Wende in der ungarischen Erinnerungskultur?
Adam Kerpel-Fronius ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Aufgrund der aktuellen politischen Entwicklung in seinem Geburtsland haben wir den deutsch-ungarischen Historiker nach dem offiziellen Gedenken an die Shoah in den vergangenen Jahren gefragt: Wie hat die rechtsnationalistische Fidesz-Partei die Geschichte Ungarns im Zweiten Weltkrieg dargestellt? Und könnte sich unter dem neu gewählten Konservativen Péter Magyar daran etwas ändern?
Die Geschichte der Shoah in Ungarn ist voller Widersprüche, und das ist bei der Erinnerung an sie nicht anders. So kämpfte Ungarn zwar von Anfang bis Ende des Zweiten Weltkrieges an der Seite des nationalsozialistischen Deutschlands, weigerte sich aber bis zum Einmarsch der Wehrmacht im März 1944, die im Land lebenden Jüdinnen und Juden zu deportieren. Während bereits ein Großteil der jüdischen Bevölkerung in den von den Nationalsozialisten besetzten Gebieten Europas ermordet worden war, wähnten sich die etwa 825.000 Jüdinnen und Juden Ungarns trotz einer Vielzahl antijüdischer Gesetze bis dahin weitgehend in Sicherheit. Dieses Gefühl entsprach ihrer jahrzehntelangen Erfahrung: In Ungarn konnte jüdisches Leben trotz des stets spürbaren Antisemitismus gedeihen – spätestens seit 1867 mit Erlangung der vollen Bürgerrechte. Als Ergebnis dieser Emanzipation waren bis 1900 große Teile bürgerlich geworden, sahen sich weitgehend als Teil der Titularnation an und sprachen vor allem Ungarisch. Von diesem steilen sozialen Aufstieg zeugen bis heute viele der damals erbauten prächtigen Synagogen, von denen die berühmtesten in Budapest (in der Dohány utca), Szeged und Subotica (heute Serbien) stehen.
Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zerfall Österreich-Ungarns war Ungarn auf etwa ein Viertel seiner Größe reduziert worden und versank zunächst in politischem Chaos. Nach einem kurzen Intermezzo mit einer Räterepublik nach sowjetischem Muster übernahm ein nationalistisches und reaktionäres Regime mit Admiral Miklós Horthy (1868–1957) an der Spitze die Macht. Er sollte bis Oktober 1944 Staatsoberhaupt bleiben. In der Anfangsphase der Horthy-Ära dominierte noch rohe Gewalt: Politische Gegner, insbesondere Linke, wurden brutal verfolgt, viele ermordet. Viele Opfer waren jüdisch, und ein offener Antisemitismus gehörte zum Wesenskern des Regimes. Mit der Verabschiedung des Numerus-Clausus-Gesetzes, das die Anzahl jüdischer Studierender an ungarischen Universitäten verringern sollte, war Ungarn 1920 das erste Land im Europa der Zwischenkriegszeit, das ein antijüdisches Gesetz verabschiedete.
Nach Jahren der wirtschaftlichen und politischen Konsolidierung wandte sich Ungarn ab Mitte der 1930er Jahre immer mehr den Achsenmächten zu – vor allem in der Hoffnung, die nach dem Ersten Weltkrieg verlorenen Gebiete mit deutscher und italienischer Hilfe wiedergewinnen zu können. Zunächst schien diese Rechnung aufzugehen: Zwischen 1938 und 1941 verdoppelte Ungarn sein Territorium zulasten der Tschechoslowakei, Rumäniens und Jugoslawiens. Wie kompliziert und widersprüchlich sich diese Zeit insbesondere für die jüdische Bevölkerung darstellte, wird in der Rückschau vieler Zeitzeuginnen und Zeitzeugen deutlich: Lajos Erdélyi (1929–2020) aus dem nordsiebenbürgischen Neumarkt am Mieresch (Târgu Mureș, Marosvásárhely) beschreibt eindringlich in seinen bei der Stiftung Denkmal erschienenen Erinnerungen,1 dass sich viele Jüdinnen und Juden in den Städten auf die Ankunft der ungarischen Truppen gefreut hätten, schließlich gehörten sie nun nicht mehr zum stark antisemitischen Rumänien – nur um dann feststellen zu müssen, dass sie durch die antijüdischen Gesetze, die in den späten 1930er Jahren verabschiedet wurden, auch in Ungarn schwer diskriminiert wurden.
Zwangsarbeit und Morde an der jüdischen Bevölkerung
Ungarn beteiligte sich 1941 am deutschen Krieg gegen Jugoslawien und die Sowjetunion. Wie eingangs erwähnt, führte Ungarn bis 1944 keine Massendeportationen von Jüdinnen und Juden durch, dennoch gab es mindestens drei Weisungen, die viele jüdische Menschenleben kosteten. Zum einen mussten etwa 100.000 jüdische Männer bei der ungarischen Armee Zwangsarbeit leisten. Ihr Schicksal hing hauptsächlich von der Willkür der jeweiligen Offiziere ab, und etwa ein Drittel von ihnen kam während des Krieges um. Zweitens schoben ungarische Behörden im Sommer 1941 fast 20.000 Jüdinnen und Juden über den Dnjestr in die gerade eroberten Gebiete der Westukraine ab – unter dem Vorwand, dass ihre Staatsbürgerschaft ungeklärt sei. Die meisten von ihnen ermordeten deutsche Kommandos Ende August 1941 in Kamenez-Podolsk in der mit 23.000 Opfern bis dahin umfangreichsten Massenerschießung überhaupt. Schließlich ermordeten Angehörige der ungarischen Armee etwa 1.200 Menschen bei einer Aktion im Januar 1942 im serbischen Novi Sad (Neusatz, Újvidék), darunter etwa 800 Jüdinnen und Juden sowie 375 Serbinnen und Serben.
Die deutsche Wehrmacht besetzte Ungarn am 19. März 1944. Zum einen ging es darum, einen möglichen Austritt Ungarns aus der Achse zu verhindern und die herannahende Rote Armee aufzuhalten. Aber auch die wirtschaftliche Ausbeutung von Rohstoffen und Arbeitskräften spielte eine wichtige Rolle bei den deutschen strategischen Überlegungen, ebenso wie die bereits lange bestehende Forderung nach der Beteiligung Ungarns an der »Endlösung der Judenfrage«. Im Frühjahr 1944 ging alles sehr schnell: Die Wehrmacht marschierte ohne Gegenwehr im Land ein. Horthy bleib Staatsoberhaupt, die Regierung wurde aber auf deutschen Druck hin ausgetauscht und durch eine Kollaborationsregierung ersetzt. Bald darauf erschien Adolf Eichmann in Budapest, um die Massenverschleppungen der jüdischen Bevölkerung in enger Abstimmung mit der ungarischen Regierung zu koordinieren. Das Land wurde zunächst in Deportationszonen aufgeteilt, dann begann am 16. April die Ghettoisierung – zumeist in Industrieanlagen, sehr oft in Ziegelfabriken. Wohnungen wurden beschlagnahmt, jüdisches Hab und Gut versteigert. Von diesem organisierten Raub profitierten sowohl die deutschen Besatzer als auch der ungarische Staat und die lokale, nichtjüdische Bevölkerung. Der gesamte Prozess wurde von ungarischem Personal durchgeführt, vor allem von Gendarmen, die als besonders rücksichtslos galten. Schläge und Folter zur Auspressung von Wertgegenständen waren an der Tagesordnung. In den Ghettos blieben die Menschen meistens nur wenige Tage, bevor sie abtransportiert wurden. Die allermeisten Deportationszüge fuhren direkt ins Vernichtungslager Ausschwitz-Birkenau, dessen Kapazitäten kurz zuvor eigens für sie massiv ausgebaut worden waren. Zwischen dem 15. Mai und dem 9. Juli wurden 437.000 Jüdinnen und Juden aus Ungarn deportiert, davon 420.000 nach Auschwitz-Birkenau. Dort wurden etwa drei Viertel von ihnen sofort nach ihrer Ankunft in den Gaskammern ermordet – etwa 330.000 jüdische Kinder, Frauen und Männer, womit Ungarn die mit Abstand größte Gruppe unter den Opfern des Vernichtungslagers stellt. Die übrigen fast 100.000 Verschleppten wurden zur Zwangsarbeit selektiert und im deutschen KZ-System verteilt. Eine Überlebenschance hatten praktisch nur jüngere Frauen und Männer sowie Fachkräfte. Welche Tragik damit einherging, führte mir vorletztes Jahr die Überlebende Judit Mureșan (geb. Kertész) vor Augen, als sie bei einer Konferenz in Klausenburg (Cluj, Kolozsvár) anlässlich des 80. Jahrestages der Shoah in Nordsiebenbürgen davon sprach, dass sie, Jahrgang 1929, allein deshalb zu den jüngsten Überlebenden gehöre, weil danach niemand mehr komme: Kinder wurden sämtlich sofort ermordet.
Die jüdische Gemeinde Budapests
Eine Besonderheit bildet das Schicksal der jüdischen Bevölkerung von Budapest. Laut Eichmanns Plänen sollten die dortigen Jüdinnen und Juden erst am Ende, in einer großen Aktion, deportiert werden. Dazu kam es nicht mehr: Am 7. Juli 1944 ließ Horthy die Deportationen aussetzen. Die Gründe dafür waren weniger humaner als vielmehr taktischer Natur und hatten vor allem mit dem Verlauf des Krieges zu tun. Zwei Ereignisse in der unmittelbaren Nachbarschaft Ungarns machten schließlich alle weiteren Deportationen nach Auschwitz unmöglich: Im Sommer brach der Slowakische Nationalaufstand aus, und im August 1944 wechselte Rumänien die Seiten, was zur Folge hatte, dass die Rote Armee plötzlich an der ungarischen Grenze stand. Am 15. Oktober versuchte schließlich auch Horthy, aus dem Krieg auszusteigen, doch sein dilettantischer Versuch schlug dramatisch fehl: Die Deutschen setzten ihn ab und brachten die nationalsozialistischen Pfeilkreuzler an die Macht, die umgehend eine Terrorherrschaft errichten. In dieser Zeit wurden noch Zehntausende jüdische Frauen und Männer aus Budapest zur Zwangsarbeit verschleppt, viele von ihnen in Richtung Österreich, dennoch verblieben rund 100.000 Jüdinnen und Juden in der Stadt. Diplomaten wie der Schweizer Carl Lutz und der Schwede Raoul Wallenberg versuchten, möglichst vielen von ihnen diplomatischen Schutz zu gewähren. Doch im November 1944 – die Kesselschlacht von Budapest stand unmittelbar bevor – mussten sie in ein Ghetto ziehen. Während des Kampfes um Budapest brachen marodierende Banden von Pfeilkreuzlern in jüdische Wohnungen und Krankenhäuser ein und ermorden dabei zahllose Menschen. Eine berüchtigte Methode war, die Menschen am Flussufer aufzustellen und sie »in die Donau zu schießen«.
Am 18. Januar 1945 mussten die deutschen und ungarischen Truppen schließlich die Pester Seite der Stadt aufgeben, und das Budapester Ghetto war frei.
Die Bilanz der Shoah in Ungarn: Von den etwa 825.000 Jüdinnen und Juden, die 1941 in den Grenzen des damaligen ungarischen Staates lebten, wurden etwa zwei Drittel, also mehr als eine halbe Million Menschen, ermordet, etwa 330.000 von ihnen in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau. Etwa 250.000 überlebten die Shoah, davon 100.000 in Budapest. Zusammenfassend lässt sich sagen: Ohne die deutsche Besatzung vom März 1944 wäre es nicht mehr zu Massendeportationen aus Ungarn gekommen – anderseits wäre es ohne die tatkräftige und willige ungarische Unterstützung nicht möglich gewesen, so viele Menschen in so kurzer Zeit in den Tod zu schicken.
Das Verwirrende – auch für heutige Ungarinnen und Ungarn – besteht darin, dass die überwiegende Mehrheit der ungarischen jüdischen Bevölkerung im Frühjahr und Sommer 1944 ermordet wurde – zu einem Zeitpunkt, als Horthy noch Staatsoberhaupt war. Die berüchtigten Pfeilkreuzler hatten damit nichts zu tun. Auf der anderen Seite wurde die Erinnerung an die Shoah in Ungarn in sehr starkem Maße von denjenigen Überlebenden geprägt, die die Terrorherrschaft der Pfeilkreuzler in den letzten Monaten des Krieges in Budapest und im Ghetto erleben mussten.
Aufgrund dieser Besonderheiten war Ungarn das einzige Land in Mitteleuropa, in dem auch nach dem Krieg noch eine zahlenmäßig starke, einheimische jüdische Gemeinde lebte. Sie organisierte sich nach dem Krieg neu. Viele Jüdinnen und Juden zogen es allerdings vor, das nun sowjetisch besetzte Land zu verlassen, und gingen etwa nach Eretz Israel oder in Richtung Westen. Die allermeisten lebten fortan in der Hauptstadt Budapest – die Gemeinden in den Provinzen waren größtenteils ausgelöscht worden, und die wenigen Überlebenden waren in ihren Heimatregionen nur selten willkommen. Die Synagogen und Friedhöfe auf dem Land verfielen.
Entstehung einer Erinnerungskultur
Die Tatsache, dass im Land so viele Jüdinnen und Juden lebten, hatte selbst unter den Bedingungen der kommunistischen Diktatur große Auswirkungen auf die Erinnerungskultur. Zwar galt auch hier, dass die Shoah offiziell kaum Thema war, aber zu antisemitisch gefärbten Schauprozessen wie in der Sowjetunion oder in der Tschechoslowakei kam es in Ungarn nicht. Auch agierte die ungarische Führung um János Kádár (1911–1989) beim Sechstagekrieg 1967 deutlich vorsichtiger als andere moskautreue Staaten, weil sie sich um die Loyalität der im Land lebenden jüdischen Bevölkerung Sorgen machte. Später, mit der allmählichen, zugleich widersprüchlichen Liberalisierung der Kulturpolitik in den 1980er Jahren, konnte auch über schwierige Themen etwas offener gesprochen werden. In diese Zeit fällt die Einweihung eines Denkmals für Raoul Wallenberg im Hof der Großen Synagoge in Budapest – ein Balanceakt für das Regime, denn Wallenberg wurde 1945 vom sowjetischen NKWD verschleppt und galt seitdem als verschollen.
1989 kam die Vergangenheit dann jedoch mit voller Wucht als Thema in die öffentlichen Debatten zurück. In der nunmehr freien Presse wurden die Erfahrungen der Zwischenkriegszeit, des Zweiten Weltkrieges, der Shoah, des Stalinismus, des Volksaufstandes von 1956 und der Kádár-Ära gleichzeitig und leidenschaftlich diskutiert – was allzu oft dazu führte, dass Traumata und Verletzungen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen gegeneinander ins Feld geführt wurden. Während für viele die Schaffung eines möglichst positiven Bildes der nationalen Geschichte im Vordergrund stand, mit einer Betonung der vermeintlichen Opferrolle Ungarns im 20. Jahrhundert, waren die »urbanen«, liberalen Intellektuellen deutlich kritischer. Sie benannten die ungarische Mitverantwortung für die Shoah immer deutlicher. Dabei wurde offensichtlich, dass es um das Wissen über die historischen Fakten nicht zum Besten stand – auch viele gebildete und an Geschichte interessierte Ungarinnen und Ungarn waren in den 1990er Jahren vom Ausmaß der eigenen Verstrickungen in die Verbrechen überrascht.
Etwa zehn Jahre nach dem Systemwechsel – zur Zeit des Beitritts zur NATO und der Vorbereitung auf den EU-Beitritt – wurden die Konturen einer staatlichen Erinnerungspolitik trotz regelmäßiger Regierungswechsel immer deutlicher sichtbar. Kurz nach der Jahrtausendwende wurden zwei zentrale Projekte realisiert: das 2002 eröffnete Haus des Terrors und 2004 das Holocaust-Gedenkzentrum.
Das Gebäude vom Haus des Terrors hatte sowohl den Pfeilkreuzlern als auch später der stalinistischen Staatssicherheit als Zentrale gedient. Im Keller befanden sich Folterzellen. Das Museum bezieht diese ein und erzählt stark emotionalisierend die Geschichte der beiden Diktaturen als zwei Seiten derselben Medaille: als Terrorherrschaften, die Ungarn von fremden, totalitären Besatzungsmächten aufgezwungen worden seien. Die ungarischen Handlanger dieser Regime werden als Kollaborateure gebrandmarkt, Ungarn als Nation erscheint ausschließlich in der Opferrolle. Auffallend ist, dass sich das Museum viel stärker mit dem Kommunismus beschäftigt, was die Direktorin Mária Schmidt damit begründete, dass die kommunistische Diktatur ja auch viel länger gedauert habe. Beim Besuch des Museums schütteln viele Fachleute angesichts der schieren Überwältigung und des fehlenden historischen Kontexts den Kopf, dennoch zieht das Haus nach wie vor sehr viele Besucherinnen und Besucher aus dem In- und Ausland an.
Das Holocaust-Gedenkzentrum wartet dagegen mit einer Dauerausstellung auf, die bei der Eröffnung sowohl inhaltlich als auch ästhetisch als sehr zeitgemäß galt. Die Geschichte der Shoah in Ungarn wird sehr sachlich erzählt, die Verstrickung des ungarischen Staates und die Verantwortung Horthys werden in aller Deutlichkeit dargestellt. Diese kritische, aufklärerische Haltung bekam Auftrieb, nachdem der Literaturnobelpreis 2002 an den ungarischen Auschwitz-Überlebenden Imre Kertész ging, was stark dazu beitrug, dass das Wissen um die ungarische Mitverantwortung in der Mitte der Gesellschaft ankam. Ein Kritikpunkt war jedoch vom Anfang an, dass sich das Museum weit ab vom Stadtzentrum und von den Vierteln befindet, in denen jüdisches Leben blüht, und deshalb bis heute weniger Besuchende aufweist, als es verdient hätte. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass das Haus in seinem Programm auch das noch immer unterbelichtete Thema der Verfolgung und des Genozids an den Roma behandelt.
Bei dieser Doppelstruktur mit zwei großen Geschichtsmuseen drängt sich der Eindruck auf, dass sie den vorhandenen Rissen in der Erinnerungskultur entspricht, gemäß dem impliziten Motto: Beide Seiten erhalten ihr eigenes Haus, beide Narrative existierten neben- anstatt miteinander weiter.
Orbáns Geschichtspolitik
2010 errang der inzwischen rechtskonservative Viktor Orbán eine Zweidrittelmehrheit im Parlament. Er sollte insgesamt 16 Jahre regieren, wobei sein Regime mit den Jahren immer autoritärer wurde und seine Ideologie immer weiter ins völkisch-nationalistische abdriftete. Die letzten Jahre waren von einem ständigen ideologischen Kampf gegen »Brüssel« und »liberale« Ideen geprägt. Orbán selbst nannte sein System stolz eine »illiberale Demokratie«. Wie auf allen Politikfeldern konnte die Regierung auch in der Kulturpolitik Ressourcen nach Belieben und ohne Rücksicht auf Kompromisse verteilen, während der Raum für unabhängige Medien und zivilgesellschaftliche Organisationen immer enger wurde. In der Geschichtspolitik bedeutete dies, dass vor allem das Narrativ gefördert wurde, das weitgehend dem aus dem Haus des Terrors bekannten Topos Ungarns als unschuldiger Nation entsprach. Geradezu sinnbildlich für diese Richtung steht das 2014 auf dem Budapester Freiheitsplatz errichtete »Denkmal für die Opfer der deutschen Besatzung«, das ohne vorherige Diskussionen von der Regierung kurzfristig beschlossen worden war. Das ästhetisch und inhaltlich völlig absurd geratene Denkmal zeigt, wie ein deutscher Adler den Erzengel Gabriel, den Schutzpatron Ungarns, hinterrücks angreift. In der kritischen Öffentlichkeit formierte sich sofort Widerstand. Am Denkmal wurden Diskussionsveranstaltungen abgehalten und Fotos von ermordeten jüdischen Familienangehörigen angehängt. Am Ende wurde das Denkmal von der Regierung nicht einmal offiziell eröffnet, und die Gegennarrative prägen den Ort bis heute.
Ähnlich widersprüchlich agierte die Regierung auch auf anderen geschichtspolitischen Feldern. Das Holocaust-Gedenkzentrum existierte weiter, wenn auch auf Sparflamme, während die Regierung jahrelang das Ziel verfolgte, ein neues, spektakuläreres Holocaust-Zentrum unter dem Namen »Haus der Schicksale« zu eröffnen. Laut des ursprünglichen Konzepts sollten die Schicksale ermordeter jüdischer Kinder im Mittelpunkt stehen, aber auch die Rolle von ungarischen Retterinnen und Rettern hervorgehoben werden. Der Widerstand jüdischer und kritischer Kreise in Ungarn sowie seitens internationaler Fachleute war jedoch so groß, dass sich nach und nach alle wichtigen Beteiligten aus dem Projekt zurückzogen. Der architektonisch durchaus anspruchsvolle Rohbau steht seit Jahren leer; zuletzt hieß es, dass dort ein Gedenkpark für das jüdische Erbe Ungarns eingerichtet werden soll.
Eine Konstante der Außenpolitik der Regierung Orbán war indes, dass sie stets und demonstrativ um gute Beziehungen zu großen jüdischen Organisationen und zu Israel bemüht war. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit wurde betont, dass Ungarn eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Antisemitismus verfolge. Das passte vortrefflich in die antiwestliche Rhetorik der Regierung insbesondere in den Jahren nach der sogenannten Flüchtlingskrise: Ungarn wurde als Bollwerk dargestellt, das Europa vor einer vermeintlichen Invasion von vorwiegend muslimischen Migrantinnen und Migranten verteidige, und deshalb ein Land sei, in dem jüdische Gemeinden – im Gegensatz zu westeuropäischen Ländern – in Sicherheit leben könnten.
Gleichzeitig wurde eine jahrelange und in der Europäischen Union beispiellose persönliche Hasskampagne gegen den ungarisch-amerikanischen Holocaustüberlebenden und Milliardär George Soros geführt. Es gab Zeiten, in denen das ganze Land mit seinem Konterfei vollplakatiert war, auf denen er als Bösewicht und anti-ungarischer Drahtzieher im Hintergrund dargestellt wurde. Die Kritik, dass die Kampagne uralte antisemitische Klischees bediene, wiesen Angehörige der Regierung stets empört von sich.
Parallel dazu wurde sehr viel Wert auf den Erhalt und die Renovierung von alten Synagogen gelegt. Zahlreiche jüdische Baudenkmäler wurden aufwendig saniert, wie zum Beispiel die orthodoxe Synagoge in der Budapester Rumbach-Straße oder die großen Synagogen in Szeged und Debrecen. Das Programm wurde auch auf Gebiete im Ausland ausgeweitet, die früher zu Ungarn gehört hatten, so wurden Synagogen unter anderen in Großwardein (Oradea, Nagyvárad) in Rumänien, in Uschhorod (Ungvár) in der Ukraine oder im serbischen Subotica instandgesetzt. Bei der Wiedereinweihung der letztgenannten Synagoge waren sowohl der serbische Präsident Aleksandar Vučić als auch Viktor Orbán anwesend.
Wie geht es weiter?
Mit ihrer deutlichen Wahlniederlage am 12. April 2026 war die Regierung Orbán nach 16 Jahren zu Ende. Noch ist es zu früh zu sagen, wie sich die Erinnerungskultur in den nächsten Jahren entwickeln wird – im Wahlkampf spielte die Erinnerungspolitik diesmal so gut wie keine Rolle. Es ist aber zu erwarten, dass die Medienlandschaft deutlich freier wird, was niveauvollere und spannendere Diskussionen und weniger ideologische Bevormundung zur Folge haben dürfte. Es ist auch sehr wahrscheinlich, dass Fidesz-nahe Geschichtswerkstätten und ideologische Think Tanks, bisher mehr als großzügig ausgestattet, in Zukunft zurückgefahren oder ganz abgewickelt werden. In ideologischen Fragen wird der neue Premierminister Péter Magyar indes polarisierende Themen vermutlich vermeiden wollen. Dass sich die neue Regierung etwa schnell entschließen würde, beispielsweise das missratene Denkmal für die Opfer der deutschen Besatzung abzutragen, ist vor diesem Hintergrund eher unwahrscheinlich. In den Beziehungen zu jüdischen Einrichtungen wird die neue Regierung wohl auf Kontinuität setzen – mit dem Unterschied, dass sie die in letzten Jahren sehr belasteten Beziehungen zur MAZSIHISZ, der traditionellen Schirmorganisation der jüdischen Gemeinden in Ungarn, normalisieren wird. Ein wichtiges Zeichen war bereits, dass Péter Magyar nur wenige Tage nach seinem Wahlsieg am ungarischen Holocaust-Gedenktag das Holocaust-Gedenkzentrum besuchte und dort der Opfer gedachte.
Lajos Erdélyi: »Heimkehr nach Siebenbürgen. Erinnerungen eines Fotografen«. Herausgegeben von Adam Kerpel-Fronius und Uwe Neumärker. Berlin, 2017, https://www.stiftung-denkmal.de/publikation/heimkehr-nach-siebenbuergen-erinnerungen-eines-fotografen/
↩