Sachsenhausen nach der Befreiung 1945: Beweissicherung, Repatriierung, Speziallager
Knapp neun Jahre bestand das Konzentrationslager Sachsenhausen als Haft- und Terrorort. Doch nach der Räumung des Lagers im April 1945 und der Befreiung durch sowjetische und polnische Truppen endete die Nutzung des Areals als Haftstätte keineswegs. Dr. Enrico Heitzer zeichnet die vielschichtige und teilweise in ihrer Deutung umstrittene Geschichte des Lagerstandortes Sachsenhausens im Jahr 1945 nach.
Das Konzentrationslager Sachsenhausen, das seit seiner Errichtung 1936 in Oranienburg nördlich von Berlin als Modell- und Schulungslager für KZ-Personal gedient hatte, blieb bis zu seinem Ende Schauplatz von Verbrechen und Massenmord. Mehr als 200.000 Menschen wurden hier insgesamt festgehalten, mindestens 55.000 von ihnen starben an den unmenschlichen Bedingungen oder wurden Opfer von Mordaktionen. Der Historiker Günter Morsch geht davon aus, dass noch im Kontext der sogenannten Todesmärsche “in den letzten Monaten und Wochen vor der Befreiung mindestens 15.000 KZ-Häftlinge von Sachsenhausen ermordet oder in den sicheren Tod geschickt wurden, obwohl die militärische Niederlage des ‘Dritten Reiches’ kurz bevorstand”.1
So erlebten nur zwischen 2.400 und 3.400 meist kranke Häftlinge am 22. und 23. April 1945 ihre Befreiung durch sowjetische und polnische Truppen im Hauptlager des KZ Sachsenhausen. Sie blieben zum Teil bis Anfang August 1945 dort und wurden gepflegt. Hinzu kamen bald zahlreiche Todesmarschüberlebende und Häftlinge aus den Außenlagern, die medizinisch versorgt werden mussten. Und zwei weitere Nutzungen prägten die Zeit zwischen Mai und August 1945: Zum einen nahm eine sowjetische Untersuchungskommission zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen ihre Arbeit auf, zum anderen wurde ein Filtrations- und Repatriierungslagers zur Überprüfung ehemaliger kriegsgefangener Rotarmisten und andere Rückkehrer in die Sowjetunion eingerichtet.
Beginn der Dokumentation und Aufklärung der NS-Verbrechen: Die sowjetische Untersuchungskommission (Mai – Juni 1945)
Bereits kurz nach der Einnahme des Lagers begann die sowjetische Militärstaatsanwaltschaft mit ersten Begehungen. Eine Sanitätskommission, die vom sowjetischen Lagerkommandanten auf Bitten ehemaliger Häftlinge eingesetzt wurde, untersuchte zwischen dem 13. und 15. Mai 1945 die katastrophalen Zustände im Lagerkrankenrevier. In ihrem Bericht an die 3. Panzerdivision der 1. Belorussischen Front forderten die Sanitätsoffiziere eine sofortige Verbesserung der hygienischen und medizinischen Versorgung. Besonders alarmierend war die hohe Zahl kranker Häftlinge. Nachdem etliche Häftlinge das Lager verlassen hatten oder nach der Befreiung verstorben waren, wurden zu diesem Zeitpunkt noch knapp 900 Personen im Revier gezählt.2
Parallel dazu begannen Ermittlungen gegen ehemalige SS-Angehörige und Funktionshäftlinge. Am 8. Mai 1945 – dem Tag der Kapitulation – befanden sich bereits mehrere führende SS-Männer des KZ Sachsenhausen in sowjetischem oder alliiertem Gewahrsam, darunter der Erste Lagerarzt Heinrich Baumkötter, der Leiter des Zellenbaus Kurt Eccarius und Kommandant Anton Kaindl. Auch andere Verantwortliche wie der Sanitätsdienstführer Horst Hempel oder der Schutzhaftlagerführer August Höhn wurden in der Folge verhaftet und der sowjetischen Militäradministration übergeben.
Am 22. Mai 1945 ordnete die zentrale sowjetische Ermittlungskommission, die “Außerordentliche Staatliche Kommission zur Feststellung und Untersuchung der Greueltaten der deutschen faschistischen Eindringlinge”, formell die Aufarbeitung der im KZ Sachsenhausen begangenen Verbrechen an. Am 4. Juni nahm eine vierköpfige Kommission unter der Leitung von Oberstleutnant A. Scharitsch ihre Arbeit im früheren Lager auf. Sie stützte sich auf sichergestellte Akten der SS-Verwaltung, die von zurückgebliebenen Häftlingen nach der Flucht der SS versteckt und an die sowjetischen Behörden übergeben worden waren.3
Besonders brisant war der Fund von sieben versiegelten Glasbehältern in einem Tresor in der sogenannten Sarghütte am 31. Mai 1945, dem unterirdischen Leichenkeller, der sich am Eingang des Erschießungsgrabens befand. Eine chemische Analyse im sanitär-epidemischen Frontlaboratorium Nr. 291 bestätigte: Es handelte sich um Zyklon A – ein hochgiftiges Blausäurepräparat. Dieser Fund diente der sowjetischen Seite als zentraler Beweis für die systematische Ermordung von Häftlingen im KZ Sachsenhausen.4
Ergänzt wurden solche materiellen Beweise durch einen von deutschen und österreichischen Kommunisten verfassten Bericht über das Lager, der am 12. Juni 1945 übergeben wurde. Dieser Bericht betonte die Rolle der Häftlingsselbstverwaltung und den Versuch, durch Einflussnahme auf die Lagerführung Leben zu retten. Ein gesonderter Anhang ausländischer Häftlinge kritisierte jedoch diese Darstellung und verwies auf Kollaboration und Privilegierung deutscher Funktionshäftlinge auf Kosten anderer Nationalitäten.
Rückkehr und Kontrolle: Das Überprüfungs- und Filtrationslager Nr. 229 (Mai – August 1945)
Parallel zur juristischen Aufarbeitung der NS-Verbrechen entstand auf Teilen des ehemaligen Lagergeländes ab Mitte Mai das “Überprüfungs- und Filtrationslager” Nr. 229 (Proveročno-fil'tracionnyj lager', kurz PFL 229), das von der militärischen Spionageabwehr Smerš (Silbenkurzwort für “Tod den Spionen!”) der Roten Armee betrieben wurde. Es diente der Überprüfung sowjetischer Bürgerinnen und Bürger, die zuvor zumeist in deutscher Haft gewesen waren – ehemalige Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter*innen, zivile Rückkehrer*innen –, bevor sie entweder entlassen, demobilisiert oder an andere sowjetische Stellen überstellt wurden. Ziel war die Ermittlung vermeintlicher NS-Kollaborateure, Spione oder politisch unzuverlässiger Personen in den Reihen der Repatriant*innen.
Im PFL 229 hielten sich zeitweise mehrere Tausend Menschen auf. Am 31. Mai waren es rund 3.600 Personen, am 1. August sogar über 6.000. Die Zusammensetzung war dabei bemerkenswert: Nur etwa 400 ehemalige Kriegsgefangene befanden sich zum letztgenannten Zeitpunkt noch im Lager. Die Mehrheit bestand aus Zivilist*innen – allein über 2.900 sowjetische Frauen und 900 Kinder waren registriert.
Die “Filtration” erfolgte durch den Militärgeheimdienst Smerš nach einem für die Betroffenen intransparenten System, das zwischen Vernehmungen und Gegenüberstellungen verlief. In Berichten ehemaliger Repatrianten wie dem des Offiziers und Ingenieurs Boris Sokolov wird dieses Verfahren teils sarkastisch, teils erschreckend beschrieben: Die Lagerinsass*innen mussten demnach vormittags in Gegenwart von Geheimdienstlern stundenlang in gegenläufigen Reihen auf- und ablaufen, während über Lautsprecher zur Anzeige mutmaßlicher Kollaborateur*innen aufgerufen wurde: “Weisen Sie die Offiziere auf alle diejenigen hin, von denen Sie wissen, dass sie den Deutschen gedient haben, bei der Polizei waren, in der Wlassow-Armee waren oder antisowjetische Äußerungen getätigt haben.” Nach Jahren der Haft und Zwangsarbeit traf Sokolov in diesem von ihm als “Filtrationsfließband” bezeichneten Gegenüberstellungen erstmals Männer aus seiner alten Einheit oder ehemalige Mitgefangene wieder. Er beschreibt die Filtration als “Jüngstes Gericht, das die Sünder von den Gerechten teilt”. Dabei reichten seiner Beschreibung nach wenige Aussagen, teils nur ein Zeuge, für die Verhaftung.5
Gleichwohl zeigen Archivfunde, dass ein Großteil der Durchgeschleusten – anders als im antikommunistischen Kontext des Kalten Krieges mitunter kolportiert – nicht repressiert, sondern oft in die Armee reintegriert, demobilisiert und ins zivile Leben entlassen wurde, doch die Unterscheidung zwischen “schuldig” und “unschuldig” stand mitunter unter Vorbehalt: Die ideologische Annahme lautete, dass ehemalige Gefangene oft zumindest mit dem Makel des Kollaborationsverdachtes behaftet waren, was noch lange zu Schwierigkeiten in der Heimat führen konnte.6
Das sowjetische Speziallager Nr. 7 in Sachsenhausen (August – Dezember 1945)
Das PFL 229 wurde zwar offiziell erst am 23. August 1945 per Befehl aufgelöst, aber bereits am 7. August 1945 übernahm der sowjetische Geheimdienst NKVD zentrale Bereiche des ehemaligen KZ-Komplexes – das Häftlings- und Sonderlager, den Industriehof und die Kommandantur – vom kommandierenden Oberarzt der Roten Armee. Der Übergang war Teil eines geplanten Lagerwechsels: Das Speziallager Nr. 7, das sich seit Mai 1945 im brandenburgischen Dorf Weesow (heute Teil von Werneuchen) befunden hatte, sollte nach Oranienburg verlegt werden. In Weesow waren in nur drei Monaten etwa 15.000 Menschen unter unmenschlichen Bedingungen interniert gewesen. Die provisorische Unterbringung auf mit Stacheldraht umzäunten Bauernhöfen erwies sich als ungeeignet für eine längerfristige Nutzung im Sinne des sowjetischen Geheimdienstapparats.7
Zwischen 1945 und 1950 betrieb der sowjetische Geheimdienst in der SBZ (Sowjetische Besatzungszone) und DDR zehn “Speziallager”, in denen rund 158.000 Menschen interniert wurden. Etwa 44.000 von ihnen starben unter den unmenschlichen Bedingungen. Wie auch die westlichen Alliierten nutzte die Sowjetunion für großflächige Internierungen im Kontext der Besatzungssicherung und Entnazifizierung frühere Kriegsgefangenen- oder Konzentrationslager.8 Die Lager wurden intern nummeriert, z. B. Nr. 1 Mühlberg, Nr. 2 Buchenwald, Nr. 3 Hohenschönhausen, Nr. 4 Bautzen usw. Das größte Lager ab 1945 war Sachsenhausen unter der Nr. 7 (ab 1948 Nr. 1).9
Während sich das Filtrationslager in Sachsenhausen allmählich auflöste, hielten sich auf dem Gelände weiterhin KZ-Überlebende auf, die zu geschwächt oder krank für eine Heimkehr waren. Zu ihnen gehörte auch die 25-jährige ungarisch-jüdische Kató Gyulai. Sie kam am 21. April 1945 mit weniger als 40 Kilogramm Körpergewicht schwer gezeichnet aus einem Außenlager im Hauptlager Sachsenhausen an, wo die Bewacherinnen sie sich selbst überließen. Sie blieb im Lager, wo noch etliche mit ihr befreite Häftlinge an den Folgen der Haft starben. Sie war erst Ende Juli 1945 wieder einigermaßen gesund und konnte Oranienburg Mitte August Richtung ihrer Heimatstadt Budapest verlassen. In einem Bericht schildert sie eindrücklich die Atmosphäre im Lager während des Übergangs von der Filtrations- zur Speziallagernutzung: Erinnerungen an gestorbene Mithäftlinge, das Gefühl des Verlassenseins, erste kleine Freiheiten – aber auch das plötzliche Auftauchen neuer Gefangener und der Aufbau einer neuen Haftlagerstruktur. Besonders prägte sich ihr der Moment ein, als Anfang August “ehemalige SS-Soldaten” im vorderen Teil des Lagers eintrafen, mit denen der Kontakt strikt untersagt wurde. Damit endeten auch einige informelle Freiräume für sie, etwa Spaziergänge oder kleine “Ausflüge” zur Gärtnerei.10
Diese neuen Gefangenen waren vermutlich das Vorauskommando des Speziallagers Nr. 7, das am 10. August 1945 in Oranienburg eintraf. Sie sollten unter anderem die beschädigten Sicherungsanlagen reparieren, die bald wieder in Funktion treten sollten. Nur wenige Tage später, am 16. August, trafen die ersten Häftlingskolonnen aus Weesow ein. Die rund 5.000 Häftlinge, etliche unterernährt und krank, hatten den über 40 Kilometer langen Weg zu Fuß bewältigen müssen. Mit dem Eintreffen dieser Häftlinge war das Speziallager Nr. 7 in Oranienburg etabliert. Schon wenige Wochen nach der Verlegung des Speziallagers stiegen die Häftlingszahlen deutlich an. Am 15. Oktober 1945 meldete die Lagerverwaltung eine Belegung von über 11.000 Personen – Sachsenhausen war damit das größte der zehn Speziallager in der SBZ.
Die Haftgründe lagen in der Anfangsphase vor allem in einer vermuteten oder tatsächlichen Nähe der Betroffenen zum NS-System. Interniert wurden vor allem untere und mittlere Funktionsträger*innen der NSDAP wie Block- und Zellenleiter, Mitarbeiter*innen von Ministerien, Beamt*innen, Angehörige der Gestapo, Polizei, aber auch der Justiz oder von NS-Jugendorganisationen wie “Hitlerjugend” oder “Bund Deutscher Mädel”. Mit dem Befehl Nr. 315 vom Frühjahr 1945 wies Lawrenti Berija den von ihm befehligten Geheimdienst NKVD an, unter anderem “Führer der faschistischen Jugendorganisationen auf Gebiets-, Stadt- und Kreisebene […] Angehörige der Gestapo, des SD und anderer deutscher Straforgane […] Leiter administrativer Organe auf Gebiets-, Stadt- und Kreisebene” und damit potenziell Verantwortliche für NS-Unrecht festzusetzen. Der Befehl verband stalinistische mit alliierten Kategorien, die seit 1943/44 in der Anti-Hitler-Koalition zur Sicherung der Besatzungsherrschaft und zur geplanten Entnazifizierung abgestimmt worden waren.11 Der Historiker Lutz Niethammer stellt mit Blick auf die im Befehl 315 niedergelegten Kategorien fest, dass diese “sich als eine tschekistische Version der amerikanischen Internierungspolitik gegen Nazis, Systemträger und Sicherheitsrisiken verstehen” ließen und eine Verbindung zur von allen Alliierten beschlossenen Entnazifizierungspolitik zu erkennen sei.12
Die Akten der sowjetischen Geheimdienste sind zu großen Teilen bis heute in russischen Archiven unter Verschluss, so dass genauere Forschungen zur Verhaftungspraxis und der Häftlingszusammensetzung der Speziallager fehlen. Zum Teil lassen sich Ermittlungen und zusammenhängende Verhaftungen nachweisen. Mitunter reichte aber auch eine Denunziation aus, um in den Fokus von NKVD oder Smerš zu geraten. Vielfach verstanden die Betroffenen nicht, warum genau sie festgehalten wurden. Das lag nicht nur an Sprachbarrieren, sondern auch an einer Intransparenz der Prozeduren, die vom Personal sowjetischer Sicherheitsapparate aus einem spätstalinistischen System durchgeführt wurden. Viele Inhaftierte wussten nicht, wie lange ihre Internierung dauern sollte.
Die Haftbedingungen im Speziallager waren katastrophal. Es fehlte an Nahrung, Medikamenten, Kleidung und Heizmaterial. Die medizinische Versorgung und die hygienischen Zustände waren unzureichend. Die Isolierung von der Außenwelt war weitgehend – keine Briefe, Besuche oder Kontakt zu Angehörigen waren erlaubt. Informationen über die Inhaftierten drangen kaum nach außen. Viele galten als “verschwunden”.
Die Folge war eine hohe Sterblichkeit, die bereits 1945 erschreckende Ausmaße annahm. Insgesamt starben bis Ende 1945 im Speziallager Sachsenhausen 1.838 Menschen. Im Herbst 1945 herrschte eine massive Ruhr-Epidemie, die vermutlich schon im Vorgängerlager Weesow begonnen hatte. Bereits im August stieg die Zahl der an Enteritis Verstorbenen, doch erst nach der Verlegung des Lagers nach Sachsenhausen und der Nutzung des dortigen Lazaretts konnten entsprechende Diagnosen gestellt werden. Im September 1945 erreichte die Epidemie ihren Höhepunkt: Mehr als 500 Häftlinge starben allein in diesem Monat. Hinzu kamen Krankheiten wie Typhus, Tuberkulose und allgemeine Mangelerscheinungen, die durch Unterernährung und fehlende medizinische Hilfe verschärft wurden.13
Gleichwohl ist in der Anfangszeit des Speziallagers ein Fokus auf die Festsetzung von NS-Kadern feststellbar, was hier anhand einiger Beispiele verdeutlicht werden soll, die 1945 im Lager oder dessen Kontext starben: Friedrich Syrup etwa, Jahrgang 1881, der in der Weimarer Republik kurzzeitig Reichsarbeitsminister gewesen war, wurde im Sommer 1945 von der Besatzungsmacht in Berlin festgenommen und kurzzeitig im Speziallager Hohenschönhausen inhaftiert. Er verstarb am 31. August 1945 in Oranienburg. Syrup, Preußischer Staatsrat im Reichsarbeitsministerium, war nicht nur 1938 an der Aktion “Arbeitsscheu Reich” führend beteiligt, die Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Menschen mit psychischen Erkrankungen und politisch missliebige Personen im Reichsgebiet zum Arbeitseinsatz zwang, sondern auch in den “Hungerplan” involviert, der wenige Wochen vor dem Überfall auf die Sowjetunion auf der Ebene von Staatssekretären besprochen und in dem die Ausplünderung der Sowjetunion für die Ernährung der deutschen Besatzungstruppen festgelegt wurde.14 In der überlieferten Aktennotiz heißt es, dass “zweifellos zig Millionen Menschen verhungern, wenn von uns das für uns Notwendige aus dem Lande herausgeholt wird”.15 Syrup war damit einer der Mitverantwortlichen für die Millionen Toten der Hungerkrise in der Sowjetunion, die 1941 mit dem deutschen Überfall einsetzte und noch nach dem Zweiten Weltkrieg in der Hungerkatastrophe des Nachkriegswinters 1946/47 zwischen einer und zwei Millionen Hungertote forderte.16
Auch der Oberstaatsanwalt Dr. Gerhard Görisch (Jg. 1903) wurde in Sachenhausen festgehalten. Er war beteiligt an mehreren Verfahren vor dem Volksgerichtshof unter Roland Freisler – darunter Prozesse gegen die Beteiligten des 20. Juli 1944. Görisch war auch involviert in die Aburteilung des Bischof Johannes Lilje,17 von Julius Leber, Adolf Reichwein, Hermann Maass,18 Carl Friedrich Goerdeler, Wilhelm Leuschner, Josef Wirmer, Ulrich von Hassel,19 Ferdinand Freiherr von Lüninck u.a.,20 Andreas Hermes und Franz Kempner.21 Er wurde im Sommer 1945 inhaftiert und verstarb am 28. September desselben Jahres im Speziallager.
Im Oktober 1945 war der vormalige NSDAP-Ortsgruppenleiter und Oberbürgermeister von Oranienburg Oskar Fuchs (geb. 1881) einige Tage als Untersuchungshäftling im Speziallager. Er wurde am 2. November 1945 vom sowjetischen Militärtribunal der 266. Schützendivision der Roten Armee nicht nur wegen des Konzentrationslagers in der Stadt, als Leiter der örtlichen Polizeibehörde, der Ausbeutung von KZ-Häftlingen und Zwangsarbeiter*innen und der Beteiligung am Judenmord zum Tode verurteilt, sondern auch wegen Gewalttaten gegen Kommunist*innen vor der NS-Machtübernahme. Das Todesurteil wurde am 16. November 1945 außerhalb des Lagers vollstreckt.22
Am 18. November 1945 verstarb Otto Vongehr (geb. 1892) im Speziallager. Seinen Dienst im Konzentrationslagersystem hatte er am 25. September 1941 beim SS-Totenkopf-Sturmbann Mauthausen angetreten. Am 10. März 1942 wurde er aus dem KZ Mauthausen zum Totenkopf-Wachbataillon in Sachsenhausen versetzt. Ab dem 12. November 1942 gehörte er dem Kommandanturstab des KZ Sachsenhausen an. Im Rang eines SS-Unterscharführers war er zeitweise Rapportführer in einem Außenlager. Er wurde am 4. Juni 1945 in Berlin von einer Operativgruppe des NKVD verhaftet und über das sowjetische Speziallager Nr. 3 in Hohenschönhausen am 25. Juli 1945 in Speziallager Nr. 7 verbracht, das sich zu diesem Zeitpunkt noch in Weesow befand. 1964 wurde in der BRD ein Ermittlungsverfahren gegen Vongehr wegen Mordes eingeleitet, das jedoch eingestellt wurde, nachdem sein Tod in der Haft bekannt worden war.
Neben solchen Vertretern der NS-Apparate des untergegangenen “Dritten Reiches” befanden sich auch viele Mitläufer*innen und einfache Parteimitglieder unter den Inhaftierten – aber auch Unschuldige, darunter Jugendliche, im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Zu ihnen gehörte Reinhard Wolff, geboren 1929, der verdächtigt wurde, einer Werwolf-Gruppe anzugehören. Nach einem ersten Verhör, in dem er beschuldigt wurde, eine Waffe zu besitzen, wurde er wieder freigelassen. Er hatte den Vorwurf bestritten, wurde aber noch vor Weihnachten 1945 erneut verhaftet und ins Speziallager gebracht – aus dem er erst 1948 wieder entlassen wurde.23
Die Häftlingszusammensetzung des Speziallagers änderte sich im Laufe der Zeit. Mit dem ausbrechenden Kalten Krieg und der sich abzeichnenden deutschen Teilung nahmen ab 1947/48 politisch motivierte Verhaftungen zu, wenngleich bis zur Auflösung des Lagers Anfang 1950 der Schwerpunkt aus sowjetischer Sicht bei NS-bezogenen Vorwürfen verblieb.
Die historische Einordnung des Speziallagers bleibt umstritten; sie wird sowohl durch politische Vorannahmen aus der Zeit des Kalten Krieges als auch durch unzureichende Forschung beeinflusst. Hinzu kommt, dass im Speziallager Nr. 7/Nr. 1 in Weesow und Sachsenhausen zwischen 1945 und 1950 nahezu 12.000 von insgesamt etwa 60.000 Inhaftierten starben.
Viele Berichte über das Speziallager Sachsenhausen aus dieser Zeit stammen aus Kassibern, Erinnerungen oder späteren Vernehmungen. Sie zeichnen das Bild eines Ortes der Isolation, des Hungers, Mangels, der Angst, jedoch nur selten des schlechten Gewissens. Es fand sich mitten im Nachkriegsdeutschland, und doch weitgehend unerreichbar für die Öffentlichkeit.
Resümee
Die Befreiung des KZ Sachsenhausen brachte für diesen Ort also nicht das Ende von Haft, Isolation und Tod. Und doch ist eine Gleichsetzung von KZ und Speziallager historisch nicht haltbar. So sehr das Speziallager ein Ort sowjetischen Unrechts war, so grundlegend unterschieden sich Kontext, Zielsetzung, Systematik und ideologischer Hintergrund beider Haftregime. Das KZ war Teil eines genozidalen Vernichtungsapparates, während das Speziallager – so problematisch es war – Ausdruck eines spätstalinistischen Besatzungssystems zur Entnazifizierung, Sicherung der Besatzungsherrschaft, politischen Kontrolle und “Säuberung”, aber auch der Flankierung des politischen und gesellschaftlichen Umbaus zu einem diktatorischen System im Sinne der Besatzungsmacht, was aber erst später deutlicher hervortrat.
Die Geschichte Sachsenhausens im Jahr 1945 verweist damit auf Brüche und Kontinuitäten, auf das Ringen um Gerechtigkeit und Erinnerung – und mahnt, differenziert zu urteilen, ohne Opfer gegeneinander aufzurechnen oder ihre spezifischen Erfahrungen zu relativieren.
Günter Morsch: Die Befreiung der Häftlinge des KZ Sachsenhausen vor siebzig Jahren – Ein Vorwort, in: Ursula Breymayer/Bernd Ulrich (Hrsg.), Zwischen Tod und Freiheit: Überlebende berichten von den letzten Tagen als Häftlinge des Konzentrationslagers Sachsenhausen 1944/45, ÜberLebenszeugnisse 7, Berlin 2015, S. 8.
↩Winfried Meyer: Britischer oder sowjetischer Sachsenhausen-Prozess? Zur Vorgeschichte des „Berliner Prozesses“, Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 45/11 (1997), S. 965-991, hier S. 968.
↩Günter Morsch: Tötungen durch Giftgas im Konzentrationslager Sachsenhausen, in: Günter Morsch/Bertrand Perz (Hrsg.), Neue Studien zu nationalsozialistischen Massentötungen durch Giftgas, Schriftenreihe der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten 29, Berlin 2010, S. 260-276, hier S. 267.
↩Ulrike Goeken-Haidl: Der Weg zurück: die Repatriierung sowjetischer Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter während und nach dem Zweiten Weltkrieg, Essen 2006.
↩Lutz Prieß, Das Speziallager des NKVD Nr. 7 Werneuchen/Weesow, in: Volkhard Knigge/Sergej Mironenko/Günter Morsch/Alexander von Plato (Hg.), Sowjetische Speziallager in Deutschland 1945 bis 1950, Bd. 1: Studien und Berichte, Berlin 1998, S. 375-379.
↩Vgl. dazu Andrew H. Beattie, Die sowjetischen Speziallager im Kontext der alliierten Internierung und Entnazifizierung, in: Enrico Heitzer/Julia Landau (Hg.), Zwischen Entnazifizierung und Besatzungspolitik: die sowjetischen Speziallager 1945-1950 im Kontext, S. 43-60 (Buchenwald und Mittelbau-Dora – Forschungen und Reflexionen 2), Göttingen 2021 sowie Andrew H. Beattie, Allied Internment Camps in Occupied Germany: Extrajudicial Detention in the Name of Denazification, 1945-1950, Cambridge 2020.
↩Vgl. Heitzer, Enrico/Julia Landau (Hrsg.): Zwischen Entnazifizierung und Besatzungspolitik: die sowjetischen Speziallager 1945-1950 im Kontext, Buchenwald und Mittelbau-Dora – Forschungen und Reflexionen 2, Göttingen 2021.
↩Kató Gyulai, Zwei Schwestern: Geschichte einer Deportation, hg. v. Linde Apel/Constanze Jaiser, Berlin 2001, S. 80.
↩Zit. nach Plato, Alexander von: Zur Geschichte des sowjetischen Speziallagersystems in Deutschland: Einführung, in: Mironenko, Sergej; Niethammer, Lutz; Plato, Alexander von (u.a. Hg.): Sowjetische Speziallager in Deutschland 1945 bis 1950. Bd. 1: Studien und Berichte, 1998, S. 19–75, hier S. 26.
↩Lutz Niethammer, Alliierte Internierungslager in Deutschland nach 1945: ein Vergleich und offene Fragen, in: Sergej Mironenko/Lutz Niethammer/Alexander von Plato/Volkhard Knigge/Günter Morsch (Hg.), Sowjetische Speziallager in Deutschland 1945 bis 1950, Bd. 1: Studien und Berichte, Berlin 1998, S. 97-116, hier S. 102.
↩Ines Reich, Sterben und Tod im sowjetischen Speziallager Nr. 7/Nr. 1 in Weesow und Sachsenhausen (1945-1950), 2010: https://www.sachsenhausen-sbg.de/fileadmin/user_upload/Gedenkstaetten/Sachsenhausen/Archiv/Totenbuch_Speziallager/Nachwort_Totenbuch_Speziallager.pdf.
↩Gerlach, Christian: Kalkulierte Morde: Die deutsche Wirtschafts-und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 bis 1944, Hamburg 1999; Kay, Alex J.: Germany’s Staatssekretäre, Mass Starvation and the Meeting of 2 May 1941, Journal of Contemporary History 41/4 (2006), S.685-700.
↩Micha Brumlik, Kolumne Gott und die Welt: Wo der Nazi-Syrup klebt, in: taz, (10.05.2018): https://taz.de/!5500791/.
↩Nicholas Ganson: The Soviet Famine of 1946-47 in Global and Historical Perspective, New York 2009, S. XV.
↩Johannes Jürgen Siegmund, Bischof Johannes Lilje, Abt zu Loccum. Eine Biographie. Nach Selbstzeugnissen, Schriften und Briefen und Zeitzeugenberichten, Göttingen 2006, S. 92.
↩Urteil des Volksgerichtshofes, 21.09.1944, http://www.adolf-reichwein-verein.de/Urteil.html
↩Helmuth James von Moltke, Freya von Moltke, Abschiedsbriefe Gefängnis Tegel: September 1944-Januar 1945, hrsg. von Helmuth Caspar und Ulrike von Moltke, München 2011, S. 590.
↩Hans-Adolf Jacobsen (Hrsg.), „Spiegelbild einer Verschwörung“. Die Opposition gegen Hitler und der Staatsstreich vom 20. Juli 1944 in der SD-Berichterstattung, Geheime Dokumente aus dem ehemaligen Reichssicherheitshauptamt, Band 1, Stuttgart 1989, S. 548.
↩Urteil gegen Hermens und Kempner, abgedruckt in: Andreas Hermes, „Mit unerschütterlichem Gottvertrauen und zähem Kämpfergeist”, St. Augustin 2012, S. 135f.
↩Andreas Weigelt/Klaus-Dieter Müller/Thomas Schaarschmidt/Mike Schmeitzner (Hg.), Todesurteile sowjetischer Militärtribunale gegen Deutsche (1944-1947): Eine historisch-biografische Studie (Schriften des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung 56), Bd. 2, Göttingen 2015, S. 159f.
↩