Kriegsende in Deutschland 1944/45. Ein Panoptikum

Auch 80 Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Armee ziehen Parteien und gesellschaftliche Akteure noch ganz unterschiedliche Lehren aus dieser Vergangenheit. Die Vorsitzende unseres Wissenschaftlichen Beirats, Prof. Annette Weinke, blickt für uns zurück und beschreibt, wie es zum Zusammenbruch des NS-Regimes kam und wie die Alliierten mit dem besiegten Land umgingen.

Mehrere Jahrzehnte tobte in der Bundesrepublik ein Deutungskampf über den Ort des Kriegsendes in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Zusätzlich angeheizt wurde diese Kontroverse durch den Kalten Krieg und die geschichtspolitische Rivalität zwischen beiden deutschen Staaten. Während Zeitgenoss*innen die Situation im Jahr 1945 vielfach als “Stunde Null” beschrieben, kam fast zeitgleich die ebenso einprägsame Formel von der “Restauration” auf.1 Beide Interpretationen entsprachen nicht nur einem weit verbreiteten Bedürfnis nach einfachen Erklärungen, sondern schienen den Deutschen auch einen komfortablen Ausstieg aus der eigenen Geschichte zu bieten. So beschwor die historisch falsche Rede von der Stunde Null einen Zustand des Neuanfangs und Aufbruchs, der im Gegensatz zum bis zuletzt anhaltenden Zuspruch vieler “Volksgenoss*innen” zum Nationalsozialismus stand. Dagegen stellte die Restaurationsthese personelle und institutionelle Kontinuitäten in den Vordergrund und entlarvte das populäre Bild von Hitler als dämonischem Verführer frühzeitig als Geschichtsmythos. Mit ihrer scharfen Kritik an der Etablierung einer liberal-kapitalistischen Wirtschaftsordnung neigten deren Vertreter*innen aber dazu, die westlichen Besatzungsmächte für fast alle Nöte der deutschen Bevölkerung verantwortlich zu machen und den eigenen Anteil an der Misere herunterzuspielen.

Obwohl sich der Blick auf das Kriegsende mit dem Beginn des Entspannungszeitalters allmählich zu weiten begann, waren die publizistischen und akademischen Debatten noch bis in die 1980er Jahre vielfach durch nationalistische und relativierende Töne geprägt. So stellte Andreas Hillgrubers Studie “Zweierlei Untergang” den Zusammenbruch des Deutschen Reichs und den Massenmord an den europäischen Jüdinnen und Juden bereits im Titel auf eine Stufe.2 Weitgehend überwunden wurde diese Sichtweise schließlich erst in den 1990er Jahren, als das vereinigte Deutschland den 50. Jahrestag des Weltkriegsendes nicht mehr nur mit der Niederlage verband, sondern nunmehr auch ganz offiziell von einem Moment der “Befreiung” gesprochen wurde.3

Dreißig Jahre später mehren sich die Anzeichen, dass solche differenzierenden und multiperspektivischen Erweiterungen wieder rückgängig gemacht werden sollen. Insbesondere der Aufstieg der Neuen Rechten hat dazu geführt, dass plakative und NS-verharmlosende Geschichtsdeutungen wieder salonfähig geworden sind. Indem die Ambivalenzen des Jahres 1945 geleugnet werden, soll erneut einer Interpretation der Weg geebnet werden, die die Deutschen vor allem als Opfer des Nationalsozialismus und der alliierten Besatzungsherrschaft verklärt. Der folgende Überblick wirft einige Schlaglichter auf die letzte Kriegsphase, in der sich die Auseinandersetzungen zwischen dem Dritten Reich und den Alliierten zuspitzten und sich mehr und mehr auf das alte Reichsgebiet verlagerten. Geschildert werden die Gründe für die nochmalige dramatische Gewalteskalation sowie die Grundzüge einer alliierten Deutschlandpolitik, die ebenso durch Vergeltung wie durch den Willen gekennzeichnet war, zwischen großen Gruppen der deutschen Gesellschaft und nationalsozialistischer Führung zu trennen.

Endphasenterror nach außen und innen

Während sich im Frühjahr 1943 Millionen Zuschauer*innen des pompös ausgestatteten UFA-Kostümfilms “Münchhausen” über die Abenteuer des Lügenbarons amüsierten, zog sich die Schlinge an den Frontabschnitten Stück für Stück weiter zu. Vor allem zwei Ereignisse erwiesen sich als kriegsentscheidend. Das erste war die verheerende Niederlage von Stalingrad zur Jahreswende 1942/43. Insbesondere die Gefangennahme von Friedrich Paulus, hoch dekorierter Generalfeldmarschall und Befehlshaber der 6. Armee, symbolisierte das Menetekel einer de facto bereits Ende 1941 gescheiterten deutschen “Blitzkrieg”-Strategie. Der zweite Wendepunkt war die erfolgreiche Landung der Alliierten in Sizilien im Juli 1943, der nur wenige Monate später die Invasion auf dem italienischen Festland bei Salerno folgte. 

In den östlichen und südöstlichen Teilen Europas trieb der beständige Vormarsch der Roten Armee das NS-Regime dazu an, seinen Plan zur Vernichtung aller europäischen Jüdinnen und Juden umso zielstrebiger in die Tat umzusetzen. Im März 1944 wurde zunächst die ungarische Hauptstadt zum Zentrum des späten Völkermordprogramms. Ein von Adolf Eichmann geführtes Sondereinsatzkommando organisierte gemeinsam mit ungarischer Gendarmerie die Verhaftung und Deportation von knapp 450.000 Jüdinnen und Juden in das Vernichtungslager Auschwitz, wo fast alle umkamen.4 Auch im Westen bemühten sich die deutschen Täter*innen trotz der angespannten Kriegslage nach Kräften, noch die letzten untergetauchten jüdischen Opfer in ihren Verstecken aufzuspüren und in die Todeslager abzutransportieren. So wurden die zwischenzeitlich eingestellten Deportationen aus den Niederlanden im September 1944 wieder aufgenommen. Unter den Verschleppten befanden sich nun auch Sinti*zze und Rom*nja, die man ebenfalls über das zentrale Durchgangslager Westerbork nach Auschwitz verbrachte und dort ermordete.5

Die letzten Kriegsmonate waren zudem durch hektische Bemühungen des SS-Apparats geprägt, angesichts der herannahenden sowjetischen Truppen die Spuren des Massenmords möglichst vollständig zu verwischen. Krematorien wurden gesprengt, Leichenberge exhumiert und verbrannt und die Asche beiseitegeschafft. Verbunden mit der Warnung, es sei der ausdrückliche Wunsch des “Führers”, dass “kein einziger Gefangener aus den Konzentrationslagern lebend dem Feind in die Hände” fallen dürfe,6 wies Reichsführer SS Heinrich Himmler die Lagerkommandanten zu Jahresbeginn an, sämtliche Lager im Osten zu räumen und arbeitsfähige Häftlinge in das Reichsinnere zu evakuieren, wo sie den SS-eigenen Industriekomplex am Laufen halten sollten. Mehr als ein Drittel der insgesamt 700.000 bis 800.000 verbliebenen KZ-Häftlinge überlebte die Strapazen dieser Todesmärsche nicht. 

Dass die Gewalt in den von Deutschland besetzten Ländern gegen Ende des Krieges nochmals sprunghaft anstieg, hatte mit verschiedenen Faktoren zu tun. Neben den Sieges- und Durchhalteparolen der NS-Propaganda spielte eine Rolle, dass die Widerstandsbewegungen ihre Aktivitäten gegen die Besatzer nach der Errichtung einer „zweiten Front“ im Westen spürbar verstärkten. Abgesehen davon, dass SS, SD, Gestapo sowie Wehrmachts- und Polizeieinheiten gleichermaßen über die bis dahin unbekannte Gegenwehr frustriert waren, hatte deren Beteiligung am nationalsozialistischen Vernichtungs- und Weltanschauungskrieg eine weitere Verrohung bewirkt, die sich besonders gegen unbeteiligte Zivilist*innen entlud. So waren die Soldaten der 2. SS-Panzerdivision, die im Juni 1944 über 600 Einwohner*innen der französischen Stadt Oradour-sur-Glane massakrierten, zuvor an der Ostfront eingesetzt gewesen, wo sie hohe Verluste erlitten hatten.7 Nachdem sich die polnische Heimatarmee mit Unterstützung der polnischen Exilregierung im August 1944 in Warschau gegen die deutschen Besatzer erhoben hatten, gingen SS- und Wehrmachtsverbände mit unerbittlicher Härte gegen die Aufständischen vor. Aus einem Rachebedürfnis heraus wurde nicht nur die Stadt Warschau völlig zerstört, zusätzlich mussten auch etwa 150.000 bis 200.000 Menschen ihr Leben lassen.

Die Befehlsgeber für dieses Kriegsverbrechen wurden niemals zur Verantwortung gezogen. Erst lehnten die Amerikaner die Auslieferung des SS-Generals Heinz Reinefarth nach Polen ab, später wurde er Abgeordneter im schleswig-holsteinischen Landtag und Bürgermeister des Nordseebades Westerland auf Sylt.8 Kurz vor dem Weihnachtsfest des Jahres 1944 verübten Einheiten der “Leibstandarte SS Adolf Hitler” ein weiteres Verbrechen im belgischen Malmedy, bei dem über 80 amerikanische Kriegsgefangene ermordet wurden. Über das Ereignis wurde in der amerikanischen Presse detailliert berichtet, während die beim Auswärtigen Amt eingerichtete Wehrmachts-Untersuchungsstelle wie üblich alles bestritt. In dem 1946 stattfindenden Malmedy-Prozess wurde der hauptverantwortliche Regimentskommandeur Joachim Peiper zum Tode verurteilt, dann zu lebenslanger Haft begnadigt und schließlich 1956 vorzeitig entlassen. Nicht zuletzt sein ungeklärter Tod bei einem Brandanschlag im Sommer 1976 trug dazu bei, dass Peiper von der westdeutschen Kriegsverbrecherlobby als pflichtbewusster Soldat und Märtyrer eines gerechten Kampfes verherrlicht wurde.9

Vor allem das gescheiterte Attentat vom 20. Juli 1944 löste einen nochmaligen Radikalisierungsschub des Regimes aus. Obschon eine Mehrheit von Deutschen ihren “Führer” weiterhin als gottähnliche Gestalt verehrte, blieben auch einfache Volksgenoss*innen nicht mehr vom Terror ausgenommen. Eine 400köpfige Gestapo-Sonderkommission nahm zunächst gut 600 Personen aus dem näheren und weiteren Umfeld des Widerstands fest. In den folgenden Schauprozessen vor dem Volksgerichtshof (VGH) wurden zahlreiche Angeklagte zum Tode verurteilt und 200 von ihnen hingerichtet. Für 180 Familienangehörige ordnete die NS-Führung Sippenhaft an.10 Gleichzeitig übte man Rache an prominenten Widerstandskämpfern, die bis dahin teilweise mehrere Jahre in den Gefängnissen und Lagern des Dritten Reichs eingesessen hatten. Obwohl Standgerichte eingesetzt wurden, die noch nicht einmal minimale Anforderungen rechtlicher Formalität erfüllten, sprach der Bundesgerichtshof (BGH) in den 1950er Jahren die zuständigen Richter vom Vorwurf der Rechtsbeugung und des Justizmords frei. 

Begleitet von den ständigen Angriffen britischer und amerikanischer Bomberverbände auf deutsche und österreichische Städte, besetzten die Amerikaner im Oktober 1944 Aachen. In einem verzweifelten Abwehrkampf mobilisierte die NS-Führung daraufhin mit der Ardennen-Offensive nochmals die letzten verbliebenen Kräfte. Das aussichtslose Unternehmen kostete nicht nur zehntausenden Soldaten das Leben – es starben mindestes 80.000 auf deutscher und 70.000 auf amerikanischer Seite11 –, sondern verzögerte auch das weitere Vorrücken der US-Armee auf das Reichsgebiet, die dadurch gegenüber den Sowjets einen guten Monat verlor.12 Am 7. März 1945 eroberten Soldaten der 9. US-Panzer-Division die “Ludendorff”-Brücke bei Remagen und errichteten erfolgreich einen Brückenkopf am östlichen Rheinufer. Bereits drei Wochen zuvor hatte Reichsjustizminister Otto Thierack die Einrichtung von “Fliegenden Standgerichten” in frontnahen Gebieten angeordnet, um gegen, wie es hieß, “Auflösungserscheinungen” an der “inneren Front” vorzugehen. Es handelte sich dabei um Werkzeuge einer Abschreckungs- und Vernichtungsjustiz, die sicherstellen sollte, dass der bewaffnete Kampf trotz offenkundiger Sinnlosigkeit und Demoralisierung weitergeführt wurde. An vielen Orten des Reichs wurden daraufhin juristisch verbrämte Exempel an Soldaten und Zivilist*innen, Funktionsträger*innen und einfachen Bürger*innen statuiert, denen bis zum letzten Kriegstag noch Tausende zum Opfer fallen sollten.

Eine Gruppe von Soldaten in Uniform steht im Freien. Ein Offizier hält ein Dokument in der Hand, während andere Soldaten aufmerksam zuhören. Im Hintergrund sind unscharfe Figuren zu sehen, die sich abwenden. Die Szene vermittelt einen Eindruck von Autorität und militärischer Disziplin.
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Ein SS-Offizier verkündet bei einem Standgericht das Urteil gegen Deserteure.

 

Abrechnung

Trotz aller geopolitischen und ideologischen Interessengegensätze waren sich die Verbündeten der Anti-Hitler-Koalition in einem Punkt einig. Nicht nur sollte nach dem militärischen Sieg das nationalsozialistische Herrschaftssystem und dessen menschenverachtende “Lebensraum”-Ideologie zerschlagen werden. Angesichts exorbitanter Opferzahlen und des enormen Ausmaßes der von Deutschland verursachten Zerstörungen wollte man politisch, juristisch und moralisch mit den Verantwortlichen abrechnen. Erste Weichenstellungen in diese Richtung nahmen die “Großen Drei” bereits Ende 1943 auf der Moskauer Konferenz vor. Während sich Roosevelt, Churchill und Stalin in ihrer Erklärung über German atrocities darauf einigten, dass die deutschen Hauptkriegsverbrecher auf der Grundlage eines noch genauer zu bestimmenden Verfahrens von den Alliierten gemeinsam abgeurteilt werden sollten, wurde Österreich, wenn auch in einer relativ kurzen Passage, kurioserweise als das erste Opfer von Hitlers Angriffspolitik von jeder Mitschuld freigesprochen.13 Parallel zum Moskauer Treffen fand die Gründung der United Nations War Crimes Commission (UNWCC) statt, die sich in den folgenden Jahren um die Identifizierung und Ergreifung deutscher Kriegsverbrecher kümmern sollte. Aufgrund westlicher Bedenken wurde allerdings die Sowjetunion an diesem Unternehmen nicht beteiligt. Stein des Anstoßes war der instrumentelle sowjetische Umgang mit dem Kriegsverbrecherproblem und der Versuch, durch die Zusammensetzung der UNWCC eine nachträgliche Anerkennung der völkerrechtswidrigen Annexionen im Baltikum von 1939 durch die Hintertür zu erreichen.14

Von allen späteren Besatzungsmächten waren die Amerikaner diejenigen, die sich am gründlichsten und systematischsten auf die bevorstehende Aufgabe einer Bestrafung und Umerziehung der Deutschen vorbereiteten. Dabei nahmen die Direktive 1067 und die Durchführungsverordnung der Joint Chiefs of Staff, die im April/Juli 1945 an den Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte in Deutschland gingen, bereits wesentliche Festlegungen der späteren Potsdamer Beschlüsse vom August vorweg. Geleitet von der Absicht, eine abermalige Bedrohung des Weltfriedens durch den deutschen Aggressor zu verhindern, wurde den amerikanischen Truppen eingeimpft, sich – wie es hieß – während des Vormarschs keinesfalls mit „deutschen Beamten und der Bevölkerung“ zu verbrüdern. Vielmehr sei es das erklärte Ziel der amerikanischen Militärregierung, klarzumachen, dass “Deutschlands rücksichtslose Kriegführung und der fanatische Widerstand der Nazis die deutsche Wirtschaft zerstört und Chaos und Leiden unvermeidlich gemacht haben, und daß sie nicht der Verantwortung für das entgehen können, was sie selbst auf sich geladen haben”. Deutschland werde nicht zum Zweck seiner “Befreiung”, sondern als “besiegter Feindstaat” besetzt.15

Eine Gruppe von Soldaten in Uniform steht auf Stufen vor einem großen, monumentalen Gebäude. Einige halten Flaggen, darunter auch die amerikanische Flagge. Die Szenerie wirkt feierlich und historisch.
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Siegesfeierlichkeiten von US-Soldaten auf der Zeppelintribüne auf dem Reichsparteitagsgelände, April 1945.

 

Internierungspraxis in Ost und West

Die Internierungen und politischen Überprüfungen, die seit April 1945 in den drei westlichen Besatzungszonen mehr oder weniger zeitgleich anliefen, orientierten sich an dem Schema, das die Amerikaner bereits zwei Jahre zuvor bei der Entfaschisierung Italiens angewandt hatten. Zu den ersten Maßnahmen zählten die Auflösung der NSDAP und die Internierung hunderttausender NS-Partei- und Staatsfunktionäre sowie sonstiger Belasteter und Mitläufer im Zuge des automatic arrest, eine der drei Verhaftungskategorien (war criminals, security threats, automatic arrest) im 1944 erschienenen Arrest Categories Handbook der Amerikanischen Militärregierung in Deutschland.16 Gefürchtet war zudem der 131 Punkte umfassende Fragebogen MG/PS/G/9, der alle über 18jährigen Deutschen aufforderte, Auskunft über ihre frühere Haltung zum Nationalsozialismus zu geben. Auf diese Weise sollten unverbesserliche Nazis, die den Aufbau demokratischer Strukturen behindert hätten, frühzeitig erkannt und ausgeschaltet werden. In der Praxis erwies sich diese Vorgehensweise jedoch als undurchführbar: Zu tief war Nationalsozialismus in das soziale Gefüge der deutschen Gesellschaft eingedrungen und zu komplex die Formen der Komplizenschaft, um eine auch nur halbwegs gerechte Beurteilung der vielen ambivalenten Einzelfälle zu gewährleisten. 

Die Widersprüche der alliierten Entnazifizierungspolitik, die auch bei einer differenzierteren Herangehensweise vermutlich nicht völlig zu vermeiden gewesen wären und von der im Westen langfristig nicht wenige Schwerstbelastete profitierten, machte es den zahlreichen Kritiker*innen leicht, das gesamte Unternehmen anzuzweifeln. Mit den beginnenden Spannungen zwischen den ehemaligen Verbündeten entdeckte Moskau die Entnazifizierung alsbald als Propagandathema, um dem Westen “Verrat” an den Potsdamer Grundsätzen vorzuwerfen. Während die Sowjetunion in ihrer eigenen Besatzungszone über weite Strecken eine opportunistische Säuberungspolitik betrieb, die neben Klassenzugehörigkeit die vorhandene oder fehlende politische Loyalität der zu Überprüfenden zum entscheidenden Kriterium erhob, kreidete die Moskauer Führung den Amerikanern, Briten und Franzosen an, die bürgerlich-kapitalistischen Steigbügelhalter des Faschismus nicht nur verschont, sondern sogar rehabilitiert zu haben. Demgegenüber wurden die Themen Entnazifizierung und NS-Strafverfolgung von den politischen und intellektuellen Eliten Westdeutschlands schon bald als argumentativer Hebel genutzt, um unter dem Schlagwort “Siegerjustiz” gegen die angeblichen Zumutungen der Besatzungsherrschaft Sturm zu laufen. Die Entrüstung gegen die Alliierten, die nach der Lockerung der alliierten Lizenzpolitik von beiden großen Kirchen weiter geschürt wurde, stützte sich unter anderem auf die Behauptung, die Entnazifizierung sei eine Fortsetzung nationalsozialistischer Verfolgungsmaßnahmen unter anderen Vorzeichen.

Mit dem Mittel der Täter-Opfer-Umkehr arbeitete auch der autobiographische Roman “Der Fragebogen” des ehemaligen Rechtsterroristen und Freikorpskämpfers Ernst von Salomon, der nach seiner Veröffentlichung im Jahr 1951 mit 200.000 verkauften Exemplaren zum Bestseller wurde.17 Salomon, seinerzeit an der Ermordung des Weimarer Außenministers und DDP-Politikers Walther Rathenau beteiligt, überzeichnete die Haftbedingungen in den alliierten Internierungslagern in derart grotesker Weise, dass die Unmenschlichkeit des nationalsozialistischen Lagersystems dahinter geradezu verblasste.18 Das Buch kann damit als Teil einer Politik des Ressentiments gelten, die sich einer kritischen Selbstbefragung über viele Jahre hinweg erfolgreich entzog, indem sie das Versagen der “Volksgemeinschaft” auf die Besatzungsmächte projizierte.

 

Fluchtbewegungen

Mit der Unterzeichnung der Kapitulationsurkunden, die am 7. und 8. Mai 1945 unter großer Pressebeteiligung und Anwesenheit aller alliierten Mächte im französischen Reims und in Berlin-Karlshorst stattfanden, war der Zweite Weltkrieg auf dem europäischen Schauplatz an sein Ende gekommen. Zwei Maßnahmen besiegelten den totalen Zusammenbruch des NS-Regimes. Mit der Berliner Erklärung vom 5. Juni 1945 gaben die vier Siegermächte das Ende des kleindeutschen Nationalstaats Bismarckscher Prägung bekannt. Als Konsequenz “der vollständigen Niederlage” übernahmen sie die Hoheitsgewalt über das untergegangene Deutsche Reich und die Befugnisse von dessen Regierungen auf Reichs- und Länderebene.19 Ein zweiter Schritt, der im Spätsommer auf der Potsdamer Konferenz beschlossen wurde, war die Besiegelung der bereits in Jalta vereinbarten territorialen und bevölkerungspolitischen Verschiebungen. So akzeptierten die Westmächte nicht nur die Verlagerung der polnischen Westgrenze auf ehemaliges deutsches Gebiet in der Größe von 64.000 Quadratkilometern.20 Vielmehr nahmen sie es nun auch hin, dass an die 13 Millionen ethnische Deutsche aus Südost- und Osteuropa vertrieben wurden. Während man sich grundsätzlich darüber einig war, dass die Entfernung aller Deutschen aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn angesichts der nationalsozialistischen Verbrechen unvermeidlich geworden sei, hieß es euphemistisch in Artikel XIII des Potsdamer Abkommens, dass die bereits laufenden “Umsiedlungen […] in geordneter und humaner Weise” erfolgen sollten.21

Auch wenn die Deutschen keinesfalls die einzige Bevölkerungsgruppe im Nachkriegseuropa war, die ihre angestammte Heimat aus politischen Gründen verlassen musste, übertrafen die Größenordnungen und die dabei angewandte Gewalt die Dimensionen parallel ablaufender “Bevölkerungstransfers” von Pol*innen, Ukrainer*innen und Italiener*innen. Schätzungen besagen, dass etwa 500.000 Menschen die ungeregelten demographischen Verschiebungen nicht überlebten. Vor diesem Hintergrund bürgerte sich unter den Parteienvertretern der frühen Bundesrepublik ein tendenziell selbstentlastender Diskurs ein, der die “gewaltsame, gegen jedes Menschenrecht erfolgte Vertreibung von Millionen Menschen deutschen Volkstums” und die “Hinmordung von Millionen von Juden und Hunderttausenden von Angehörigen fremder Völker” gleichermaßen als Völkermord einstufte.22 Bis in die Gegenwart bedienen sich intellektuelle Vordenker*innen und Geschichtspolitiker*innen der Neuen Rechten eines entkontextualisierten Verständnisses der Vertreibungsverbrechen an den Deutschen, um das Ende eines vermeintlich omnipräsenten “Schuldkults” zu fordern. Wie Jan Plamper hervorhebt, erlebte die Rede von den Vertriebenen als Opfern “des alliierten Unrechts von Potsdam” in den 1990ern eine späte Wiedergeburt. Nach der Wiedervereinigung habe sich, so Plamper, “etwas Gefährliches zusammengebraut” um die “Theorie von der Vertreibung als vererbtem Trauma”, die zum Referenzpunkt einer größeren Ansammlung von Psychorechten, darunter Vertriebenen-Aktivist*innen, Neurechte, AFD_Politiker*innen, Sarrazin- und Anders-Breivik-Anhänger*innen, geworden sei.23

Das stark verkleinerte Deutschland bildete im Jahr 1945 eine “Drehscheibe der gewaltigsten Migrationsbewegung der europäischen Neuzeit”.24 Neben Vertriebenen und Binnenflüchtlingen, die im Zuge der alliierten Bombardements ihre Häuser und Wohnungen verloren hatten, hielten sich etwa 11 Millionen von zu repatriierenden Kriegsgefangenen, zur Zwangsarbeit verschleppte Ausländer*innen, befreite ehemalige KZ-Insass*innen sowie aus dem Exil nach Deutschland zurückgekehrte Remigrant*innen auf deutschem Territorium auf. Diese große Zahl entwurzelter und umherziehender Menschen, die pauschal als Displaced Persons (DPs) bezeichnet wurden, sammelten sich nach dem Krieg überwiegend in der amerikanischen Zone, wo sie, abgeschirmt in Lagern, auch zumeist versorgt und untergebracht wurden. Nicht zuletzt gewalttätige Ausschreitungen gegen Jüdinnen und Juden in Ostmitteleuropa trugen dazu bei, dass der Anteil jüdischer DPs in den westlichen Camps nach dem Krieg zunächst weiter anstieg. Die Tatsache, dass Holocaust-Überlebende als Rivalen im Verteilungskampf um knappe Ressourcen auftraten, beförderte antisemitische Ressentiments bei den Deutschen. Sie unterschieden “zwischen den ‘guten’ deutschen Juden, die angeblich auf mysteriöse Weise verschwunden seien, und jenen ‘bösen’ osteuropäischen Juden, die deren Platz eingenommen hätten”.25

Paradoxerweise war auch die Fluchtbewegung deutscher und österreichischer Kriegsverbrecher und Nazi-Funktionäre nach Südamerika indirekt mit der Problematik der DPs auf deutschem Boden verknüpft. Konfrontiert mit der Herausforderung, die dauerhafte Niederlassung von nicht repatriierbaren europäischen Flüchtlingen auf absehbare Zeit lösen zu müssen, wandten sich die Westmächte unter anderem an eine Reihe südamerikanischer Länder, von denen sie sich eine Lockerung der Einwanderungsquoten erhofften. Ein Mangel an Fachkräften sowie ideologische Übereinstimmungen zwischen ehemaligen Nationalsozialist*innen, Vertretern der katholischen Kirche und verschiedenen Militärdiktaturen des Globalen Südens zählten zu den Faktoren, die nach dem Krieg die Flucht nicht weniger gesuchter NS-Täter nach Südamerika oder in den arabischen Raum ermöglichten. Deren Präsenz in diesen Ländern blieb über Jahrzehnte hinweg ein Politikum, schien diese doch nicht nur die Straflosigkeit hochrangiger Täter, sondern auch die Existenz einer “faschistischen Internationale” im Kalten Krieg zu symbolisieren.

 

Bei diesem Text handelt es sich um die stark gekürzte und überarbeitete Fassung eines Beitrags, der 2025 in der Reihe “Zeitbilder” unter dem Titel “Deutschlands radikale Rechte – 1945 bis 2025” der Bundeszentrale für Politische Bildung erscheint. Ich danke Herrn Dr. Martin Langebach dafür, größere Passagen dieses Textes für eine Zweitveröffentlichung nutzen zu dürfen.

Claudia Fröhlich, Restauration. Zur (Un-)Tauglichkeit eines Erklärungsansatzes westdeutscher Demokratiegeschichte im Kontext der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit, in: Stephan Alexander Glienke / Volker Paulmann / Joachim Perels (Hrsg.), Erfolgsgeschichte Bundesrepublik? Die Nachkriegsgesellschaft im langen Schatten des Nationalsozialismus, Göttingen 2008, S. 17-52.

Hillgrubers Thesen waren einer der Auslöser für den „Historikerstreit“; Andreas Hillgruber, Zweierlei Untergang. Die Zerschlagung des Deutschen Reiches und das Ende des europäischen Judentums, Berlin 1986.

Norbert Frei, 1945 und wir. Eine Vergangenheit zwischen „Erinnerungskultur“ und Geschichtsbewusstsein, in: ders., 1945 und wir. Das Dritte Reich im Bewusstsein der Deutschen, München 2005, S.7-37, S. 36

Michael Wildt, Zerborstene Zeit. Deutsche Geschichte 1918-1945, München 2022, S. 464.

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Saul Friedländer, Dritte Reich und die Juden. Verfolgung und Vernichtung 1933-1945, Bonn 2006, S. 678.

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