Kontinuitäten im deutschen Rundfunk am Beispiel Josef Pelz von Felinau

Von ihm stammt “Hypnose”, das erste Hörspiel, das wenige Wochen nach Kriegsende im deutschen Rundfunk gesendet wurde. Sein Autor und Sprecher ist den Hörer*innen kein Unbekannter. 

Von Karin Pfundstein

Als am 13. Mai 1945 der Berliner Rundfunk unmittelbar nach dem Kriegsende wieder zu senden begann, wenige Wochen nach kriegsbedingter Unterbrechung des Sendebetriebes seit dem 24. April, steht dieser Neubeginn gleichzeitig im Zeichen von naheliegenden, jedoch auch ambivalenten Kontinuitäten. Es ergaben sich technische und infrastrukturelle Kontinuitäten, wenn beispielweise in Berlin wieder vom 1933 errichteten Sender Tegel gesendet wurde, der während der gesamten NS-Zeit den Reichssender Berlin übertrug. Wir stellen räumliche Kontinuitäten fest, wenn es im Haus des Rundfunks in der Berliner Masurenallee nach Jahren, in denen das Haus die Zentrale des Großdeutschen Rundfunks bildete, mit Redaktions- und Produktionsarbeit unter sowjetischer Führung weiterging. Auch Kontinuitäten im Programmvermögen zeigen sich, denn: Was in den Rundfunkarchiven der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft (RRG) während der NS-Zeit gesammelt wurde und zum Kriegsende nicht ausgelagert oder u.a. als Beutegut ins Ausland gelangte, verblieb in den Archiven des Hauses des Rundfunks und fand Eingang ins Programm.1

Auch personelle Kontinuitäten prägten die Umbruchszeit vom NS-Deutschland zur Nachkriegszeit. So wird zum Beispiel seit 2021 die NS-Vergangenheit von Hans Abich, 1973 bis 1978 Programmdirektor des Ersten Deutschen Fernsehen, kontrovers diskutiert, da dieser hinsichtlich seiner Tätigkeiten in den Medien der NS-Zeit log.2 Trotz aller Brüche und Neuanfänge 1945 hat es keine Stunde Null im Rundfunk gegeben. Wie in quasi allen gesellschaftlichen Bereichen waren personelle Kontinuitäten die Regel. Am Beispiel Josef Pelz von Felinaus soll dies hier aufgezeigt werden. 

Ein Mann in einem Anzug sitzt an einer Schreibmaschine und lächelt. Hinter ihm sind Vorhänge und eine Stehlampe sichtbar. Auf dem Tisch liegen einige Schreibutensilien. Die Szene strahlt eine nostalgische Büroumgebung aus.
© Deutsche Fotothek / Fritz Eschen
Josef Pelz von Felinau 1964

Der Rundfunkautor und -sprecher war den Radiohörer*innen der Nachkriegszeit vor allem als charismatische Stimme mit sonorem Timbre und unverkennbarem Akzent – “geformt aus allen Sprachen des alten Habsburgerreiches3 – bekannt: Ein Fabulierer mit überbordender Fantasie, der in seiner Wirkungszeit von einem halben Jahrhundert eine Vielzahl von Erzählungen, Hörspielen und Anekdoten verfasste und für den Rundfunk produzierte. Er war eine Konstante im Ätherprogramm, die die Hörer*innen durch die Zeitläufte begleitete und die eine medienpsychologische Ankerfunktion in Zeiten der Katastrophe, der Umbrüche und der Unsicherheiten einnahm. Josef Pelz von Felinaus schillernder Werdegang kann in drei Schaffensperioden eingeteilt werden, die zugleich eng mit der deutschen Geschichte verbunden sind: die Zeit der Weimarer Republik, die NS-Zeit und das Nachkriegsdeutschland. Um die beiden späteren soll es hier schwerpunktmäßig gehen, seine Arbeiten ab 1933 bis in die 1960er Jahre. 

Geboren am 24. Oktober 1895 in St. Pölten bei Wien, gestorben am 15. Februar 1978 in West-Berlin, hinterlässt Pelz von Felinau ein umfangreiches und vielschichtiges Werk voller Ambivalenzen. Dahinter scheint eine mitunter widersprüchliche Autorenpersönlichkeit durch. Zu Beginn seiner Schaffenszeit wirkte er um das Jahr 1920 zunächst als Autor von Sensationsberichten über den Untergang der Titanic und Schiffsabenteuer und war zur Mitte des Jahrzehntes Rundfunkpionier bei der Funk-Stunde Berlin an der Seite von Alfred Braun im Voxhaus Berlin. Er transformierte Sehnsüchte der Zeit der Weimarer Republik – nach Expedition, Abenteuer und Exotismus – in Formate für das Medium Rundfunk, darunter Hörspiele. Daneben trat er als Vortragskünstler auf Gastspielreisen mit Auftritten auf Kleinbühnen der Republiken Österreich und Deutschland auf.

Während der NS-Zeit verfasste er den Erfolgsroman “Titanic” sowie verschiedene Hörspiele, die er auch als Sprecher vertonte. Es handelte sich dabei um Stoffe, die die Grenze zum propagandistischen Kolonialhörspiel überschritten und zusammen mit funkdramatischen Eroberungsfantasien, heimatschwelgerischen, sentimentalen oder auch eskapistischen Radiostücken ein Rädchen in der Maschinerie des gelenkten und gleichgeschalteten Rundfunks darstellten. Nach dem Weltkrieg agierte er bruchlos als Schrittmacher des neu zu gründenden Rundfunks, der ihm das erste Nachkriegshörspiel “Hypnose” verdankt. Er machte sich als Rundfunk-Allrounder selbständig und produzierte im eigenen Tonstudio am Steubenplatz in West-Berlin unzählige Hörspiele und Musiksendungen in Zusammenarbeit mit seiner Ehefrau Irene Pelz von Felinau, die Tontechnikerin war, und platzierte sie sehr erfolgreich in den Hörfunkprogramm der ARD-Sender.

Zeit des Nationalsozialismus

“Also stand ich jeden Tag auf der deutschen Kabarettbühne und schmetterte politische Satiren, bis Adolf Hitler dem Spuk ein Ende bereitete und ich dann zum Film übersiedelte. Da war ich Autor der UFA mit einem Jahresvertrag und einer ganz hübschen Gage. Darüber darf man nicht sprechen, Entschuldigung. Ich war aber damals sehr zufrieden. Dann war wieder nichts. Dann entschloss ich mich, dem Funk meine Aufwartung zu machen. Zuerst in Hörspielen, dann in noch größeren Hörspielen, bis ich schließlich dahinter kam, das, was die Leute schreiben, kannst du vielleicht auch. Da fing ich zu schreiben an. Kleine Sachen, mittlere Sachen. Und endlich landete ich bei der eigenen Produktion.”

Interview mit Josef Pelz von Felinau (Jugendsendung), SFB 1962, DRA: KONF.6149428

So kommentiert Josef Pelz von Felinau in einer SFB-Jugendsendung 1962 seinen Werdegang von der Weimarer über die NS- bis in die Nachkriegszeit. Bezeichnend ist, wie er über sein Wirken während der Zeit des Nationalsozialismus geflissentlich hinwegredet. Dabei erstaunt sein Eingeständnis, dass er in der NS-Zeit keine Probleme gehabt habe und gut beschäftigt gewesen sei – nicht ohne seiner Hemmung Ausdruck zu geben, dies in den frühen 1960er-Jahren zu gestehen. Die Tatsache seiner ununterbrochenen Beschäftigung während der Jahre 1933 bis 1945 lässt sich belegen, wenn man Felinaus Film-Werkeverzeichnis in seiner Funktion als Drehbuchautor, das die Jahre 1932 bis 1934 umfasst,4 um Hörfunkproduktionen unter seiner Beteiligung und Urheberschaft der Jahre 1935 bis 1944 ergänzt.5

Josef Pelz von Felinau trat in den Jahren 1935 bis 1939 ausschließlich als Hörspielsprecher in Erscheinung, beispielsweise in “Die Hermannsschlacht” in der Rolle des römischen Feldherrn Varus, in “Kreuzzug 1921”, in welchem auf dem Schauplatz der Mongolei und deren Eroberung durch die Weiße Armee ein plakativer Anti-Bolschewismus propagiert wird, sowie in “Alkazar, die Helden von Toledo”, das im Sinne  der franquistischen Propaganda die Besetzung Toledos durch Truppen Francos im September 1936 feiert.6

Das früheste bekannte Rundfunkstück, welches Josef Pelz von Felinau in zentraler Funktion als Sprecher künstlerisch mitgestaltete und das ganz im Zeichen der nationalsozialistischen Propaganda steht, ist der “Monolog aus ‘Markgraf Gero’” aus der Feder von Günther Lenning aus dem Jahr 1938. Darin wird der Symbolfigur einer mittelalterlichen “deutschen” Eroberungspolitik im Osten – Gero dem Großen – gehuldigt, indem diesem eine schwülstig-martialische Rede in den Mund gelegt wird: “Das Reich steht: im Süden, im Westen, so auch hier im Osten.” Pathetisch kulminiert sie in einer sakralsprachlichen Anbetung: “Nun beuge ich mich nackt vor Dir, allmächtiger Gott. Ich habe gekämpft, und ich habe gefehlt. Aber ich weiß, du wirst mir vergeben. Denn ich kämpfte ja in deinem Namen, denn du willst das Reich im Himmel, also auch auf Erden. In alle Ewigkeit, Amen.” Die Germanisierungs- und Aggressionspolitik der Nationalsozialisten wird damit pseudohistorisch untermauert und einer völkerrechtsverachtenden Ideologie Tribut gezollt.

Im Jahr 1939 setzt die Reihe von Hörspielen ein, die im Zusammenhang mit dem verschärfteren Konfrontationskurs der NS-Führung und dem begonnen Weltkrieg zu betrachten sind: In den drei RRG-Hörspielen “Opium” (1939), “Kut el Amara” (1939) und “Todesmarsch nach Lowitsch, September 1939” (1940) wird ein stark negatives Feindbild der Engländer gezeichnet und angebliche politisch-moralische Verfehlungen auf außenpolitischen Schauplätzen Großbritanniens – in China im 18. Jahrhundert und im Osmanischen Reich während des Zweiten Weltkrieges – aufgezeigt. In “Todesmarsch nach Lowitsch” wird auf infame Art neben England zusätzlich auch Polen diffamiert. Besonders krude ist hier das Schlusswort, in dem “der unzähligen namenlosen Opfer, die in dieser Zeit auf den Todes- und Höllenmärschen dem Hass der polnischen Bestien erlegen sind”, gedacht wird. Dass allein Hitlerdeutschland die Verantwortung für den Überfall auf Polen und damit die vielen Opfer trägt, wird in der Schuldfrage ins völlige Gegenteil verdreht. In allen drei Hörspielen ist Felinau als Sprecher von größeren oder kleineren Nebenrollen zu hören.

Ab 1940 war Josef Pelz von Felinau auch als Autor für den NS-Rundfunk tätig: Er verantwortet alle Teile des Hörspiel-Mehrteilers “Volkwerdung der Afrikaner”, dessen Aufnahmezeitraum zwischen dem 12. April 1940 und dem 26. Februar 1941 lag: Eine sechseilige propagandistische Huldigung des europäischen Kolonialismus in Südafrika mit stark antibritischen Tendenzen. Die von der RRG produzierten Hörspiele auf Afrikaans wurden als Sendungen des Deutschen Kurzwellensenders für Südafrika ausgestrahlt. Sie thematisieren historische Ereignisse der Kolonialgeschichte Südafrikas, die im Kontext der NS-Planungen für Afrika Zeitzeugnisse dieses wenig bekannten nationalsozialistischen Expansionsstrebens darstellen:7 Als übergeordnetes Narrativ der Reihe kann die Gegenüberstellung der “guten” Kolonialmacht der Buren und der “schlechten” der Engländer gelesen werden, mit welcher die ideologische und politische Allianz zwischen vielen Bur*innen und den deutschen Nationalsozialist*innen ab 1939 verstärkt werden sollte.8 Die Folge “Der Burenkrieg” öffnet und schließt mit Szenen, die die Titel “Die konsentrasiekamp” und “Die konsentrasielager” tragen. Es geht um die Konzentrationslager der Briten in Südafrika, in welchen sie während des Burenkrieges 1899 bis 1902 Gefangene internierten – die ersten als “concentration camps” bezeichneten Lager dieser Art. Das Hörspiel wurde 1940 produziert und damit zu einer Zeit, in der bereits zahlreiche KZ in Deutschland und den besetzten Gebieten existierten. Diesen historischen Verweis als manipulative Ablenkung vom Geschehen im Deutschen Reich zu deuten, wäre naheliegend.

Über die Zeitspanne 1935 bis 1941 ließ sich Josef Pelz von Felinau in zunehmendem Maße in den Dienst des Rundfunks der NS-Diktatur stellen. Ein Zeichen für eine Identifikation mit dem Weltbild der Nationalsozialisten ist der Umstand, dass er sich ab 1940 auch als Rundfunkautor betätigte und damit in schaffender und nicht mehr nur rein mitwirkender Funktion propagandistisch agierte.9

Nachkriegszeit

“Wer die Sendungen dieses Mannes aus der Zeit nach 1933 und während des Krieges kennt, weiß, daß sie zu den angenehmen Erinnerungen zählen. Immer waren es kleine Meisterwerke in Inhalt und Form. Die Nazis ließen ihn gewähren. Seit der Hartmann-Affäre von 1933 hatte sich Felinau den Respekt einiger Propagandafunktionäre zugezogen und außerdem – wer sollte solche Sendungen machen?”

Claudia Burg, Verliebt ins Mikrofon. Pelz von Felinau. Die Geschichte eines abenteuerlichen Lebens, Folge 7, in: Nacht-Depesche, 25.03.1957.

1957 kommentiert die West-Berliner Tageszeitung “Nacht-Depesche” die Schaffensperiode Josef Pelz von Felinaus ab 1933 im Rahmen eines mehrteiligen Portraits mit wohlwollenden Worten. Die Hartmann-Affäre referiert auf eine Szene, in der Felinau angeblich einen “SA-Führer und künftigen ‘Reichsfilmchef’” namens Hartmann vor versammeltem Berliner Abendpublikum mit einer Satire bloßgestellt habe, woraufhin dieser “wachsbleich” den Saal verlassen habe. Goebbels habe Hartmann daraufhin als “unbrauchbar” erkannt, und die “Ufa jedoch blieb von einem ihrer schärfsten Tyrannen verschont. Und – von Stund an war Felinau für die Ufa-Leute der Mann…”.10 Eine Episode von zweifelhaftem Wahrheitsgehalt,11 also eigentlich eine Anekdote im engeren Sinne: Ohne Anspruch auf Authentizität, aber mit dem Zweck, eine Geisteshaltung zu charakterisieren und zu vermitteln – die hier jedoch nicht ohne die mutmaßliche Absicht einer Verbrämung der Gesinnung Felinaus gehört werden kann.

Beschönigungen des Wirkens Felinaus während der NS-Zeit wie in obigem Zitat sind bezeichnend für dessen Rezeption in der Nachkriegszeit. Unter Verzicht auf konkrete Beispiele von Rundfunksendungen werden diese hier als “angenehm” und künstlerisch wertvoll verklärt, und sogar als Werke dargestellt, die sich durch eine unbestimmte Widerständigkeit auszeichnen ("ließen ihn gewähren"). Begründet wird dies durch die Zeichnung der Person Felinaus als einer hoch respektierten Persönlichkeit, die “sich etwas herausnehmen” konnte. 

Für Felinaus offensichtlich bruchlosen Übergang vom Rundfunkschaffen unter den Nationalsozialisten zum Rundfunkschaffen im besetzten Deutschland ab Mai 1945 steht das erste Hörspiel im Nachkriegsdeutschland, das nur wenige Wochen nach Kriegsende im Berliner Rundfunk ausgestrahlt wurde: “Hypnose” ging am 5. Juli 1945 über den Äther. Das Hörspiel entstand auf Grundlage des in der Weimarer Republik populären Originalhörspiels “Das Wasser steigt” von Geno Ohlischläger.12 Es handelt von dem bekannten Zauberer Torro, der ein Gastspiel im Neapel vergangener Tage gibt. In seiner Aufführung suggeriert er seinen Zuschauer*innen im Theatersaal, dass eine Flut die Stadt überschwemme. Er löst damit eine Panik aus und provoziert einen tragischen Ausgang des Abends, der nur durch das couragierte Eingreifen eines Gegenspielers Torros abgewendet werden kann. Das Narrativ in der Textversion von Felinau kann als Abbild und Paraphrase eines Deutungsmusters von Politik und Gesellschaft während des NS-Regimes gelesen werden. Wer sich psychologisch-moralische Entlastung angesichts der unfassbaren Gräuel der Naziherrschaft erhoffte, dem kam die sinnstiftende Erzählung dabei möglicherweise zupass: Das Unheil als Naturkatastrophe, die über die Menschen hereinbricht und der sie unverschuldet ausgeliefert sind. Die Rettung durch die Heldentat eines Einzelnen, der als widerständiger Volksaufklärer charakterisiert wird und der in vollkommener moralischer Integrität die Erlösung herbeiführt. Und besonders prägnant: Die Figur des Hypnotiseurs Torro als charismatischer Demagoge, der das versammelte Volk manipuliert und als Retter auftritt, sich aber als Zerstörer entpuppt.13

“Hypnose” stellt den Auftakt von Felinaus umfangreichem Werk der Nachkriegszeit bis in die 1970er Jahre dar, wie es über den Familiennachlass im Deutschen Rundfunkarchiv überliefert ist. Knapp 190 Hörspiele, Sendungen, vor allem Musiksendungen, sowie insgesamt über 400 Folgen der musikalischen Sendereihen “Das Raritätenkabinett des Herrn Pelz von Felinau” und “Anekdoten nach Noten”.

1950 produzierte das Ehepaar Felinau, mittlerweile im eigenen Tonstudio in West-Berlin, eine “berühmt gewordene14 Sendung über den Tenor Joseph Schmidt, der bis 1933 – dem Jahr seiner Emigration – ein erfolgreicher Sänger am Berliner Rundfunk und von Schallplattenproduktionen war. Nach antisemitischer Diskriminierung samt Arbeitsverbot und Flucht starb er 1942 im Schweizer Exil in einem Internierungslager an Krankheiten in Folge der Fluchtstrapazen. Felinau stellt in der Sendung “Ein Lied geht um die Welt” das Schicksal des Joseph Schmidt dar und klagt dessen Demütigung und Verfolgung mit humanistischen Appellen an, an vielen Stellen in pathetischem Tonfall. Felinau schließt mit den Worten:

“Ein Lied geht nicht um die Welt! Nun – es ging nicht um die Welt. Es erlosch im Hochmut einer grausamen Zeit. Es erstickte in Einsamkeit und jener unfassbaren Sehnsucht, die uns selbst noch als Verfemte an den Gott der Liebe und an den Segen der Heimat glauben lässt. Wir sollten uns öfters erinnern an den kleinen jüdischen Sänger Joseph Schmidt, der uns so viel unvergesslich Schönes gegeben hat.”

Ein Lied geht um die Welt. Erinnerungen an Joseph Schmidt, AD 12.09.1950, ESD 16.11.1950, Südwestfunk, DRA: KONF.6029422.

Das mahnende Erinnern – in dieser und zwei weiteren Sendungen über Joseph Schmidt – an einen der vielen vom NS-Regime verfolgten Künstler*innen zu einem verhältnismäßig frühen Zeitpunkt im Nachkriegsdeutschland trug sicherlich mit dazu bei, dass der Sänger, sein Werk und sein Leben nicht in Vergessenheit gerieten. Ausschlaggebend für deren Entstehen war die persönliche Bekanntschaft zwischen Felinau und Schmidt, von der Felinau wiederholt in Episoden und Anekdoten in diesen und anderen Rundfunkstücken erzählt.

Dennoch stehen diese Sendungen in einem ambivalenten Verhältnis zum Werk Felinaus in der Zeit vor 1945. Unangemessen vereinnahmend wirken dabei Formulierung wie “uns selbst noch als Verfemte” im obigen Zitat: Als Sprecher und Autor in der Ich-Perspektive damit eine Verfolgung durch die Nationalsozialisten, wenn auch nur andeutungsweise, auch auf sich selbst zu beziehen, erscheint als anmaßende Selbstentlastung.

Eine restaurative Tendenz der Verklärung einer angeblich geistvolleren Vergangenheit kommt in der Reihe “Anekdoten nach Noten” (1964 bis mindestens 1976, Deutsche Welle) zum Ausdruck. Sie erscheint in Form einer subjektiv-wertenden Modernekritik in vielen Folgen, die jeweils einem Komponisten, einer Musikinterpretin oder einem -interpreten gewidmet sind: Persönlichkeiten aus dem Bereich der Neuen Musik sind auffallend häufig herabsetzend dargestellt, während Vertreterinnen und Vertreter der musikalischen Tradition wohlwollender gezeichnet in einem guten Lichte erscheinen.

Offensichtlich wird dies bei der Gegenüberstellung von Sendungen über “Neutöner” und Sendungen über Vertreter der zeitgenössischen traditionellen und konservativen Musikästhetik. Dem Komponisten Hans Pfitzner (1869-1949) widmete Felinau mehrere Folgen. Pfitzner stand auf der “Gottbegnadeten-Liste”, war ein Musiker mit herausgehobener Stellung in der Kulturpolitik der NS-Zeit und Schriftsteller mit antisemitischen Positionen, und dennoch war sein Handeln unter dem Regime widersprüchlich, da er sich mit jüdischen Bekannten solidarisierte.15 Geradezu schwärmerisch-mystifizierend erscheint die Folge um das Zusammentreffen zwischen Pfitzner und Oswald Spengler, die als “Brüder im Geiste” bezeichnet werden und in der die “starke innere Verwandtschaft zwischen dem ‘Untergang des Abendlandes’ von Oswald Spengler und der musikalischen Legende ‘Palestrina’ von Hans Pfitzner” beschworen wird. Ein Jahr später, im Jahr 1967, war in der 99. Folge der Reihe eine Anekdote um Pfitzner zu hören, die diesen als mutigen Regimegegner darstellt: “Er war auch als offener Streiter gegen das sogenannte Dritte Reich sehr bekannt und soll sich nach einem Konzert der Hitlerjugend, dem er gegen seinen Willen als Zuhörer beiwohnen musste” mit einem “sehr mutvollen Ausspruch” gegen den NS-Jugendverband profiliert haben. Die Wertung “offener Streiter” in Bezug auf das “Dritte Reich” in Kombination mit der merkwürdig distanzierenden Beifügung “sogenannt” beschreibt die Haltung Pfitzners in der Zeit des Nationalsozialismus eindeutig verfälschend. In starkem Kontrast zu solchen Persönlichkeitsskizzen stehen die Portraits von Vertretern der Avantgarde wie Eric Satie, der in zwei Folgen sehr herabwürdigend als Witzfigur, als “absurder Künstlertyp” und “Edelkommunist” dargestellt wird, oder Arnold Schönberg, den Felinau als “Verleugner aller musikalischen Naturgesetze überhaupt” charakterisiert.16

Fazit

Josef Pelz von Felinau prägte mehr als 50 Jahre den Rundfunk der Weimarer und NS-Zeit, der Nachkriegszeit und der Bundesrepublik – als ambivalente Gestalt, wie sie zwar keine Ausnahme in den Werdegängen von öffentlichen Personen seiner Generation darstellt, in der sich aber Aspekte der politisch-gesellschaftlichen Brüche und Widersprüche des 20. Jahrhunderts widerspiegeln. Im Werk Felinaus ist eine kritisch zu hinterfragende Anpassungsfähigkeit der Geisteshaltung zu beobachten, die sich während der NS-Zeit zunächst als Opportunismus zu erkennen gibt. Mindestens ab 1940 ist jedoch ein klares Sympathisantentum zu völkisch-rassistischer Propaganda zu erkennen. Im Schaffen ab 1945 wirken die Hinwendung zur Muse, zu den schönen Künsten und die bevorzugte Gattungsform der Anekdote – bei Felinau meist biedermeierlich bis reaktionär anmutend – eskapistisch, stark vergangenheitsverliebt und bilden gesellschaftliche Tendenzen eines restaurativen Konservatismus der Nachkriegszeit ab. Uneindeutig-schillernd geht diese Weltflucht mit einem nach außen getragenen Ethos einher. Exemplarisch kann an Josef Pelz von Felinau also gezeigt werden, wie sich im sich stets wandelnden Medium Rundfunk über alle Umbrüche und Neugründungen hinweg Kontinuitäten manifestieren. Im Kontext der eingangs erwähnten personellen Kontinuität ist beim Phänomen Felinau insbesondere die akustisch-stimmliche Kontinuität das herausstechende Merkmal:

“Am Mikrofon: Pelz von Felinau. Diese Ankündigung genügt für viele Hörer, ihre Arbeit beiseite zu legen, den Alltag im wahrsten Sinne des Wortes abzuschalten, und, Herr von Felinau, sich von Ihnen entführen zu lassen in fremde Länder oder faszinieren lassen von einer Stimme, und Ihre Persönlichkeit doch wieder mit hinüber zu nehmen in den nächsten Tag der Sorgen und Ärger und alles das, was uns Menschen heute bedrückt, nun mit sich bringt.”

Interview mit Josef Pelz von Felinau zum 33. Geburtstag des Rundfunks, Sigrid Schenkenberger, SFB 1956, DRA: KONF.6149589.

Wenn Sigrid Schenkenberger 1956 in einer Gesprächssendung im Sender Freies Berlin Josef Pelz von Felinau mit diesen Worten vorstellt, kann man davon ausgehen, dass dabei Radio-Hörerfahrungen der Hörer*innen mitschwingen, die bei manchen bis vor 1945 zurückgehen. Dies spiegelt wider, wie der beschriebene Eskapismus eng mit dem klanglichen Code der Stimme Felinaus zusammenhängt. In diesem Sound hallte sehr konkret die Vergangenheit nach: Er eröffnete Räume für das Schwelgen in der Vergangenheit und bildete Anknüpfungspunkte an Erinnerungen an vermeintlich “gute alte Zeiten”. Gleichzeitig wird die Stimme Felinaus im Zitat explizit mit der “Persönlichkeit” Felinaus verschränkt, die die Hörer*innen “mit hinüber nehmen” werden in den nächsten “sorgenvollen” Tag. So bietet die Rundfunkpersönlichkeit Felinau funktionell an, dass das Publikum ein “anheimelndes Wiederhören” als psychologische Wellenlänge erfahren kann17 – offensichtlich ein Kontinuitätsbedürfnis vieler Menschen in den Umbruchszeiten der Nachkriegszeit.


Karin Pfundstein ist wissenschaftliche Dokumentarin im Deutschen Rundfunkarchiv (DRA). Sie hat sich bereits verschiedentlich mit Josef Pelz von Felinau beschäftigt, dessen Nachlass im DRA liegt.


 

Vgl. Dethlefs, Friedrich; Birdsall, Carolyn: Geschichte der Audiobestände der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft (RRG) und ihrer Archivierung. In: Rundfunk und Geschichte, Jg. 47 (2021), Nr. 3-4.

Er verschwieg seine Referententätigkeit im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda. Armin Jäger: Hans Abich. Von der HJ auf den TV-Olymp, in: ZEIT Nr. 46/2021.

Claudia Burg: Verliebt ins Mikrofon. Pelz von Felinau. Die Geschichte eines abenteuerlichen Lebens, in: Nacht-Depesche, 18.03.1957.

Siehe den Nachlass am Deutschen Rundfunkarchiv, dargestellt in: Karin Pfundstein: Das Rundfunkschaffen von Josef Pelz von Felinau. Ein Nachlass am Deutschen Rundfunkarchiv. Funkdramatik und anekdotisches Erzählen vor dem “akustischen Mikroskop”, in: Rundfunk und Geschichte, Jg. 46 (2020), Nr. 3-4, S. 25-42. Der vorliegende Artikel besteht aus Teilen dieses Artikels. Der Nachlass, wie er dem DRA übergeben wurde, muss als politisch gesäubert betrachten werden, da er die stark propagandistischen Werke nicht enthält. Diese sind teilweise über andere Provenienzen überliefert. Siehe ebenda.

Ohne Überlieferung. Nachgewiesen in: Schallaufnahmen der Reichs-Rundfunk-GmbH, S. 304, S. 332 und S. 399.

Zumindest bis zum Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 war die Wiedergewinnung deutscher Kolonien in Afrika ein Ziel der NS-Außenpolitik. Siehe dazu: Karsten Linne: Deutschland jenseits des Äquators? Die NS-Kolonialplanungen für Afrika. Berlin 2008.

Siehe z.B. die Ossewabrandwag, eine 1939 gegründete faschistisch geprägte Organisation der Buren, die offen mit dem NS-Staat sympathisierte.

Alle im Abschnitt erwähnten Werke sind, wenn nicht anders in den Fußnoten angegeben, als Audio- oder Schriftquellen am Deutschen Rundfunkarchiv nachgewiesen.

Claudia Burg, Verliebt ins Mikrofon, Folge 5, in: Nacht-Depesche, 22.03.1957.

Eine Person namens Hartmann, der im Umfeld Goebbels in der Filmpolitik wirkte, konnte bei Recherchen für den vorliegenden Artikel nicht nachgewiesen werden.

Das Wasser steigt! ESD 05.03.1931, SDR, ohne Überlieferung. Manuskript: SWR, Historisches Archiv, A000209.

Siehe: Karin Pfundstein: “Das Wasser ist da. Verbrecherwasser.” Am 5. Juli 1945 wird das erste Hörspiel nach dem Krieg im deutschen Rundfunk ausgestrahlt: “Hypnose” von Josef Pelz von Felinau, https://www.dra.de/de/entdecken/1945-der-krieg-ist-aus/hypnose-erstes-nachkriegshoerspiel-im-rundfunk/, abgerufen am 13.12.2024.

Claudia Burg, Verliebt ins Mikrofon, Folge 8, in: Nacht-Depesche, 26.03.1957.

Vgl. Sabine Busch: Hans Pfitzner und der Nationalsozialismus, Stuttgart und Weimar 2001.

Sendungen aus dem Jahr 1965 und 1966. Alle erwähnten Audioquellen und Schriftquellen sind am Deutschen Rundfunkarchiv nachgewiesen.

Alexander Bohn, Uwe Domke, Jan Isenbart:  Die positive Grundstimmung beim Hören von Audio. Eine Studie zum Einfluss emotionaler Bewertungen von Mediengattungen auf die Nutzungsmotive, in: Media Perspektiven 12/2020.