgruppe entwickeln. Die Gemeinden waren ja praktisch vom Aussterben bedroht, deshalb wollten sie die Jugendlichen anregen, Mitglied zu werden. 

In Berlin setzte sich der Gemeindevorsitzende Dr. Peter Kirchner dafür ein. Das war ungefähr der Moment, als ich dazukam. Es muss eines der ersten Treffen überhaupt gewesen sein. Wir waren vielleicht 20 Leute, wovon mindestens die Hälfte keine Jugendlichen in dem Sinne mehr waren. Der Begriff “jugendlich” wurde sehr breit gefasst, das waren Leute bis 40 Jahre, weil wir sonst vielleicht nur zu dritt oder zu viert dagesessen hätten. Einmal im Monat kam Rabbiner Stein aus West-Berlin, um zu uns über religiöse Themen zu sprechen. Die Gemeinderäume in der Oranienburger Straße wurden unser Treffpunkt. Ich kann mich erinnern, dass wir in einer Stunde über die Mikwe sprachen. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, war das wahrscheinlich kein Zufall: Die jungen Leute sollten ja dazu bewegt werden, in die Gemeinde einzutreten, und das hätte zumindest für einige auch bedeutet, in die Mikwe zu gehen. Ich fand das alles wahnsinnig spannend und aufregend. 

Wir waren dann etwa zu zehnt, definitiv nicht mehr, wahrscheinlich eher weniger. Einige von uns gingen auch in die Gottesdienste am Freitagabend. Manchmal haben wir uns auch an Feiertagen getroffen, haben zusammen Rosch HaSchana oder einen Schabbat bei jemandem zuhause verbracht. Es entwickelten sich engere Freundschaften. Dass dieser Kreis so klein war, hat der Lebendigkeit keinen Abbruch getan. Natürlich wäre es schön gewesen, eine größere Bandbreite, auch andere Formen des Judentums kennenzulernen, aber in meiner Erinnerung war ich einfach glücklich, das zu haben. Ich fand auch die Freundschaften, die ich dort schloss, so interessant und lebendig, dass mich das wirklich sehr beflügelt und inspiriert hat. 

Ruth Preusse: Und haben Sie diese Erfahrungen mit Ihren Mitschüler*innen geteilt, oder haben Sie dieses Leben außerhalb der Schule extra für sich behalten? 

Cathy Gelbin: Ich habe es nicht bewusst für mich behalten. Dass ich jüdisch bin, wussten alle, weil ich, seit ich 14 Jahre alt war, einen ziemlich großen Davidstern trug, den ich mir zu meiner Jugendweihe gewünscht hatte. An der Abiturschule haben mich alle so kennengelernt. Wenn Sie nach Antisemitismus fragen: In meiner Kindheit war mir Antisemitismus nicht bewusst. Es wird sich vieles eher atmosphärisch abgespielt haben, weil das in der DDR offiziell tabuisiert war. Ich erinnere mich an einen Vorfall in dieser Schule: Wir wechselten jede Stunde den Klassenraum, saßen aber immer in derselben Bank, nur in unterschiedlichen Räumen. Deshalb weiß ich nicht, ob das Folgende auf mich gemünzt war. Aber in einer Stunde, zufälligerweise der Geschichtsstunde, war in meiner Bank ein Hakenkreuz eingeritzt und zwar an die Tischkante, da, wo man dransitzt. Es war ein kleines Hakenkreuz, aber es ist mir sofort aufgefallen. Da war ich wahrscheinlich in der 9. Klasse. 

In meiner Grundschule war schon einmal etwas Ähnliches passiert: Da hatte jemand in die Weitsprunggrube ein sehr großes Hakenkreuz geritzt. Das konnte man von unseren Garderoben aus sehen. Und das sprach sich plötzlich herum und alle rannten wie verrückt in die Garderobe und wollten dieses Hakenkreuz sehen, aus Schaulust. Ich bin nicht hingerannt, habe es mir nicht angesehen. Ich war von diesem Vorgang ziemlich entsetzt, auch von dieser Lüsternheit. Aus dieser Erfahrung heraus habe ich, obwohl ich empört war über dieses Hakenkreuz an meiner Schulbank, im Unterricht nichts gesagt. Ich bin erst in der Pause zu der Geschichtslehrerin gegangen. Sie war erst sehr aufgeregt und sagte: “Oh, ja, zeig mir das mal”, ist dann mit mir an meine Bank gegangen und ihre einzige Reaktion war: “Ach, das ist ja nur ein kleines.”  Und das war alles. Ich war entsetzt angesichts dieser Verharmlosung.

Also die Leute wussten sehr genau, dass ich jüdisch bin. Ich habe es auch plakativ zur Schau getragen, hatte diesen Davidstern um. Mein Klassenlehrer sprach mich darauf auch einmal an, das hatte ihm wahrscheinlich die Schulleitung aufgetragen. Er wollte hauptsächlich wissen, ob ich religiös oder zionistisch bin. Ich hatte mit beidem keine Probleme, aber ich hatte auch keine starken Affinitäten zu einem. Ich habe also gesagt, für mich ist das einfach ein Ausdruck meiner Identität und deshalb trage ich den Davidsstern. Damit war er zufrieden und dann passierte auch nichts weiter Offenkundiges.

Leute, die christlich waren, durften keine Kreuze öffentlich tragen und manche durften zum Beispiel kein Abitur machen, wenn sie sehr stark christlich engagiert waren. Sowas passierte mir nicht, wohl weil die gesellschaftliche Angst vor dem Vorwurf des Antisemitismus sehr groß war. Dadurch hatte ich in mancher Hinsicht wahrscheinlich gewisse Freiheiten, die andere nicht hatten. 

Es war trotzdem nicht so, dass ich mich sicher fühlte. Äußerlich zeigte ich keine Angst und war laut, aber innerlich hatte ich sehr viel Angst. Ich hatte Albträume, ich hatte Ängste, gewisse Dinge über die Familien meiner Mitschüler*innen zu hören. Da war immer eine latente Vorsicht. Ich war ja noch jung, da macht man sich das noch nicht so bewusst. Eigentlich weiß ich erst jetzt, wie stark diese Unsicherheit tatsächlich war. 

Ruth Preusse: Können Sie sich erinnern, wie Sie in der Schule mit der offiziellen Erinnerung an den Nationalsozialismus konfrontiert wurden? 

Cathy Gelbin: Wir sind nach Sachsenhausen gefahren, da war ich 14 Jahre alt, das war noch vor dem Schulwechsel. Der Gedenkstättenbesuch war Teil der Schulung für den Eintritt in die FDJ. Da sind wir an verschiedene solcher Orte geführt worden. Allerdings war ich mit meinen Eltern schon früher in ehemaligen Konzentrationslagern gewesen. Ich war das erste Mal als Kind in Ravensbrück mit meinen Eltern. Mit 13 Jahren haben wir die Gedenkstätte Theresienstadt besucht. Insofern waren das Orte und Dinge, mit denen ich wie die meisten Kinder aus jüdischen Familien sehr vertraut war. Darüber wurde auch bei uns zu Hause gesprochen. Es war nicht tabu. 

Das Gedenken in der DDR war sehr stark auf den Widerstand ausgerichtet, und das wurde durch bestimmte Symboliken verstärkt. Zum Beispiel wurde suggeriert, dass die Gaskammern von Auschwitz etwas waren, was alle Häftlingsgruppen erleiden mussten. Thematisiert wurden nur kommunistische und jüdische Häftlinge. Vielleicht wurden mal Zeugen Jehovas erwähnt, aber von Homosexuellen haben wir so gut wie nichts gehört. Auch dass die Behandlung der verschiedenen Opfergruppen nicht dieselbe war, dass die totale Vernichtung nicht für alle Opfergruppen geplant war, das haben wir nicht gelernt. Das ist mir erst viel später klar geworden.

 

Schwarz-weiß-Fotografie einer Gruppe von Menschen in formeller Kleidung, die in einer Reihe marschiert, auf einem gepflasterten Platz im Freien. Im Hintergrund steht ein großer Obelisk, auf dem Dreiecke erkennbar sind. Der Obelisk ist umgeben von Flaggen. Eine Person führt die Gruppe und trägt eine Fahne.
© Mediathek Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen
Gedenkveranstaltung der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen für die Ermordung von 24 deutschen und 3 französischen Häftlingen am 11. Oktober 1944, 1984

Zwei Sachen stießen mir bei diesem Besuch in Sachsenhausen sehr schlimm auf. Ich trug damals schon meinen Davidstern, den hatte ich kurz vorher bekommen. Und vor unserer Ankunft dort erzählte ein Mitschüler mir einen Vergasungswitz, den er sehr lustig fand. Wenn sowas passierte, bin ich immer empört nach Hause gerannt und ließ mich von meinem Vater trösten. Er hat versucht, mir Halt zu geben, hat das Vorgefallene nicht kleingeredet, wollte aber auch, dass ich keine Angst habe.

Er selbst hatte durch seine Geschichte ein anderes Selbstbewusstsein. Mein Vater war im Zweiten Weltkrieg amerikanischer Soldat gewesen. Er und mein Stiefgroßvater Stefan Heym haben mit der Perspektive der Sieger in der DDR gelebt. Natürlich hatte mein Stiefgroßvater auch Angst, er war ja aus Deutschland geflüchtet. Aber beide hatten trotzdem dieses Gefühl, dass sie mit der Waffe gegen die Nazis gekämpft und auch gewonnen hatten. Das hat ihnen eine Sicherheit gegeben, die sich mir als Kind auch ganz stark vermittelt hat. 

Zurück zu Sachsenhausen: Als wir mit der Besichtigung des Lagers fertig waren, kam meine Klassenlehrerin sehr aufgeregt auf mich zu. Sie war Mitte 40, vielleicht Anfang 50, und wir mochten uns sehr. Fassungslos erzählte sie mir, dass zwei von meinen Mitschülern sich an der Genickschussanlage gegenseitig fotografiert haben. Sie sagte: “Ich bin auf sie zugegangen und habe den Film aus der Kamera gerissen, denn ich komme auch aus einer jüdischen Familie.” In diesem Augenblick hat sie sich vor mir sozusagen geoutet, denn dass sie aus einer jüdischen Familie kommt, war nicht bekannt. Offensichtlich wusste sie, dass ich verstehe, warum sie so empört ist. Das hat unsere Verbundenheit noch einmal gestärkt, obwohl ich schon kurz darauf die Schule verlassen habe. 

Ich vermute heute, dass sie etwas auf mich achtgab und auch versucht hat, mich beruflich auf einen Weg zu bringen, der für mich passte: Sie hat mir wegen meiner Sprachbegabung empfohlen, Dolmetscherin zu werden – weil ich dann auch mehr Reisefreiheit hätte. Ich habe dann beschlossen, Spanisch studieren und bin auf eine Erweiterte Oberschule gekommen, eine von nur sechs in der ganzen DDR, wo Spanisch als dritte Fremdsprache unterrichtet wurde. 

Kontakte, die Leute mit jüdischen Familienbezügen zueinander geschlossen haben, sind oft aus diesem Selbstverständnis heraus entstanden, dass man aufeinander achten muss und dass es da eine besondere Beziehung gibt, auch wenn man das vielleicht nicht öffentlich zugeben konnte. 

Zur Erinnerungskultur an den Nationalsozialismus in der DDR – das sage ich jetzt mehr als Akademikerin als aus damaliger Überzeugung – : Es gab diese Ambivalenz, dass einerseits über den Nationalsozialismus sehr viel geredet wurde, dass es ein zentrales Anliegen in der DDR war, die Erinnerungen an die “faschistischen Verbrechen”, so der damalige Terminus, wachzuhalten. Und andererseits, das verstand ich erst, als ich in die Jüdische Gemeinde ging, gab es eine Aneignung und gleichzeitig eine Ausgrenzung von jüdischen Themen. Je mehr ich das verstanden habe und eine eigene Sprache für diese Dinge fand, umso wichtiger wurde mir, zu betonen, dass die jüdische Geschichte, überhaupt das “Jüdischsein” im Nationalsozialismus eine besondere Bedeutung hatte, die nicht verschwiegen werden darf und über die man reden muss. Dadurch veränderten sich auch meine Freundschaften. 

Viele meiner Schulfreundinnen und -freunde konnten damit nicht viel anfangen, die hatten andere Themen, vielleicht fühlten sie sich auch ein bisschen von mir verunsichert. So wurden die Freundschaften in der Jüdischen Gemeinde für mich immer wichtiger. Als ich mit 19 mit der Schule fertig war, blieb ich noch zwei Jahre in der DDR. Und ich erinnere mich in dieser Zeit eigentlich nur noch an Aktivitäten und Freundschaften mit Leuten aus der Jüdischen Gemeinde. 

Ruth Preusse: Haben Sie sich in dieser Zeit oder dann in der BRD auch mit dem Fehlen der Erinnerung an die Verfolgung von queeren Menschen beschäftigt? 

Cathy Gelbin: Das war für mich ein Lernprozess, wie für viele in meiner Generation. Ob ich in der DDR überhaupt davon gehört hatte, dass Homosexuelle im Nationalsozialismus verfolgt wurden, weiß ich nicht mehr. 

Aber ich habe sehr stark Homophobie erlebt, die dazu führte, dass die meisten schwulen Männer total versteckt lebten, und dass lesbische Frauen nicht sichtbar waren in der Öffentlichkeit. Und dass das Dinge waren, über die nicht wirklich gesprochen wurde. Diese Unterdrückung war in der DDR nicht gesetzlich vorgeschrieben, aber gesellschaftlich total verankert. Das habe ich als Jugendliche natürlich mitgekriegt und das hat mich sehr beschäftigt, gerade im Hinblick darauf, wie und wann ich mich selbst oute oder vor wem ich mich eben nicht geoutet habe.

Als ich 1985 nach West-Berlin kam und dort in der Frauen- und Lesbenszene unterwegs war, merkte ich, dass es dort als Widerspruch erlebt wurde, dass jüdische Frauen auch Lesben sein können. Das hatte eine antisemitische Komponente, Jüdischsein wurde praktisch aus dem Lesbisch- oder Schwul-Sein ausgegrenzt. Es war, als ob es eine Art Konkurrenzgeschichte gab zwischen der Verfolgung der Homosexuellen, wie es im Nationalsozialismus hieß, und der Verfolgung der Jüdinnen und Juden. Meine Affinitäten waren für mich klar: Es ging jetzt darum, diese Geschichte der Homosexuellen-Verfolgung aufzuarbeiten und sichtbar zu machen, dabei aber nicht in eine Konkurrenz zur Shoah zu gehen. 

Ich war mit der angehenden Historikerin Claudia Schoppmann ganz gut befreundet und kannte ihre Arbeiten, habe später ihre Doktorarbeit über die Geschichte von Lesben im Nationalsozialismus gelesen, wo dann ja auch diese Geschichtsklitterung implizit klar wurde, die sie damit aufgearbeitet hat bezüglich eines angenommenen Holocaust von Lesben im Nationalsozialismus. Das Problem für uns jüdische Lesben war auch, dass die Frauen, die uns als Jüdinnen ausschlossen, sich wie wir als Feministinnen positionierten. Schmerzhaft war dabei nicht nur diese Ausgrenzung, sondern auch, dass es sich um Kinder und Enkelkinder von Täter*innen und Mitläufer*innen handelte, die diese Dinge zu uns sagten. Insofern war die antisemitische Komponente dieser Kritik noch deutlicher. 

Ich versuche, das an Studierende zu vermitteln: sowohl die Geschichten dieser verschiedenen Verfolgtengruppen im Nationalsozialismus als auch die Debatten, die es seit den 1970er und -80er Jahren darüber gab und wie sie sich inzwischen gewandelt haben. Denn der Diskurs ist jetzt nochmal ganz anders als noch vor ein paar Jahren. Als Filmwissenschaftlerin mache ich das aus filmischer Perspektive. Ich habe seit vielen Jahren einen Kurs über Holocaust-Darstellungen im Film, und darin behandeln wir auch die Erfahrungen von Schwulen und Lesben im Nationalsozialismus. Inzwischen gibt es wirklich einige sehr gute und differenzierte Filme dazu, die versuchen, nicht in dieses Konkurrenzverhältnis zu treten, sondern die Erfahrungen für sich zu thematisieren, und das finde ich sehr gelungen.

Ruth Preusse: Wie blicken Sie seit dem 7. Oktober 2023 auf die deutsche Erinnerungskultur und die gestiegenen Zahlen antisemitischer Vorfälle? 

Cathy Gelbin: Der Überfall der Hamas und alles, was danach passierte, hat dem Nachkriegsantisemitismus eine neue Qualität gegeben, das Gefühl von Ausgrenzung und Bedrohung ist noch intensiver und umfassender als in den 1980er Jahren. Das ist das, was so erschreckend ist. Aber Antisemitismus war schon vorher da, nur außer bei ganz Rechten eher unter einer Decke. 

Ich will nicht das, was dazwischen war, ganz diskreditieren. Es gibt auch Leute, die wirklich aus den damaligen Debatten etwas gelernt und sich verändert haben. Einige, mit denen ich früher sehr stark gestritten habe, haben heute ein ganz anderes Bewusstsein über diese Dinge, was mir auch wieder ein bisschen Hoffnung gibt. Aber die Kontinuitäten finde ich beklemmend.

Es war ein wichtiger Moment in der Geschichte der Bundesrepublik nach der deutschen Einheit von 1990, dass das Gedenken an die Shoah und an die Holocaust-Opfer insgesamt einen zentralen Platz im Selbstverständnis der neuen Republik eingenommen hat. Das war für mich einer der grandiosesten Momente in meiner eigenen Geschichte, damals das Gefühl zu haben, dass wir irgendwo angekommen sind und dass sich die Arbeit, die wir von der Generation vor uns übernommen, weitergeführt und mit unseren eigenen Inhalten gefüllt haben, dass die was gefruchtet hat. Das finde ich ganz wichtig. 

Aber Gedenkkulturen, so wie alle Kulturen, verändern sich ständig, weil sich auch die gesellschaftlichen Bedingungen und politischen Prozesse ständig verändern. Statt sich Vorwürfe zu machen und zu glauben, dass alles falsch war, was man in der Vergangenheit gemacht hat, sollte das jetzt ein Aufruf sein, neu nachzudenken, zu überlegen, wie wir es jetzt angehen müssen. 

Das ist die Herausforderung, vor der wir jetzt stehen. Wir müssen Mut fassen und das angehen, auch wenn es schwer ist, weil es sich so anfühlt, als müssten wir wieder ganz von vorn anfangen.

Eine lächelnde Frau mit kurzen grauen Haaren steht hinter einem Tisch. Sie trägt einen olivgrünen Blazer über einer roten Bluse. Ihre Hände ruhen auf dem Tisch. Im Hintergrund sind unscharfe Bilder und Texte an einer Wand zu sehen, die auf eine Ausstellung hinweisen.
© Sharon Adler/PIXELMEER
Cathy Gelbin im Jüdischen Museum Berlin, 2023

Cathy Gelbin ist Professorin für Filmwissenschaft und Germanistik an der Universität Manchester. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit Spielfilmen, Videozeugnissen, literarischen Texten und Live-Kunst, wobei der Schwerpunkt auf der Darstellung der Shoah und der Entwicklung der modernen deutschsprachigen jüdischen Kultur liegt. Derzeit untersucht sie Ausdrucksformen der jüdischen Präsenz in der DDR. 

Zuvor war sie am Centre for German-Jewish Studies der University of Sussex und am Moses-Mendelssohn-Zentrum für europäisch-jüdische Studien der Universität Potsdam tätig. Dort koordinierte sie zusammen mit Eva Lezzi in den 1990er Jahren ein erstes deutsches Zeitzeug*innen-Video-Projekt zur Shoah, das “Archiv der Erinnerung”.

2023/24 wirkte sie an der Ausstellung “Ein anderes Land. Jüdisch in der DDR” des Jüdischen Museums Berlin mit.

Blick in die Ausstellung "Ein anderes Land. Jüdisch in der DDR"; Jüdisches Museum Berlin, 2023
© Jens Ziehe
Blick in die Ausstellung "Ein anderes Land. Jüdisch in der DDR"; Jüdisches Museum Berlin, 2023
Blick in die Ausstellung "Ein anderes Land. Jüdisch in der DDR"; Jüdisches Museum Berlin, 2023
© Jens Ziehe
Blick in die Ausstellung "Ein anderes Land. Jüdisch in der DDR"; Jüdisches Museum Berlin, 2023
Blick in die Ausstellung "Ein anderes Land. Jüdisch in der DDR"; Jüdisches Museum Berlin, 2023
© Jens Ziehe
Blick in die Ausstellung "Ein anderes Land. Jüdisch in der DDR"; Jüdisches Museum Berlin, 2023